23 Januar 2006

"Eine Generation verabschiedet sich" - "Das" Zeitzeugenbuch zum 60. Jahrestag des Kriegsendes


6 Zeitzeugen von 120 mit jeweils einem Foto als junger Soldat und eines 60 Jahre später. In dem Buch sind alle Zeitzeugen fotographisch dargestellt incl. militärischer Kurzbiographie


Hier die Beschreibung meines Buchprojektes: Vor knapp drei Jahren ließ mich eine Idee nicht mehr los, nämlich der Generation der heute 80jährigen ein kleines literarisches Denkmal zu setzen. Mir wurde klar, dass diese Generation bald nicht mehr existiert und ihre Erlebnisse und Erfahrungen mit ins Grab nehmen wird bzw. schon genommen hat. Gegen jede wirtschaftliche und (normal) rationelle Vernunft handelnd, habe ich dann versucht, alle in unserer Kleinstadt befindlichen Zeitzeugen (Übach-Palenberg hat 25.000 Einwohner, darin leben ca. 500 Kriegszeitzeugen) zu befragen. Auf Grund meines Bekanntheitsgrades (ich hatte schon zwei erfolgreiche und zu diesem vergriffene Bücher verlegt) gelang es mir, 20 % zu interviewen. Konnten die Zeitzeugen doch die Ernsthaftigkeit meines Unternehmens unterstellen. Als Ergebnis entstand das Buch "Eine Generation verabschiedet sich" mit 108 Geschichten aus Krieg und Gefangenschaft und vielen privaten Fotos. Es ist ein vollkommenes Einzelunternehmen gewesen (recherchieren, schreiben, gestalten, verlegen), und ich habe also ohne fremde Hilfe bzw. Verlag dieses Buch herausgegeben (Fadenbindung, Bilderdruck, Hartdeckelumschlag). Ich denke, dieses "Geschichtenbuch" ist ein ganz persönliches Dokument und zeigt am Beispiel einer Stadt, wie viel interessantes Erlebtes (ob in Wort und Bild) auf so wenig Raum zu Tage gefördert werden kann. Infos zu dem Buch gibt es unter http://www.familienreporter.de/ (aktuelles). Im Buchhandel oder bei amazon kostet das Buch 21,-- Euro. Der Kommentar zu diesem Buch von den darin enthaltenen Zeitzeugen: Ja, so war es. Kein Heldentum, sondern Geschichten, in denen Menschen mit allen Stärken und Schwächen vorkommen...

Da ich ein "Einzelkämpfer" bin, ist die "Propaganda" für solch ein Buch ziemlich aufwendig. Die großen Medien ignorieren selbstverlegte Bücher und man kommt auf die großen Reklamapfade nicht so einfach drauf.
Da wirkt eine Leserreaktion wie diese natürlich wie Balsam auf der Seele:

Ich habe vor ein paar Tagen das Buch von Jürgen Klosa bekommen. Das ist ein Werk ganz nach meinem Geschmack - authentische Erzählungen von Zeitzeugen, ungeschminkte Tatsachenberichte. Das geht unter die Haut und macht betroffen. Bilder von den Beteiligten - keine Propaganda. Kurz, prägnant und ohne redaktionelle Einfärbung. Eine Meisterleistung, auch in der Aufmachung. Mein grosser Respekt gilt dem Macher dieser Dokumentation.
Gruss Johannes

WeitereReaktionen:
Egidius Braun,
Ehrenpräsident des DFB schreibt zu meinem Buch am 31.7.2006:

Sehr geehrter Herr Klosa,
jetzt, mit einigen Tagen Abstand zur tollen WM 2006 in Deutschland, komme ich dazu, die liegen gebliebene Post der letzten Wochen aufzuarbeiten. Darunter find ich auch ihre freundlichen Zeilen und ihr Buch. Herzlich Dank dafür. Ich freue mich darüber, dass Sie an mich gedacht haben.
Mit großem Interesse werde ich mir ihr Buch einmal anschauen. Für jeden, der den Krieg miterlebt hat, bleibt diese Zeit eine der prägendsten Lebensabschnitte. So natürlich auch für mich. Zu immer wieder notwendigen Auseinandersetzung mit diesem Krieg wird sicher auch Ihr Buch beitragen.
Im Gegenzur möchte ich Ihnen auch ein Buch zukommen lassen – meine Biographie von Horst Lachmund.
Mit freundlichen Grüßen!
Ihr Edigius Braun
(Anmerkung: Herr Braun war selber Soldat des Zweiten Weltkrieges in der letzten Kriegszeit)

Rezension der Zeitschrift MILITARIA, Ausgabe 5/2005:
Die meisten Angehörigen der Generation, die den 2. Weltkrieg mitgemacht haben, sind zwischenzeitlich verstorben. Die ihn als junge Soldaten mitgemacht haben, sind nun um die 80 Jahre alt. Bald wird auch der Letzte nicht mehr unter uns weilen.
Das Leben dieser Generation ist damals maßgeblich geprägt worden. In letzter Stunde einen Teil ihrer Erlebnisse für die Nachwelt zu bewahren,
war auslösendes Moment des Autors. Am Beispiel der Stadt Übach-Palenberg hat er seine Idee umgesetzt. 2002 hat er ca. 350 Personen - von etwa 500 möglichen - angesprochen und konnte letztendlich 120 für ein Gespräch gewinnen. Sie stellten auch großzügig Bilder aus ihrer Dienstzeit zur Verfügung. Daraus komponierte der Herausgeber einen bemerkenswerten Sammelband, der eine Fülle von sehr unterschiedlichen Kriegserlebnissen enthält. Seine Zeitzeugen, alle mit Foto und kurzen biographischen Angaben vorgestellt, bilden einen Querschnitt durch alle Wehrmachtteile und Truppengattungen. Ihr Schicksal führte sie in viele Länder vom Nordkap bis Nordafrika oder mit der Kriegsmarine hinaus auf die Weltmeere. Sie erinnern sich z.B. an einen amerikanischen Offizier, der deutsche Verwundete erschießen ließ; von Russen, die ihr Essen mit deutschen Kriegsgefangenen teilten; von der Denunziation durch eine Nachbarin wegen Teilnahme am Gottesdienst; dagegen klingt die Geschichte der Dekorierung eines Obergefreiten mit dem Deutschen Kreuz fast wie ein PK-Bericht. J. Klosa wird mit seinem Werk sicherlich dazu beitragen, dass Leser, die „die Gnade der späten Geburt" ihr Eigen nennen, die Zeugen einer schlimmen Epoche partiell neu bewerten.

Ein Schweizer kaufte in Berlin das Buch. Er schreibt:
„Habe bei meinem Weihnachtsbesuch in Berlin das Buch "Eine Generation verabschiedet sich" im Preussischen Bücherkabinett gekauft. Sehr interessant und aufschlussreich. Ich wäge sorgfältig ab wofür ich meine Euros ausgebe... Das breite Spektrum des Werks von Herrn Klosa gab den Ausschlag zum Erwerb. Ich bereue den Kauf nicht und lese immer wieder drin. Ein interessantes Stück Zeitgeschichte, das ich gerne in meine Bibliothek aufnahm.“

In einem Internetforum schrieb jemand:
„Ich habe vor ein paar Tagen das Buch von Jürgen Klosa bekommen. Das ist ein Werk ganz nach meinem Geschmack - authentische Erzählungen von Zeitzeugen, ungeschminkte Tatsachenberichte. Das geht unter die Haut und macht betroffen. Bilder von den Beteiligten - keine Propaganda. Kurz, prägnant und ohne redaktionelle Einfärbung. Eine Meisterleistung, auch in der Aufmachung. Mein grosser Respekt gilt dem Macher dieser Dokumentation. Gruss Johannes“

André aus Köln meinte:
Hallo Jürgen! Wie gesagt habe ich das Buch erst "quergelesen", werde mich aber am Wochenende ganz in Ruhe nochmal dransetzen und anschließend gerne ausführlich darüber berichten.
Ich kann jetzt aber schon mal sagen, daß es sehr wichtig finde, daß gerade diese Generation noch mal zu Wort kommt und aufzeigt, wie sehr der Krieg für jeden einzelnen eine sehr persönliche und nachhaltige Erfahrung war.
Auf jeden Fall ist dieses Buch wesentlich intimer und liebevoller gestaltet als diese ewigen kommerziellen und effekthaschenden Guido Knopp Dokumentationen, die mir ehrlich gesagt zum Hals raushängen.
Hinter diesem Buch steckt auch jede Menge Arbeit und Zeit - ich finde, daß sollte auf jeden Fall gelobt werden!
Mal sehen, ob ich noch irgendwie für Dich die "Werbetrommel"
rühren kann... Schönen Gruß aus Köln! Andre

Dr. Norbert Blüm aus Bonn (Ex-Minister):
Lieber Herr Klosa, vielen Dank für Ihren lieben Brief vom 23.3.2005. Der Wert eines Buches bemisst sich nicht in Verkaufszuahlen, sondern auch an der Intensität, mit der es gelesen wird. Ich bin sicher, dass Ihr Buch auf nachdenkliche Leser treffen wird.
Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft und verbleibe
mit den besten Grüßen Ihr Norbert Blüm

Pater Hans Wessling OFS aus Paderborn:
Lieber Jürgen! Zum Inhalt und zur Aufmachung des Buches möchte ich Dir die herzlichsten Glückwünsche aussprechen. Man spürt förmlich, wie Du mit einem feinen Gespür an die Sache herangegangen bist. Ein jeder wird ernst genommen. Das macht das Buch inhaltlich so wertvoll. Die äußere Gestaltung ist Dir ausgezeichnet gelungen. Dank gebührt natürlich dabei auch Deiner lieben Frau, die sicherlich mit ihrem Rat vor allem abver durch ihre inhaltlich tiefen Gedanken dem Ganzen noch eine wunderbare Tiefe verleiht.
Ich wünsche dem Buch eine weite Verbreitung. Dir und Christiane weiterhin viel Mut bei Eurer Arbeit zum Wohle und zur Freude vieler Menschen.
Mit frohem Gruß! Hans

Marion Scharmach aus Palenberg:
Meinen allerherzlichsten Dank für Ihre unbeschreiblich wunderbaren Arbeiten, die zu Ihrem Buch „Eine Generation verabschiedet sich“ geführt haben! Dass mein Mann posthum noch diese große Ehre erfährt, macht mich besonders glücklich! Aus diesem Grunde verehre ich Ihnen ein ganz besonderes Geschenk: Das Original Besteck aus dem Krieg, entwendet aus dem Chateau Salins, Nord-Frankreich, Nähe Nancy.....
Danken möchte ich auch speziell Frau Christiane, die wieder mit ihren selsiblen Gedanken dem Buch die besondere Note gab.
Es grüßt Sie sehr herzlich Ihre Marion Scharmach

Hier eine genaue Beschreibung des Inhaltes:
Zeitzeugen zu befragen und ihre Erinnerungen und Geschichten anzuhören ist eine Sache, die gehörten Dinge in Form und Fassung zu bringen, dass sich die Zeitzeugen und Leser gleichzeitig wiederfinden bzw. berücksichtigt fühlen, eine ganz andere.

So sichtete ich nach getaner Arbeit 120 Aufzeichnungen, in denen schwerpunktmäßig die jeweiligen Stationen und Einsatzbereiche der Zeitzeugen beinhaltet waren. Um mich nicht in immer wiederholende und für den Leser zahlenmäßig nicht zu fassende Einzelheiten zu verlieren, arbeitete ich aus den Befragungen in sich abgeschlossene Geschichten heraus, die er im Rahmen der Buchkonzeption in vier Kapitel gliederte:

1) Vor dem Einsatz,
2) Kriegsgeschehen,
3) doch Mensch geblieben und
4) Kriegsgefangenschaft.

In diesen Kapiteln brachte ich – zum Thema passend – die leihweise überlassenen Fotos aus den Privatalben der Zeitzeugen unter. Sie lockern das Geschriebene auf, aber geben auch eindrucksvoll Stationen oder typische Situationen wider (z.B. jeweils Doppelseiten über Afrikaeinsätze, Kriegsweihnacht oder Kriegstrauungen). Ein Zeitzeuge hat auch ein Zeichnungsheft erstellt, worin er eindrucksvoll Situationen in amerikanischer Gefangenschaft eindrucksvoll ausdrückt.

Die Abgrenzung zu den Kapiteln nehmen jeweils 24 Kurzbiographien vor, d.h. es wurden die Stationen der einzelnen Zeitzeugen in Kürze und sehr übersichtlich dargestellt (24 auf Doppelseite als Einschub zwischen den Kapiteln). Man sieht bei den biographischen Daten jeweils ein Bild als Soldat und eines, das den Soldaten 60 Jahre später zeigt, d.h. man kann den Zeitraum zwischen Gestern und Heute bildlich erkennen.

Ein interaktiver Bestandteil des Buches ist der Verweis von der Biographie auf die jeweilige(n) Geschichte(n) und umgekehrt. Am Beginn der Geschichte ist deshalb die Seitenzahl ersichtlich, die den Erzählenden bildlich zeigt bzw. welche Stationen er durchlaufen musste.

Das 5. Kapitel beinhaltet die Schilderung aus Sicht der amerikanischen Truppen, wie der Westwall in der Nähe von Aachen überwunden wurde. Eine Bilderserie eines ehemaligen US-Armee-Fotografen, an die ich durch Zufall kam, zeigen GIs in verschiedenen Situationen (Freizeit, Weihnachten, beim Arbeiten) nach diesem ersten Betreten von deutschem Boden im Oktober/November 1944. U.a. sieht man auch Dwight D. Eisenhower bei einem seiner ersten „Deutschlandbesuche“ - natürlich „gegen den Willen des Führers“.

Am Schluss erzähle ich auf einigen Seiten, wie das Buch entstanden ist, welche Schwierigkeiten und Hürden zu überwinden waren und was einem bei der Zeitzeugenarbeit so alles begegnen kann.

Aufgelockert wird das Geschehen durch lyrische Texte meiner Ehefrau Karin-Christiane (insgesamt 10), die in einfühlsamer Weise Krieg beschreibt – und was er für wen auch immer bedeutet. (Anmerkung: Das Feedback auf diese Christiane-Texte waren seitens der betroffenen Zeitzeugen teilweise so euphorisch, dass es immer einen breiten Platz im Rahmen der Gesamtzustimmung bzw. des „Gesamtlobs“ für meine Arbeit einnahm. Manches mal habe ich zu meiner Frau gesagt: Du kassierst das Lob und ich hatte die Arbeit.... :-) )

Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass ich mich jeglicher persönlicher Wertung enthalte und die Geschichten für den Betrachter einfach so stehen lasse. Es wird nicht glorifiziert oder verharmlost, sondern es sollen in komprimierter Form Streiflichter im Leben der damaligen Soldatengeneration verdeutlichen bzw. das menschliche Umgehen mit und in extremen Situationen. (ISBN: 3-00-014237-1)



„Ich hatte ein Leben und meine Wurzeln
in einem Land mit seiner Geschichte.
Ich hatte meine Arbeit, meine Aufgabe und meine Familie.
Aus all´ dem ward´ ich herausgenommen,
ungefragt an einen Platz gestellt,
der mich erschauern ließ für den Rest meines Lebens.

Und dann kam ich zurück und fand keine Wurzeln mehr
in meinem Land mit seiner „neuen“ Geschichte.
Wieder ungefragt, wie mein Herz und Gemüt dies alles wohl verkraftet,
galt es nun aufzubauen, was so sinnlos in Trümmern lag.

Versteckter Schmerz hinter dem Neubeginn
und die Flucht nach vorn.
Vergessene Schätze von Brauchtum und Sitte,
verloren für die Welt nach mir.
Vergessen auch das Heilkraut der Jugendzeit,
ja sogar vergessen darum zu weinen.
Es wurde aufgebaut, und noch heute hat es kein Ende damit.
Wo bauen wir hin und für wen?
Traurige Blüten treibt die Wunschwelt ohne Sinn und Wert.
Doch was kann ich dem Enkel erzählen,
der auch seiner Geschichte beraubt?

...Mein Kind, ich hatte ein Leben, das hatte Wurzeln
in einem Land mit seiner Geschichte...

Ich wünsche dir Liebe für dein Land
und magst du deine Wurzeln wiederfinden,
um dann vielleicht einmal für mich eine Träne zu weinen,
die mir nicht war erlaubt, weil die Zeit war hart und die Not so groß
und Aufbau der Stunde Gebot....“

Ein belauschtes Soldaten-Herz.
Christiane

Hier die Geschichten des Kapitels 2:
(Copyright by Jürgen Klosa, Nachdruck der Geschichten nur mit ausdrücklicher Genehmigung!)
Die hier jeweils zwischen den Geschichten zu sehenden Bilder werden in dem Buch je nach Information inhaltlich beschrieben. Es sind alles Privatbilder der Zeitzeugen und wurden noch nie veröffentlicht.

Eine Generation wird gerufen
Angst paart sich mit Heldenmut,
Ungewissheit mit Stolz.
Was daraus wird, weiß nur die Zeit.
Der tiefe Einschnitt geht durch alle Schichten,
und so ist die Antwort auch so vielschichtig
wie die Gemüter unterschiedlich sind.
Doch eins ist allen gleich,
nichts bleibt wie es war.
Und aus erst gefühltem Heldenmut
wurde bald die Trauer des Erkennens!
Der Stolz gesellte sich hinzu,
ernüchtert und geschunden.
Christiane

Panzerfahrer in der Normandie
Helmut Hilger war einer von vielen, die im Juni 1944 „in der Normandie lagen“, um eine mögliche alliierte Landung abzuwehren. Der dort kommandierende Generalfeldmarschall Rommel wollte den Gegner „kommen lassen“, um ihn dann ins Meer zu werfen. Aber jeder weiß, dass das nicht gelang.
Hilger befand sich einige Kilometer im Hinterland und gehörte zu den Panzerfahrern. Am dritten oder vierten Tag der Landung fing Hein Kober, der Cheffunker seiner Einheit, einen Spruch auf, der ein großes Bombardement gegen 14.00 Uhr ankündigte. Sich noch in Sicherheit wähnend, ging Hilger um 12.00 Uhr in Richtung Küche, um für die Panzerbesatzung Essen zu holen. Als er gerade unterwegs war, begann die feindliche Schiffsartillerie von See aus zu schießen. Man konnte die „Koffer“ regelrecht fliegen sehen. Wo sie einschlugen, blieb nichts mehr heile. Ganze Häuser wurden „weggeputzt“. Die Einschläge waren gewaltig, ebenso die Erdtrichter, die sie hinterließen. Der überraschte Panzerfahrer sprang nach den ersten Detonationen in den erstbesten Trichter hinein, weil er die Soldatenweisheit kannte, dass einem Einschlag kein zweiter an gleicher Stelle folgte. Es flog ihm viel Dreck um die Ohren, und aus Angst machte der damals 18-Jährige in die Hose.
Als der Beschuss nach 45 Minuten vorbei war, ging Hilger zum Orne-Fluss, um sich zu waschen. Als er zur Küche kam, wollte man wissen, warum er so nass sei. Natürlich verschwieg Hilger den wahren Grund und meinte nur, dass er während des Beschusses ins Wasser gesprungen sei. Dass er seine vollgemachte Hose gewaschen hatte, ging ja niemanden etwas an. Den vom Funker „aufgefangenen“ Bombenteppich gab es letztendlich nicht. Dieser Bluff sollte nur der „Schiffs-Ari“ (Schiffsartillerie) einen Überraschungsmoment sichern.
Letztlich war es in diesen Tagen teilweise wie in der Hölle. Es existierte keine richtige Front, hinter jedem Strauch konnte jemand sitzen. Wer zu langsam war, den erwischte es. Neben den Luftangriffen gab es auch Panzerkämpfe. Hilger erlebte einen, bei dem die zehn angreifenden alliierten Panzer vollkommen „platt gemacht“ wurden. Am Ende großes Kampfgeschrei. Aber letztlich blieb den Deutschen auf Grund der hohen Überlegenheit der Gegner nur der Rückzug, und da gab es „Kampfgeschrei“ auf der anderen Seite.
Nach 16 Tagen kam für den Boschelner die „Erlösung“, weil er am 22.6. durch einen 5 cm langen Granatsplitter an der Lunge verwundet wurde. Er hat keinerlei Erinnerung mehr daran und weiß nicht, was passiert ist. Sein Erinnerungsvermögen hört zu dem Zeitpunkt auf auf, als er am Boden lag und einen Kradfahrer kommen sah. Erst im Lazarettzug nach Besancon kam die Besinnung wieder. Bis Oktober 1944 - incl. Genesungsurlaub - konnte er sich danach vom aufreibenden Soldatensein erholen. Und ihm war dieser „Heimatschuss“ lieber, als ein Kreuz mit einem Helm obendrauf .



Der verräterische Qualm
Hans Frensch war Maschinenmaat in der 10. Torpedobootflottille. Insgesamt fuhr er 50 Einsätze auf der TA 24. Er leitete den Kesselraum 1, und ihm oblag die Bedienung der Ölfeuerung, die das Boot antrieb. Dabei ging es bei Feindfahrten darum, eine optimale Verbrennung des Öls zu gewährleisten, damit weder schwarzer oder weißer Qualm das Boot verriet. Weißer Qualm entstand, wenn das Öl mit zuviel Sauerstoff verbrannte, und schwarz wurde der Rauch, wenn zu wenig Luft hinzugefügt wurde. Optimal war eine leichte braune Farbe in geringer Menge.
Bei einem Einsatz der TA 24 vor Süditalien schien es wie verhext. Da zu viel Qualm aus dem Schornstein kam, wurde das Boot von der Landfront aus beschossen. Taktische Manöver wurden aufgeboten, um nicht getroffen zu werden. Während Frensch bei der Arbeit war, bekam er einen Anruf nach dem anderen. Einmal qualme sein Kessel schwarz, ein anderes mal wieder weiß mit Funkenflug. Er verstand die Welt nicht mehr, weil er im Glauben war, ordnungsgemäß zu arbeiten. Er stellte die Lüftung mal höher mal tiefer, aber es schien einfach keine richtige Befeuerung zu gelingen. Frensch war sehr aufgelöst, weil er das Ganze nicht begreifen konnte. Auch eine in den Maschinenraum geschickte Kontrolle konnte kein Fehlverhalten des jungen Maschinisten feststellen.
Am nächsten Tag kam dieser Vorfall in Genua zur Sprache. Der Kaleu (Kapitän-Leutnant) und auch der Leitende Ingenieur (LI) konnten nichts Negatives vorbringen. Und doch wurde eine Ermahnung ausgesprochen.
Immerhin hatte Frensch keine Strafe erhalten, die bei einem Nachweis von Fehlverhalten ziemlich heftig ausgefallen wäre. Er war auf dem Rückweg in das Unteroffiziersdeck, als ihn sein Freund Heinz Fritsche vom Kesselraum 2 ansprach und sagte: „Hans, ich habe nach der Reinigung heute festgestellt, dass ich gestern einen Ölbrenner ohne Düse angestellt hatte. Dadurch kam das Öl unzersprüht in den Kesselraum. Es war also meine Schuld mit dem schwarzen und weißen Qualm.“ Da der Rauch von beiden Kesselräumen aus zwei direkt nebeneinanderliegenden Schornsteinen kam, musste der Fahrtwind dafür gesorgt haben, dass der schwarze Qualm aus Raum 2 als Rauch aus Raum 1 gedeutet worden war.
Beide schauten sich kurz an, und Frensch machte nur eine „Schwammdrüber-Handbewegung“. Hans Fritsche ist dadurch von einer Strafe verschont geblieben und das war - unterm Strich gesehen - für beide Maschinisten ein Glücksfall.



Mit der 16 im Bunde
Erwin Petry, im Krieg eingesetzt als Entfernungsmesser bei der Flak (E-Messmann), erlebte einen Tag, an den er bis heute noch öfter zurückdenkt. Am 16. Juni 1944 war er in der Normandie stationiert, die alliierte Invasion hatte bereits begonnen. Seine Batterie erlebte einen Angriff von 16 Flugzeugen (amerikanische Thunderbolds). Sie benutzte raketenähnliche Geschosse, um den deutschen Feind am Boden zu bekämpfen. Auf einmal schlug es direkt neben Petry ein. Er befand sich gerade in einem Einmannloch. Durch die Druckwelle wurde er aus diesem Loch herausgeschleudert und prallte mit dem Gesicht gegen einen Betonmast. Eingeschlagene Vorderzähne und ein mit Splittern übersätes Gesicht waren die Folge. Doch dank des Helmes wurde der Kopf von schweren Verletzungen verschont. Er lag bewusstlos auf dem Boden und wachte erst im Krankenhaus von Falaise wieder auf.
Zwei Tage später kam ihn sein Vorgesetzter besuchen und fragte nach seinem Kameraden Krause. Petry konnte sich nur daran erinnern, dass der im Einmannloch neben ihm gestanden hatte. Diese Angabe führte dazu, dass der Leichnam des Vaters von vier Kindern kurz darauf entdeckt wurde.
Petry wundert sich noch heute, dass es ihn an diesem Tag nicht schlimmer getroffen hatte. 16 Maschinen an einem 16. um 16.00 Uhr mit 16 Toten. War die 16 jetzt eine Glücks- oder Unglückszahl?
Wenn man weiß, dass Erwin Petry wegen dieser Verletzung einen Genesungsurlaub erhielt, bei dem er seine spätere Frau kennenlernte, kann man eher zu Ersterem tendieren. Und da er mit ihr nicht nur 16 Jahre, sondern über 59 Jahre verheiratet war, dürfte der Fall klar sein.



Der letzte Brief
Alfred Störr war noch etwas benommen. Das Schicksal seines Zugführers ging ihm nicht aus dem Kopf. Er hatte sich mit ihm an einem Stoßtrupp beteiligt, und dabei hatte es seinen Kameraden erwischt.
Die 299. Infanterie-Division, der beide angehörten, musste sich in vielen Situationen bewähren und auch zahlreiche Verluste verkraften. In den letzten zehn Tagen allein hatte man 60 Mann verloren, und jetzt hätte es Störr bald selber erwischt. Er fragte sich, wie lange das noch gehen sollte?
Alfred Störr traf seinen Stoßtruppführer und kam mit ihm ins Gespräch. Der Feldwebel merkte die bedrückte Stimmung und versuchte, dem Soldat die Realität näher zu bringen. Man müsse hier mit allem rechnen, waren seine Worte, und es wäre gut, immer auf alles vorbereitet zu sein. Störr schaute seinen Vorgesetzten an und nickte. Es war ihm wohl klar, dass es jeden sofort treffen konnte. Aber wenn es dann passierte, war es immer gleich grausam.
Der Stoßtruppführer hatte mittlerweile viel erlebt; dabei hatte er auch viele Kameraden sterben sehen. Er wollte die Augen davor nicht verschließen und dachte vor allem an zu Hause, an die Verlobte, die Mutter und den Bruder. Wenn er sterben würde, dann sollten die Angehörigen zu Hause genau Bescheid erhalten. Die Feldpost war nun einmal die einzige Verbindung zur Heimat. Sie ließ die schlimmen Umstände für Augenblicke vollkommen vergessen. Dann überwog das Gefühl der Liebe zu den Seinen, und das Dilemma in Schlamm, Kälte oder Schnee existierte nicht mehr.
Der Feldwebel holte während des Gespräches mit Alfred Störr drei Briefe aus seiner Tasche und sagte zu ihm: „Falls mit mir etwas sein sollte, habe ich drei Briefe geschrieben. Die schickst du dann in die Heimat nach Sterzenhausen, an meine Braut, an meine Mutter und meinen Bruder. Alles schon fix und fertig. Man kann ja nie wissen.“ Dann ermunterte er Störr das Gleiche zu tun, weil persönliche Worte immer noch das Beste seien.
Der Jüngere musste schlucken und war etwas verdutzt. Das konnte er sich erst einmal gar nicht vorstellen. Und außerdem war er aus einem anderen Holz geschnitzt. Er dachte nach und fand keinen Ansatzpunkt für einen solchen Brief. Hier musste er passen, aber er versprach seinem Kameraden, im Falle eines Falles die Briefe zu den Familienangehörigen zu schicken. Danach gingen beide auseinander.
Es vergingen zwei Tage, und das Kampfgeschehen stellte wieder alles in den Hintergrund. Am Abend sollte ein Spähtrupp die gegnerischen Linien erkunden. Alfred Störr war mit dabei und auch der (Brief)Feldwebel Knau als Stoßtruppführer. Der Himmel war voller Wolken, und die Dunkelheit schützte die Angreifer. Doch während des Unternehmens zogen die Wolken weiter und setzten das Gelände plötzlich in ein helleres Vollmondlicht. Ausreichend für die russischen Gegner, den Trupp auszumachen und unter Beschuss zu nehmen. So sorgte der Mond mit seinem Licht für eine traurige Ernte, unter den Toten war auch der Stoßtruppführer.
Alfred Störr konnte es nicht fassen. Zwei Tage zuvor hatte er noch über die Eventualitäten in einem Krieg mit ihm gesprochen, und nun war es geschehen. Er dachte sofort an die drei Briefe, die er für den Gefallenen in die Heimat schicken sollte. Er stand im Wort, und das wollte er halten. Er nahm sie aus der Jackentasche seines Kameraden und sah sie mit traurigem Blick an. Sie waren nicht verschlossen, und so ließ er sich verleiten, sie zu lesen. Mit liebevollen Worten hatte der Gefallene seiner Braut geschrieben, dass er auf Stoßtrupp gegangen und gefallen sei. Dankesworte auch für das Päckchen und das Parfüm, das er noch an diesem Tage bekommen hatte. Er bedankte sich für die schöne Zeit mit ihr.
Alfred Störr war ergriffen und schrieb unter den Briefen noch eigene Worte über den Hergang seines Todes. Danach gab er sie umgehend in die Feldpost. Seine Gedanken hingen noch mehrere Tage diesen Briefen nach, aber dann holte ihn das aktuelle Geschehen wieder ein.
Alles wäre damit erledigt gewesen, doch wenige Wochen später gab es ein Nachspiel. Ein Brief der Angehörigen, die die Privatsachen ihres Verwandten zugesandt haben wollten, sorgte für Unruhe. Die Parteifunktionäre in der Heimat waren sauer über die Tatsache, dass die Angehörigen des Gefallenen nicht durch sie, sondern über den Kameraden die Todesnachricht erhalten hatten. Für sie war das eine schwerwiegende Hierarchieverletzung. Alfred Störr wurde deutlich klargemacht, dass das nicht seine Aufgabe gewesen wäre. Es wurde ihm eindringlich eingeschärft, so etwas in Zukunft zu unterlassen.
Für Störr sollte eine derartige Situation nicht mehr vorkommen, und er überstand unbeschadet den Krieg. Seine Entscheidung, keine Abschiedsbriefe geschrieben zu haben, erwies sich dadurch im Nachhinein als richtig.



Stationen in sechs Jahren
„Ich könnte ein Buch schreiben!“ So lautete ein häufiger Satz bei den Gesprächen mit den Zeitzeugen dieses Buches. Auch Hans Beemelmanns gehört dazu. Der gebürtige Geilenkirchener war alle sechs Kriegsjahre als Soldat im Einsatz. Die stichwortartige Kurzfassung seines soldatischen Lebenslaufes gibt ein wenig die darin enthaltenen Geschehnisse wider:
1939: Einberufung zur Wehrmacht nach Graudenz (Polen), versetzt zum Pionier-Batallion 658 nach Marienwerder (Ostpreußen), 1940: Verlegung des Bataillons nach Nackenheim/Rhein und Breisach/Oberrhein, Teilnahme am Frankreichfeldzug, Maginot-Linie, Colmar/Vogesen, nach Ende der Kampfhandlungen verlegt nach Cherbourg, 1941: Verlegung des Bataillons nach Rumänien als Lehrtruppe, Raum Craiova/Donau, nächste Station Sofia/Bulgarien, Teilnahme am Serbienfeldzug im Raum Nich-Belgrad, Verlegung des Bataillons an die polnisch-russische Grenze am San/Fluss, Teilnahme am Russlandfeldzug im Bereich Ukraine, Donzek-Gebiet (Südabschnitt), 1942: Versetzung zum Mittelabschnitt, Raum Orel, 1943: Verlegung des Bataillons zum Südabschnitt am Don zur Unterstützung der deutschen Truppen um Stalingrad, dann wieder Richtung Raum Kursk, danach Verlegung des Bataillons in den Mittelabschnitt, Raum Orel, Rückzug bis Roslavl und Briansk, 1944: wieder Verlegung in den Südabschnitt, Dnjepr-Front und Odessa, Großangriff der Russen, Einkesselung von zwei deutschen Armeen (6. und 8. Armee), danach 6. Armee neu aufgestellt, abenteuerliche Flucht aus dem Kessel, laufen durch Beßarabien und die Karpaten, um der Gefangenschaft zu entgehen, gelangen wieder hinter die russischen Linien, in Ungarn/Plattensee die deutsche Seite erreicht, Versetzung nach Minden zum Pionier-Ersatzbattalion 6, im Oktober 1944 zur West-Front, Raum Roermond-Heinsberg, Frontlinie war St. Odilienberg/Niederlande entlang des Saeffelbaches (Birgden, Bergerhof, Teveren, Frelenberg, Palenberg, Übach), 1945: Rückzug über die Rur zum Niederrhein, bei Rheinhausen über den Rhein, weiter bis Brilon/Lippstadt/Sauerland, in den Sauerland-Kessel durch Angriff der Amerikaner geraten, Flucht aus dem Kessel über Mettmann nach Düsseldorf, entgehe der Gefangenschaft durch die Hilfe meines Onkels in Düsseldorf, bekomme einige Wochen später nach Rückkehr in Geilenkirchen den Entlassungsschein.



Kampf im Kreuzbergtal
Ein weiterer Abschnitt aus dem Kriegstagebuch von Josef Schmölders:
Vom Kreuzberg wurde unser Stoßzug weiter rückwärts in ein kleines Dorf mit Namen „Leg“ verlegt. Wir hatten dort ein ruhiges Leben in einem kleinen Haus und konnten den ganzen Tag schlafen. Unter dem Zimmerboden war ein Keller voller Kartoffeln gegen unseren Hunger. Von langer Dauer konnte dies wohl nicht sein, denn ein schrecklicher Großangriff musste unmittelbar bevorstehen. Unser Grabenhund - er sollte eventuelle Angriffe rechtzeitig melden - hatte sich aus dem Staub gemacht. Ob er etwas geahnt hatte?
Dann kam der 14. Januar 1945. Unser Unteroffizier sagte, dass der Kompaniechef von einem Großangriff erzählt hatte. Er hielt das aber für Quatsch. Doch ein dumpfes und immer stärker werdendes Grollen kündigte das für uns so bedrohliche Trommelfeuer der schweren 17.2 Geschütze der Russen an. Verstreut und noch in einiger Entfernung schlugen die ersten schweren Granaten ein. Wir gingen sofort seitlich von dem Ort in Stellung. Wir hatten unser ruhiges Haus kaum verlassen, als es schwer getroffen wurde.
Das Trommelfeuer dauerte fast sechs Stunden, und unsere Nerven waren aufs Äußerste angespannt. Unser Stoßzug lag vorne im Graben und konnte sich also kein Bild vom Stand der Front machen. Hatte sie gehalten? Von verwundeten Kameraden erfuhren wir, dass der Russe noch während des Trommelfeuers mit einer Unmenge an Panzern und Infanterie vorgestoßen war. Er hatte unsere schwach besetzten Gräben überrannt und war schon bis zum Dorfe Kruszewo vorgedrungen. Vierlingsflak im Erdbeschuss und unsere bewährten Sturmgeschütze brachten diesen Großangriff am ersten Tag in der zweiten Linie zum Stehen. Der Kreuzberg wurde unter entsetzlichen Verlusten gehalten. Die Landser in der vordersten Linie wurden bis auf wenige vollständig aufgerieben.
In der Nacht kam unser Stoßzug und das ganze 3. Bataillon zum Einsatz. Mehr Reserve war nicht mehr vorhanden. Unser Zug übernahm die Sicherung des Ortes Kruszewo. Auf der linken Seite bestand überhaupt keine zusammenhängende Verbindung, rechts sollten unsere Kompanien sein. Alles sehr fraglich! Gegen Mitternacht setzte vor dem Dorf eine mächtige Knallerei eines unserer schweren Maschinengewehre ein. Es konnte sich aber nicht halten und kam auf unsere Linie zurück.
Im Schein einer Leuchtkugel sah ich, wie sich die Russen im Schutze der Häuser weiter vorarbeiteten. Gurt auf Gurt jagte ich jetzt mit meinem MG ziellos in die Häuserreihen. Zwei Häuser brannten lichterloh. Im Feuerschein zogen sich die Angreifer unter starken Verlusten zurück. Der erste Angriff war abgeschlagen. In einigen Häusern setzte er sich zwar noch fest, wurde aber vom Stoßzug ganz hinausgeworfen.
In der Morgendämmerung hörte ich kurze, aber harte Abschüsse und Granateinschläge ganz in unserer Nähe. Da sah ich auch schon, wie sich fünf dunkle Panzerschatten näher heranschoben. Keine Pak (Panzerabwehrkanone) war da, keine Ari (Artillerie) schoss, keine Panzerfaust, nichts hatten wir. Was wollten wir gegen diese Stahlkästen ausrichten? Keiner wusste mehr wo vorne und hinten war. Also ging´s zurück bis an den Fluss, der auch in den „Leg“ floss. Von Kameraden erfuhren wir, dass Oberfeldwebel Ortel gefallen war und es fünf Verwundete gegeben hatte.
Was rechts und links von uns geschah, wie viele Verluste wir hatten, wussten wir nicht. Als wir den Fluss entlanggingen, sahen wir die Bereitstellungen unserer eigenen Panzer der Division „Großdeutschland“. Etwa 30 Panzer, 20 Sturmgeschütze, Selbstfahrlafetten und Schützenpanzerwagen warteten auf den nächsten Angriff am Morgen. Alles hielt sich in der großen Ebene am Kreuzberg und an dem Ort Kruszewo auf. Die Kameraden freuten sich beim Anblick von so vielen Panzern, aber als ich an Zambrow und die große Pleite mit 48 Panzern dachte, hielt sich die Freude bei mir in Grenzen.
Panzer und Infanterie traten zum Gegenstoß an und kamen gut voran. Die Russen wichen ein großes Stück zurück. Doch dann setzte wieder dieses wahnsinnige Trommelfeuer ein. Obwohl sieben russische T 34 Panzer abgeschossen wurden, hatten wir kaum etwas erreicht. Wir blieben vor dem schicksalhaften Dorf Kruszewo hängen.
Nachts bezogen wir neue Stellungen zwischen dem Ort und dem Kreuzberg. Wir gingen in einen von uns gebauten Erdlochbunker, den ein verwundeter russischer Soldat als letzte Zuflucht aufgesucht hatte. Er begrüßte uns mit „Sdrasdwutje“ (Begrüßungswort) und ging hinkend nach draußen. Am nächsten Morgen sah ich ihn tot am Boden. Irgendeiner hatte dieses arme Schwein erschossen.
Russische Lautsprecher hatten in der Nacht die Vorzüge der russischen Gefangenschaft gepriesen. Aber da wollte von uns nun sicher keiner hin.
In der Frühe ging das Trommelfeuer wieder los, russische Infanterie griff an. Panzer schoben sich vor. Der Russe musste Unmengen Geschütze, Panzer und Soldaten in Reserve gehabt haben. Ich schoss was mein MG hergab und hatte große Angst. Wir konnten uns nicht halten und mussten uns über eine freie Fläche zurückziehen. Eine Panzergranate flog an mir vorbei und riss meinem Kameraden Seitz aus Kleve glatt das rechte Bein ab. Er war mit mir im August 1944 bei Zambrow verwundet worden und erst vor wenigen Tagen nach einem geheilten Bauchschuss zu uns gekommen. Ich schrie noch einigen Gewehrschützen zu: ‚Nehmt ihn mit, lasst ihn nicht liegen'. Doch als wir später in der neuen Auffangstellung kamen, war er nicht mit dabei. Einer hatte versucht ihn allein zu tragen, musste dies aber bald aufgeben. So war sich jeder selbst der Nächste, und eine Frau mit zwei Kindern sah ihren Mann nie wieder.
Am Abend wollte ich mit meinen Kameraden nochmal nach vorn, aber alles war schon vom Russen besetzt. In dem ausgebauten Grabensystem richteten wir uns zur Verteidigung ein. Die Glieder waren durch die Kälte erstarrt, die Augen konnte man vor Müdigkeit kaum aufhalten, Hunger war durch die starke seelische Beanspruchung nicht zu spüren. Wenn wir mal etwas Suppe zu essen bekamen, war sie meistens sauer, und den Durst löschten wir mit Schnee.
Am Abend besorgte ich von einem naheliegenden Gehöft etwas Stroh. Unterwegs dorthin musste ich ein paar Mal wegen einschlagender Granaten Deckung nehmen. Herbert, mein Schütze II, übernahm die erste Wache. Übermüdet sank ich auf mein Strohbett und schlief augenblicklich ein. Eine Stunde musste ich wohl geschlafen haben, als ich geweckt wurde. Herbert erzählte mir, in einer halben Stunde sei Absetzen. Ich war demoralisiert dadurch, dass die Front doch nicht gehalten hatte. Ich fragte mich, ob es überhaupt noch einen Zusammenhalt der Front gab? Wir marschierten auf unbekannten Wegen und verließen das Kreuzbergtal, nicht ahnend, wie viele schreckliche Erlebnisse uns noch bevorstehen sollten.



Der Moorsoldat
Das Urteil lautete zwei Jahre und acht Monate wegen Befehlsverweigerung und Kameradendiebstahl. Für Georg Florstedt brach damals (Ende 1943) eine Welt zusammen. Was war geschehen?
Seine Einheit, die in der Nähe von Leningrad lag, war eingeschlossen. Sie sahen sich mit einer Gruppe von feindlichen Scharfschützen konfrontiert, die ganz gezielt auf die Soldaten dieser Kompanie anlegten. Sie waren auch erfolgreich, weil sie Mann für Mann durch Kopfschüsse ausschalteten. Die Soldaten wurden fast verrückt vor Wut und standen vor der Alternative, sich alle nacheinander „abknallen“ zu lassen oder zu handeln. Georg Florstedt konnte das nicht mit ansehen und beschloss mit weiteren Kameraden sich auf eigene Faust hinter die feindlichen Linien zu schleichen und die Scharfschützennester auszuheben. Bald waren sie unterwegs und fanden auch einen Weg. Angeheizt von der Situation kannten sie kein Pardon. Auch nicht, als sie feststellten, dass es russische Frauen waren, die auf diesem Weg den deutschen Gegner aufreiben wollten. Die Panik des nackten Überlebens gab ihnen die Kraft, den Feind auszuschalten. Zwei deutsche Soldaten wurden bei dieser Aktion verletzt, einer kam um. Aber sämtliche Scharfschützen (zirka zwölf) stellten nun für die Freunde keine Gefahr mehr dar.
Die Führung der Kompanie hatte von dieser eigenständigen Aktion erst nach dessen Ende erfahren. Und die Verletzung der Befehlshierachie bzw. die eigenen Verluste wollte man nicht hinnehmen. Darum wurde Florstedt festgenommen und ihm der Prozeß gemacht. Seine Gerichtsverhandlung fand in Reval statt. Das schnell gefällte Urteil lautete 2 Jahre und 8 Monate Arbeitslager. Zur Vollstreckung des Urteils schaffte man ihn in ein Soldatenlager des Konzentrationslagers Börgermoor als Zwangsarbeiter. Dort musste er im Moor Torfstechen. Eine schlimme Konsequenz für seine Handlung ohne Befehl.
Insgesamt blieb er ein dreiviertel Jahr dort und erlebte eine große Tortur. Am Ende wog er nur noch 94 Pfund. Die große Brutalität war dabei das Schlimmste. Bei jeder Kleinigkeit gab es Schläge.
Seitens der Lageraufsicht erlebte Florstedt - wie schon angedeutet - keinen Fall von Gnade oder Humanität. Anders bei der Zivilbevölkerung. Sie steckte den Gefangenen unter Gefährdung der eigenen Person des Öfteren etwas Essbares zu. Eine Lungenentzündung überlebte Georg Florstedt nur, weil er von draußen ein Aromafläschchen mit Öl als Medizin erhielt.
Nach neun Monaten bekam er die Möglichkeit, die Haft im Börgermoor mit einem soldatischen „Himmelfahrtskommando“ in der Slowakei zu tauschen. Diesem Kommando gehörten 2500 Mann an. Für die meisten war es tatsächlich ein „Himmelfahrtskommando“, weil nur 100 überlebten. Florstedt zählte zu den Glücklichen, bei diesem Unternehmen in Gefangenschaft zu geraten. So entging er einer weiteren Bestrafung durch die eigenen Leute.
Verbittert dachte er oft an seine Soldatenzeit zurück. Er hatte seinen Kameraden nur helfen wollen und bekam dafür eine harte Strafe. Befehl und blinder Gehorsam kannten also kein Pardon. Und in der Grauzone dieser Werte wurden viele Menschen - u.a. auch Georg Florstedt - gebrochen.



Die Flucht von Kreta
Durch den Kanal von Korinth gelangte im Herbst des Jahres 1941 ein Schiff mit britischen Soldaten nach Kreta. 300 von ihnen sollten sich dort mit einer anderen Armeegruppe vereinigen. Hintergrund war die Information, dass deutsche Truppen das von den Briten besetzte Kreta erobern wollten.
Unter rücksichtslosem Einsatz von Material und Menschenleben gelang es der deutschen Wehrmacht, die gegen sie kämpfenden Briten und Griechen zu vertreiben. Da die Briten zu schlecht ausgerüstet waren und zu wenig Flugzeuge hatten - vor dem Angriff hatten deutsche Messerschmitts zahlreiche am Boden befindliche englische Flugzeuge zerstört - konnten sie den Deutschen nicht standhalten. Große Verluste auf beiden Seiten. Von der 300 Köpfe zählenden Schwadron, zu der auch Mansel Roberts gehörte, überlebten nur 43. Für diese Leute begann nach diesem Desaster eine verzweifelte Flucht über fünf Tage vor den Deutschen. Sie wollten vom Norden in den Süden der Insel und dann ein englisches Schiff erreichen. Tagsüber verbargen sich die Flüchtigen vor feindlichen Stukas, und wenn es dunkel wurde, ging es weiter. Natürlich gab es nichts zu essen. Lediglich rohe Zwiebeln von einem Feld und ein Schaf - gekauft von einem Bauern - gelangten in die Mägen der Gehetzten.
Dank eines „Walki-Talki“ (Funksprechgerät) stellte ein neuseeländischer Offizier Kontakt zu einem Minensuchboot her. Man verabredete sich drei Meilen vor der Küste. Als endlich die rettende Küste erreicht war, schwammen die 43 Überlebenden zirka einen Kilometer ins offene Meer und wurden dort durch Beiboote aufgenommen. Glücklich gerettet, freuten sich die ausgelaugten Flüchtlinge schon auf ein Essen. Doch dauerte die Freude nicht lange, weil es nur Kaffee und Kakao zu trinken gab. Erst als das Schiff in Ägypten anlegte, konnte man wieder aufatmen und den Horror von Kreta vergessen.
Für Mansel Roberts war es nur eine von vielen Stationen in der Zeit des Zweiten Weltkrieges, in dem er nur den Wahlspruch seiner Majestät zu befolgen hatte: „Your´s not to reason why, Your´s but to do and die“ (Frage nicht nach dem Warum, sondern tue einfach und stirb) Und wenn man es für nötig befand, sogar in der ganzen Welt.


Die Schlacht um Leningrad
Aus den Kriegsaufzeichnungen von Pater Hans Weßling stammt folgende Geschichte:
„Die Sylvesternacht 1942 sollte unsere Batterie noch in Krasnowadeiks verbringen. Pünktlich zum Beginn des neuen Jahres setzte ein Feuerwerk ein, wie ich es bis dahin noch nie erlebt hatte. Alle leichten Flakgeschütze rund um Krasnowadeiks ließen wie auf Kommando ihre Salven in die Luft gehen. Das war kein Einsatz gegen feindliche Flieger. Die Woche des Wartens auf den angekündigten Erdeinsatz hatte wohl einen Rückstau bewirkt, der sich hier bei Ankündigung des neuen Jahres in dieser unerlaubten Knallerei entladen hatte.
Unmittelbar nach Neujahr war es dann so weit. Wir wurden in die Hölle rund um Leningrad verlegt. Kein Mensch wird je ermessen können, was sich in Leningrad vom Wintereinbruch 1941 bis zur Befreiung nach Weihnachten 1943 abgespielt hat, wieviel Menschen hier den Bomben und Granaten, aber auch dem Hunger und dem Frost zum Opfer gefallen sind. Die Stadt war von deutschen Truppen eingekesselt. Nur auf dem Wasserweg gab es noch eine Möglichkeit, Nachschub zu empfangen. Aber auch hier warteten U-Boote und Zerstörer darauf, das zu vereiteln. Für die Russen bedeutete der Name Lenins, den diese Stadt trug, dass Leningrad unter keinen Umständen preisgegeben werden durfte, koste es was es wolle.
Sobald der Winter 1942/43 einsetzte, tobte der Kampf auf´s Neue mit höchster Erbitterung. Über den gefrorenen Ladogasee rollte wieder Nachschub in die Stadt. Man erzählte uns, die Russen hätten eine Eisenbahnlinie übers Eis gelegt. Mit Gewalt versuchten sie nun vom Ladogasee aus und von den Seitenfronten wieder eine Landverbindung nach Leningrad zu erkämpfen. Auch den Deutschen ging es um ein Prestige. Mit geballtem Einsatz sollte Leningrad zu Fall gebracht werden. Wer hier diese Winterkämpfe mitgemacht hat, wird Namen wie EMGA, Gleisdreieck, Schlüsselburg oder Ladogasee nicht so leicht aus seinem Gedächtnis verlieren.
Über Nacht waren wir in diesen Frontabschnitt hineingeworfen worden. Bei EMGA galt es einen Flakriegel zu bilden. Gleich beim ersten Morgengrauen sollte uns das Entsetzen überkommen. Wir waren im Dunkeln hinter einer Erdböschung in Stellung gegangen. Vor uns lag das Niemandsland. Doch der Erdwall schützte uns vor Feindeinsicht. Die Geschütze unseres Zuges lagen etwa 50 bis 60 Meter auseinander. Als unser Waffenwart erstmalig von einem Geschütz zum anderen gehen wollte, entdeckte er auf dem Boden zwei Finger. Er war sehr erschrocken, und bald war das Gruseln in uns allen. Neben den Fingern befand sich ein zugefrorener Bombenkrater. Dort hatte ein deutscher Soldat Schutz gesucht und war von einer Granate getroffen worden.
Der tote Kamerad musste geborgen werden! Mutter, Ehefrau, Kinder, irgendwer wartete auf Nachricht über ihn. Mit der Spitzhacke machten wir uns an die Arbeit. Stück für Stück mussten wir den Leib des Gefallenen aus dem Eis befreien. Der Tote war gänzlich zur Unkenntlichkeit entstellt. Doch als wir am Ende alle gefundenen Körperreste auf einem Schlitten hatten, wussten wir, dass wir nicht nur einen sondern zwei tote Kameraden aus dem Eis befreit hatten. Zwei bei den Leichenteilen gefundene Erkennungsmarken gaben uns diese Gewissheit. Mir kam das Psalmwort in den Sinn: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst... „


„Fair fight“
Humanitäre Kämpfe? Gab es das? Für deutsche Soldaten, die schon lange im Einsatz waren, konnte dieses Unterschiedsdenken auftreten. Vor allem wünschten sich viele Soldaten in Russland, auch mal an andere Fronten zu kommen. Dort, wo es nicht so brutal zuging. Oder konnte Krieg nur brutal sein, ob jetzt in Russland, Frankreich oder Afrika? Die Dabeigewesenen sahen das anders.
Vor allem waren die Engländer oder Amerikaner als Gegner „beliebt“. Wobei es da auch einen Unterschied gab. Denn bei den Engländern ging es mehr Mann gegen Mann, und bei den Amerikanern stand erst einmal Material und Technik im Vordergrund. Bei den Russen hingegen schienen Menschenleben keine Rolle zu spielen. Franz-Josef Esser lernte als junger Soldat alle drei Versionen zu kämpfen kennen, und so war er froh, dass er es in Italien mit den Engländern zu tun hatte. Zumindest was die Versorgung der Verwundeten anbelangte, gehörten die Engländer zu der Kategorie „Fair Play“ - oder sollte man „Fair Fight“ sagen? Wenn die Kampfhandlungen zu Ende waren, wurde Rücksicht auf die Verwundeten genommen. Sanitäter, die danach mit der Rot-Kreuz-Fahne in die vordersten Linien kamen, brauchten meist keine Angst vor Beschuss zu haben. Beide Seiten enthielten sich der Kampfhandlungen, wenn die Verwundeten zur Versorgung abtransportiert wurden.
Franz-Josef Esser machte diese Erfahrung im Frühjahr 1944 bei Netuno. Aus heutiger Sicht hatte er Glück, bei diesem Einsatz von den Amerikanern „geschnappt“ worden zu sein, denn in der anschließenden Gefangenschaft in Amerika lebte er sicher und gut.
Aber letzten Endes war auch „Fair Fight“ für den Übacher nur eine Worthülse; denn der Krieg war nie „fair“, sondern brachte Leid für Millionen von Menschen.


Fünf Monate Krieg in Afrika
Nachdem die JU 52, von Kreta/Griechenland aus kommend, in Tobruk nach mehrfachen Landungsversuchen endlich Boden unter den Reifen hatte, gab es eine Bruchlandung. Ein Sandsturm hatte die Landung erschwert. Die Besatzung, unter ihnen auch Theodor Cremer, lief so schnell wie möglich weg. Es war ja gut möglich, dass die Maschine in Feuer aufging. Mit einem Schrecken begann das „Abenteuer Afrika“ für Cremer, und mit Diphterie und Ruhr sollte es enden. Dazwischen lagen fünf Monate, gespickt mit allerlei Erlebnissen.
In Tobruk hielt sich Cremer nicht lange auf. Es ging in Richtung Suez-Kanal. Hier wollten die Deutschen den Nachschub der Engländer unterbinden. Aber das war nicht so einfach. Die „Tommys“ waren zahlen- und materialmäßig haushoch überlegen.
Die erste Zeit lebte die Einheit des Übachers unter ihren Zeltplanen in der Wüste so in den Tag hinein. Sand soweit das Auge reichte, dazwischen vereinzelt Kamel-Dornbüsche, zirka 60 cm hoch, in denen sich schon mal Sandvipern (kleine Schlangen), Skorpione und Chamäleons versteckten. Keine Bäume, kein Haus, nichts woran man sich orientieren konnte. Nur die Sonne bzw. die Uhr informierte über den Tagesstand. Ein Liter Wasser pro Tag, und das nicht einmal regelmäßig, konnte den großen Durst nicht stillen. Das kostbare Nass wurde in den Mund genommen und danach hochgespuckt. Auf diese Weise konnte man auch „duschen“. Aus Zeltsegeltuch konstruierten sie kleine Waschbecken, worin auch Unterwäsche gewaschen wurde. Wenn das Meer in der Nähe war, sprang man häufig in voller Montur ins Wasser. Der heiße Sand sorgte schnell wieder für trockene Sachen.
Im Juli 1942 ging es dann richtig los. Nach dem Durchqueren eines Minenfeldes bewegte man sich ostwärts. Um die Linien der Engländer zu umgehen, fuhren die LKWs dieser Einheit südlich in die Wüste, Richtung Oase Siwa. Da die Engländer aber anscheinend über alles genauestens informiert zu sein schienen, ließen sie die Deutschen einfach kommen und begannen in entsprechender Reichweite mit ihren Panzern zu schießen. Hier hatte Theo Cremer das erste Mal so richtig Angst. In der Wüste gab es keine Vertiefungen, und so drückte er sich in den Sand und ertrug rechts und links die Einschüsse. Gott sei Dank wurde er nicht getroffen. Stundenlang lag er so, bis dieses „Feuerwerk“ zu Ende war. Auf dem Boden robbend, zogen sich die Angegriffenen aus der Gefahrenzone zurück. So ging es mehrere Tage immer ein Stückchen weiter zurück. An Vorwärts war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu denken.
Mittlerweile lag diese Gruppe in einem ausgetrockneten Flussbett, das eine Vertiefung von zehn Metern hatte. Das lästigste hier waren die Fliegen. Vor allem dann, wenn die Soldaten mit ihren Lebensmitteln kamen. Wegen dieser Störenfriede musste man zweihändig essen; mit links das Marmeladenbrot halten und mit rechts die Fliegen vertreiben.
Die Engländer waren sich ihrer Sache sicher. Sie hatten genügend Distanz, waren aber in sichtbarer Nähe. Das Flimmern der Luft in der Wüste suggerierte, dass sie näher schienen. Doch stellten nächtliche Spähtrupps von deutscher Seite eine viel größere Entfernung fest. Sie taten nur so viel wie nötig, um sich die Deutschen vom Leibe zu halten. Morgens und abends schossen sie mit Geschützen, in der Zwischenzeit geschah nichts. Die Deutschen konnten auch nicht viel tun, weil sie wenig Munition und Material hatten.
So zog sich das Spiel zwischen dem deutschen „David“ und dem englischen „Goliath“ bis in den Herbst. Große Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht taten ihr Übriges. Theo Cremer vertrug diese Tortur sehr gut, aber im Oktober, mit Beginn der Regenzeit, traten bei ihm starke Halsschmerzen auf. Diagnose „Diphterie“. Auf dem Verbandsplatz kam noch Ruhr (Durchfall) hinzu. Eins kam zum anderen, und so musste der gesundheitlich Angeschlagene Afrika verlassen.
Mit Hilfe der Italiener verließ er Anfang November 1942 den schwarzen Kontinent. Er war froh, dass er diese fünf Monate lebend überstanden hatte.


Brutaler russischer Winter
Es war Nacht und eiskalt. Der Winter des Jahres 1941 hatte Russland überzogen. Ein furchtbarer Winter, wie sich noch herausstellen sollte. Die Deutschen hatten im Juni 1941 die Russen in einem Blitzkrieg bezwingen wollen. Aber es ging nicht so schnell wie man ihnen propagandistisch vorgemacht hatte. Nun waren sie als Eindringlinge mit extremer Kälte konfrontiert. Auch der Infanterist Heinrich Kappelmann harrte in dieser Nacht aus. Er lag in der Gegend von Kursk und Orel. Zwei Namen, die vielen noch Jahre später Schauer über den Rücken jagen sollten.
Seine Stellung befand sich in der Nähe einer Art Schlucht. Eine Geländeformation, die nur einen Ein- und Ausgang hatte. Von dort kam schon seit mehreren Nächten regelmäßig Störfeuer der Russen. Kappelmann konnte nur 15 bis 20 Minuten draußen bleiben, dann flüchtete er in eines der nahegelegenen Häuser. Erst nachdem die Stiefel am Feuer aufgewärmt waren, konnte er sie ausziehen. Gerade die Füße waren bei dieser brutalen Kälte eine Schwachstelle. Wie viele Zehen bei den anderen Männern allein dem Frost schon zum Opfer gefallen waren, darüber mochte er gar nicht nachdenken.
Am Tag konnte seine Einheit das Gelände der Russen gut einsehen. Das wurde auch genutzt, um diesen Bereich mit Sperrfeuer zu belegen. Sinn und Zweck war es, dem Gegner die Basis für die nächtlichen Feuerüberfälle zu entziehen.
Aber das ganze schien wie ein Rätsel. Man sah am Tag niemanden und konnte sich nicht erklären, wo die Russen nachts herkamen. Auch als die Deutschen in einer Nacht nach dem Störfeuer in dieses Gelände eindrangen, konnten sie die Russen nicht finden. Hatten sie sich so gut getarnt oder auf unbekannten Wegen die Schlucht verlassen? Für Kappelmann und seine Kameraden blieb das ein Rätsel.
Das Schlimmste aber war und blieb die Kälte. Den Russen schien sie nichts auszumachen. Wenn die Deutschen draußen an einer Flasche tranken, blieb sie nach kurzer Zeit an den Lippen kleben. Es machte ihnen zu schaffen, dass sie keine geeignete Winterkleidung hatten.
Wenigstens kam man mit der russischen Zivilbevölkerung sehr gut aus. Bei manchen hatte Heinrich Kappelmann das Gefühl, dass sie mehr Angst vor den eigenen Leuten hatten, als vor den Deutschen. Die Bereitschaft, ihr Weniges mit den Deutschen zu teilen, beeindruckte ihn sehr. Wenn er dann mit ansah, wie die russischen Mütter ihre Kinder draußen in einem zwar geschützt gelegenen aber nicht zugefrorenen Bach im Freien wuschen, konnte er sich schon eher ihre abgehärtete Natur erklären. Jedes Mal schauderte es ihn vor Kälte, wenn er das sah.
Kappelmann verbrachte mehrere Wochen dort, bevor es weiterging. Erst als die Schneeschmelze kam und die Temperaturen stiegen, lief es auch bei den Kämpfen wieder besser. Doch nach dem Weggang des Schnees schien dort eine völlig andere Gegend entstanden zu sein. Die Schneemassen und der Frost hatten die ursprüngliche Landschaft so verändert, dass man sich woanders wähnte.
Die Zeit blieb nicht stehen, und Heinrich Kappelmann zog mit seiner Einheit 1942 in den Kaukasus. Als „Belohnung“ für seinen Einsatz im Winter 1941/42 erhielt er die Ostmedaille, im Soldatenmund “Gefrierfleischorden“ genannt. Die Freude darüber hielt sich in Grenzen, und sein sehnlichster Wunsch war, diese Tortur nicht noch einmal zu erleben.


Die Fallschirmjägerinvasion
Es war am 24. September 1943, 70 km südlich von Kiew im Dnjeprbogen. Die Russen wollten einen Brückenkopf bilden und planten eine Aktion. Als es dunkel wurde, hörte man Motorengeräusche von Flugzeugen. Plötzlich sah man immer größer werdende Punkte, die als Fallschirme identifiziert wurden. Heinz Hilgers, der dieses Schauspiel miterlebte, schrie sofort „Fallschirmjäger“. Nach dem Alarm ging die Schießerei los. Der junge Beggendorfer wurde mit Leuchtmunition zwischen einzelnen Geschützen der Batterie hin- und hergeschickt. Diese brauchte man, um die Fallschirme besser sehen zu können. Dabei musste er zwischen den gelandeten Russen laufen, was sehr gefährlich war. Sie hätten ihn ja auch angreifen können.
Insgesamt kamen in dieser Nacht 7000 Leute vom Himmel herunter. Viele wurden in der Luft erschossen, manche schrieen im Schweben ‘Pan (Herr), nix bum bum', und andere schafften es, sich sofort zu verschanzen. Viele Tote trugen ein oder mehrere Fallschirmspringerabzeichen, die die Anzahl ihrer Sprünge dokumentierten.
Am Morgen nach der Invasion wurde das Gelände nach feindlichen Soldaten durchkämmt. In Löchern spürte man viele Russen auf und nahm sie gefangen. Doch wurde die Gefahr dadurch nicht beseitigt. Am Mittag des gleichen Tages überfielen gelandete Fallschirmjäger ein deutsches Steyr-Fahrzeug und erschossen einen Soldaten. Das führte dazu, dass ein unübersichtliches Maisfeld durchstreift wurde, um weitere versteckte Russen zu finden. Auch hier wurden viele russische Soldaten niedergemacht, unter ihnen auch Russinnen, die als Funkerinnen zum Einsatz kommen sollten.
Dieser Fallschirmeinsatz brachte letztendlich nicht den gewünschten Erfolg. Neben einer großen Anzahl an Toten, gerieten 400 Soldaten in Gefangenschaft. Einige versteckten sich längere Zeit und kamen erst mehrere Tage später zum Vorschein.
Heinz Hilgers profitierte auf eigentümliche Weise von diesem Erlebnis. Er nahm sich einen halben Fallschirm und schickte ihn in 16 Päckchen in die Heimat. Dort entstanden dann daraus schöne seidene Sachen und damit skurrile Erinnerungen an eine grausame Nacht.


Kamikazeflieger auf Ceylon
Weit herumgekommen ist Mansel Roberts, der ehemalige Angehörige der britischen Streitkräfte. Ob Irak, Palestina, Ägypten, Griechenland, Indien oder Südafrika, von 1938 bis 1945 erlebte er eine aufregende und gefährliche Zeit. Eine Station auf diesem langen Weg war Sri Lanka, das ehemalige Ceylon.
Mit einem Flugzeugträger fuhr seine Schwadron u.a. von Ägypten durch den Indischen Ozean. An Bord Kisten, in denen Flugzeuge in Einzelteilen verstaut waren. Während der Fahrt montierte man zwölf Flugzeuge für den späteren Einsatz zusammen. Der Auftrag bestand darin, Ceylon vor den Japanern zu sichern.
In Colombo angekommen, ließen die Japaner nicht lange auf sich warten. Im April 1942 bombardierten sie mit Hunderten von Flugzeugen die Insel. Es kamen drei Flugzeugträgerbesatzungen mit leichten Maschinen aus Magnesiummetall. Wenn sie getroffen wurden, gingen sie sofort in Flammen auf. Sie stürzten entweder ins Meer oder auf die Erde. Später fand man einige dieser Maschinen in den Urwäldern der Insel; Maschine und Pilot steckten im Boden.
Die Japaner waren sich darüber bewusst, dass sie nicht genügend Treibstoff an Bord für den Rückflug hatten. Sie nahmen somit den Verlust aller Maschinen und Piloten in Kauf. Nach vier Stunden war alles vorbei. Etwas später - so erinnert sich Mansel Roberts - gaben die Briten bekannt, dass 812 Maschinen abgeschossen oder abgestürzt waren. Für ihn eine schreckliche Vorstellung, einen solch´ hohen Blutzoll für einen Angriff zu zahlen.
Der junge Engländer blieb insgesamt neun Monate auf Sri Lanka und verließ die Insel Anfang 1943 - natürlich auf Befehl - in Richtung Südindien.


Rettungsaktion im Eiswasser
Oberleutnant Vogel war wieder einmal Herr der Lage. Als Kommandant des Minensuchbootes M 205, versah er in diesem Winter des Jahres 1942 im nördlichen Norwegen seinen Dienst. Auf dem Weg von Harstadt nach Trondheim gab´s ihn wieder einmal Fliegeralarm. Schnell hatten seine Mannen ihre Gefechtsstationen bezogen. Glücklicherweise handelte es sich nur um ein deutsches Aufklärungsflugzeug vom Typ BV138; sie brauchten also keine Angst zu haben.
Dann ging alles sehr schnell. Das Flugzeug setzte parallel zum Kurs seines Bootes zur Notlandung an. Also schien mit ihr etwas nicht in Ordnung zu sein. Als es nur noch zirka 50 Meter entfernt und auf der Höhe von M 205 war, kippte es plötzlich nach vorne und tauchte zunächst nur mit den Kufen tief ins Wasser. Zwei der drei Besatzungsmitglieder schafften es, die Maschine zu verlassen und mussten ins kalte Wasser springen. Dem Kommandanten war klar, dass eine Rettungsaktion wegen der niedrigen Wassertemperaturen schnell gehen musste. Zwei bis vier Grad Wasser konnte man lebend nur einige Minuten überstehen. Darum manövrierrte er das Boot rasch in die unmittelbare Nähe der Verunglückten. Sie waren nur noch in Griffweite entfernt. Schon nahte Hilfe in Form des Matrosen Reinhard Wöbker. Er kletterte über die Reling und machte Anstalten, sich auf die Scheuerleiste zu stellen. Von dort hoffte er den ersten der gestrandeten Leute greifen zu können. Doch dazu kam es nicht. Das Eis auf der Leiste verhinderte einen festen Stand, und bald fand sich der junge Matrose unter der Wasseroberfläche wieder. In seinem Kampf, wieder über Wasser zu gelangen mischten sich Gedanken wie „das war´s“ und eine gewisse Panik. Als er trotz seiner wasserschweren Montur in direkter Nähe der beiden Flieger wieder auftauchte, bemerkte er, dass einer der Hilfesuchenden schwer verletzt war. Schnell besann sich Wöbker wieder auf seine Absicht, den beiden zu helfen. Er packte den Verletzten am Kragen seiner Lederjacke und spürte unmittelbar danach etwas Hartes in seinem Rücken. Das war der Bootshaken, den seine Kameraden zur Rettung der drei einsetzen wollten. Dieser Haken hielt den unfreiwillig gestrandeten Matrosen über Wasser und automatisch mit ihm auch den verletzten Flieger. Ein Schlauchboot machte bald alles klar, und die drei entkamen rasch dem lebensbedrohlichen Eiswasser.
Wie schnell einmal wieder ein Flugeinsatz im Krieg ein jähes Ende finden konnte, mussten die beiden Notgelandeten durch diese Situation schmerzlich erfahren. Kurz nach dieser Rettungsaktion war ihre Maschine untergegangen und hatte das dritte Besatzungsmitglied mit in die Tiefe genommen. Er hatte also den Angriff eines englischen Moskitoflugzeuges, das die Kufen der BV138 durchlöchert hatte, mit dem Leben bezahlt. Bei dem Verletzten stellte der Bordarzt einen völlig zerfetzten Arm fest. MG-Kugeln hatten diesen so zugerichtet. Dem Pilot hingegen war nichts weiter passiert.
Das Boot von Oberleutnant Vogel befand sich unterdessen wieder in voller Fahrt in Richtung Trondheim. Schließlich brauchte der Schwerverletzte schnelle Hilfe.
Unterdessen saß Matrose Reinhard Wöbker, in eine Decke gehüllt, unter Deck und wollte sich aufwärmen. Normalerweise machte ihm ein unfreiwilliges Bad nichts aus. Nur die extrem tiefen Temperaturen hatten ihm gezeigt, wie schmal die Gratwanderung zwischen Leben und Tod sein konnte.


Heimat-Explosion
Albert Neuwald befand sich im Einsatz in Rumänien. An einem Tag im August 1944 hatte eine russische Kugel eines seiner Kniegelenke erwischt. Nun war er mit Hilfe von zwei Stöcken auf dem Weg zum Verbandsplatz. Er humpelte und konnte natürlich nicht auftreten. Als er ein weiteres Mal versuchte, einen Schritt vorwärts zu kommen, gab es eine große Explosion. Er stürzte zu Boden und blieb eine Zeit lang liegen. Der Stiefel war aufgerissen, und Albert Neuwald war völlig benebelt. Als er sich wieder langsam zu orientieren begann, wurde ihm klar, dass er auf eine Mine getreten war. Das heißt, wenn er sie voll erwischt hätte, wäre er mit Sicherheit tot gewesen. Er musste die Mine wohl nur leicht gestreift haben. Eine andere Erklärung gab es nicht; denn er hatte die Explosion ohne größere Verletzung überstanden.
Langsam kroch er auf allen Vieren in Richtung Hauptverbandsplatz. Er hatte Glück und traf unterwegs einen Sanitäter, der ihn mit einem Krad (Motorrad) zur nächsten ärztlichen Versorgung brachte. Für ihn bedeutete der Knieschuss den Abtransport in die Heimat. Ausgestattet mit zwei Krücken, setzte man ihn in einen Lazarettzug, der ihn über zahlreiche Stationen bis Liegnitz/Schlesien brachte. Dort blieb er bis Januar 1945.
Bekanntlich wurde der Osten Deutschlands im Januar 1945 evakuiert, so dass sich auch Albert Neuwald zu diesem Zeitpunkt von Liegnitz verabschiedete. Er kam zum Ersatztruppenteil nach Guben bei Cottbus. Obwohl er noch nicht richtig genesen war - sein Bein war noch steif - erhielt er den Befehl zum leichten Innendienst (z.B. Revierreinigen).
Er wurde beobachtet und man vermutete, dass sein Hinken nur Simulation war. Eine diesbezügliche Untersuchung fand Anfang Februar 1945 in einem Lazarett in Stendal statt. Aber auch hier kam man nicht weiter und setzte den Verletzten in der Küche des Lazaretts ein.
Im Nachhinein betrachtet, war der Kniedurchschuss in Rumänien für Albert Neuwald ein Glück gewesen. Die daraus resultierende „Auftrittsschwäche“ hatte ihm bei der Minenexplosion praktisch das Leben gerettet. Die anschließenden Lazarettaufenthalte bedeuteten für ihn weiter wertvollen Zeitgewinn. Als dann die Amerikaner bis zur Elbe vordrangen, entfiel die Basis für seinen weiteren Soldateneinsatz.
Es wäre für Neuwald das Happy-End gewesen, wenn die Amerikaner nicht ihre im Osten eroberten Gebiete den Russen übergeben hätten und somit auch er über Nacht zu den Russen kam. So stellte sich auch für ihn die Frage, was er machen sollte. Er wollte auf keinen Fall bei den Russen bleiben und plante mit einem Kumpel die Flucht.
Bei Nacht und Nebel machte er sich auf den Weg und erreichte glücklich die amerikanische Zone bei Oebisfelde. Er war dort nicht allein; viele andere Ost-Flüchtlinge waren ebenfalls dort. Alle wollten nach Westen und das große Durcheinander für eine günstige Gelegenheit nutzen.
Albert Neuwald schaffte auch von dort den Absprung, d.h. er erwischte einen Zug in seine Heimatstadt Essen. Obwohl er keinen Entlassungsschein hatte, wurde er dort - auch wegen seines steifen Beines - registriert und entging einer Gefangenschaft.
Die lange Irrfahrt fand endlich ein glückliches Ende. Sein steifes Bein blieb ihm noch lange Jahre als „Souvenir“ erhalten. Erst dank intensiver Heilbemühungen konnte er dieses Handicap endlich überwinden.


Der Sprung aus der Hölle
Pausenlos donnerte die Stalinorgel von Land und die Kompanie erlebte Fürchterliches. Paul Jung gehörte an dieser Stelle des russischen Nordabschnittes zur Vorausabteilung und war als Kradmelder eingesetzt. Schon acht Tage ging das so. Aber auch von Leningrad aus schlugen Geschosse der 38 cm-Schiffskanonen ein und sorgten für weitere Verluste. Dazu kam noch die Dezember-Kälte, die auf die Moral drückte.
Der junge Boschelner hatte von 1941 bis 1943 bei den Daimler-Benz-Werken in Berlin auf dem Prüfstand für Flugmotoren gearbeitet. Siebenmal wurde er wegen seiner hohen fachlichen Qualifikation zurückgestellt. Aber dann kam doch der Einberufungsbescheid, und nun befand er sich in Russland. Mittlerweile hatte er das EK 1 (Eisernes Kreuz), weil er während eines Einsatzes seinen Kompaniechef gedeckt hatte. Doch das war jetzt nicht mehr wichtig. Er wollte nur weg von dort und suchte nach einem Weg.
Nachdem etwas Ruhe eingekehrt war, zeigte die grausame Bilanz, dass von 150 Leuten 144 gefallen oder verletzt waren. Das sprach eine deutliche Sprache. Dieser „kümmerliche Rest“ kam danach zu einer neuen Kompanie und harrte dort der weiteren Dinge.
Paul Jung wurde eines Tages von seinem Stabsfeldwebel aufgefordert, auf einem Baum einen Antennendraht zu befestigen. Der Vorgesetzte wollte also nicht nur die „Musik der Stalinorgel“ hören, sondern auch richtige.
Als er (Jung) oben auf dem Baum war, setzte sofort das Granatfeuer ein. Wahrscheinlich meinten die Russen einen Gefechtsstand zu sehen und reagierten sofort. Aber der Kradmelder wollte nicht für eine provisorische Radioantenne sein Leben riskieren. In dieser Situation kam ihm plötzlich die Idee, so von dem Baum herunterzuspringen, dass er sich verletzen könnte. Jung schaute nach unten und entdeckte eine Wurzel. Diese im Visier nehmend, sprang er hinunter. Und tatsächlich traf er die Wurzel so genau, dass ein starker Schmerz sein Bein durchfuhr. Sofort schrie er, dass er verwundet sei. Ein Kamerad kam schnell herbei und wollte dem Verletzten helfen. Vergeblich versuchte er, den Stiefel von Paul Jungs Bein zu entfernen. Da es nicht ging, stützte er den Verletzten erst einmal ab. In dieser Situation kam ein deutscher Panzer vorbei und hielt sofort an. Er lud den Verwundeten auf und brachte ihn zum Notlazarett ins nahegelegene Luban. Dort war die Sache schnell klar. Die Diagnose lautete Knöchelbruch, und Jung wurde sofort von der Front freigestellt. Er kam in ein Lazarettzelt und harrte dort der weiteren Dinge. Bald erfuhr er, dass in der Nacht vom nahegelegenen Bahnhof ein Lazarettzug nach Deutschland fahren würde. Sofort packte den Verletzte die Idee mitzufahren. Aber wie, das war die Frage?
Der Zufall spielte ihm ein Krankentransportschild zu. Es stammte von einem Schwerverletzten, der neben ihm lag und an diesem Tag gestorben war. Er nahm dieses Schild an sich und hängte es sich um den Hals. Das gab ihm neue Hoffnung.
Gegen Abend begab er sich auf dem Weg zum Bahnhof. Diesen mehrere hundert Meter lange Strecke durch den Schnee legte er mehr auf allen Vieren zurück. Er wollte diese Gelegenheit um nichts in der Welt verpassen.
Als er endlich ankam, wurde ein Wachsoldat auf ihn aufmerksam. Auf die Frage, ob er auch in den Zug wolle, zeigte Jung sein Transportschild und sagte, dass er ja dafür gekommen sei. Mit der Hilfe dieses Soldaten gelangte der Boschelner in den Lazarettzug und belegte eines der begehrten Birkenbetten. Um Mitternacht begann die mehrtätige Reise nach Deutschland.
Paul Jung brauchte nach seiner Genesung nicht mehr nach Russland zurück. Kriegswichtige Arbeiten bewirkten eine weitere Freistellung. Der Sprung aus der Hölle war ihm also wirklich geglückt.

Das Blut der Kameraden
Der Spieß kam in die vorderste Linie, sah seinen Gefreiten und sagte nur: „Houben hast du hier geschlachtet? Wie siehst du denn aus so voller Blut!“ Der Frelenberger entgegnete: „Feldwebel hör auf, hier gibt es nichts zu schlachten, sie sehen doch was hier los ist.“ Er meinte damit die Situation der Verwundeten, die an diesem Februartag des Jahres 1944 in Italien Schlimmes durchzustehen hatten. Theo Houben war als Sanitäter eingesetzt, und er wusste nicht wo ihm der Kopf stand.
Am 20. Februar 1944 war der Angriffsbefehl erfolgt. In der Nähe des Sommersitzes des Papstes bei Castell Gandolfo - genauer gesagt bei Anzio Netuno - wollte die deutsche Wehrmacht Boden gewinnen. Erschwerend kam hinzu, dass sich links und rechts von der umkämpften Straße gefährliche Sümpfe befanden. Wenn da ein Panzer hineingeriet, war er innerhalb von einer Stunde versunken. Der dortige Bereich war auch als Malaria-Gebiet deklariert. Die Soldaten brauchten jeden Tag eine Chinin-Tablette, um nicht krank zu werden. Es war wahnwitzig. Man sah, wie junge Männer nach vorne gingen, und nur wenig später hatten die Sanitäter alle Hände voll zu tun, d.h. wenn es noch Sinn hatte. Verwundete bergen, verbinden und zurückfahren. Die Rot-Kreuz-Fahne sorgte dabei für den eigenen Schutz.
Da für die Deutschen keine Unterstützung aus der Luft kam, gab es schwerste Verluste. Später sollte Houben in Amerika erfahren, dass es nirgendwo anders in einem solch´ kurzen Zeitraum mehr Verluste gab, als im Februar/März 1944 bei Netuno. Ein ganzes Infanterie-Lehrregiment wurde auf einer Breite von 500 Metern aufgerieben. Alles unerfahrene Leute, die blindlings verheizt wurden. Für Hitler schienen Tote und Verwundete anscheinend keine Rolle zu spielen.
Neben der fehlenden Unterstützung aus der Luft, gab es auch keinen Sanka (Sanitätswagen) zur Entlastung der Sanitäter. Der Frelenberger legte die Verwundeten erst einmal auf einen Bahndamm. Dann benutzte er zurückfahrende Panzer, um die stöhnenden Männer nach hinten zu bringen. Einmal machte eine einschlagende Granate einen Panzer zum Grab - für dessen Besatzung und die daraufliegenden Verwundeten.
Drei Wochen war Theo Houben in diesem Teilstück der Italien-Front eingesetzt. Dann gönnte man ihm eine Pause beim Tross bzw. bekam er eine Sturmausbildung. Italien war für ihn nicht nur das Land von Sonne und Oliven, sondern es war eine Offenbarung von brutaler Härte, - einer Härte, die sich durch den hohen Verlust seiner Kameraden äußerte, mit denen seine Hände als Sanitäter in jenen Wochen in Berührung kamen.

Von Engländern versenkt
Hans Frensch aus Übach hat im März 1945 das Ende des Torpedobootes TA 24 hautnah miterlebt. Als diensthabender Maschinist war er an jenem denkwürdigen 18. März 1945 mit dabei. Wie es dazu kam, sei hier geschildert.
Durch die Überlegenheit der Alliierten konnten in dieser Kriegsphase die deutschen Schiffe im Golf von Livorno nur nachts fahren. Frensch erinnert sich daran, wie am Abend des 17. März 1945 die drei deutschen Torpedoboote TA 24, TA 29 und TA 32 ausliefen, um Minensperren zu verlegen. Diese defensiven Unternehmungen waren die einzige Aufgabe, die diese Torpedoboote zu erfüllen hatten. Nach getaner Arbeit gegen 1.30 Uhr wurden zwei englische Zerstörer (Meteor und Lookout) auf die feindlichen deutschen Schiffe aufmerksam. Die Briten machten sich sofort auf den Weg zu ihnen. Als Verstärkung wurden die französischen Schiffe Basquete und Tempete alarmiert. Doch sollten am Ende nur Meteor und Lookout die erforderliche Arbeit leisten, weil sie an Technik und Kraft den Deutschen haushoch überlegen waren.
Die deutschen Schiffe bemerkten das Kommen der Engländer nicht und wurden von ihrer Anwesenheit überrascht. Es entbrannte ein hartes Gefecht, in dessen Verlauf zwar keine Torpedos trafen - weder deutsche noch englische -, aber durch die Nähe der Schiffe gab es viele Artillerietreffer, überwiegend auf deutscher Seite. TA 24 sank, nachdem es von der Meteor den „Gnadenstoß“ erhalten hatte, kurz vor 04.00 Uhr. Die TA 29, die zu Beginn des Gefechtes manövrierunfähig geschossen wurde, lag somit auf dem „Präsentierteller“ und hatte gegen Lookout auch keine Chance. Kurz nach dem Sinken der TA 24, versank auch die stark beschädigte TA 29 als zweites deutsches Schiff. Das dritte Schiff dieses Geleitzuges, die TA 32, entkam nach Genua.
Für Hans Frensch, der mit der übrigen Besatzung der TA 24 um 4.00 Uhr von Bord gegangen war, verbrachte nun vier Stunden in dem 13 Grad kalten Wasser. Erst als es wieder hell war, wurden die gestrandeten Seeleute über Jakobsleitern an Bord der Meteor geholt. Insgesamt konnten 120 von 160 Mann gerettet werden. Als Frensch endlich an Bord gezogen wurde, brach er vor Erschöfpung bewusstlos zusammen. Er lag einige Stunden auf einer Bank, eingehüllt in eine weiße Wolldecke, bis er wieder zu sich kam.
Über Cannes gelangte er in das berüchtigte französische Camp 404. Hier waren 160 000 Kriegsgefangene in 20 Camps interniert.
Er erlebte, wie zwischen deutschen Kriegsgefangenen „verschiedener Kategorie“ große Unterschiede gemacht wurden. Als Mariner zählte er zu jenen, die am besten behandelt wurden. Es waren aber auch SS-Leute interniert, die es deutlich schlechter hatten und auch viel geschlagen wurden. Er traf dort zufällig den Übacher Heinz Gresenz, der zu den Schlechterbehandelten zählte. Da Frensch dem Arbeitskommando angehörte, konnte er ihm ab und zu etwas Essbares zukommen lassen und ihn so vor dem sicheren Tod bewahren.
Im September 1947 kehrte Hans Frensch aus französischer Gefangenschaft heim. Trotz Krieg und dessen Umstände war für ihn die direkte Zeit bei der Marine die schönste seines Lebens gewesen.

Sturm aus dem Kessel
Eine weitere sehr nahegehende Geschichte von Pater Hans Weßling, die ein entscheidendes Kriegserlebnis schildert:
„Wo sind die Kameraden vom vierten Zug? - Wo ist Alex mit Hans Loos und Hans Linz... Wo ist unser Chef, Oberleutnant Crux?“ Ein banges Fragen und ein ungeduldiges, langes Warten. Erst am späten Nachmittag des 20. Juli erhalten wir die Antwort. Während ich in der Nacht zuvor die Kameraden vom 2. Zug von Pleskau abholte, musste Oberleutnant Crux plötzlich mit dem vierten Zug in Bereitstellung gehen. Sie waren einem russischen Spähtrupp in die Falle gegangen. Eine Möglichkeit sich zu befreien gab es nur, indem sie zwei von drei Geschützen sprengten, um diese nicht in russische Hände fallen zu lassen.
Erleichterung bei uns, als sie wieder auftauchen. Unsere Freude sollte nicht lange anhalten. Wir sind uns bewusst, dass schnellstens gehandelt werden muss. Die Russen sind uns auf den Fersen. Vor uns liegt, in nicht weiter Ferne, ein kleines Dorf. Es scheint menschenleer zu sein. Da müssen wir durch. Wie wir uns dahin aufmachen, sehen wir in der Abenddämmerung von weitem, wie russische Infanteristen die Straße, die zu diesem Dorf führt, überschreiten. Uns fährt der Schreck in die Glieder. Wir sitzen in der Falle. Den großen Kurlandkessel verspüren wir noch nicht hautnah. Schlimm ist es aber sehen zu müssen, dass wir hier, vor diesem kleinen Dorf, ganz offensichtlich eingekesselt sind. - Wir, das sind die Kameraden vom zweiten und vierten Zug der leichten Flakabteilung 4/834, ausgerüstet jetzt nur noch mit vier leichten 2cm Flak-38-Geschützen und drei Geländefahrzeugen. Etwa 25 bis 30 versprengte Infanteristen haben sich uns angeschlossen. Wehmütig erzählt mir einer von ihnen, ein 18jähriger, von daheim, von der Mutter.
Sobald die Dunkelheit perfekt ist, gibt es nur eine Rettung; ein Sturmlauf durch das menschenleere Dorf. Verzweifelt stürmen wir los. Die ersten Häuser brennen. Nur weiter durch das Feuer. Ich weiß nicht, wie oft es in dieser Nacht von meinen Lippen kommt: „Mutter der Barmherzigkeit bitte für uns, bitte für uns.“ Unser energisches Auftreten, unser Schreien, unser Stürmen muss den Russen einen gehörigen Schock versetzt haben. Ihr Widerstand verstummt immer mehr. Wir rennen buchstäblich durch das Dorf. Dann weiter, weiter, immer weiter. Als der Morgen anbricht, sinken wir irgendwo am Straßengraben nieder, erschöpft, doch wir sind gerettet. Mehrere Verwundete haben wir mit durch das Feuer gebracht. Einen Kameraden konnten wir nur tot aus dem Kessel herausbringen. Es ist jener junge Infanterist, der sich wehmütig an meine Seite geschmiegt hatte. Irgendwo am Wegesrand schaufeln wir ihm ein Grab. Tief erschüttert sind wir alle. „Vater unser,“ bete ich vor. Die Stimme erstickt mir in Tränen. Dann schaufeln wir das Grab zu. Seine Erkennungsmarke habe ich gerettet. Ich werde sie später unserem Spieß weitergeben.
Sechs Wochen nach dem Sturm durch diese feurige Nacht, heftet unser Regimentskommandeur, Generalmajor Bulla, mir, dem Obergefreiten, das Deutsche Kreuz in Gold an die Brust. Dann befördert er mich auf der Stelle zum Unteroffizier. Ich habe mir nie für meinen Einsatz eine Auszeichnung gewünscht. Aber ich schäme mich nicht dafür, dass man mir das Eiserne Kreuz I. Klasse und das Deutsche Kreuz verliehen hat. Ich bin mir sicher, dass unser entschlossener Gang durch das brennende Dorf uns alle vor der Gefangenschaft in Sibirien bewahrt hat. Und ich bin Gott dankbar, dass er mir Kraft gab, meinen Kameraden hierbei ein Ansporn gewesen zu sein.
Von dem Tag an, da man mich zum Unteroffizier beförderte, musste ich meine Kameraden vom 10. Geschütz verlassen. Ich wurde Geschützführer vom 11. Geschütz und tat dort mit Ernst Haunstetter, einem lieben Kamerad aus München, meinen Dienst.

Havarie beim Minensuchen
Peter Schefer, Angehöriger der Deutschen Kriegsmarine, wurde nach seiner Zeit auf der Scharnhorst zum Minensuchen vor der besetzten französischen Küste abkommandiert. Sein Heimathafen war das bretonische Brest. Da nicht genügend eigene Boote vorhanden waren, wurden häufig einfache Fischdampfer requiriert und mit einer Kanone versehen. Auf diesen Booten fuhr er dann aus, um Minen unschädlich zu machen. Meist galt es Treibminen zu eliminieren, die von Flugzeugen abgeworfen wurden. Jene Minen sollten U-Boote zerstören.
Im März 1944 war er auch mit einem solchen „Kahn“ unterwegs, als englische Tiefflieger angriffen. Es dauerte nicht lange, bis der Ex-Fischdampfer so stark getroffen war, dass er sank. Für Schefer blieb nur noch das Meer. Er klammerte sich an einem Floss und hoffte auf Hilfe. Insgesamt blieb er vier Stunden im Wasser. Der warme Golfstrom sorgte dafür, dass er es so lange im Nassen aushalten konnte. Normalerweise wäre er in Gewässern dieses Breitengrades und zu jener Jahreszeit erfroren. Er hatte Glück, dass ein deutscher Zerstörer auf ihn und die anderen Schiffbrüchigen aufmerksam wurde und sie an Bord nahm. Dort riss man ihm sofort die Kleider vom Leibe und legte ihn auf warme Flurbleche. Danach gab es eine Flasche Rum. Diese Sofortmaßnahme half ihm wieder auf die Beine. Nachdem der Zerstörer die gestrandeten Minensucher in Brest abgeliefert hatte, fuhr Peter Schefer mit dem Lazarettzug nach Rennes. Dort verbrachte er acht Tage in einer Krankenstation. Für ihn war es erstaunlich, dass er keine Erkältung davongetragen hatte.

"Wojena tschjort, Krieg Sch...!"
Josef Schmölders schildert eine weitere Phase seiner Soldatenzeit:
Im Morgengrauen des 14.2.1945 ging ich mit noch vier Kameraden unter starkem Granatwerferfeuer an einen Waldrand. Wir wussten nicht mehr so recht wo Norden war, dort wo hoffentlich die einzige Fluchtmöglichkeit noch bestand. Wieder einmal hörte ich das „Stopfen“ der russischen Granatwerfer, suchte irgendwo Deckung, die wir in dem flachen Gelände nicht fanden. Eine ganze Serie prasselte auf uns hernieder. Rechts und links krachte es. Ich spürte einen Schlag am rechten Oberschenkel, drei Meter neben mir standen zwei Pferde, die von den meisten Splittern getroffen wurden. So kam ich mal wieder mit einer leichten Verwundung davon. Ich erhielt eine Spritze, wurde verbunden und legte mich im erstbesten Haus schlafen. Ich wollte an sonst nichts mehr denken.
In dieser Nacht wurde ich etwas unsanft angebrüllt: „Der Iwan ist durchgebrochen!“ „Verdammter Mist!“ rief ich. Gab es denn keine Ruhe, wurde man nur noch gejagt wie ein Stück Wild? Ich suchte meinen ganzen Fluchtschatz zusammen und begab mich auf den Weg.
Eine Polin kam ganz verstört ins Haus und sagte:
„Ein Russe im Keller“. Sie zeigte mir den Kellereingang. Ich zog meine Pistole und ging vorsichtig die Stufen hinunter. Kerzenlicht und dumpfe Luft flammte mir entgegen. Ich brüllte auf russisch: „Idi suda, ruki wersch!“ (Komm´ zu mir, Hände hoch!)
Eine verschüchterte Gestalt kam mit erhobenen Händen aus einer Ecke angekrochen. Beim Durchsuchen seiner Taschen fand ich eine Eierhandgranate und eine deutsche Taschenuhr, die er sicher einem gefallenen deutschen Soldaten abgenommen hatte. Ich fragte ihn: „Du germanski Soldat sabserab?“ (Sabserab = getötet) „Nijet, nijet,“ beteuerte er. Ich brachte ihn zum Regimentsgefechtsstand. Die Uhr wanderte jedoch in meine Tasche.
Drei Tage hatten wir Ruhe. Der Feind sammelte sich zum weiteren Angriff. Seine Verluste waren sicher enorm, seine Moral bei weitem besser als unsere. Unser Stoßzug, oder was davon noch übrig war, wurde wieder aufgelöst und als Reservegruppe einer Kompanie zugeteilt. Die lag auf einer Anhöhe in Stellung. Am Abend wurden wir nach rechts zu einer Hauptrollbahn in der Nähe des Dorfes Seefeld verschoben. Schon beim Marsch zu diesem Ort wurden wir von russischer Pak unter Feuer genommen. Kaum hatten wir in einem Haus den Kompaniegefechtsstand eingerichtet, als ein Melder atemlos angestürmt kam und schrie: „Sofort raus, der Iwan ist am linken Dorfrand durchgesickert.“ Er selbst haute gleich wieder ab. Mitten durch das Dorf Seefeld riegelten wir die Einbruchstelle ab und warteten auf Verstärkung. Die ganze Nacht konnten wir die Russen mit unseren MGs in Schach halten. Gegen Morgen kamen Pioniere mit Panzerfäusten und Ofenrohren, der Gegenstoß konnte beginnen. Mit meinem neuen Freund Franz stand ich an einer Hausecke als er brüllte: „He Jupp, schau mal nach rechts rüber, dahinten knallen unsere Landser auf etwas Bestimmtes, ich kann von hier nichts sehen!“ Nichts Böses denkend ging ich einen kleinen Hügel hoch, der mir die Sicht nahm. Oh Schreck, etwa 30 Meter vor mir kam in vollem Galopp ein feindliches Pakgeschütz auf mich zugefahren. Zwei Mann saßen auf dem Bock, einer lief hinterher, blieb aber dann zurück. Was sollte ich machen? Nach einer Schrecksekunde ging alles blitzschnell. Ich riss mein Sturmgewehr hoch, traf einen von ihnen, dann sprang ich hinzu und hielt dem anderen das Gewehr vor die Brust. Der arme Kerl vergaß vor Schreck die Hände hochzuheben. Seine Schusswaffe (ein Karabiner), riss ich an mich und gab sie Franz. Der wusste vor Staunen nicht, was er sagen sollte. Es kam ja auch nicht oft vor, dass man ein ganzes Pakgeschütz (Panzerabwehr) mit zwei Pferden und Munition erbeutete. Von links brüllten Kameraden: „Dahinten ist noch einer!“ Ach ja, da war der Russe, der zurückgeblieben war. Er hatte sicher gesehen, was mit seinen Kameraden passiert war und versuchte in einer Mulde zu entkommen. In ein paar Sprüngen hatte ich die trennenden 40 Meter zurückgelegt. Ein Drahtzaun hinderte mich, noch näher heranzukommen, und zehn Meter lagen zwischen uns. Ich forderte ihn auf russisch auf, sich zu ergeben. Sekundenlang blickte er mich mit hasserfüllten Augen an, riss sein Gewehr hoch und wollte auf mich schießen. Mein Sturmgewehr schmetterte los, tödlich getroffen brach er zusammen. Warum hatte er sich nicht ergeben? Hatte er vor uns Deutschen soviel Angst wie wir vor den Russen? Ich kannte ihn doch gar nicht, er hatte mir doch nichts getan. Es war ein einziger Wahnsinn hier draußen. Ich lief zurück und sah den Russen, den ich anfangs getroffen hatte. Er stöhnte vor Schmerzen. Der arme Kerl musste einen Bauchschuss bekommen haben. Ich sagte ihm ein paar tröstende Worte und strich ihm mit der Hand über das Gesicht. Er sagte: „Ouh Pan (Herr), ouh Pan!“ Ich antwortete nur: „Wojena tschjort, Krieg Scheiße!“

Abschied dank „Heimatschuss“
Wer Zahnschmerzen hat, denkt wohl kaum daran in ein fremdes Land zu gehen, um es zu erobern. Die meisten, die das auch ohne Zahnschmerzen taten, machten es auf Befehl. So auch Peter Spätgens, der im Frühjahr 1941 in Ostpreußen stationiert war. Der Befehl lautete: Nach Russland.
Er aber hatte Zahnschmerzen und niemand konnte ihm in der Kürze der Zeit in Ostpreußen helfen. Es blieb nichts anderes übrig, auf nach Russland. Über Litauen ging es nach Lettland, und erst in Repina wurde er durch eine Operation von den Schmerzen befreit.
Spätgens erlebte den harten Winter 1941/42 und trug auch Erfrierungen an Füßen und im Nasenbereich davon. Zur Verwunderung der deutschen Soldaten erbeutete man in dieser Zeit von den Russen deutsche LKWs des Typs Hentschel. Hatte Hitler diese Fahrzeuge an Stalin geliefert, damit er (Stalin) sich besonders sicher mit dem Nichtangriffspakt fühlen konnte? Diese Gedanken gingen den Landsern durch den Kopf.
Am 9.3.1942 wurde Peter Spätgens verwundet. Es passierte bei einem Nahkampfgefecht, d.h. keine 30 Meter entfernt lagen die Russen. Als er gerade eine Zigarettenpause machte, bekam er einen Armdurchschuss. Durch hohen Schnee gelangte er zum Hauptverbandsplatz und wurde behandelt. Der dortige Arzt stellte ihm einen Marschbefehl in die Heimat aus.
Das war aber leichter gesagt als getan. Die Einheit, der Spätgens angehörte, war eingekesselt, weil sich die Russen das Eis des Ilmensees zu Nutze gemacht hatten. Es blieb also nur das Ausfliegen. Der Verletzte erhielt einen Flugschein für einen JU 52-Flug und wartete ab. Plötzlich kam ein ihm Unbekannter und wollte den „Flugschein prüfen“. Arglos händigte Spätgens ihm den Schein aus. Er wusste ja, dass es mit seinem Heimflug seine Richtigkeit hatte.
Als es daran ging endlich abzufliegen, hatte Peter Spätgens seinen Flugschein noch nicht zurück, d.h. er sah ihn nie mehr wieder. Hatte also ein Schwindler das kostbare Papier an sich genommen, um selber aus diesem Teufelskessel zu verschwinden!
Jedenfalls wurde ihm ein neuer Schein ausgestellt, mit dem er zur Weiterbehandlung in die Heimat ausgeflogen werden sollte. Als er endlich den russischen Luftraum verlassen hatte, war er heilfroh. Er weinte Russland nach all dem Erlebten keine Träne nach.
Nach diesem „Heimatschuss“ und der damit verbundenen Verletzungspause musste Spätgens nicht mehr zurück in den Krieg. Am 1.8.1942 erhielt er eine UK-Stellung (unabkömmlich) der Grube Carolus Magnus, die ihn von weiteren Soldateneinsätzen befreite. Endlich lag der Krieg - zumindest der direkte - hinter ihm.

Todesnachrichten
Es herrschte klirrende Kälte draußen. Es wurde hart gekämpft, und die Russen schafften es, Teile einer deutschen Division im Dorf Wehlisch einzuschließen. Unter ihnen befand sich auch Leutnant Hirschberg mit seiner Artillerie-Einheit. In dieser Situation begann für ihn eine der schwierigsten Phasen seines Soldatenlebens.
Insgesamt folgten drei Wochen, die er nie in seinem Leben vergessen sollte. Er stand voll unter Anspannung und hatte eine große Verantwortung. Langsam dezimierte sich die Zahl seiner Soldaten, die auf Grund des ständigen Drucks der Russen fielen oder verwundet wurden. Am Ende blieben von seinen 90 Leuten nur 50 übrig.
Walter Hirschberg oblag neben anderen Aufgaben auch die traurige Pflicht, den Angehörigen in der Heimat zu schreiben. Es waren die gefürchteten Briefe, die jeder Mutter und jedem Vater das Herz anhalten ließ. Wie es an der Front - oder im Fall der Batterie von Walter Hirschberg - aussah, war eine Sache, die Vorstellungen in der Heimat eine andere. Den Angehörigen konnte man nicht mitteilen, dass durch Granaten viele Körper vollkommen verstümmelt worden waren. Konnte man sagen, dass die Toten nicht beerdigt, sondern in der Kälte als Schutzwälle aufgestapelt wurden? Wenn man ein Bein mit einem Schuh herumliegen sah, wem hätte man davon schreiben sollen? Der Leutnant konnte nicht jeden Fall an sich heranlassen, weil es nicht zu verkraften gewesen wäre.
Die Briefe waren letztlich Zeichen der Lage, in dem sich Hirschberg befand. Angesichts der Ereignisse, die sich in diesen drei Wochen in Wehlisch überschlugen, blieben am Ende nur Floskeln. Worte wie „ohne zu leiden“ oder „er hatte einen schnellen Tod“ sollten zu Hause den Schmerz lindern. Aber es entsprach nur selten der Wirklichkeit.
In dieser Phase wurde Walter Hirschberg auch verwundet. Ein Granatsplitter riss seine Kleidung auf und bohrte sich in den Fuß hinein. Als es passierte dachte er, es sei mit ihm zu Ende.
Hirschbergs Einheit - oder der Rest von ihr - hatte dennoch Glück. Von draußen wurde sie von einer anderen Kampfgruppe „rausgehauen“. Über einen gefrorenen Fluss konnte man nach drei Wochen dieses Dorf verlassen. Wehlisch wurde zum Grab für viele Soldaten, und darum wird dieser Name von den Überlebenden nie vergessen werden.
Nach der Verwundung fand Walter Hirschberg in einem Lazarett etwas Ruhe. Doch das Geschehen in Wehlisch ging ihm ständig durch den Kopf. Er musste feststellen, dass der allgegenwärtige Tod ihn doch sehr stark abgestumpft hatte.

Das Ende der U 852
Die U 852, im Juni 1943 in Dienst gestellt, gehörte zu den größten U-Booten der deutschen Kriegsmarine. Die erste Feindfahrt sollte in Richtung Japan gehen. Friedel Schulz gehörte auch zu den Matrosen, die sich Anfang 1944 auf den Weg in den fernen Osten machen mussten. Er führte durch den Atlantik und danach in einem großen Bogen um Afrika. Da die Engländer den Suezkanal kontrollierten, gab es da kein Durchkommen.
Das Boot kam an der Insel Ascension vorbei und steuerte auf Kapstadt/Südafrika zu. Dort befand sich der griechische Dampfer „Pelius“, den das von Kapitän-Leutnant (KaLeu) Eck kommandierte U-Boot angriff und versenkte. Später wurde dem KaLeu, dem Bordarzt sowie dem 2. Wachoffizier der U 852 in Hamburg der Prozess gemacht, weil man ihnen vorwarf, der havarierten Besatzung der „Pelius“ nicht geholfen zu haben.
Nach dieser ersten Aktion tauchte das Boot im Mai 1944 vor Ostafrika auf. In diesem Bereich sah es sich plötzlich mit englischen Fliegern konfrontiert. Sofort musste das Boot alarmtauchen. Mit geöffneten Flutventilen und voller Kraft ging es nach unten. In der Nähe des Bootes explodierten die abgeworfenen Bomben und schüttelten es stark durch. Dadurch erhielten die Entlüftungsventile eine Beschädigung, die fast das Auftauchen unmöglich gemacht hätten. Das Boot befand sich in 200 Metern Tiefe. Mit ihren modernen Ortungsgeräten wussten die Engländer immer, wo sich die U 852 befand. Wenn man das Geräusch eines „an die Bordwand klopfenden Hämmerchens“ hörte, rechnete jeder gleich mit „dem Segen von oben“.
Mit viel Mühe gelang es wieder aufzutauchen. Doch oben ging die Auseinandersetzung mit den englischen Fliegern erst richtig los. Der vorhandene Schaden verhinderte ein erneuten Tauchen, und dadurch musste sich das Boot über Wasser gegen die Angriffe wehren. Der Kommandant versuchte durch hohe Geschwindigkeit keine gute Zielscheibe zu bieten. Er bediente sich aber auch der Bordgeschütze. Dieser Kampf dauerte einen ganzen Tag lang. Es gab Tote und Verwundete. Ständig kamen neue Flugzeuge, und erst als es dunkel geworden war, hatte man Ruhe.
Nun sann die Bootsführung darüber nach, was zu tun sei. Ein Plan, sich in einer Bucht auf Grund zu legen, wurde verworfen. Die Engländer hätten dann mit Sicherheit die Bucht „umgepflügt“ und somit dem Boot den Garaus gemacht. Da die Batterien „abgesoffen“ waren, konnte auch keine Flucht unternommen werden. So entschloss sich der Kapitän, das Boot aufzugeben.
Im Morgengrauen des folgenden Tages schwamm die Besatzung zur nahegelegenen Küste. Ein zurückgebliebenes Sprengkommando sorgte für das rasche Ende der U 852. Im heutigen Somaliland gingen die gestrandeten deutschen Matrosen an Land. Bevor die Engländer eintrafen und die Deutschen festnahmen, verging aber noch ein halber Tag. Gegen Mittag kamen die „Tommys“ in Begleitung von Eingeborenen und nahmen die U-Boot-Leute fest.
Für Friedel Schulz begann nun, wie für viele seiner Freunde, die Nachkriegszeit. Er befand sich zirka zwei Monate später mit vielen anderen der Besatzung in einem Gefangenenlager in der Nähe Londons. Hier schloss sich in etwa der geographische Kreis, der ein halbes Jahr vorher mit der Fahrt in Richtung Atlantik begonnen hatte.

Rückzug in der Kälte
Wieder eine ergreifende Episode aus dem Kriegstagebuch von Josef Schmölders:
Es war der 18.1.1945, die ganze Nacht marschierten wir auf unbekannten Wegen gen Norden. Wir kamen an Krasnosielk vorbei und sahen, wie es lichterloh brannte. Plötzlich ein starkes Motorengeräusch, Schlachtflieger griffen die mit Soldaten und Fahrzeugen vollgestopfte Straße an. Bordwaffengeschosse und Bomben prasselten auf uns hernieder, Granatsplitter flogen durch die Luft, Verwundete schrien auf. Schnell war der ganze Spuk vorbei. Bei der 9. Kompanie war der ganze Führungsstab ausgefallen, entweder tot oder verwundet. Am Nachmittag lag das Gelände um Krasnosielk unter starkem Artilleriebeschuss. Unheimlich schnell musste der Russe, nachdem wir das Kreuzbergtal verlassen hatten, nachgestoßen sein. Die Kompanien unserer Einheit bezogen mal wieder eine sogenannte Auffangstellung. Wir saßen machtlos da und warteten auf Befehle. War überhaupt noch ein Bataillons-Gefechtsstand da? Plötzlich fiel ein Landser in einen Graben und schrie: „Los raus, der Russe ist da“. Alles haute ab, keiner wusste mehr wo vorne und hinten war. Ein Zusammenhalt der Front bestand nicht mehr. Wir ahnten nicht, dass Willenberg und Ortelsburg schon gefallen waren. Zum Rückzug blieb uns nur noch ein kleiner Schlauch offen. Wieder mussten wir durch starkes Artillerie- und MG-Feuer um unser bischen Leben laufen. Die Splitterwirkung der Granaten war durch den hart gefrorenen Boden verheerend. Die Außentemperatur lag bei 25 Grad Minus. Was war hier überhaupt noch ein Menschenleben wert? Wahrscheinlich nicht mehr als ein Insekt, das man zertrat. Herbert, mein Schütze II, brach zusammen. Ein Granatsplitter hatte seinen Oberschenkel durchschlagen, ein anderer Soldat erhielt einen Beindurchschuss. Wir konnten sie beide noch zurückschaffen.
Dieses Trommelfeuer war der helle Wahnsinn. Sechs Mann waren wir noch von unserer Kompanie. Keiner wusste, wo die Einheit mit dem Tross lag. Russische Schlachtflieger flogen mit modernsten neuen englischen und amerikanischen Maschinen pausenlos über uns hinweg; eine Flakabwehr gab es nicht mehr. Wütend warf ich mein MG in eine Astgabel und jagte einen Gurt hinter einer allzu frechen Maschine her. Eigentlich zwecklos, denn nur durch einen Zufall hätte ich sie treffen können. Wieder überkam mich ein Gefühl der Machtlosigkeit. Warum waren keine deutschen Jagdflugzeuge da?
Endlich fanden wir in einem versteckten Dorf unseren Tross. Wir empfingen Munition und MG-Ersatzteile, bekamen etwas zu essen und gingen am 20.1.1945 wieder vor. Was jetzt vorne los war, wusste keiner; es knallte an allen Ecken und Enden, überall brannten Häuser und Scheunen.
Wir hielten ein Forsthaus besetzt und bildeten eine Igelstellung. Doch wo hatte man uns hingestellt? Eine Waldschneise, nur Bäume, keine 20 Meter Blickfeld. Wer hatte so etwas Hirnverbranntes befohlen? Die anderen Einheiten hatten sich in der Nacht abgesetzt; wir sollten hier die Russen erwarten und aufhalten.
Ein Spähtrupp wurde ausgeschickt. Er stellte fest, dass das Gelände noch etwa 500 Meter vor uns feindfrei war. Etwa zwei Stunden warteten wir vergebens auf einen Angriff der Russen.
Plötzlich auf der rechten Seite eine mächtige Knallerei. Handgranaten wurden geworfen, man hörte das langsame Knattern der russischen MGs, Geschosse pfiffen an uns vorbei. Mein MG konnte ich in dem hohen Schnee nicht richtig in Stellung bringen. Kämpfend zogen wir uns zurück, nur raus aus diesem elenden unübersichtlichen Wald.
Sofort hatte der Russe Pakgeschütze - wir nannten sie „Ratsch-Bum“ (Abschuss und Einschlag war nur ein Knall) in Stellung gebracht und jagte Granate auf Granate hinter uns her. Man musste den Russen bewundern, wie schnell er bei dem Schnee seine schweren Waffen nachzog.
Der Wald hörte nach etwa zwei Kilometern auf, man sah nur noch freies Gelände. Warum konnten wir hier nicht in Stellung gegangen sein? Viele Opfer wären uns erspart geblieben. Wir hatten bei den Kämpfen um dieses Forsthaus 11 Tote, 30 Verwundete und eine nicht feststellbare Anzahl von Vermissten. Diese Art von Kriegführung konnten wir nicht verstehen.
Ein Kamerad aus dem schönen Städtchen Kleve am Niederrhein kehrte nicht mehr zurück. Er gehörte zu den Vermissten, die wohl nie mehr ihre Heimat wiedersehen sollten. Ich dachte, wann wird mich wohl endlich der Teufel holen? Bei soviel Remmidemmi hält's doch keiner lange aus.
Am Abend, nachdem unser nur noch 12 Mann starke Stoßzug einen Stützpunkt besetzt hielt, kam der Befehl zum Absetzen. Wir sollten uns auf eine gut ausgebaute Linie, 33 km vor der deutschen Reichsgrenze zurückziehen und die „Stellung“ endgültig halten. 20 km schleiften wir in der Nacht unsere übermüdeten Körper bis zur neuen Linie, die an einem zugefrorenen Fluss lag. Wir erhielten saures und eiskaltes Essen. Das gefrorene Brot bewirkte Leibschmerzen. Die allgemeine Stimmung sank auf den Nullpunkt. Mein neuer Kamerad Eugen Wende hatte noch den meisten Humor; er lachte und witzelte immer wieder. Von diesem Tag an sah man drei Soldatenfreunde stetig zusammen, Eugen Wende, Otto Walbersdorf, den wir scherzweise „Oma“ nannten, und mich.
Unsere Hoffnung auf etwas Ruhe und Schlaf wurde durch einen Befehl zunichte gemacht. Der Stoßzug hatte jetzt die unangenehme Aufgabe, die Nachhut zu bilden. Den Russen sollten wir 500 m vor einem Fluss erwarten, anschießen und uns dann auf die eigentliche Hauptkampflinie (HKL) zurückziehen. Da der Feind in der Nacht sowieso nicht zu erwarten war, stellten wir einen Posten auf und legten uns hundemüde in den Straßengraben. Kälte und Schnee spürten wir nicht mehr.
Der Morgen kam. Krachend, mit gewaltigem Getöse flog hinter uns die Brücke in die Luft. Wir sollten uns später über den zugefrorenen Fluss zurückziehen. Den ganzen Morgen erwarteten wir vergebens den Feind.
Gegen Mittag kamen uns auf der geteerten Straße zwei Soldaten in weißen Tarnanzügen entgegen. Sie machten den Eindruck totaler Betrunkenheit. „Oma“ Walbersdorf meinte, die sähen ja wie Deutsche aus. „Quatsch“, brüllte ich, griff zum erstbesten Gewehr, nahm einen aufs Korn und drückte ab. Ich sah noch, dass er zusammenbrach und sich in den Straßengraben rollte. Jetzt wurden wir sofort von russischen MPi's begrüßt. Ich sprang hinter meinem Maschinengewehr und hielt die Russen mit einigen Feuerstößen in Schach. Wir zogen uns über den Fluss am Uferhang zurück. Zwei Mann von unserer Truppe kamen der Sprengstelle zu nahe und brachen ein. Unter starkem Beschuss zogen wir die beiden, ohne eigene Verluste wieder raus.
Sofort hatte der Russe Pakgeschütze und Granatwerfer in Stellung gebracht, und belegte unser Wäldchen mit Granaten. Ein Kamerad fiel, ein anderer wurde verwundet.
Nachts wurde unsere kleine Gruppe als Reservegruppe einer fremden Kompanie zugeteilt. Gott sei Dank konnten wir schlafen. Doch was war mit mir los? Meine ganze Sicherheit hatte mich verlassen. Ich war unruhig, fand keinen Schlaf. Ich bildete mir ein, morgen bist du dran, morgen holt dich der Teufel. Doch jagte ich die schlimmen Gedanken fort und zwang mich zur Ruhe. Wenn's mich bei Zambrow im wahnsinnigsten Trommelfeuer nicht erwischt hatte, würde wohl auch hier alles gutgehen.
Endlich war die Nacht mit den quälenden Gedanken vorbei. Schon sehr früh deckte der „Iwan“ das Gelände mit Pak und Granatwerfer ein. Gegen 9 Uhr kam plötzlich der Befehl: „Alles sofort absetzen und so ungesehen wie möglich!“
Ich musste an die dummen Gedanken der Nacht denken. Einzeln sprangen wir über die Straße, die vom Feind eingesehen werden konnte. Vereinzelt schlugen Granaten ein, doch das störte wenig. Andere Gruppen von der linken Seite kamen uns entgegen, alles lief auf einen Haufen zusammen. Auf meine Ermahnung, doch auseinander zu gehen, hörte man nicht. Die Landser waren stur.
Ich ging nach rechts von dem Haufen weg damit nicht durch mögliche Granatentreffer gleich eine große Anzahl von Leuten ausfiel. Etwa 20 Meter war ich von meinen Kameraden entfernt, als 8 m neben mir eine Granate einschlug. Ich spürte einen Schlag und Schmerzen am rechten Oberarm. Warmes Blut lief herunter. Durch den Schock fing ich an zu laufen und war bald wieder bei meinen Kameraden. Also hatte ich doch etwas geahnt; die Besorgnisse der letzten Nacht waren kein Trug gewesen. Ich war froh für diese leichte Verwundung, weil ich dadurch einige Tage von dem Kampfgetümmel Pause machen konnte.
Nach etwa drei Kilometern Marsch passierte ich die deutsche Reichsgrenze nach Ostpreußen. Es muss wohl zwischen den Städten Allenstein, Ortelsburg in Richtung, Bischofsburg, Heilsberg entlang der heutigen polnischen Nationalstraße Nr. 599 gewesen sein. Der Fluss mit der gesprengten Brücke musste „Omulew“ heißen. Mit einem Panjefahrzeug fuhr man mich zum Hauptverbandsplatz, den ich am Abend erreichte.
Nach einer kurzen Untersuchung wurde der Verband erneuert. Ich erhielt eine Tetanusspritze und zehn Tage Ruhe beim Tross. Mehr war auch wohl im Hinblick auf die allgemeine Lage nicht zu erwarten.
Drei Tage irrte ich daraufhin umher und fand endlich unseren Tross. Kanonendonner und Geschützfeuer begleitete uns von allen Seiten. Der Russe nahm uns in die Zange. Ich erlebte jetzt hier beim Rückzug die großen Leiden der Zivilbevölkerung. Unvorstellbar was sie bei Kälte und Schnee erleiden mussten. Alles floh vor den Russen mit Pferdefuhrwerken, Handwagen, zu Fuß oder mit Schlitten. Was später zu schwer wurde, landete im Straßengraben. Dass wir dies alles unserem „heißgeliebten Führer“ zu verdanken hatten, konnten oder wollten wir damals nicht glauben.
Zu essen hatten wir in diesem Dilemma reichlich. Unglaublich, was die Bevölkerung an Nahrungsmitteln zurücklassen musste. Die Straßen und Rollbahnen waren vollgestopft mit Flüchtlingstrecks. Tag und Nacht ging die Fahrt immer nordwärts, dem - so glaubte man - rettenden Meer entgegen.
Am 3.2.1945 ging ich in der Nacht wieder vor zu meinen Kameraden. Die Trossleute hatten mir ein nagelneues Sturmgewehr geschenkt. Ein kleines handliches MG, für das ich keinen Munitionsträger mehr brauchte. Die Wiedersehensfreude meiner Kameraden, besonders Eugen Wende und „Oma“ Walbersdorf, war groß. Sie empfingen mich mit einer Flasche Schnaps. Ich ließ mich nicht nötigen und trank etwas mehr als einen Schluck. Weiß der Teufel wo sie das Zeug her hatten, aber verdammt gut war er schon.
Leider waren in den Tagen wieder einige von den Alten im Feld geblieben, darunter mein letzter Schütze II, Herbert Minke, dem ein Splitter im Schlaf die Schädeldecke aufgerissen hatte. Die jetzige Stellung lag in der Nähe von Heilsberg, das schon mehrmals den Besitzer gewechselt hatte.
Das ganze Gelände, eine Höhe von der wir auf die Stadt Heilsberg schauen konnten, belegte der Russe am Morgen mit Granaten. In einem von uns besetzt gehaltenen Dorf links von uns fand eine wüste Knallerei statt. Schlacht-Gebrüll des Feindes. Er brach ein und versuchte uns einzuschließen. Wir mussten zurück, MGs schossen hinter uns her. Neben mir schrie einer auf. Er erhielt einen Beinschuss und wurde weggeschafft. Unser Leutnant kam mit einem Armschuss davon. Der sogenannte Stoßzug war weiter zusammengeschmolzen. Der Kessel Ostpreußen wurde immer kleiner. Nachschub an frischen Truppen gab es nicht. Die dabei waren, hatten immer mehr die „Schnauze voll“. Der Russe stand vor Königsberg und Elbing. Nur über den Seeweg konnte man noch Hoffnung haben, dem Inferno zu entkommen. Gegen Abend sammelten wir uns auf einem Gutshof. Unser Regiment, es waren keine 30 Mann mehr, wurde aufgelöst und innerhalb der Division verteilt. Gegen Morgen gingen unser Bataillons-Kommandeur, zwei Landser und ich rückwärts zum Gefechtsstand. Kaum hatten wir das Gut verlassen, als drei Meter vor uns eine Granate einschlug. Splitter zischten uns um die Ohren. Doch wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt.
Unser Stoßzug wurde zum Gefechtsstand als Reserve zurückgezogen, um im Falle eines Durchbruchs sofort eingreifen zu können. Wir konnten schlafen und uns nach den Anstrengungen des Tages etwas ausruhen. In der Frühe ging die Ballerei wieder los. Eine 8,8-Flakbatterie und ein paar Sturmgeschütze verhinderten einen wesentlichen Durchbruch des Feindes. In einem Dorf an der rechten Seite brannten fast alle Häuser. Alleinstehende Bauernhöfe gingen durch den starken Beschuss in Flammen auf. Die Verluste unsererseits waren gering. Der Bataillons-Gefechtsstand wurde noch weiter rückwärts verlegt. Nachts erhielt unser Stoßzug den Befehl einen Spähtrupp gegen eines der vom Feind besetzten Häuser zu unternehmen. 15 Mann wurden ausgesucht. Eugen Wende und ich wurden nicht mit eingeteilt. Welches Glück wir hatten, wussten wir erst ein paar Stunden später. Das Unternehmen sollte durch ein Pakgeschütz unterstützt werden. So gegen ein Uhr nachts verabschiedete sich „Oma“ Walbersdorf von uns und sagte: „Jetzt holen wir uns einen schönen Heimatschuss“. Wir wünschten noch Hals und Beinbruch, ahnten aber nicht, dass es der letzte Gruß an einen lieben Kameraden war. Wir warteten drei bis vier qualvolle Stunden. Endlich gegen Morgen kamen die restlichen Leute niedergeschlagen zurück. Alles war schief gelaufen; Vier Kameraden blieben gefallen draußen liegen, drei wurden schwer verwundet. Erreicht hatte man nichts. Unter den Gefallenen auch „Oma“, unser bester Kamerad. Er hatte seine Hilfsbereitschaft mit dem Leben bezahlt. Bedenkenlos war er aus seinem schützenden Erdloch gesprungen, um einen verwundeten Kameraden zu helfen. Dabei erwischte ihn die tödliche Kugel. Der Verlust traf uns alle schwer. Es war einfach unfassbar. Sechs mal war er schon verwundet gewesen, kein Trommelfeuer konnte ihm etwas anhaben, und bei einem vergleichsweise so lächerlichen Unternehmen musste er fallen...

Raus aus dem Tscherkassy-Kessel
Vom Flugplatz in Korsun starteten Anfang 1944 zwölf JU 52-Maschinen, um Verwundete aus dem Gebiet Tscherkassy auszufliegen. Als sie in der Luft waren, wurden drei von russischen Jaks angegriffen und abgeschossen. Für die an Bord befindlichen Menschen der abgeschossenen Flugzeuge war es ein Ende mit Schrecken. Für die um Tscherkassy weilenden zirka 54.000 deutschen Soldaten wurde dadurch ihr Dilemma noch deutlicher. „Der Iwan“ hatte sie eingekesselt und versuchte jeden Ausbruchsversuch der Feinde, ob am Boden oder in der Luft, zu vereiteln.
Doch mussten die Deutschen aufs Ganze gehen, um aus dem Tscherkassy-Kessel herauszukommen. Auch Heinz Hilgers war einer der Eingeschlossenen, und zwei Tage vor dem Ausbruch vollbrachte er die von seinen Kameraden vielgerühmte Tat, einen tieffliegenden Schlachtflieger (Iljuschin 2) mit dem MG abzuschießen.
Gegen 23.00 Uhr am 17.2.1944 begann die Ausbruchsoperation. Hilgers fuhr ein Fahrzeug durch die schlammigen Wege. Es lag zwar Schnee, aber der Boden war noch oberflächlich aufgeweicht. Mittlerweile hatte sich Hilgers von seinem Fahrzeug trennen müssen und in die Luft gesprengt. Es war damit kein Weiterkommen möglich. Er musste zu Fuß weiter. Einmal hatte er Glück gehabt, dass ihn drei vorbeikommende russische T 34-Panzer nicht gesehen hatten. Das hätte leicht ins Auge gehen können.
Dann begleitete er ein Pferdegespann, das bald in einer Schneewehe stecken blieb. Hilgers zerrte an dem Pferd und konnte dadurch das Tier bewegen, den Karren weiterzuziehen. Dabei rutschte er aus und wäre um ein Haar von dem Wagen überfahren worden.
Morast und Kälte erschwerten das Fortkommen sehr. Bald bedeutete ein 30 Meter breiter Fluss ohne jegliche Brücke ein fast unüberwindbares Hindernis. Er lag am Rande des Kessels und schuf die Aussicht, nach dessen Überwindung endlich dem Inferno zu entkommen. Aus dem Hintergrund wurden die Flüchtigen von den Russen beschossen. Das erschwerte die Flußüberquerung zusätzlich.
Zuerst versuchte er, die Meldetasche und den Koppel über den Fluss zu werfen. Das gelang aber nicht. Es war eine verzweifelte Situation, und es gab einige Soldaten, die nicht mehr weiter wollten. Sie wählten den Freitod, in dem sie sich z.B. auf eine Handgranate legten und abzogen. Es half nichts, man musste durch den eiskalten Fluss. Zuerst hielt sich Hilgers an einem Geschützwagen fest, und den Rest schwamm er. Getrieben von den Schüssen der Russen erreichte er das andere Ufer. Andere wurden getroffen und starben, Heinz Hilgers hingegen hatte Glück gehabt. Nach einigen Metern an Land war er bald so steif wie ein Brett. Die Nässe in den Kleidern und die Kälte zeigten schnell ihre Wirkung.
Die Kräftigeren liefen so gut sie konnten weiter, die Schwerverletzten blieben liegen und ergaben sich ihrem Schicksal. Hilgers entging dem Erfrieren, weil er in Bewegung blieb. Seine Erfrierungen 1. und 2. Grades, die er an seinen Gliedmaßen zurückbehielt, bemerkte er erst später im Lazarett. Aber noch wurde er gehetzt, und einige Tage war er noch unterwegs. Obwohl total erschöpft, wurde er immer angetrieben. Er war oftmals so weit, sich einfach hinzulegen und nicht mehr aufzustehen. Aber die Motivationen von Kameraden sorgten dann dafür, dass er sich nicht aufgab. Mit letzter Kraft schaffte er es bis zur Sammelstelle in Uman. Es hatte ihm zwar niemand den Weg gezeigt, aber er erreichte irgendwie trotzdem sein Ziel. Nun hatte er die Gewissheit, dem Kessel entkommen zu sein, so wie zwei Drittel der Eingeschlossenen.
Ihm kam es vor wie ein Wunder. Doch als er hörte, dass jeder von seiner Einheit für den erfolgreichen Ausbruch eine Woche „Sonderurlaub Tscherkassy“ erhalten würde, wusste er, dass er etwas ganz Schlimmes überstanden hatte.

Vom Kraftfahrer zum Sanitäter
Kurt Faulhaber aus Scherpenseel war im Januar 1945 in der Nähe von Ostpreußen im Einsatz. Während der Kampfhandlungen wurde er von einem Granatsplitter im Rücken schwer verletzt und zum Hauptverbandsplatz gebracht. Nach den ersten Behandlungen fuhr er schließlich in einem Lazarettzug in Richtung Westen nach Mecklenburg. Da keine Schmerzmittel und kaum Verbandszeug vorhanden waren, hörte er ständig das Stöhnen und Schreien der Verwundeten. Der Zug endete in Malchin, wo die Verwundeten in einer Schule untergebracht wurden.
Einem alten Dorfarzt oblag dort die Versorgung, und er befreite Kurt Faulhaber bald von seinem Splitter im Rücken.
Doch hatte man dort auf Dauer auch keine Ruhe, weil die Russen unaufhaltsam näher kamen. Als die Einnahme von Malchin kurz bevorstand, wurde die Parole „Wer laufen kann, soll laufen“ ausgegeben. Keiner wollte den Russen in die Hände fallen. Faulhaber schaffte es aber nur bis zum Ortsausgang, dann konnte und wollte er nicht mehr. Er meinte zu seinen Kameraden: „Ich besorg´ mir eine Flasche Schnaps und besauf´ mich. Denn wenn der Iwan uns unterwegs erwischt, erschießt der uns.“ In dieser resignierten Stimmung hielten die Verwundeten einen Bus vom RAD (Reichsarbeitsdienst) an, der sie aufnahm. In drangvoller Enge fuhren sie nach Schwerin zum nächsten Lazarett. Hier rückte die Angst vor den Russen in den Hintergrund.
Als Kurt Faulhaber wieder mehr bei Kräften war, wollte er in diesem Lazarett als Sanitäter arbeiten. So wurde er vom Kraftfahrer zum Sanitäter, auch mit offiziellem Vermerk im Soldbuch.
In dem Lazarett waren schreckliche Situationen durchzustehen. Der Arzt sah aus wie ein Schlachter. Ohne richtige Hilfsmittel wurden meist spontane Entscheidungen gefällt. Und so manches Bein, das heute gerettet worden wäre, musste unter diesen schwierigen Umständen amputiert werden. Welch ein Gefühl war es, sich auf einen Menschen zu stemmen, dem Augenblicke später ein Bein abgenommen wird? Man war gezwungen, nicht zimperlich mit den Patienten umzugehen. Zu viele Verwundete drängten ständig zum Handeln.
Als es wärmer wurde, gab es auch hygienische Probleme. Da die Verwundeten meist „jenseits von gut und böse“ waren, bemerkten sie oft nicht, dass sie in Maden lagen. Glück im Unglück war, dass die Maden wenigstens den Eiter wegfraßen. Wenn man die Patienten hochhob, sah man oftmals ein Gewimmel unter ihnen. Die Entsorgung dieser Maden brachte nur kurz Ruhe. Die Fliegen legten bald neue Eier, und alles ging von vorne los.
Die Sanitäter wurden bei ihrer Tätigkeit anscheinend hart und abgestumpft. Wenn man viele Menschen sterben sieht und das Elend kein Ende zu nehmen scheint, blieb das nicht aus. Als im April 1945 die Amerikaner in Schwerin einmarschierten, arbeitete man unter amerikanischer Hoheit weiter. Doch bekamen alle einen Schock, als sie eines Morgens aus dem Fenster schauten. Plötzlich war die russische Armee da, und alle fragten sich, ob sie jetzt doch noch den Russen übergeben würden? Gott sei Dank war dem nicht so; denn 14 Tage später wurde das Lazarett aufgelöst, und die Verwundeten mit Zügen nach Großen-Brode (Schleswig-Holstein) transportiert.
Dort bestimmten die Engländer, und hier sollte sich für Kurt Faulhaber bald eine „berufliche Ehe“ anbahnen, die bis 1985 dauern sollte. Nach zweijähriger Tätigkeit auf einem Flugplatz in Gütersloh fing er im Oktober 1947 bei den „Tommys“ als Zivilkraftfahrer an. Aus heutiger Sicht war das für ihn das bestmögliche „happy End“.

Scharfschützen in Russland
Immer wieder erzählen in Russland gewesene Soldaten von Scharfschützen. Das konnten Männer oder Frauen gewesen sein, die mit ganz gezielten Schüssen versuchten, den Feind auszuschalten. Auch Ernst Zimmermann musste diese Gefahr einmal erleben.
Er war mit einem Motorrad unterwegs - einer großen 750er Imperia - und fuhr durch einen Wald. Plötzlich fiel ein Schuss in seine Richtung. Er fühlte einen leichten Schmerz am Kopf und verlor das Gleichgewicht. Momente später fuhr er gegen eine lange Wurzel und stürzte. In wilder Panik verbarg er sich hinter einen Baum.
Es vergingen Minuten, in denen sich nichts tat. Bloß nicht rühren und den Feind denken lassen, dass er getroffen sei. An seinem Kopf blutete es, aber es schien nicht so schlimm zu sein. Seine Hand hielt er schützend auf die getroffene Stelle und wartete weiter ab. Zwischendurch überlegte er, wie er weiterkommen konnte. Bald kam ihm der Einfall, die Maschine aufzurichten. Er fand in seiner Umgebung zwei Knüppel, die er dazu benutzte, um die Maschine langsam hochzudrücken. Damit wollte er auch testen, ob die Scharfschützen ihn weiter im Visier hatten. Langsam gelang es ihm, seine Maschine mit Hilfe der Stöcke wieder hinzustellen. Das hatte also geklappt. Nun galt es den richtigen Moment für die Weiterfahrt abzupassen. Es war ein Lotteriespiel, aber es blieb keine andere Wahl.
Endlich sah Zimmermann den Zeitpunkt gekommen. Er sprang auf, warf die Maschine an und fuhr weiter. Gott sei Dank hatte er Glück, weil keine Schüsse mehr auf ihn abgegeben wurden. Verletzt, aber froh, erreichte er wieder seine Kameraden.
Erstmal war ein Lazarettaufenthalt angesagt, weil die leichte Schusswunde behandelt werden musste. Ferner hatte er auch Rechenschaft abzulegen, wieviele Patronen er an diesem Tag verschossen hatte. Das verlangte der so genannte Patronennachweis.
Ernst Zimmermann war nochmals mit dem Schrecken davongekommen und konnte bald wieder als Kradmelder eingesetzt werden. Auch in den weiteren Jahren hatte er stets im richtigen Moment so viel Glück, das er die Kriegszeit relativ heil überstand.

Ein Stück Ardennenoffensive
Die sogenannte Ardennenoffensive ließ - wenn auch für kurze Zeit - die Alliierten den Atem anhalten. Es war ein letztes großes Aufbäumen der Deutschen, das aber bald wieder zu Ende ging. Johann Kouchen, der sich noch an diese Kriegsphase erinnert, kann dazu folgendes erzählen:
Unsere Einheit bekam am 10. November 1944 den Einsatzbefehl. Es ging runter zur Eifel. Wir hatten einen Pionier-Zug, Panzerabwehrkanonen und einen Nachrichtenzug. Über Gemünd erreichten wir Luxemburg. Die Offensive konnte beginnen. Wir haben die Amerikaner ziemlich überrascht. Wir sind durch ein Dorf gefahren und sahen amerikanische Panzer an den Häusern parken. Wir brachten außerhalb des Dorfes unsere Geschütze in Stellung und legten los. Kein Amerikaner ist rausgekommen, und auch alle Panzer wurden von uns zerstört.
Hier hatten wir also große Erfolge. Auf dem weiteren Vormarsch haben wir noch mehr amerikanische Panzer abgeschossen und Gefangene gemacht. Es ging solange gut, bis sich die US-Armee auf ihre Lufthoheit besannen. Dem hatten wir nichts entgegenzusetzen. Auch gab es für uns keinen Nachschub an Benzin. So mussten wir schweren Herzens in Luxemburg fabrikneue Panzer zerstören, da sie mangels Benzin nicht in Betrieb gesetzt werden konnten. Von der Rampe runter bis zur Straße und dann ab in die Luft.
Zum Schluss gab es nur noch die Politik der verbrannten Erde, und wir hatten auf Grund der technischen Überlegenheit der Alliierten keine Chance mehr.

Drei Monate Bau
Was in dieser schweren Zeit so alles passieren kann, erfuhr Josef Flecken zwei Monate vor Kriegsende. Er war in Norwegen stationiert und verwaltete eine Artilleriekammer. In über einem Jahr Kampf in Russland hatte er eine Menge erlebt. Glück für ihn, dass er Ende 1942 nach Norwegen kam und dort - aus heutiger Sicht - bis August 1945 eine schöne Zeit verbrachte.
Obwohl im März 1945 alles schon ziemlich aussichtslos erschien, wurde seine Einheit von Haugesund nach Bergen verlegt. Verbunden damit war der Bau von neuen Geschützstellungen. Da mussten die Leute nochmals richtig hart arbeiten. Wer hier nicht mitarbeiten musste - Josef Flecken zählte auch dazu - sollte vor allem nachts für die arbeitenden Soldaten Wache zu schieben. Sie (die Arbeiter) hätten es schwer, und es war mehr als kameradschaftlich, für diese Leute auch einmal eine Wache zu übernehmen. Für Josef Flecken war das keine Frage, und so schob er also Wache.
An einem Morgen - wie gewöhnlich hörte der Wachdienst um 5.00 Uhr auf - stellte sich dann für ihn die Frage, was er bis zum Wecken um 6.00 Uhr tun sollte. Er entschloss sich, seinen Karabiner zu reinigen.
An jenem verhängnisvollen Tag regnete es und Flecken vergaß, das Gewehr vorher zu entladen. Als der Scherpenseeler mitten im Reinigungsvorgang war, löste sich plötzlich ein Schuss. Das Schlimme daran war, dass dieser Schuss bei einem Kameraden insgesamt sechs Fleischwunden verursachte. Josef Flecken war völlig schockiert, und der Angeschossene wusste nicht, wie ihm mitten im Schlaf geschah.
Der Kamerad blutete stark und kam ins Lazarett. Das war für alle ein böses Erwachen und für den Unglücksraben äußerst peinlich. Vor Scham wäre er am liebsten im Erdboden versunken.
Nach drei Wochen hatte die Sache ein Nachspiel. Josef Flecken musste sich vor einem Kriegsgericht in Bergen verantworten. Er ging allein dorthin und erwartete sein Urteil.
Die Verhandlung begann, und der Angeklagte schilderte diesen Vorfall. Er betonte immer wieder, dass es ihm sehr leid täte und die Situation ihn selber sehr überrascht habe. Aber was half es. Immerhin lag grob fahrlässiges Verhalten vor. Die Vorschrift erlaubte, nur entladene Gewehre in geschlossenen Räumen zu reinigen. Strafmildernd wirkte sich aus, dass der verletzte Kamerad doch nur relativ harmlose Fleischwunden davongetragen hatte.
Endlich kam die Urteilsverkündung. Im Namen des Führers wurde Josef Flecken zu drei Monaten Festung und zwölf Tagen strengen Arrest bei der eigenen Kompanie verurteilt.
Das war ein akzeptables Urteil, und dem Verurteilten fiel ein Stein vom Herzen.
Die zwölf Tage Arrest verbrachte er mehr oder weniger im eigenen Bett und die Festungshaft stand erst nach dem Krieg an. Diese wurde, um es vorweg zu nehmen, nach dem (verlorenen) Krieg hinfällig. Somit nahm die ganze Sache auch vom Urteil her einen glimpflichen Ausgang.
Als der angeschossene Kamerad aus dem Lazarett entlassen wurde - der Krieg war schon vorbei - frotzelten natürlich die Kameraden. „Ferdinand, du brauchst keine Angst zu haben, der Jupp hat jetzt keinen Karabiner mehr.“ Das Lächeln des Genesenen zeigte, dass er seinem Kameraden Josef Flecken nichts nachtrug.

Sinnloser Mord
Diese Geschichte bewegt Heinz Hilgers heute noch sehr stark. Er schildert die Umstände, wie er am 12. April 1945 in Gefangenschaft geriet:
Es war bei Engelskirchen im Bergischen. Unser „Haufen“ bestand aus 30 Leuten, und wir waren vom Großteil der anderen getrennt. Über Funk bestand jedoch Kontakt. Wir waren mit drei Selbstfahrlafetten mit 2-cm-Kanonen, zwei PKWs (VW) und einem Krad (Motorrad) unterwegs. Morgens fuhren wir durch Ortschaften, und niemand wusste was eigentlich geschehen sollte. Der Gedanke an die Gefangenschaft beschäftigte uns sehr. Bald kam der Nachmittag. Auf einer bewaldeten Anhöhe legten wir einen Stop ein. Leutnant Heim ließ uns in ungewohnt lockerer Art antreten, um einige Beförderungen und Ehrungen vorzunehmen. Von Freude oder Stolz war bei den frisch Dekorierten bzw. Beförderten nichts zu erkennen. Dann teilte er uns mit, dass wir uns zu den anderen der Kompanie durchschlagen sollten, um dann geschlossen in Gefangenschaft zu gehen. Niemand bräuchte sein Leben auf´s Spiel zu setzen, und notfalls könne sich jeder selbständig machen.
Doch bevor es losging, sagte mein Kamerad Ernst Veith, dass er zwar morgen erst Geburtstag hätte, ihn aber schon heute feiern wolle. Dazu holte er eine Flasche Likör heraus, die schnell von vier engeren Kameraden geleert wurde. Wenn ich in dem Moment gewusst hätte, dass meine drei Kameraden in einer halben Stunde nicht mehr leben würden, wäre mir sicher anders geworden.
Danach erfolgte das Zeichen zur Abfahrt.
Der Waldweg war holprig und sehr eng, ab und zu schlugen die Zweige ins Fahrzeuginnere. Wir kamen an eine Waldlichtung, die den Blick zu einem hügeligen Gelände freigab. In zirka 500 m bewegte sich etwas auf einer Kuppe. Als ich das sah, schrie ich und zeigte dort hin. Es dauerte nicht lange, als aus der linken Richtung ein Feuerüberfall geschah. Karl schrie: „Mich hat's erwischt!“ und fiel zur Seite. Der kleine Konvoi stand sofort. Ich drückte mich vom Steuer und fiel links aus dem Wagen. Auf dem Bauch liegend, sah ich in 15 Metern Entfernung Edu neben seinem Wagen liegen. Der Feuerüberfall war nach ein bis zwei Minuten zu Ende.
Unser Leutnant, der rechts hinter der ersten Lafette lag, winkte zum Zeichen der Aufgabe mit seiner Mütze. Nach und nach standen alle auf und gingen mit erhobenen Händen in Richtung der gegnerischen Soldaten. Es waren Amerikaner, die sich uns mit MPs in den Händen genähert hatten. Sie bildeten ein Spalier, durch das wir durchgehen mussten. Jeder wurde geschlagen oder getreten. Trotz der Tritte hatte ich ein befreiendes Gefühl und schaute lächelnd in die Gesichter dieser Fremden. Wir standen bald in einer Gruppe von 25 Leuten eng aneinander gedrängt und hörten immer wieder den Ruf „Hands up“ (Hände hoch).
Die Amerikaner waren uns zahlenmäßig überlegen. Plötzlich lief einer von uns weg, obwohl das ein aussichtsloses Unterfangen war. Er kam aber nur hinter eine Weißdornhecke und wurde durch einen kurzen Feuerstoß niedergestreckt. Zirka zehn Meter von uns entfernt lag der schwerverwundete Schütze Wegerich und daneben der Fahrer Rase am Boden. Beide schrieen um Hilfe. Unser Leutnant bat die Amerikaner, beiden helfen zu dürfen. Zuerst bejahte man das. Doch bevor sich jemand von uns um sie kümmern konnte, kam ein Offizier hinzu und sagte ‘No’. Gleichzeitig gab er eine Order an zwei Soldaten. Diese begaben sich sofort zu den Verwundeten, nahmen ihre Pistole und erschossen sie. Wir standen machtlos dabei und waren nur fassungslos und entsetzt.
Immer wieder dachte ich später, ob der Offizier seiner Familie oder Bekannten je erzählt hat, wie er mit seinem Befehl zwei wehrlose Verletzte einfach erschießen ließ? Für mich war es eine Tat, ohne Herz und Sinn, deren leider so viele in einem Krieg geschehen sind.

Panzerzug 601
Es war kalt im Januar 1945 in Ostpreußen. Eine Pioniereinheit, unter der sich auch Hans Kotkowski befand, sollte von dort in Richtung Schlesien in Marsch gesetzt werden. Allerdings gab es ein Problem. Überall im Osten waren russische Truppen auf dem Vormarsch und die Einheit war bereits eingekesselt. Die Pioniere befanden sich in einem Zug in Deutsch-Eylau. Im „Gepäck“ mit dabei auch schwere Materialien, u.a. ein Kriegsbrückengerät. Alle waren gespannt, wie der Durchbruch wohl angegangen werden sollte.
Es war dunkel, und bald setzte sich der Zug in Bewegung. Niemand wusste, wohin es ging. Nach einigen Minuten blieb er wieder stehen. Es herrschte Stille, und alle waren gespannt. In diesen Momenten nahmen die Soldaten plötzlich ein leises Rauschen wahr. Seltsam, was mochte das wohl sein?
Auf dem Nebengleis näherte sich etwas Merkwürdiges. Schwarz und unheimlich sah es aus. Es mochte ein Zug sein, aber was für einer? Langsam fuhr er an dem Zug der Pioniereinheit vorbei. In allseitigem Erstaunen mischte sich bald ein Stück Freude. Dieses merkwürdige Ding war ein deutscher Panzerzug. Wie sich später herausstellte, der Pz 601, der zufällig hier ankam. Getarnt als Wald, zirka 150 bis 200 Meter lang, gut bestückt mit Waffen - Vierlingsflak in Stärken von 2, 3, 7,5 und 8,8 cm - stand er nun inmitten des ostpreußischen Schnees. Die Lok des Zuges befand sich in der Mitte, allerdings „gut verpackt“, d.h. gepanzert und nicht als solche zu erkennen.
Hoffnung kam auf, weil der Panzerzug sicher gute Dienste beim Ausbruch aus dem Kessel leisten konnte. Sie waren also nicht mehr allein. Dass der Feind schon ziemlich nahe war, zeigte ein russisches Scharfschützennest in einem Bahnwärterhäuschen. Und hier bewies der Panzerzug auch schon seine Stärke. Das erste Geschütz des Zuges landete einen Volltreffer und schaltete diese Bedrohung sofort aus.
Gemeinsam mit den Soldaten einer Flakstellung, die auch zur gleichen Zeit in diese Gegend geraten waren, beschloss die Führung der Pioniereinheit, den Panzerzug zu sichern und mit dessen Hilfe in Richtung Westen zu gelangen. Da die versprengte Flakeinheit, zu der Hans Kotkowski ja auch gehörte, ihre Geräte und Fahrzeuge sprengte, gab es einen Riesenkrach. Das rief die Russen auf den Plan, und darum wollte also jeder so bald wie möglich weg.
Der hohe Schnee machte es nicht leichter. Am Bahndamm lag zirka ein halber Meter und rechts und links des langsam fahrenden Panzerzuges bewegte man sich fort. Die Pioniere sicherten den Zug von der Seite her. Da der Zug ziemlich leise war, gab es am ersten Tag keine Feindberührung. Erst in der Nacht des folgenden Tages gab es in einem Waldstück Beschuss von einer russischen Pak - der „Ratsch-Bum“. Doch blieb der schwerbewaffnete Koloss auf Schienen keine Antwort schuldig. Langsam schwenkten die Geschütze in Richtung Wald und inszenierten einen fünfminütigen Feuerüberfall. Hans Kotkowski ging dabei in volle Deckung, steckte die Finger in die Ohren und riss den Mund auf. Ob es in der Hölle je lauter sein konnte, waren in dem Moment seine Gedanken.
Die anschließende Stille hatte es in sich. Von russischer Seite hörte man keinen Mucks mehr, und unbehelligt konnte der Panzerzug Pz 601 seine Fahrt fortsetzen. Zwei so genannte Rungenwagen schob der Zug vor sich her, damit die Lok bei etwaigen Sprengungen oder Beschüssen nicht sofort beschädigt wurde. Der Verlust eines Wagens konnte eher verkraftet werden.
Auch auf fehlende Schienen war ein solcher Panzerzug vorbereitet. Entsprechendes Baugerät führte er mit sich, um die eigene „Straße“ im Bedarfsfalle zu reparieren. Ein solcher Fall trat auch in jener Nacht ein, und bald war die fehlende Lücke durch die anwesenden Pioniere wieder geschlossen.
Langsam kam der neue Tag nach dieser ereignisreichen Nacht. Das nächste Problem, das es zu lösen galt, hatte nichts mit den Russen zu tun. Die Lok brauchte einfach nur Wasser. Da viele Hände vorhanden waren, bekam sie auch bald ihr kostbares Nass. Eine Menschenkette mit Eimern und Schüsseln transportierte schnell den vorher geschmolzenen Schnee zur Lokomotive. So schnell konnten sich also weiße Flocken in kraftvollen Wasserdampf verwandeln.
Unterwegs hatten einige der Soldaten Bettzeug aus den verlassenen Häusern geholt und auf die an der Spitze des Zuges befindlichen Rungenwagen gelegt. Da der Zug im Laufe der Fahrt immer mehr Passagiere bekam, suchte man natürlich geeigneten Schutz gegen die schneidende Kälte.
Die während der Fahrt vorbeiziehenden Dörfer boten einen trostlosen Anblick. Sie zeigten den Soldaten die Antwort der Russen auf die Verwüstung ihres Landes durch die Deutschen. Aug´ um Aug´ und Zahn um Zahn, schien die Devise zu sein, und wer konnte es ihnen verdenken. Krieg ist Hass, und Hass bedeutete Zerstörung. Und nun war gerade Ostpreußen an der Reihe.
Mittlerweile kam der Zug in Rosenberg an. Endlich waren sie dem Kessel entkommen. Aber die nächste Unruhe kündigte sich schon an.
Es kam ein Befehl, dass die Pioniere den Zug verlassen müssten und die Waffen abzugeben hätten. Hans Kotkowski und seine Kameraden waren froh, dass sich ihr Zugführer Willy Gebhard diesem Plan widersetzen konnte. Er behauptete einfach, dass seine Leute zum Schutz ihres Generals Manteufel unterwegs seien und somit einen Auftrag hätten. Das brachte alles wieder ins Lot und sicherte erst einmal den weiteren Schutz des Panzerzuges.
Auf dem Rosenberger Bahnhof war der Teufel los. Landser und Reichsbahnangehörige bildeten dort einen „Ameisenhaufen“. Alle wollten den Russen entkommen. Von fern hörte man schon russisches Artilleriefeuer, das die immer näherkommende Front anzeigte. Froh war darum jeder, als sich nach einer Weile der Panzerzug wieder in Bewegung setzte. Allerdings hatte man vor dem Rungenwagen weitere Güterwagen angekoppelt, in denen sich viele Menschen befanden. Jeder griff in der verzweifelten Situation nach einem Strohhalm, erst recht nach einem gepanzerten. Es hieß, dass der Zug nach Marienburg fahren würde.
Dass man nicht allein unterwegs war in diesen Januartagen des Jahres 1945, sollte sich bald zeigen. Vor dem Panzerzug befanden sich in einem etwas weiteren Abstand zwei Flüchtlingszüge. Die in den Zügen befindlichen Zivilisten bekamen bald russische Panzergeschosse zu spüren und gerieten in große Panik. Die Angstschreie der Menschen vernahmen auch die Soldaten vom Pz 601. Die Russen hatten leichtes Spiel, weil sich die Flüchtlingszüge auf freiem Feld befanden und sie aus einem Waldstück agierten.
Doch für die Flüchtlinge kam bald Hilfe vom Panzerzug. Einige Soldaten begaben sich in die Richtung der Russen und versuchten sie abzulenken. In dieser Situation griffen etwas später auch noch die Geschütze des Panzerzuges ein und machten das Chaos komplett. Aber bald erkannten die Deutschen, dass die Situation nicht mehr zu kontrollieren war. Schließlich wollte man die eigenen Leute nicht töten und stellte das Feuer ein. Am Ende konnten die russischen Angreifer zurückgeschlagen werden und der Panzerzug seinen Weg fortsetzen.
Doch was nutzte alles, wenn man den falschen Weg fuhr? Vorgegeben war Marienburg und man glaubte, auch in diese Richtung gefahren zu sein. Anwesende Angehörige der Reichsbahn schworen jedoch Stein und Bein, dass dies nicht der Schienenweg nach Marienburg sei. Vielmehr würde sich der Zug langsam in Richtung Marienwerder bewegen, also wieder zurück in die Arme der Russen.
Das hatte gerade noch gefehlt und bald machte das Wort von Sabotage die Runde. Sofort wurde der Richtungswechsel vollzogen, und langsam ging es wieder in die entgegengesetzte Richtung. Dieses Stück Fahrt war also umsonst gewesen, und das Zusammentreffen mit den Russen hatte auch viel Munition und Kraft gekostet.
Schließlich gelangte der Zug über Rosenberg nach Marienburg. Für Hans Kotkowski hörte danach die Fahrt auf, weil seine Einheit hier eingesetzt wurde. Er hatte in wenigen Tagen viel Unvorstellbares erlebt, was diese Zeilen nicht richtig ausgedrücken können. Er bekam auch noch nach Jahrzehnten eine Gänsehaut beim Gedanken an den Pz 601.
In Marienburg ereilte ihn eine Verwundung, die einen Lazarettaufenthalt in Bückeburg zur Folge hatte. Er konnte dadurch dem weiteren Inferno dieser grausamen Kriegstage im Osten Deutschlands entkommen, die für viele andere - ob Soldaten oder Zivilisten - damals den sicheren Tod bedeuteten.

Dramatisches Ende im Osten
Raimund Nowicki schildert den Rückzug im deutsch-polnischen Grenzgebiet im Januar 1945, den er hautnah als Soldat miterlebte:
Mein Chef, Oberstleutnant von Pfister, wurde nach Posen abkommandiert. Dadurch trennten sich unsere Wege. Ich war auf mich gestellt und flüchtete mit einem Kradmelder auch dorthin. Posen war eine Festung, und diese konnte man nur mit einem Passierschein verlassen. Ich suchte meinen Chef auf und bat ihn um einen Passierschein. Bevor ich meine Bitte vortragen konnte, machte er mir den Vorwurf, dass ich sein Reise-Etui nicht eingepackt hatte, bevor er nach Posen ging. Innerlich schüttelte ich den Kopf wegen dieser Kleinigkeit, und äußerlich entschuldigte ich mich. Er gab mir anschließend den Passierschein und wünschte mir alles Gute.
Mit dem Krad ging es weiter. Wir erreichten den Ort Türstiegel an der ehemaligen Reichsgrenze von 1937. Die dortigen Kontrollen schienen froh über unser Eintreffen zu sein, denn sie vergatterten mich zur Grenzkontrolle. Ich erhielt einen blauen Polizeimantel, man hängte mir ein „Kettenhund-Schild“ um, und so sollte ich die Grenze kontrollieren. Pflichtbewusst, wie ich war, trat ich meinen Dienst an. Ich sah viele uniformierte PGs (Parteigenossen der NSDAP) und „hohe Tiere“, die sich aus dem damaligen Generalgouvernement Polen „aus dem Staube machten“. Einmal forderte mich eine Beifahrerin auf, ich solle das Schild wegwerfen und mitfahren. Ich blieb aber am Standort und tat meine Pflicht.
Am 25. Januar 1944 kam eine SS-Einheit. Man kommandierte mich sofort ab, Munitionskästen zu tragen. Die Gefahr, der ich mich dadurch aussetzte, war ich mir nicht bewusst. SS und Polizei wurden nämlich - wenn die Russen sie fassten - ohne Kommentar erschossen. Und mein blauer Polizeimantel hätte mir im Falle einer Gefangennahme sofort eine Kugel beschert.
Erschwerend kam noch hinzu, dass diese SS-einheit, in der ich mich jetzt befand, bald von der Roten Armee, d.h. den Russen, eingeschlossen worden war. Darum suchten wir nach einer Möglichkeit, durch die Front wieder zu den deutschen Truppen zu gelangen. Wir hielten uns tagsüber in den Wäldern auf, und nachts marschierten wir. Am 31.1.1945 fassten wir den Entschluss, gegen 05.00 Uhr durchzubrechen. Wir taten das auch mit Erfolg, aber die vor uns liegenden Deutschen erkannten uns nicht. Sie belegten unsere Einheit mit Feuerhagel und Granaten, wobei viele starben. Ich entging nur knapp einer explodierenden Granate. Ich lag in einem Granattrichter und sah viele sterben. Mir kamen etwas später drei Kameraden entgegen, die in der Mitte einen Verwundeten stützten. Einer sprach mich an und sagte, ich solle links neben ihnen gehen. Ich ging aber nicht links, sondern rechts. Plötzlich wurde jemand auf der linken Seite von einer Kugel tödlich getroffen. Wäre ich der Aufforderung nachgekommen, hätte mich die Kugel erwischt. So aber hatte mich eine innere Führung vor dem Tod bewahrt.
Mittlerweile wurde mir die Gefahr des Polizeimantels bewusst, weil sich die Russen immer noch in unmittelbarer Nähe befanden. Ich zog den Mantel aus und warf mit ihm auch meine Papiere weg. Man konnte die Russen sogar schon sprechen hören. Sie lockten uns mit den Worten ‚Komm Kamerad' zum Überlaufen. Aber ich wollte nicht und lief eine Böschung hoch in einen nahegelegenen Wald. Von Weitem sah ich eine Nissenhütte, die ich zum Schutz aufsuchen wollte. Als ich die Hütte betrat, traf ich fünf SS-Leute dort an. Einer hatte eine Pistole in der Hand und drohte alle zu erschießen. Ich wollte aber nicht sterben und besann mich meines Redetalentes. Mit leidenschaftlicher Überzeugungskraft brachte ich die Leute dazu, sich zu ergeben. Draußen hörten wir schon russische Stimmen, und eine Flucht wäre sowieso aussichtslos gewesen.
Ich verließ als erster unsere Behausung und lief einem russischen Offizier in die Hände. Mit erhobenen Händen genoss ich das wunderbare Gefühl, dass der Krieg für mich endlich vorbei war. Auch den anderen passierte nichts, so dass diese Entscheidung - zumindest vorerst - niemand bereuen sollte.

Aus dem Wahnsinn desertiert
Heinrich Klinkertz schildert die letzten Tages des Krieges, die er als 18-jähriger erlebte:
Es muss am 20. April 1945 gewesen sein, als uns beim Morgenappell in Jüterbog der Marschbefehl in Richtung Frankfurt/Oder erteilt wurde. Die Russen hätten die Oder überschritten und dort einen Brückenkopf gebildet. Mehr erfuhren wir nicht.
Unsere Gruppe setzte sich bald in Richtung Osten in Marsch. Wir bekamen alle ein neues Schnellfeuergewehr, 60 Schuss Gewehrmunition, eine Handgranate und die „eiserne Ration“. Zur weiteren Ausrüstung der Kompanie gehörte ein schweres Maschinengewehr, das zerlegt von drei Kameraden getragen wurde.
Unser Weg führte ausschließlich über die sandigen Waldwege durch die Wälder der Märkischen Heide. Kaum jemand sprach ein Wort, und die üblichen Marschgesänge fehlten gänzlich. Wir spürten wohl alle die Gefahr, in die wir geführt wurden. Als Zugführer begleiteten uns ein Feldwebel und ein Unteroffizier. Dabei strahlte der Feldwebel eine gewisse Ruhe aus. Er marschierte zeitweilig wortlos neben mir. Nur ab und zu trafen sich unsere Blicke. Ich trug mein Gewehr mit dem Lauf nach vorn wie ein Stück Holz. Obwohl das gegen die Vorschrift war, wurde es nicht beanstandet. Jede kurze Rast wurde zum Schlafen genutzt, alle waren sehr müde.
Als es Abend wurde, vernahmen wir entfernteres Geschützfeuer. Ich weiß nicht mehr zu welcher Uhrzeit wir den unendlich langen Wald verließen, um im Schutz der Dämmerung in den vor uns liegenden Ort Jänickendorf zu gelangen. Dort empfingen uns ein Offizier und einige Soldaten. Sie eröffneten uns, dass am Eingang des Dorfes von Osten her bereits die Russen eingedrungen seien. Ein russischer Panzer sei in Brand geschossen worden. Wir hätten eine neue Verteidigungslinie aufzubauen, und es sei Widerstand bis zum Letzten zu leisten.
Der Offizier übernahm eine kleine Gruppe, der auch ich angehörte, um sie an ihren Einsatzort zu bringen. Er führte uns die Dorfstraße hinauf, immer Deckung an den Häuserfronten nehmend. Ansonsten war die Dorfstraße menschenleer. Die Einwohner hielten sich in den Kellern oder den umliegenden Wäldern auf. Der Offizier zeigte mir eine Stelle hinter einer Scheune und sagte: „Hier grabe dich ein und decke das freie Feld ab! Den Angriff der Russen erwarten wir morgen in aller Frühe.“
Wie befohlen, schaufelte ich mit meinem Feldspaten hinter einem Lattenzaun in lockerem Boden das sogenannte „Einmannloch“. Aus dem Zaun entfernte ich einige Latten, um mehr Sicht zu haben.
Inzwischen war es stockdunkel geworden. Eigentlich war es ganz ruhig um mich herum. Weitab hörte ich Motorengeräusche, das Rasseln von Kettenfahrzeugen und mir unverständliche Stimmen und Kommandos. Es waren die Russen am Eingang des Dorfes. Ich vermutete sie etwa 500 bis 1000 Meter von mir entfernt, doch waren es in Wirklichkeit nur noch etwa 100 Meter gewesen. So konnte man sich verschätzen. Ein Soldat überbrachte mir eine Panzerfaust, von einem anderen erhielt ich später etwas zu essen.
Die Stille wurde bald darauf durch Gewehr- und Granatfeuer unterbrochen. Vermutlich hatten die Russen einige Bewegungen von uns bemerkt und das Feuer eröffnet. Sie schossen in das Dorf hinein, wie aus den nahen Einschlägen zu erkennen war. Ich bekam unbeschreibliche Angst. So tief es nur ging, drückte ich mich in mein Erdloch. Unten drin hatte sich Wasser angesammelt, vermutlich aus der nahen Dunggrube. In diesen schrecklich langen Minuten gab es nur einen Gedanken: Ich will leben, nicht sterben. Als gläubiger Christ begann ich zu beten. Vielmehr war es ein Flehen ums Überleben. Seit Ende 1942 hasste ich den unsinnigen Krieg, Hitler und seine Schergen. Sterben für nichts und wieder nichts wollte ich nicht mehr. Ich wollte nur leben!
Plötzlich wurde ich durch die Schmerzensschreie eines Verwundeten aus meinen Gedanken gerissen. Einen armen Teufel in meiner unmittelbaren Nähe hatte es erwischt. Ich dachte, hoffentlich hilft ihm bald jemand. Aber ich hörte immer nur sein Wehgeschrei. Niemand half ihm. Mir selbst fehlte auch der Mut, mich für einen Unbekannten einzusetzen. Je lauter er schrie, desto mehr hielt ich mir meine Ohren zu. Es mögen 30 oder auch 40 Minuten vergangen sein sein, bis wieder Stille eintrat.
Im Morgengrauen muss ich wohl vor lauter Müdigkeit in meinem Erdloch eingeschlafen sein. Als ich erwachte, war es hell und klar. Auf den Feldern vor mir war alles ruhig, es mag vielleicht fünf oder auch schon sechs Uhr gewesen sein. Ich hatte keinen Kontakt zu meinen Kameraden, obwohl sie sich in unmittelbarer Nähe versteckt haben mussten. Bevor ich mich nach ihnen umschauen konnte, wurde das Feuer mit schweren Waffen eröffnet. Das musste wohl die gefürchtete russische „Ratsch-Bum“ sein, dachte ich. Bald würden sicher die Russen vorrücken, ging es mir weiter durch den Kopf. Ich dachte nur noch ‚Abhauen' und ‚nichts wie weg!'.
Die zwei bis drei Meter neben mir befindliche Scheune begann plötzlich, lichterloh zu brennen. Die Flammen dehnten sich blitzschnell aus. Ich nahm die neben mir liegende Panzerfaust und warf sie, so weit ich konnte, ins freie Feld. Sie hätte bei der Hitze ja explodieren können. Dann wurden die Flammen über meinen Kopf so brennend heiß, dass ich mir das schmutzige Wasser zu meinen Füßen mit den Händen über den Kopf schüttete. Danach verließ ich mein Erdloch und schlich mich vorsichtig in Richtung Hauptstraße. Noch immer feuerte der Russe in das Dorf hinein und schoss auf alles, was sich bewegte. Sehen konnte ich die Russen nicht, weil die Straße einen Bogen machte. Vor mir liefen vereinzelt Kameraden die Dorfstraße zurück. Als ich glaubte, dass die feindlichen Soldaten kommen würden, setzte ich zum Spurt an. Ich gelangte auf die andere Straßenseite und lief noch ein gutes Stück die Straße hinunter. Ein anderer Soldat war mir gefolgt. Ich hörte die Panzer näher kommen, und als wir sie sahen, flüchteten wir in eine Toreinfahrt. Auf dem Hof wies uns eine Frau schnell den Weg zum Hinterausgang, den wir dann zur weiteren Flucht hinter den Häusern benutzten.
Wir erreichten den Ortsausgang. Von dort aus gingen wir durch einen Graben, der entlang der Landstraße lief. Ziel war es, wieder in den Wald zu gelangen. Wir waren nicht die einzigen, die in Richtung Luckenwalde türmten. Es mögen etwa 10 bis 20 versprengte Landser gewesen sein, die entlang der Landstraße und über die Felder dorthin wollten. Ununterbrochen wurde im Ort geschossen. Allem Anschein nach waren die Russen im unteren Bereich des Dorfes auf heftigen Widerstand gestoßen, den sie nun mit allen Mitteln brechen wollten.
Unverletzt erreichte ich mit einigen anderen Kameraden die Straße vor dem Waldrand. Hier stand plötzlich ein junger deutscher Offizier, der zwei Pistolen auf uns richtete und sagte: „Bis hier und nicht weiter, verteilen Sie sich rechts und links am Waldrand. Panzerabwehrwaffen (Ofenrohre genannt, Reichweite ca. 400 Meter) sind genug vorhanden und in Stellung gebracht.“ Von Jänickendorf aus gesehen, wählte ich die linke Waldseite. Etwa 70 bis 80 Meter von der Straße weg legte ich mich zunächst in den vor dem Wald verlaufenden offenen Graben. Von dort konnte ich gut das Ausmaß des tobenden Kampfes verfolgen.
Viele Häuser brannten. Man sah dicke Rauchschwaden und hochzüngelnde Flammen. Ich weiß nicht, wie lange wir schon im Graben gelegen hatten, bis die ersten Panzer Jänickendorf durchfuhren und über die Landstraße auf uns zu rollten. Ich verließ den Graben und zog mich etwa 20 Meter zurück in den Wald hinein. Jetzt werden unsere „Ofenrohre“ bald zu tun bekommen, waren meine Gedanken. Kurze Zeit später nahmen die Russen mit ihren Panzerkanonen den Waldrand unter Trommelfeuer. Dort vermuteten sie sicher noch viele feindliche deutsche Soldaten. Durch direkte Treffer, Granat-splitter und herabfallende Äste sind an dieser Stelle viele Kameraden verwundet oder getötet worden. Ich empfand diese Augenblicke als sehr furchtbar.
Ich hatte mich inzwischen in eine Erdvertiefung gelegt, wo ich mich ganz unter Ästen und Laub versteckte. Nur einmal noch habe ich aufgeschaut, als das Granatfeuer eingestellt wurde und sich die Panzer weiter näherten. Auf den Panzern saßen Infanteristen, die wahllos oder auch gezielt in den Wald hineinschossen.
Was ich vermutet hatte traf ein. Im Wald angekommen, stiegen die russischen Soldaten von den Panzern und begannen ihn etwa in 60 Metern Breite rechts und links der Straße zu durchkämmen. Sie waren inzwischen so nah an mich herangekommen, dass eine Flucht aussichtslos erschien. So blieb ich vorerst noch ganz still und bewegungslos liegen.
Wie lange ich dort gelegen habe, weiß ich nicht mehr. Solange ich noch Stimmen oder Fahrzeuge hörte, wagte ich mich nicht zu bewegen. Erst als es ganz still war, habe ich mich vorsichtig vergewissert, ob auch tatsächlich niemand mehr in der Nähe war. Ich hatte Glück, die Russen waren vorbei, und es waren auch keine Posten zu sehen.
Ich fühlte mich alleingelassen und ging in SüdWest-Richtung nach Jüterbog. Der sinnlose Krieg und die Ungewissheit, was alles noch passieren würde, drückten dabei auf mein Gemüt. Nach ein paar hundert Metern traf ich auf zwei weitere Landser, die heil davon gekommen waren. Wir beschlossen, weder in Gefangenschaft zu gehen, noch uns bei einer deutschen Einheit zu melden. Wir wollten vielmehr nach Westen. Ich fasste wieder neuen Mut, und ohne Ballast liefen wir durch den Wald.
Wir waren vielleicht eine oder zwei Stunden gegangen, als wir mitten auf einer Wegegabelung auf einen Offizier mit einigen Leuten trafen. Sie hatten dort ein Feldgeschütz in Stellung gebracht und einen Stützpunkt errichtet. Der Offizier unterrichtete uns darüber, dass wir von den Russen eingeschlossen seien. Im Wald verstreut befinde sich aber ein ganzes Bataillon von Deutschen. Wir würden uns sammeln und uns gemeinsam nach Westen durchschlagen. Wir drei taten so, als ob wir mitmachen würden, setzten uns dann aber nach kurzer Zeit geschickt ab. Wir zogen dann wieder allein weiter.
Nach wiederum ein oder zwei Stunden nahmen wir mitten im Wald einen kleinen Weiler von etwa zehn Häusern wahr. Wir schlichen uns heran, konnten aber keine Menschenseele entdecken. Der Weiler war wie ausgestorben, und wir wollten die Gelegenheit nutzen, uns Zivilsachen anzuziehen. Wir betraten das erstbeste Haus und öffneten im Schlafzimmer einen Kleiderschrank. Jeder von uns fand etwas zum Anziehen. Als wir fast vollkommen eingekleidet waren, kam eine Frau die Treppe herauf und fragte bestürzt nach unserer Herkunft und nach unserem Tun. Als wir ihr alles erklärt hatten, zeigte sie großes Verständnis. Sie bat aber darum, doch bitte nicht die besten Sachen ihres Mannes bzw. ihres Sohnes zu nehmen. Gegen eine kurze Hose und das leichte Tirolerjäckchen hatte sie bei mir nichts einzuwenden. Die Sachen machten mich wieder zum Jugendlichen, was mir auf der Flucht noch zugute kommen sollte. Wir vergruben unsere Uniformen einschließlich Papiere und Erkennungsmarken im Garten. So in „Räuberzivil“ gekleidet, setzten wir unsere Flucht fort.
Wie es mir weiter erging, sei in groben Zügen abschließend geschildert. Wir entkamen den Russen, dann dem möglichen Zugriff durch den Volkssturm und überwanden die schwarze Elster und die Elbe. Tagsüber schliefen wir irgendwo versteckt und nachts marschierten wir. Nach Tagen, ohne etwas zu essen, erreichten wir zwischen Bitterfeld und Dessau die Mulde. Auf der anderen Seite waren bereits die Amerikaner. Wir winkten mit einem weißen Tuch und hatten Glück, dass sie uns mit einem Schlauchboot an das andere Ufer zogen. Endlich waren wir in Sicherheit. In einem Jeep fuhr man uns nach Köthen, wo wir in eine Schule eingesperrt wurden.
Mit diesem Tag begannen noch fünf harte und entbehrungsreiche Wochen, bei denen ich das große Elend der Kriegsgefangenschaft erfuhr. Über die offenen Camps Eisleben, Hersfeld, Bad Kreuznach und Wickrath kehrte ich am 10. Juni 1945 aus amerikanischer Gefangenschaft heim. Endlich war dieser Alptraum für mich vorbei.

20 fehlende Meter zur Freiheit
Ein langer Rückzug lag hinter ihnen. Überall nur „Auflösungserscheinungen“, d.h. die meisten wollten nicht mehr so richtig für die „Sache des Führers“ kämpfen. Auch Heinrich Kappelmann zählte zu ihnen. Zusammen mit seinen Kameraden befand er sich in Iserlohn. Auch die Offiziere dieser Einheit machten sich nichts mehr vor. Es hieß, dass man sich ergeben wolle.
Kappelmann wollte das nicht und beschloss, sich nach Hause durchzuschlagen. Von Iserlohn bis Scheidigen bei Werl war es ja nicht weit. Er schnappte sich ein Motorrad, nahm einige Handgranaten, zusätzlich eine Pistole im Koppel und machte sich auf den Weg.
Zuerst ging alles gut, aber nach zehn Kilometern kam eine deutsche Straßensperre. Er sah die gefürchteten „Kettenhunde“ und hatte gar kein gutes Gefühl. Auf die Frage wohin er wolle, erklärte Kappelmann sein Vorhaben und dass sich seine Einheit ergeben habe. Die „Kettenhunde“ entschlossen sich, ihn „nicht zu beißen“ und ließen ihn durch. Sein Motorrad brachte ihn immer näher nach Hause. Nur noch fünf Kilometer, und er hatte sein Ziel erreicht.
Doch plötzlich ein weiteres Hindernis. Der Motorradfahrer sah sich mit einer amerikanischen Sperre konfrontiert. Sowohl er, als auch die Amerikaner waren sehr von der Situation überrascht. Kurzerhand sprang er von der fahrenden Maschine ab und schlug sich in die Büsche. Er kannte diese Gegend gut und konnte sich durch diesen „Heimvorteil“ sicher bewegen. Das bewahrte ihn vor einer Festnahme.
Über Felder und Zäune gelangte der Flüchtige bis in unmittelbarer Nähe seines Zuhauses. Aber auch dort standen amerikanische Posten vor dem Haus. Sie unterhielten sich und rauchten eine Zigarette. Kappelmann wollte unbemerkt ins Haus schleichen, aber wie sollte er das machen? Er fand eine Bohnenstange und hatte eine Idee. Nach einigen Augenblicken richtete er die Stange auf und klopfte damit an das Fenster. Darauf kam seine Mutter und rief: „Ist da einer?“ Das erregte auch die Aufmerksamkeit der Posten, so dass sich der im Verborgenen wartende Sohn nicht zeigen konnte.
Nach einer Dauer von zehn Minuten machte er den zweiten Anlauf. Dieses mal kam sein Vater ans Fenster. Er sagte aber nichts und schaute nur raus. Endlich konnte sich Kappelmann zeigen, und nach einem Zeichen gelangte er unbemerkt ins Haus.
Nun folgten schwierige Augenblicke und Tage. Der Soldat war nicht legal da und deutsches Militär wurden gesucht. Wer sich versteckte, riskierte standrechtlich erschossen zu werden. Und bei Kappelmanns war eine fremde Frau mit einem Kind zu Gast. Würde sie den Amerikanern etwas von seiner Anwesenheit erzählen? Dies erfüllte die Eltern, aber auch den Geflohenen mit Ungewissheit und Sorge.
Nach drei Tagen beschloss Heinrich Kappelmann, in Zivil zum Bürgermeister zu gehen. Als er dort vorsprach, war dieser überrascht und erfreut zugleich den Jungen zu sehen. Aber er fand die Situation ziemlich prekär. Er hatte eine Meldepflicht und würde in „Deufelsküche“ kommen, wenn er schwieg. So beratschlagten die beiden die Situation, und nach dem Gespräch ging der Bürgermeister zu einem amerikanischen Offizier. Dieser hörte sich alles geduldig an und schickte den ehemaligen Soldaten zu einer US-Meldestelle. Dort schien auch alles gut zu gehen und es hieß, er könne nach Hause gehen.
Kappelmann freute sich und glaubte es geschafft zu haben. Doch der Schock kam etwas später. Als er nur noch 20 Meter vom Elternhaus entfernt war, wurde er festgenommen und als Gefangener abgeführt. Wieso konnte man ihn an der Meldestelle wegschicken und hier einfach festnehmen? Aber alles Hadern nutzte nichts und Widerstand war zwecklos. So waren er und seine Eltern einfach fassungslos.
Es folgte über ein Jahr Gefangenschaft mit Stationen in Belgien und Frankreich mit vielen Höhen und Tiefen. Dass er überlebte, verdankte er einem amerikanischen Captain, der ihn regelrecht vor dem Verhungern rettete.
So gesehen machte aus Sicht von Heinrich Kappelmann ein Landsmann derjenigen alles wieder gut, die ihn 20 Meter vor seiner Freiheit in eine ungewisse Zukunft einfach „umgeleitet“ hatten.

Es folgen die Geschichten des Kapitels 3
"...doch Mensch geblieben"


Licht im Schatten
Doch Menschlichkeit ist überall zu Haus´.
In jedem Land, zu jeder Zeit
blüht diese schöne Pflanze,
wenn auch oft nur im Verborgenen.
Und in Zeiten großer Dunkelheit
hat ihr Licht was ganz Besonderes.
Unerwartet und fast unbemerkt
strahlt es von Herz zu Herz,
kennt keinen Feind, kennt keinen Krieg!
Schutzengel, die die Hand ausstrecken
und nicht fragen, sondern handeln,
bleiben in Erinnerung als ein Hauch aus einer Welt,
in der das Gute zählt!
Christiane

Überall nur Menschen
Kurt Faulhaber war - wie so viele - Soldat in Russland. Nach einem halben Jahr Fronteinsatz hatte er das Glück, in ein Dorf abkommandiert zu werden, um sich etwas zu erholen. Er kam auf diese Weise in ein kleines Haus bei einer russischen Familie. Es war ein typisches Dorfhaus, und sogar Gitarre und Balalaika hingen an der Wand. In einer Zimmerecke machte man für ihn sofort eine Schlafstatt frei. Hans Faulhaber wurde freundlich aufgenommen. Abends wurde gespielt und gesungen sowie der selbstgebrannte Wodka des Hausherrn getrunken. In dem Haus schliefen insgesamt drei Soldaten und das russische Ehepaar. Sie waren zirka zwei bis drei Wochen dort und bekamen guten Kontakt zu den Leuten.
Zu dem Haus gehörten auch einige Bienenkörbe, so dass die Deutschen jeden Morgen eine Wabe mit Honig bekamen. Einmal fragte die russische Frau: „Kurt, patschimu Wojna?“ (Kurt, warum Krieg?). Hierauf antwortete er: „Ja nie snaju“. (Ich weiß nicht.) Über Politik, Hitler oder Stalin sprachen sie aber nie. Da war die Angst wohl doch zu groß. Als er sich verabschiedete, hat die Frau des unfreiwilligen Gastgebers sogar bitterlich geweint.
An einen weiteren Russen erinnert sich Kurt Faulhaber ebenfalls noch gut, und zwar an Viktor. Er war ein Gefangener, der sich überall nützlich machte. Ein so genannter Allerweltskerl. Er fuhr beim Tross einen LKW (Verpflegung, Küche und Waffenmeisterei). Viktor hatte immer das richtige Händchen und wusste bei anstehenden Reparaturen sofort Bescheid. Viktor und Kurt wurden so etwas wie Freunde und gingen auch gemeinsam zu kompanieinternen Festen. Erst nach seiner Verwundung verlor Kurt Viktor aus den Augen.
War es Angst oder Zutrauen, wenn sich Menschen trotz widriger Umstände in einem Krieg nicht als Feinde begegneten? Wie auch immer. Die „Kleinen“ fanden ab und zu die Nischen für Mitmenschlichkeit und damit die Chance, den Hass des großen Krieges zu mindern.

Konzert für Feinde
Raimund Nowicki war wieder einmal in Polen als Ordonanzsoldat unterwegs. Sein Chef, Oberstleutnant von Pfister, vertrug nur Diät und dafür brauchte er Milch. Und Nowicki sollte sie besorgen. Er war gerade mal 18 Jahre alt und noch recht unerfahren.
Er fuhr in ein Dorf, das in einem Wald lag. Man konnte auch Wochenendkolonie dazu sagen. In einem Haus holte er die gewünschte Milch für seinen Chef. Nowicki spielte zu der Zeit schon gut Klavier, und darum fiel ihm auch überall dieses Instrument sofort auf. In diesem Haus gab es eines, und er fragte die dort wohnende Frau um Erlaubnis, auf ihrem Klavier spielen zu dürfen.
Die Frau sagte ja und genoss das Spiel des jungen Soldaten. Immer wenn der Deutsche an den folgenden Tagen zu ihr kam, unterbrach er seinen Botengang und spielte einige Stücke.
Raimund Nowicki war so mit dem Spielen beschäftigt, dass er einige männliche Gestalten, die ab und zu das Haus betraten, nicht weiter beachtete. Er spielte Klavier und diese Männer ließen den Musiker gewähren.
Dass sich der Musiker unwissentlich in Gefahr begab, die schlimme Folgen für ihn hätte haben können, wurde ihm erst später deutlich. Diese Wochenendkolonie war ein Rückzugsgebiet für polnische Untergrundkämpfer. Ein erfahrenerer Soldat hätte das sicher eher bemerkt. Aber Nowicki war nur auf die Milch bzw. das Klavier fixiert. Der Beifall der Frau des Hauses spornte ihn dazu noch an.
Dass zu leutselige Kontakte zwischen Soldaten und z.B. Frauen die deutsche Wehrmacht in ernste Schwierigkeiten gebracht hatte, fand man später heraus. Bei polnischen Gefangenen wurden Kopien von Karten gefunden, die haargenau mit deutschen Generalstabskarten übereinstimmten. Auf Grund dieser Karten konnten gezielte Angriffe gestartet werden, die die Deutschen überraschten und empfindlich trafen. Eine Erklärung dafür war, dass polnische Frauen, deutschen Offizieren „zu Diensten“ waren. Sie nutzten unbemerkte Situationen, um Kleider zu durchsuchen und interessante Funde an Widerstandskämpfer weiterzugeben. Auch als es Mitte 1944 in der Nähe von Radom zum Rückzugsbefehl des Generals Klein kam, hatte vorher der Gegner ihm bekannte Geschützstellungen der deutschen Besatzer präzise angegriffen.
Raimund Nowicki erlebte keine derartige brenzlige Situation. Er führte auch keine geheimen Unterlagen mit sich. Er genoss lediglich das Klavierspiel in dieser Wochenendkolonie und ließ alle an diesem musikalischen Genuss teilhaben.
Wer weiß: Vielleicht war sein Spiel so gut, dass sich die unerkannten Feinde daran erfreuten und den ahnungslosen Deutschen in seiner musikalischen Welt unbehelligt ließen.

Bedingungslose Hingabe
Über seine „Feuertaufe“ der Hingabe schreibt Pater Hans Weßling:
Warum hat Gott mich in seinen Dienst gerufen? Es gab doch viele, die würdiger waren als ich. Ich kann mir nur eine Antwort auf diese Frage geben. Er wollte zeigen, dass es nicht auf das Material ankommt, sondern auf ihn, den Künstler, der aus Steinen Kinder Abrahams machen kann.
Immer deutlicher vernahm ich seinen Ruf: „Komm, folge mir!“ Im Noviziat hatte ich ihm entwischen wollen. Er hat mich nicht losgelassen. Im Gegenteil, immer näher zog er mich an sich. Im Sturm des Krieges läuterte er mich wie Gold im Feuerofen. Bedingungslos habe ich mich ihm ergeben. Der Tag, an dem das geschah, war der 17. März 1944, in dem kleinen Dorf Appyscha, nördlich von Pleskau. Über Nacht waren wir hierhin verlegt worden. Unsere Geschütze hatten wir bei Dunkelheit in Stellung gebracht. An jedem dieser Geschütze blieben zwei Mann auf Wache stehen. Die anderen lagen todmüde auf dem Boden eines Kellers in einem benachbarten Haus.
Noch ehe der Morgen graute, überfiel uns ein mörderisches Feuer. Das Gedröhne der Bomben und Granaten war so gewaltig, dass man weder Abschuss noch Einschlag unterscheiden konnte. Die Luft im Keller war voller Brandstaub. Wir drohten zu ersticken. Alles drängte zu einer Kellerluke. Mein erster Gedanke: "Hier kommst du nicht mehr raus!" Aber wirklich, nur für den Bruchteil einer Sekunde dachte ich so. Dann war es wieder da, dieses befreiende Wort „Du wirst dein Ziel erreichen!“ Jetzt war ich gewiss, der Herr verlässt mich nicht.
Über uns brannte das Haus. Wir eilten hinaus zu unseren Geschützen. Um uns das Grauen! Bomben, Granaten und die Stalinorgel. Das schlimmste Trommelfeuer meines Lebens hatte begonnen.
Plötzlich setzte Ruhe ein, unheimliche Ruhe. Ich schaute auf meine Taschenuhr, meinte es müsste Mittag sein. Acht Uhr morgens war es. Dann wagte ich, den Kopf über den Rand meines Loches zu heben. Ich schreckte zurück! Ein russischer Panzer fuhr unmittelbar an unseren Geschützen vorbei. Warum nur einer? Wir sollten es bald wissen. Der Panzer kam um zu erkunden. Er drehte zurück auf die russische Stellung zu. Im Niemandsland versackte er in einem zugefrorenen Bombentrichter. Doch die Besatzung konnte noch zu den russischen Gräben laufen.
Minuten später setzte wieder mörderisches Feuer ein. In Appyscha tobte die Hölle. Rund um unsere Stellung prasselte die Stalinorgel nieder. Und dann die Sekunde des Grauens. Die letzte Granate dieses ersten erneuten Feuerüberfalls schlug am Rande meines Loches ein. Ich höre es heute noch und werde es nie im Leben vergessen, mit welchem Luftdruck sie auf mich zusauste, wie es mich erdrückte. Mein Karabiner, der oben auflag, fiel mir zerfetzt in den Rücken. Ich kauerte am Boden, kratze mit den Fingernägeln den angefrorenen Boden an und rief laut: Deus in adjutorium meum intende! Domine ad adjuvandum me festina! (Oh Gott, komm mir zu Hilfe! Herr eile mir zu helfen!) Nichts, gar nichts hatte ich abbekommen. Ich betastete mich. Dann kam es aus innerstem Herzen heraus: „Herr, hier bin ich! Ich will Priester werden, ein heiliger Priester!“ Im Nachbarloch mein Kamerad Hans Linz. Er konnte es nicht verlassen. Rundum noch tödliches Gewitter.
So wie es etwas stiller wurde, wagten wir beide zaghafte Blicke über den Rand unserer Löcher. Seine fragenden Augen verrieten mir alles. Unfassbar für ihn, dass mir nichts geschehen war.
Zwei Tage hielt dieses mörderische Feuer an. Zum Glück war es in den Nächten ruhiger. Als wir am 19. März in der Morgenfrühe aus Appyscha abgezogen wurden, war ich ein anderer. Restlos hatte ich mich dem Herrn übergeben.

Das Geburtstagsgeschenk
Wer die jugoslawische Adriaküste kennt, stellt sich eine schöne Landschaft vor und denkt überhaupt nicht an Krieg. Erich Staub hat eher andere Assoziationen, weil er dort im Jahre 1944 ein besonderes Geburtstagsgeschenk erhielt. Er war damals 18 Jahre und gehörte zur deutschen Besatzungstruppe. Auf einer Insel bei Zadar lag seine Einheit. Er hatte im Sommer häufig den Auftrag, mit einem Schiff - einer requirierten Segeljacht mit Hilfsmotor - Verpflegung und Post vom Festland zu holen. Es war immer eine nette Abwechslung, so dass er es eigentlich gern tat.
Am 6. August 1944, der Tag an dem er 19 Jahre alt wurde, überkam ihn ein besonderes melancholisches Gefühl. Er dachte an seine Eltern, an zu Hause und wollte deshalb nicht hinausfahren. Sein Kamerad Fritz, der das mitbekam, wollte gern für ihn einspringen. Er fragte daraufhin den Vorgesetzten, ob er an dessen Stelle mitfahren könne. Dem stand nichts im Wege, und so fuhr er auch bald los. Der Boschelner beobachtete die abfahrenden Schiffe - insgesamt waren es drei - und konnte sie noch lange sehen. Er befand sich auf einer Anhöhe und hatte dadurch eine schöne Aussicht.
Gewöhnlich kamen die Schiffe am Nachmittag zurück. Erich Staub wusste das und schaute zu dieser Zeit aufs Meer. Und tatsächlich konnte er sie bald erblicken. Soweit wäre alles gut gewesen, wenn nicht plötzlich von der Landseite ein Feuerüberfall begonnen hätte. Er rief noch „Alarm!“ und sah auch schon, wie die Boote Feuer fingen. Bald sanken die Schiffe, und die Besatzungen sprangen ins Wasser. Da die havarierten Männer im Wasser eine gute Zielscheibe boten, überlebten nur wenige diesen Überfall.
Erich Staub war entsetzt, weil er wusste, dass sein Kamerad Fritz an diesem Tag für ihn gestorben war. Sicher, Fritz wollte ja für ihn fahren, aber trotzdem wurde ihm sehr flau im Magen.
Was ihn an jenem 6. August 1944 bewogen hatte, nicht mit dem Boot zu fahren, konnte er gar nicht mehr sagen. In jedem Fall hatte es das Schicksal gut gemeint und ihm sein Leben zum 19. Geburtstag nochmal geschenkt.

Schuhe statt Dichtungen
Ein deutsches Boot lag in der Werft in Nikolajew (Ukraine) zur Reparatur vor Anker. Zwar führten die Rumänen hier das Kommando, aber da Deutsche und Rumänen Verbündete waren, stellte das kein Problem dar.
Ein deutscher Obermaschinist hatte sich nicht so gut benommen und ständig die Russen angeschnauzt. Das gefiel dem befehlshabenden Rumänen überhaupt nicht, und darum verwies er diesen Obermaschinist kurzerhand aus der Reparaturhalle.
Hans Segerer aus Frelenberg schmunzelte darüber und freute sich innerlich. Der sonst höhergestellte Obermaschinist konnte ihm in der Reparaturhalle jetzt nichts mehr sagen. Und das schien dem Maschinisten ziemlich zu wurmen. Aber gegen das Votum des Rumänen konnte er nichts machen.
Die Maschinenwelle des deutschen Bootes musste repariert werden, und sowjetische Kriegsgefangene bzw. Zivilarbeiter waren mit den Ausbesserungsarbeiten beschäftigt. Der Rumäne wollte, dass die Arbeit voranging und kein Stunk aufkam. Auch als Besatzer musste man sich benehmen, so seine Einstellung.
Hans Segerer wusste, dass die Russen ziemlich arm dran waren und alles Brauchbare zu schätzen wussten. Einmal erlebte er eine Überraschung, als er Abfallleder mit dem Hinweis ausgab, daraus Dichtungen zu machen. Als er die fertigen Dichtungen sehen wollte, zeigte ihm der Russe seine Schuhe. ‚Also, da kannst du mal sehen, besohlen einfach ihre Schuhe', dachte der sprachlose Segerer. Lernfähig wie er war, gab er in Zukunft kleineres Leder aus, um auch wirklich seine Dichtungen zu bekommen. „Leder jetzt karascho?“, waren seine Worte, als er den Auftrag erteilte. Ehrlicherweise kam die Antwort: „Nix mehr karascho (gut), nix mehr für Schuhe“.
Diese Begebenheit zeigte dem Frelenberger, dass die Russen ein gewisses Vertrauen zu ihm hatten und dass dadurch mehr menschliche Nähe möglich war. Dies spürte auch ein älterer Russe, der seinen Sohn sehr vermisste. Er hatte seit dem Finnlandfeldzug nichts mehr von ihm gehört und war sehr betrübt. Er redete mit Segerer darüber, weil ihm der Deutsche sehr sympathisch war. Der Ältere gab dem Jüngeren zu verstehen, dass er seinem Sohn sehr ähnlich sehe. Aber da war ja der verfluchte Krieg mit seinen eigenen Gesetzen. Der Russe verstand nicht, dass man sich anonym - also aus weiter Entfernung - bedenkenlos umbringen würde und - sofern man sich persönlich begegnete - auch gut miteinander umging. Und er war davon überzeugt, dass sich sein Sohn und Hans angefreundet hätten.
Als beide bei einer anderen Gelegenheit zusammensaßen, waren sie sich einig darin, dass Hitler und Stalin selber gegeneinander kämpfen sollten, um den Krieg zu entscheiden. Sie würden gerne als Zuschauer dabeisein und applaudieren.
Aber die Wirklichkeit holte vor allem den Deutschen schnell wieder ein, als das Schiff wieder fahrtüchtig war. Ein neuer Einsatz im Schwarzen Meer stand bevor, und nach knapp drei Wochen verließ Hans Segerer Nikolajew mit dem Schiff. Die Zeit auf der Werft war eine schöne Abwechslung gewesen und hatte bei ihm dazu beigetragen, die Russen mit anderen Augen zu sehen.

Mein Leben gegen deins
Ein Partisanenüberfall war zu Ende und hatte bei einer deutschen Einheit in Russland für Unruhe gesorgt. Es war in einem Waldstück geschehen, und nun wurden die Soldaten durch jenen Wald geschickt, um nach den Gegnern zu suchen. Auch Heinz Gemünd gehörte zu denen, die den Wald durchkämmen mussten.
Die Soldaten verstreuten sich, und so war Gemünd bald allein. Der Zufall wollte es, dass er etwas Verdächtiges bemerkte. Nach genauerem Hinsehen entdeckte er eine Höhle. Als er weiter forschte, sah er eine junge Russin. Er war verdutzt und wusste nicht so recht, was er tun sollte. Beide schauten sich an, und einige Augenblicke vergingen. Nun begann sich Heinz Gemünd umzusehen. War jemand in der Nähe? Er blickte und suchte, aber es war niemand da. Kurzerhand nahm er das Grünzeug und legte es wieder auf die Höhle. Da das Mädchen nicht bewaffnet war, glaubte er, für sich nichts befürchten zu müssen. Wenn ihn jemand beobachtet hätte, wäre dieses Verhalten nicht möglich gewesen. Aber so ließ er das Mädchen in Ruhe und die Sache war für ihn erledigt.
Die Wochen zogen ins Land, und Heinz Gemünd hatte diesen Vorfall schon fast vergessen. Seine Einheit befand sich immer noch in dieser Gegend und kam durch ein kleines Dorf. Nur wenige Häuser gehörten zu diesem Weiler. Da die Rote Armee einen Angriff startete, mussten sich die Deutschen verschanzen. Als das Schießen richtig losging, flüchtete Heinz Gemünd in ein Haus. Er glaubte sich zuerst allein und legte sich auf den Boden, um Schutz zu finden. Doch was war das? Plötzlich nahm er eine Person wahr. Er war verblüfft, als er jenes Mädchen wiedertraf, das er bei seinem Streifzug durch den Wald in der Höhle angetroffen hatte. Welch ein Zufall! Auch das Mädchen schien zu wissen, wen es vor sich hatte.
Als die Kampfsituation immer brenzliger wurde, ergriff das Mädchen plötzlich die Initiative. Sie schnappte sich den verdutzten Soldaten, zerrte ihn zum Hinterausgang des Hauses und zeigte ihm einen Weg in den Wald. Ihre Gestik verdeutlichte ihm: Hau ab, sonst hast du Pech! Und in der Tat, Heinz Gemünd war gerade weg, da krachte es an dem Haus. Man hätte ihn mit Sicherheit erwischt, wenn er sich noch länger dort aufgehalten hätte.
Er dachte noch lange über diesen Zufall nach und war froh, dass er einige Wochen zuvor im Wald richtig gehandelt hatte. Mein Leben gegen deins, schien das Ergebnis dieser Tat zu lauten, und dieser kleine Ermessensspielraum des Gewissens hatte zwei Menschen das Leben gerettet und mitten im Krieg ein Wunder geschehen lassen.

Gastfreundschaft dem Feind
Menschen lernen immer wieder, dass man Völker nicht mit Vorurteilen belegen soll. Es gibt nicht „die Deutschen“, „die Franzosen“ oder „die Russen“, sondern nur Menschen, die ganz individuell handeln. Diese Weisheit erfuhr Willi Malzahn im Jahre 1943 während seiner Soldatenzeit. In Frankreich und in Russland erlebte er Folgendes:
Die erste Begebenheit passierte ihm während seiner Ausbildung zum Nachrichtenmann in Südfrankreich. Er nahm an einer Übung teil und hatte mit einem Kameraden die Aufgabe, von seinem zugewiesenen Standort Kontakt mit den Verbliebenen aufzunehmen. Er befand sich nur unweit von einem Bauernhof und beschäftigte sich mit Feldtelefon und Kabeltrommeln. Plötzlich kam ein Franzose auf die beiden zu und interessierte sich für ihr Tun. Er kam von dem Bauernhof und fing ein Gespräch an. Es dauerte nicht lange, da bot er ihnen etwas zu essen und zu trinken an. Willi Malzahn war gerade 18 Jahre alt und konnte immer etwas vertragen. Er sagte ja, und nicht lange danach bekamen beide ein Butterbrot und eine Flasche Rotwein. Trotz der Übung fanden sie zwischendurch die Zeit, beides vollständig zu konsumieren.
Gegen Mittag kam der Befehl zum Abbruch der Übung. Grund dafür war u.a. die große Hitze. Malzahn und sein Kollege bemühten sich, alles wieder abzubauen. Doch dank des Weines ging alles viel langsamer, und dadurch verspäteten sie sich. Ihr Feldwebel suchte schon nach ihnen, und als schließlich dieser die beiden sah, wollte er natürlich wissen, was denn passiert sei. An der Gestik der beiden Soldaten sah er aber sofort, dass sie etwas getrunken hatten. Kurz schilderte Willi Malzahn die Begebenheit auf dem Bauernhof und schloss mit den Worten: „Haben eine Flasche leergemacht.“
Nach einem kurzen Rüffel zeigte der Feldwebel dennoch Verständnis und wies ihnen ihren Platz auf dem LKW zu. Er sorgte auch dafür, dass der Batteriechef von dieser Eskapade nichts erfuhr und ersparte den beiden damit mindestens drei Tage Bau.
Die andere „Einladung“ erhielt Willi Malzahn in Russland (Ukraine) und zwar im Südabschnitt in der Nähe des Dnjepr. Er war an Gelbsucht erkrankt und wurde von seinem Einsatzort zu einem Sammellager geschickt. Er befand sich gerade in einem Dorf, als er von einer jungen Frau angesprochen wurde. Ihre Gestik deutete darauf hin, dass er ins Haus kommen sollte, um etwas zu essen. Mahlzahn nahm auch hier die Einladung an und befand sich Augenblicke später in einem kleinen Raum. Über einem Backofen hing ein Topf, in dem sich ein Gemüseeintopf befand. Freundlich wurde ihm die Suppe serviert und - obwohl er ja ein Besatzer war - spürte er überhaupt keine Feindschaft. Nach dem Essen bedankte sich der 18-Jährige und war sehr angerührt von dieser spontanen und freundschaftlichen Geste.
Für Willi Malzahn waren beide Begebenheiten sehr prägend, und so versuchte er in Zukunft Menschen im Lichte ihrer Taten zu sehen und nicht mehr in irgendeine Schublade zu stecken.

Rauchen rettet Leben
Hans Scharmach, der u.a. beim Westfeldzug von Mai bis September 1940 dabei war, hatte stets Glück bzw. einen guten Schutzengel. Er bemühte sich immer, bewusst daneben zu schießen. Er war der Überzeugung, dass feindliche Kugeln ihn dann auch verschonen würden. Vor allem an die Zeit in Russland (von Juni 1941 bis Juni 1942) hat er sehr schreckliche Erinnerungen. Er war u.a. als Kradmelder eingesetzt, wovon diese Begebenheit hier berichtet:
Hans Scharmach hatte die Aufgabe, eine Meldung wegzubringen und erhielt eine entsprechende Order. Er sollte hinter einem Tross herfahren, damit er geschützt sei. In dieser Gegend „roch“ es nämlich nach Partisanen. Eine innere Stimme schien ihm zu sagen, dass er vorher noch eine Zigarettenpause machen sollte. Nach dieser Pause begab er sich auf den Weg und fuhr hinter seinen Kameraden her. Was man von der Kompanieleitung her befürchtet hatte, war eingetreten. Es hatte einen Partisanenüberfall gegeben, bei dem die Deutschen niedergemacht wurden. Als Scharmach mit seinem Krad bei dieser Stelle ankam, war bereits alles passiert. Nur noch zerstörte Geräte oder Tote zeugten von diesem Kampf. Wäre er, wie zuerst vorgesehen, mit dem Tross gefahren, dann hätte es ihn mit Sicherheit auch erwischt. So musste er die makabere Weisheit erfahren, dass Rauchen auch Leben retten kann.

(Telefon)Vermittlung mit Folgen
Viele Schicksale und Lebenswege hat der Krieg umgeschrieben. Er hat Familien heimatlos gemacht oder zerstört. Aber manches Mal hat er auch Familien gestiftet. Dr. Reinhard Wöbker war als Marineoffizier in Norwegen stationiert. Der Krieg gab ihm nicht nur eine harte Lebensschulung, sondern auch seine spätere Ehefrau. Wie es dazu kam, schildert er mit folgenden Worten:
Während der Werftliegezeit in Bergen im Jahre 1944 hatte ich mit dem Admiral von Schrader zu tun. Er war damals Marinebefehlshaber der norwegischen Westküste. Mit dem zuständigen Offizier beim Admiralsstab klappte die Zusammenarbeit problemlos. Wir waren nämlich von der Ausbildung her befreundet und das erleichterte vieles. Fast alle Fragen ließen sich telefonisch klären. Diese Gespräche liefen über die Marinevermittlung in Bergen. Die Namen und Stimmen der dort tätigen Marinehelferinnen waren mir bald sehr geläufig.
Eines Tages - wie das so kommen musste - habe ich mich mit einer dieser Marinehelferinnen in Bergen in der Nähe des Hauptbahnhofes an einer Straßenbahnhaltestelle um 17.00 Uhr verabredet. Pünktlich, wie es sich gehört, war ich fünf Minuten vor der verabredeten Zeit an dieser Haltestelle. Ich schaute auf die ankommenden Bahnen und wartete, ob jemand für mich aussteigen würde. Sowohl aus der ersten Bahn als auch aus der zweiten stieg keine junge Frau aus. Ob sie mich wohl versetzt hatte? Ich habe mir dann gesagt, wenn auch aus der dritten Bahn niemand aussteigt, haust du ab. Kurze Zeit später kam dann eine Bahn aus der entgegengesetzten Richtung. Aus ihr stieg dann für mich völlig überraschend eine zierliche Marinehelferin in schicker Uniform aus. Ich war etwas verwirrt und sagte mir, dass sie aus dieser Richtung doch gar nicht kommen konnte. Trotzdem kam die junge Frau über die Straße und ging direkt auf mich zu. Wir haben uns angesehen, und damit war es passiert. Von da an waren wir unzertrennlich.
Erst viele Jahre später sprach ich mit meiner Frau nochmals über unser erstes Zusammentreffen. Ich wollte wissen, warum sie mit der Bahn aus der falschen Richtung gekommen war. Sie schmunzelte und offenbarte mir, dass sie schon pünktlich mit der richtigen Bahn an mir vorbeigefahren sei; denn sie wollte erst einmal sehen, mit wem sie es zu tun haben werde.
Wir beide haben den Krieg glücklicherweise gut überstanden. Auch meine spätere Frau wurde als Marinehelferin nach Kriegsende von den Engländern interniert. Dadurch spürte sie am eigenen Leibe, was es heißt, als Kriegsteilnehmerin interniert zu sein. Ihre Erfahrungen waren zwar nicht so schlecht wie bei vielen deutschen Kriegsgefangenen in anderen Ländern, aber es war dennoch ein beklemmendes Gefühl der Unfreiheit.
Sowohl sie als auch ich kehrten im Oktober 1945 aus Norwegen zurück. Danach konnten wir die begonnene Beziehung in der Heimat weiterführen. Wir heirateten im April 1948, und so könnten drei Töchter, fünf Enkel, zwei Urenkel eigentlich als wunderbare Spätfolgen des Zweiten Weltkrieges bezeichnet werden.

Der Flirt aus dem Sarg
Dass einige ihren Humor im Krieg nicht verloren haben, obwohl sie oftmals Grund genug dazu gehabt hätten, zählt zu den schönen Erinnerungen an diese schreckliche Zeit. Gelegenheit macht nicht nur Diebe, sondern auch Witze - und wenn die Gelegenheit bestand, warum nicht?
So dachte auch die Clique um Heinz Müller, die sich eine Zeit lang im Jahre 1945 im Kloster Havelberg aufhielt. Natürlich schauten die jungen Männer auch nach den Frauen, aber noch viel lieber waren sie mit ihnen zusammen.
In einem Lokal lernten die Soldaten sechs Mädchen kennen. Nach einem Gespräch luden sie sie auf eine Flasche Wein in ihr Kloster ein. Sie flunkerten den Mädchen vor, dass sie (die Soldaten) normalerweise nicht wegdürften, und es wäre schön, wenn sie kämen. Das stimmte zwar nicht, aber die Angesprochenen nahmen die Einladung an und kamen zum verabredeten Zeitpunkt.
Die jungen Männer fühlten sich in ihrem „Palast“ recht wohl und zeigten ihren weiblichen Gästen das Gebäude. Ihr Ziel war aber die obere Etage, in der es angeblich am gemütlichsten sei. Darum ging die Gruppe über eine Wendeltreppe zum Kreuzgang hoch und war guter Dinge. Doch was war das? Dort standen drei Särge, die eine gewisse Beklemmung verursachten.
Was nun kam, konnte man eher in die Kategorie „filmreif“ einstufen, weil sich die Ereignisse plötzlich überschlugen. Einer von den Männern stieß „zufällig“ mit dem Fuß gegen einen Sarg und gab damit ein heimlich ausgemachtes Zeichen. Danach hob sich ganz langsam der Sargdeckel, und eine mit weißem Bettuch bedeckte Gestalt kam zum Vorschein. Als das die jungen Frauen sahen, fingen sie an zu schreien und liefen sofort weg. Die Spaßvögel waren verblüfft, wie schnell die Erschreckten die Treppe hinunter liefen. Schneller konnten die Jungs im Ernstfall bei Alarm auch nicht sein.
Zwar haben Heinz Müller und seine Kumpels danach ihren Spaß gehabt, aber den Abend mussten sie letztlich doch alleine verbringen. Denn auch für sie war es unmöglich gewesen, Gespenster und Frauen unter einen Hut zu bringen.

Wasser als Friedensstifter
Für die, die im Krieg unter extremen Bedingungen leben bzw. kämpfen mussten, ist es aus heutiger Sicht unverständlich, wie sie trotz vieler Verwundungen überlebten. Erich Ohle ist einer, der oftmals verletzt wurde. Erst erlitt er einen Oberarmdurchschuss, bekam eine Verletzung am Unterschenkel, erhielt zahlreiche Granatsplitterverletzungen am Oberkörper, wurde am Handgelenk getroffen, hatte Splitter im Wirbelsäulenbereich zu verkraften und trug Verletzungen am linken Oberschenkel davon. Er bekam das Verwundetenabzeichen in Gold. Sein Körper zeigt noch nach 60 Jahren zahlreiche Narben, die ihn sein Leben lang an die Zeit in Russland erinnerten.
Doch nicht nur Kampf und Verletzung sind ihm in Erinnerung geblieben, sondern auch Erlebnisse mit einer menschlichen Seite.
Es war in der Gegend des Assowschen Meeres im Sommer des Jahres 1942. Gemeinsam mit seinen Kameraden litt auch Erich Ohle sehr unter der großen Hitze. Es gab wenig zu trinken und man suchte dringend nach Wasser. Per Fernglas entdeckten sie, wie Russen einen bestimmten Weg gingen und mit Wasser zurückkamen. Sie waren also in der glücklichen Lage, das auf ihrer Seite eine Quelle war.
Die Deutschen wollten auch Wasser haben und sandten einen Spähtrupp los. Der hatte Glück und fand in einem Kilometer Entfernung eine Quelle. Diese wollte man auch nutzen, aber die Russen sollten nichts merkten. Immer wenn kein Russe in der Nähe war, schickten sie die eigenen Leute zur Quelle.
Einmal gab es aber doch eine Begegnung. Beide Parteien behielten die Nerven und blieben friedlich. Und das aus heutiger Sicht Unglaubliche passierte: Man verabredete ein Zeichen, dass nicht geschossen würde, wenn es um Wasser ging. Wer eine Flasche hochhielt, sollte unbehelligt die Quelle benutzen können. Als ein Klima des Vertrauens geschaffen war, haben auch einige Deutsche und Russen zusammen an der Wasserstelle eine Zigarette geraucht und sich unterhalten. Das ging eine Zeit so lange gut, bis die Russen wieder klare Angriffsbefehle bekamen. Als es soweit war, kündigten sie mit einem Lautsprecher ihren Angriff mit der Stalinorgel an. „Kameraden geht in Deckung, gleich geht es los!“ hörten die erstaunten deutschen Gegner.
Da bei der Roten Armee auch übergelaufene Antifaschisten aus Deutschland kämpften, gab es von daher keine Sprachprobleme. Sich zu achten, wenn es um den Durst ging, war eine Sache, das rücksichtslose „Draufhalten“ von Kanonen und Geschützen anscheinend eine andere.
Für Erich Ohle war es dennoch ein Wunder, dass Wasser im sprichwörtlichen Sinne Frieden stiften konnte. Diese Begebenheit dokumentierte auch, dass Befehle „von Oben“ den Krieg führen und die Menschen „von Unten“ trotzdem ganz eigene Wege finden konnten.

Auf einem Seemannsgrab...
Das deutsche Schlachtschiff Scharnhorst hat bis heute noch einen gewissen Mythos. Dieses berühmte Kriegsschiff Adolf Hitlers, das den Flugzeugträger Glorius versenkte und einen schier unmöglichen Kanaldurchbruch schaffte, wurde am 26. Dezember 1943 von dem englischen Schiff Duke of York u.a. durch zahlreiche Torpedotreffer versenkt. Die Scharnhorst geriet durch defektes Radar in den Hinterhalt und musste sich ihrem Schicksal ergeben. Über 1800 Seeleute fanden im eiskalten Nordmeer einen schnellen Tod. Lediglich 36 Personen konnten gerettet werden.
Als diese Nachricht in Deutschland bekannt wurde, waren auch die Eltern von Peter Schefer sehr bestürzt. Sie mussten davon ausgehen, dass ihr Sohn mit unter den Opfern war, weil er auch ein Besatzungsmitglied der Scharnhorst war. Sie hatten lange Zeit keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt und befürchteten das Schlimmste.
Was sie nicht wussten war, dass Peter drei Wochen vor dem Unglück zu einem Lehrgang nach De Haan/Belgien abkommandiert worden war. Die Scharnhorst war sein Leben, und wenn er Matrosen seines Schiffes begegnete - ob bekannt oder nicht - dann war das immer ein erhebendes Gefühl der Verbundenheit.
Nun war er im Lehrgang und hatte zu Weihnachten etwas zu viel getrunken. Grund war die Ablehnung seines Urlaubs zwischen Weihnachten und Neujahr und die Verpflichtung während dieser Zeit den UVD (Unteroffizier vom Dienst) zu machen. Während er so in seiner Koje lag, hörte sein Kamerad die Nachrichten. Als die Meldung vom Untergang der Scharnhorst kam, lief dieser sofort zu seinem betrübten Kumpel und rief: „Mensch, dein Pott ist untergegangen!“ Erst traute der Angesprochene seinen Ohren nicht, aber dann war er trotz seines Katers augenblicklich aus dem Bett. Er konnte es nicht fassen, was passiert war und brach in Tränen aus. Als er sich wieder gefasst hatte, stürmte er zu seinem Chef und bekniete ihn für Urlaub. Er meinte, dass seine Eltern jetzt denken mussten, dass er tot sei. Es hätte doch kaum Überlebende gegeben. Sein Vorgesetzter hatte ein Einsehen und genehmigte den Heimaturlaub.
In wenigen Stunden erreichte Peter Schefer Herzogenrath, und als er vor der Haustür stand, war seine Schwester total überrascht. Sie rief zu ihrer Mutter ‘Der Peter ist da! Der Peter ist da!’ und war außer sich vor Freude. Die besorgten Eltern waren überglücklich, ihren Sohn zu sehen, und für sie war es - wenn auch etwas nachträglich - das schönste Weihnachtsgeschenk.
Ehemalige Scharnhorster leben heute noch mit einem starken Band zu ihrem Schiff, und eine angeblich wahre Begebenheit erfüllt sie nach wie vor mit Stolz auf ihre ertrunkenen Kameraden. Überlebende berichteten davon, wie zahlreiche Besatzungsmitglieder vor ihrem sicheren Tod in dem eiskalten Wasser noch das Lied Auf einem Seemannsgrab, da blühen keine Rosen gesungen haben.
Peter Schefer ist das Seemannsgrab erspart geblieben, doch sein Herz ist auch nach 60 Jahren immer noch bei seinen Kameraden und die Erinnerung an sie sehr lebendig.

Bange Momente in Charleroi
Kurz bevor die Westgrenze nach Deutschland von den Amerikanern im September/Oktober 1944 überschritten wurde, erlebte Helmut Hoffmann seine letzten Tage als deutscher Soldat in Belgien. Er schildert sie wie folgt:
Ich kam zu einer Neuaufstellung nach Frankreich in die Normandie, als die Amerikaner im Juni 1944 gelandet waren. Auf Grund ihrer großer Übermacht, mussten wir den Rückmarsch antreten. Wir verließen Frankreich und marschierten durch Belgien. Am 3. 9. 1944 kamen wir durch Charleroi und gerieten in Straßenkämpfe.
Die Belgier machten einen Aufstand und schossen aus allen Fenstern. Unser Funkwagen wurde zerstört, und wir mussten zu Fuß weiterkämpfen. Ich erlitt einen Hüftdurchschuss. Das Blut spritzte durch die Uniform, und ich blieb auf der Straße liegen. Mitnehmen konnte mich keiner, und im Nu war ich von einer Menschenmenge umringt. Die erste Frage, die ich hörte: „Sind Sie von der Wehrmacht oder von der SS?“ Ich sagte unter Schmerzen: „Sie sehen doch an meiner Uniform, dass ich von der Wehrmacht bin.“ Man sagte mir, als SS-Mann wäre ich sofort erschossen worden.
Ein Leutnant und ein Kamerad dachten, dass ich einen Bauchschuss hätte und sterben müsste. Die Folge war ein Brief an meine Eltern, dass ich sei in Charleroi gefallen sei. Der Leutnant wünschte aufrichtiges Beileid. Die anderen zogen natürlich weiter, und ich blieb in Charleroi zurück.
Die Belgier waren sehr gut und freundlich zu mir und versorgten mich in einem Haus mit Essen und Trinken. Ich wollte jedoch nur trinken. Die Frauen brachten weiße Tücher und verbanden mich so gut es ging. Inzwischen holten sechs Männer aus einem ganz nahe gelegenen Krankenhaus eine Trage und trugen mich dorthin. Es war ein kleines Krankenhaus mit katholischen Schwestern. Ich kam auf ein großes Zimmer, in dem schon sechs Belgier lagen. Von allen wurde ich freundlich behandelt.
Am nächsten Vormittag kam eine Frau herein und steuerte direkt auf mein Bett zu. Sie sprach mich in einwandfreiem Deutsch an und fragte, ob es mir recht wäre, wenn sie mich täglich besuchen käme. Sie stamme aus Aachen und sei mit einem Belgier verheiratet. Ich zögerte nicht und stimmte sofort zu.
Sie kam am nächsten Morgen mit ihrer Tochter und brachte mir sogar etwas zum Lesen mit. Einige Stunden später kamen sieben belgische Milizionäre und stellten sich um mein Bett. Ich sah, dass einer meinen Brotbeutel hatte. Er fragte mich: „Ist das Ihr Brotbeutel?“ Ich bejahte die Frage. Er nahm den Pass von einem Mädchen heraus und fragte mich, ob ich sie kenne. Ich verneinte. Er behauptete, der Pass befand sich in meinem Brotbeutel. Das Verhör dauerte eine knappe Stunde, dann verließen sie mich mit den Worten: „Wir kommen morgen wieder, dann wollen wir wissen, wer dieses Mädchen ist!“
Am nächsten Morgen erzählte ich alles der deutschen Frau. Sie wandte sich sofort an den Chefarzt und schilderte mein Problem. Er ließ mich wissen, dass ich keine Angst zu haben brauche, solange ich im Krankenhaus sei. Und in der Tat ließ er die belgische Miliz nicht mehr zu mir herein, auch später nicht mehr. Wer war nur diese Frau, die mich beschützt hatte?
Neuneinhalb Wochen verbrachte ich im Krankenhaus in Charleroi, dann holten mich die Amerikaner ab. Ich wurde Kriegsgefangener. Über Frankreich und England wurde ich nach Amerika abtransportiert. Dort fühlte ich mich wie im Schlaraffenland, gemessen an dem, was ich in der Zeit davor alles erlebt hatte. Ich blieb ein gutes Jahr in den USA und kehrte im Dezember 1945 nach Europa zurück. Im Januar 1946 fand ich meine Eltern in Bayern. Und man kann sich vorstellen, dass sie „ein Blitz traf“, als sie mich sahen. Glaubten sie doch, dass ich schon seit 15 Monaten tot sei. Aber ich lebte, und sie konnten ihr Glück nicht fassen.
In meine schlesische Heimat gab es keine Rückkehr, und so musste ich mich nach einem neuen Zuhause umsehen. Da meine Schwägerin in Marienberg wohnte, fing ich in Übach-Palenberg ein neues Leben an.

Waffenstillstand unter Kleinen
Eine Front im Krieg bildete die Abgrenzung zwischen zwei feindlichen Lagern. Hier „begegnete“ man sich und hier wusste jeder worum es ging. In Nordafrika hingegen konnte man diese Maßstäbe nicht anlegen. Die Verhältnisse waren zu unübersichtlich, um dort so etwas wie eine Front aufzubauen. Darum bekämpfte man sich mehr im Kleinen, d.h. operierte von einzelnen Stützpunkten aus, um den Feind zu schwächen. In Nordafrika kämpften Deutsche und Italiener zusammen gegen die Engländer. Der Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht zeigte natürlich seine Wirkung und drückte auf´s Gemüt.
Generalfeldmarschall Rommel vermochte besonders im Jahre 1942 mit wenigen Mitteln viel zu erreichen. Der so genannte „Wüstenfuchs“ machte mit taktischen Tricks die zahlenmäßige Übermacht der Engländer wieder wett. Das geschah z.B. mit Panzer-Attrappen, d.h. das waren Volkswagen (VW) im Panzerkostüm, die Gegenstände hinter sich herzogen. Der aufgewirbelte Staub ließ aus der Ferne den Eindruck entstehen, hier würden Panzer kommen.
In Derna/Libyen befand sich im Jahre 1942 auch der Boschelner Franz Jansen in einem der vorgenannten Stützpunkte. Eines Tages erfuhr er, dass einige Kameraden aus seiner Einheit sich ohne feindliche Absicht zu den zwei Kilometer entfernten Engländern begeben hätten. Sie wollten einfach mal hingehen und schauen.
Wie die Leute es geschafft haben, ist ihm bis heute schleierhaft. Jedenfalls nahmen sie friedlich mit den Engländern Kontakt auf und unterhielten sich mit ihnen. Da einige von ihnen Englisch sprachen, war die Verständigung gewährleistet. Als Beweis brachten die „Feindbesucher“ sogar Schokolade mit. Sie erzählten auch von ihren Gesprächen, die u.a. lauteten: „Wir machen Hitler kaputt, ihr macht Churchill kaputt.“ Sich selber wollten sie jedoch verschonen.
Sie wussten, dass es ein Spiel mit dem Feuer war, aber nach den ersten Kontakten wollten diese friedlichen „Frontpioniere“ den einmal erfolgreich beschrittenen Pfad nicht verlassen. Franz Jansen selber traute sich nicht, diese nächtlichen Besuche zu unternehmen, und wenn er hörte ‚Gehst du heute Abend mit Schokolade holen?' fühlte er sich nicht angesprochen.
Die Friedensboten brachten nicht nur Schokolade mit, sondern handelten auch ein „Abkommen“ aus. Man einigte sich während der besonderen Hitze zwischen 12.00 und 14.00 Uhr auf eine Kampfpause. Diese Zeit konnte jeder nutzen, um Decken vom Sand zu befreien oder sich zu waschen. Unter normalen Umständen hätten die Geschütze eine derartige Offenheit schnell zunichte gemacht, aber die geregelte Pause ließ es jetzt zu.
Dieses „little agreement“ hielt auch einige Zeit allen normalen Kriegsstrategien stand. Doch konnte das auf Dauer nicht gut gehen, weil auch immer wieder neue Leute kamen, die so etwas nicht zuließen. Das zeigte ein junger Ritterkreuzträger, der sich nach der Zuordnung zu dieser Einheit wunderte, warum es mittags immer so ruhig war. Auf eine diesbezügliche Frage bekam er zu hören, dass man das seit einiger Zeit so mache und dass sich so jeder ohne Lebensgefahr vernünftig waschen könne. Das gefiel dem Heißsporn nicht und er sagte nur: „Nix, das hört auf!“ Er sorgte dann dafür, dass diese Waffenruhe der Kleinen gebrochen wurde und der Mittagsfrieden bald der Vergangenheit angehörte. Franz Jansen fand es sehr schade, aber er musste sich den Umständen fügen.
Ironie des Schicksals in dem Zusammenhang war der Umstand, dass jener Heißsporn bald fiel und er dadurch einen hohen Preis für seinen (Über)Eifer zahlen musste.

Schwein gehabt!
Im Krieg hatte alles seine Gesetze. Der Vormarsch war etwas anderes als der Rückzug. Bei Letzterem musste man schnell und beweglich sein und konnte keinen Ballast gebrauchen. Erich Staub, der den Rückzug in Jugoslawien mitmachte, erinnert sich noch an eine Situation, die ihm besonders nahe ging.
Kurz bevor der Aufbruch losging, suchte er mit anderen Kameraden ein Verpflegungsdepot auf. Seine Gasmaske hatte er aus dem dazugehörenden Behälter entfernt, so dass er darin Platz für Lebensmittel hatte. Zwei Wursthälften passten gut hinein, die würde er sich später schmecken lassen.
Es dauerte nicht lange, bis sich die Partisanen bemerkbar machten. Sie nutzten die allgemeine Hektik aus und beschossen die Deutschen. Erich Staub erlebte diesen Überfall als er gerade Pause machte. Eben noch sinnierte er über den Unsinn des Krieges nach und nun war er wieder mittendrin. Plötzlich machte es „Peng“ und er spürte eine Erschütterung am Körper. Blinderschrocken dachte der junge Soldat, dass er getroffen sei. Er wusste, dass man im ersten Moment nichts spürte und erst durch warmes, herunterlaufendes Blut wusste, wo es einen erwischt hatte. Er fing an wie wild an sich herumzutasten und wollte es genauer wissen. Immer noch war kein Schmerz zu spüren, was er als sehr seltsam empfand.
Erich Staub zog sich aus der Schusslinie zurück und suchte eine schützende Stellung auf. Ging es hier mit rechten Dingen zu? Langsam zog er sich aus, um ganz sicher zu gehen. Er hatte doch die Kugel gespürt und sollte nun nicht verletzt sein? Wo seine Hände auch tasteten, er fand keinen Einschuss, kein Blut, keine Verletzung. Das Glück war ihm also hold gewesen. Aber auf welche Weise, blieb ihm zu diesem Zeitpunkt ein Rätsel.
Etwas später beschloss Erich Staub, etwas zu essen. Er erinnerte sich an seine Wurst und wollte sie auspacken. Aber was war das? Der Gasmaskenbehälter hatte einen Einschuss, und die Wurst war auch nicht mehr so wie sie war. Eine Kugel hatte sie zerfetzt und war darin stecken geblieben. Nun ging ihm ein Licht auf und er erkannte, dass dieser Fehlschuss nicht ungenauer hätte sein dürfen. Er aß seinen „erschossenen“ Proviant auf und war über die glückliche Fügung sehr dankbar.

Lektion in Menschlichkeit
Mit dem Fahrrad in Russland war es kein Honigschlecken. Besonders im Herbst und bei Regen war es furchtbar. Der aufgeweichte Boden auf den so genannten „Rollbahnen“ ließ alles andere zu, nur kein Rollen. Oftmals musste man sogar das Rad tragen, obwohl es umgekehrt sein sollte.
Franz Wohland war schon einige Monate unterwegs. Er absolvierte seinen Reichsarbeitsdienst (RAD), aber er spürte in Russland kaum einen Unterschied zwischen ihm vom RAD und einem Pionier. Die Gruppe, der er angehörte, baute Knüppeldämme. Dadurch sollten die Fahrzeuge bei dem deutschen Vormarsch besser vorwärts kommen. Das war keine leichte Arbeit.
Mittlerweile war es November geworden, und auch die Temperaturen sanken von Tag zu Tag. Der Boden war nicht mehr so schlüpfrig und niemand war überrascht, als der erste Schnee fiel. Das sollte wohl das Signal sein, dass Knüppeldämme bald nicht mehr nötig seien. Väterchen Frost würde dann schon für einen harten Untergrund sorgen.
Die Gruppe der Fahrradfahrer des RAD hatte sich in einem kleinen Dorf niedergelassen. Der 19-jährige Franz Wohland beobachtete das Wetter und sah im Hintergrund ein kleines Häuschen. Doch was war das? Vor dem Haus stand ein älterer Russe, der ihm zuwinkte. Es bestand kein Grund zu ihm hinzugehen, aber Wohland folgte trotzdem diesem Winken. Bald war er in dem Haus des Russen verschwunden. Der Mann war freundlich und konnte sogar einige Brocken deutsch. Er sei während des Ersten Weltkrieges als Gefangener in Deutschland gewesen und zwar in Düsseldorf bei den Rheinmetallwerken. Er meinte nur: „Deutsche Arbeit karascho!“ (gut) und unterstützte das mit einem Lächeln. Der überraschte deutsche Soldat erwiderte nur: „Was wir hier machen ist aber nix karascho.“
Wohland hatte bemerkt, dass der Russe keine Schuhe trug und fragte danach. Daraufhin meinte der Mann, dass er keine bräuchte. Seine Füße seien an die Jahreszeiten gewöhnt und das reichte ihm. Während der Unterhaltung bekam der deutsche Gast von der Ehefrau des Russen einen Bratapfel serviert. Nach einigen Minuten verabschiedete sich der junge Soldat mit vielen Dankesworten und einem wohltuenden Bratapfelnachgeschmack im Mund. Noch lange danach ging ihm die Freundlichkeit des Russen nicht aus dem Kopf.
Es wurde bald darauf wieder Marschbefahl gegeben und eine große Kolonne gebildet. Mit ihr verließ auch die Fahrradgruppe dieses Dorf. Gemeinsam mit anderen Fahrzeugen und einer Gruppe von 100 russischen Kriegsgefangenen zog man weiter. Man war nicht lange unterwegs, als sich Unruhe breitmachte. Die Ursache dafür war bald geklärt. Zwei der gefangenen Russen hatten eine günstige Gelegenheit genutzt, in den nahegelegenen Wald zu fliehen. Der gesamte Tross hielt sofort an, und zwei Männern wurde befohlen, die Verfolgung aufzunehmen. Einer von ihnen war Franz Wohland. Augenblicke später sah er sich in die Richtung der Fliehenden laufen und verschwand bald in diesem Wald.
Der Zufall wollte es, dass die beiden Verfolger inmitten des Waldes eine Holzhütte sahen und diese mit vorgehaltenem Gewehr betraten. Nach kurzem Durchsuchen wurden sie fündig, und bald standen die beiden Ausreißer mit erhobenen Händen vor ihnen. Die geflohenen Russen baten um Mitleid und zeigten dabei auf die mit anwesenden Frauen und Kinder. Das sei ihre Familie.
In dieser Situation dachte Franz Wohland an die Freundlichkeit des alten Mannes und bekam Mitleid. Er besprach die Situation mit seinem Kumpel, der nach kurzer Überredung ebenfalls geneigt war, die beiden laufen zu lassen. Somit entschieden die Verfolger, die beiden nicht wieder zurückzunehmen und sich für den Rückweg zur Truppe Zeit zu lassen. Damit wollten sie ihre lange Suche begründen, bzw. dass die Geflohenen entwischt waren.
So machten sie es dann auch. Als sie wieder bei ihrem Vorgesetzten ankamen, tischten sie ihre verabredete Version auf. Sie ernteten eine barsche Antwort und einen mürrischen Blick. Der Vorgesetzte maulte wegen ihres Versagens und teilte die beiden zur Strafe für die erste Nachtwache ein.
Dass Franz Wohland und der andere dies am Ende nicht als Strafe, sondern als Segen empfanden, soll abschließend kurz geschildert werden. Der glückliche Umstand, dass sie während der Nacht aus der Feldküche reichlich Brot, Wurst und Schnaps an sich nehmen konnten, machte alles wieder gut. Sie unterließen es, auch die Folgewache zu wecken, und genossen den Verpflegungsvorteil bis zum Morgengrauen. Sie wollten mit ihrer „Zusatzration“ auf keinen Fall auffallen und unterließen alles, was dazu geführt hätte. Außerdem kam ihnen dieses „Nachtmahl“ gerade recht, hatten sie doch manche Tage ohne Essen verbringen müssen und deshalb ständig Kohldampf (Hunger).
Mit dieser Episode, aber auch wegen des einsetzenden Schnees, ging für Franz Wohland der Arbeitsdienst in Russland zu Ende. Er hinterließ tiefe Spuren in seinem Inneren und zeigte ihm, dass auch im Krieg Raum für Menschlichkeit bestand.

Kopf riskiert für alte Hüte
Die Eltern von Hans Beemelmanns aus Geilenkirchen schwebten schon seit Monaten in Ungewissheit. Wo hielt sich ihr Sohn auf? Lebte er noch? Sie wussten nicht, dass er sich durch glückliche Umstände ab dem 17. Oktober 1944 in ihre Nähe aufhielt. Er war nämlich an die niederländische Grenze verlegt worden. In Bessarabien hatte er eine wilde Flucht hinter sich gebracht, und nun sollte er gegen den alliierten Vormarsch im Westen eingesetzt werden.
Wenn der Oberleutnant schon in der Nähe seines Zuhauses war, wollte er auch seine Eltern sehen. Sie würden sich bestimmt über ein Lebenszeichen freuen.
In Braunsrath traf er den Polizeibeamten Höffkes, der dem Suchenden mitteilte, dass die Eltern in Holzweiler (Erkelenz) seien. Dorthin sei auch die Stadtverwaltung Geilenkirchen einschließlich der Feuerwehr evakuiert worden. Er freute sich zu hören, dass die Eltern noch lebten und beschloss, sie aufzusuchen. Wegen der Fliegerangriffe machte er sich nachts auf den Weg und benutzte einen Wagen seiner Kompanie. Ein freudiges Wiedersehen mit Vater und Mutter folgte, und es gab viel zu erzählen.
Die Familie Beemelmanns wohnte vor der Evakuierung in einer Wohnung des Rathauses Geilenkirchen. Da war nun niemand mehr, weil dort der Abwehrkampf gegen die Amerikaner in vollem Gange war. Doch Mutter Beemelmanns bat ihren Sohn - wenn möglich - sich nach Geilenkirchen durchzuschlagen, um aus der Wohnung noch einige Sachen zu holen. Loyal - wie Söhne nun mal sind - versuchte er den Wunsch seiner Mutter zu erfüllen.
Schleichwege benutzend, machte er sich im Dunkeln auf den Weg. Tripsrath war schon amerikanisch, also musste er diesen Ort umgehen. Über Randerath, Nirm und Süggerath kam er durch die heutige Nikolaus-Becker-Straße in Geilenkirchen an. Er sah, wie gerade in der Nähe des Bahnübergangs deutsche Soldaten in Stellung gingen. Dabei traf er einen Oberleutnant, von dem er wissen wollte, ob man noch in die Stadt reinkönne. „Schau, ob du durchkommst“, hieß es in zweifelndem Ton.
Da Hans Beemelmanns eher ein Draufgänger war, ließ er sich nicht entmutigen. Sein „auf´s Ganze gehen“ hatte ihm in Bessarabien das Leben gerettet, ebenfalls seine gute sportliche Konstitution. Nun sollte das auch hier wohl möglich sein, dachte er in diesen Augenblicken.
Langsam fuhr er an Schuttbergen vorbei. Hinter der Wurmbrücke links brannte alles lichterloh, Kühe liefen die Straße hinunter und blökten im Mondenschein. Er musste mit ansehen, wie die Drogerie Geyer niederbrannte und war nicht nur von diesem Anblick sehr erschüttert. Auch das Hotel Johnen (heutige Stadthalle) und Gasthof Streiffels standen in Flammen. Seine Heimatstadt war ein einziger Trümmerhaufen. In diesen Momenten belegten die Amerikaner aus Richtung Tripsrath die Innenstadt mit Granatwerferfeuer. Er sah Einschläge im Bereich des Klosters und der Kirche. Bald würden nicht nur ihre Geschosse, sondern auch sie selber hier präsent sein.
Über den Markt gelangte Beemelmanns ins Rathaus. Gott sei Dank stand es noch, und Hotel Jabusch bzw. die Kirche waren noch nicht dem Erdboden gleich. Aber stark beschädigt waren sie schon. Bald verschwand er in dem Haus und gelangte über die Treppen in die elterliche Wohnung. Nur die Taschenlampe half ihm beim Finden des Weges. Im Schlafzimmer suchte er nach bestimmten Kleidern und Hüten. Mutter wollte einige Sachen und spezielle Hüte aus dem Schlafzimmerschrank. Als er der Hutablage gewahr wurde, griff er einfach zu und nahm das, was seine Hand erreichen konnte. Dann ging er in den Keller hinunter und grub das Silberbesteck aus. Vater hatte es auf diese Weise vor Dieben schützen wollen. Alles wurde in ein Bettlaken geschlagen und über die Schulter gelegt. Nur schnell weg hier, war die Devise und Hans Beemelmanns machte sich mit seinem Wagen wieder auf den Weg. Dank seiner Ortskundigkeit fand er unversehrt den Weg zurück nach Holzweiler zu seinen Eltern.
Unterwegs wurde ihm klar, dass es eine Riesendummheit gewesen war, für ein Besteck bzw. einige Hüte sein Leben auf´s Spiel gesetzt zu haben. Aber es war ja gutgegangen. Freudig kam er bei seinen Eltern an und zeigte seiner Mutter als erstes die Hüte. Für ihn total überraschend schlug diese nur die Hände über den Kopf zusammen und sagte: „Das sind die alten Hüte von 1921, du hättest auf die andere Seite greifen müssen.“ Ziemlich betroffen schaute Hans Beemelmanns drein und brachte erst einmal kein Wort heraus.
Nach diesem skurrilen Abstecher in die Heimatstadt musste er wieder an die Front, und zwischen Heinsberg und dem Sauerland erlebte er noch viele brenzlige Stationen. Nur, dass er sein Leben für alte Hüte riskiert hatte, passierte ihm in seinen 5 1/2 Kriegsjahren wirklich nur einmal.

Leutnant Penschuk
40 Jahre! Wer heute so „alt“ ist, wird noch nicht als alt angesehen. Doch aus der Perspektive eines jungen Soldaten wirkt jemand, der im Zivilberuf Kriegsgerichtsrat und 20 Jahre älter ist, eben doch alt. Josef Schiebeck erinnert sich noch gerne an seinen Kompanieführer Leutnant Penschuk.
Jener Penschuk kam Anfang September 1944 mit seinen Leuten durch das Elsass. Er hatte das Ziel, die Reichsgrenze im Süden zu überqueren. Während des Weges gab der Kompaniechef die Parole aus: „Siegen oder sterben! Wir müssen so lange aushalten, bis wir auf regulärem Weg nach Deutschland kommen.“ So versuchte der Leutnant, seine Leute zu motivieren. Er tat das aber nur, weil er für sie die Verantwortung hatte, und nicht, weil er ein Nazi gewesen wäre.
Mit der Penschuk-Kompanie waren noch zwei andere Kompanien unterwegs. Noch auf französischem Gebiet wurde eine von diesen Kompanien an einer Waldschneise angegriffen. Es gab zirka zehn Tote. Als Antwort darauf wurde der Wald nach Partisanen durchsucht. In dieser Hektik griff man zwei junge Leute auf, die auf einem Bäckerwagen saßen. Leutnant Penschuk nahm sie fest und wollte in fließendem Französisch wissen, ob sie mit dem Terror zu tun hätten. Sie stritten alles ab, und er fand keine Hinweise für das Gegenteil. Die anderen Kompaniechefs wollten beide standrechtlich erschießen, aber Penschuk bestand darauf, sie als Geiseln mitzunehmen. Er habe keine Beweise für eine Partisanentätigkeit gefunden und könne sie deshalb nicht erschießen. Er nahm sie nur kurze Zeit mit und ließ sie danach frei.
Auf dem weiteren Weg kam die Penschuk-Kompanie durch ein Dorf namens Sainte Ney. Amerikanische und britische Flaggen wiesen auf die Alliierten hin. Penschuk war irritiert und fragte sich, ob er denn schon auf feindliches Gebiet geraten sei. Irgendwie merkte er, dass etwas faul war.
Am nächsten Morgen kam der Bürgermeister mit einer weißen Fahne in Begleitung von Zivilisten mit Gewehren. Er bat den Leutnant, sich und seine Kompanie doch zu ergeben. Daraufhin erwiderte er: „Ein deutscher Offizier ergibt sich nicht und Zivilleuten schon gar nicht. Lassen Sie uns durchreisen. Wir werden nichts tun.“
Unverrichteter Dinge zog der Bürgermeister wieder ab. Kurze Zeit später zog die Kompanie des Leutnants weiter und kam zum Ortsende. In der Nähe des dortigen Bahnübergangs wurde plötzlich das Feuer aus den nahegelegenen Weinbergen eröffnet. Die Partisanen ließen die Deutschen also nicht in Ruhe. In dieser Situation bat Penschuk Josef Schiebeck mit dem Fernglas zu schauen, ob die Gruppe noch bedroht würde. Der Rimburger tat wie ihm geheißen und konnte nichts erkennen. Dann übergab er das Glas an Penschuk, der seinerseits schaute. In diesem Moment traf den Leutnant eine Kugel in den Mund. Tödlich getroffen sank er zu Boden. Das folgende Gefecht endete erst, bis die Deutschen sich ergaben. Der Rest der Penschuk-Kompanie wurde festgenommen.
Bis die Amerikaner drei Stunden später das Dorf erreichten, herrschte eine Stimmung der Ungewissheit. Als sie angekommen waren übernahmen sie die Gefangenen und wollten bald weiter. Bevor sie jedoch abzogen befahlen sie, die Gefallenen sofort zu beerdigen. So fand Leutnant Penschuk seine erste Ruhestätte in der Nähe des Bahnübergangs.
Joseph Schiebeck ging der Tod seines Chefs sehr nahe. Die tödliche Kugel für Penschuk hätte ihn einige Sekunden früher selbst treffen können. Aber, so musste er aus der Situation heraus schließen, galt sie bewusst dem Kompanieführer, um die Deutschen „kopflos“ zu machen.
Die am Bahnübergang bestatteten deutschen Soldaten wurden später auf den Soldatenfriedhof Antilly umgebettet. Penschuks Leiche konnte aber nicht identifiziert werden und wurde als „unbekannt“ bezeichnet. Erst ein späterer Besuch von Josef Schiebeck auf diesem Friedhof und seine Aussage als Zeitzeuge führten dazu, dass dieses Grab endlich einen Namen erhielt: „Leutnant Dr. Herbert Penschuk, 14.9.1902 + 8.9.1944“.

Der "Interesting boy"
Hans Karpowitz erlebte sein Kriegsende in der Gegend von Hameln. Dort fiel er den Amerikanern in die Hände. Am 1. April 1945 hatte es bei seiner Kompanie geheißen, dass sich jeder auf eigene Faust durchschlagen sollte. Nach diesem „Marschbefehl“ war er insgesamt fünf Tage unterwegs. Er schildert die entscheidenden Augenblicke wie folgt:
Ich ging einen Berg hoch. Der Weg verlief neben einem Waldgelände. Es war schon weiter weg von Hameln. Ich hörte erst von fern ein Knallen, dann surrte etwas über mich hinweg. Ich habe mich hingeworfen und bin den Berg hochgerobbt. Als ich dann gegen 19.00 Uhr weitergezogen bin, sah ich bald ein schönes Haus. Davor befand sich ein Getreidefeld. Aus dem Hause kamen einige Personen, die mir zuwinkten. Ich erkannte sie als Amerikaner, was mir ganz recht war. Als ich direkt bei ihnen war, wollten sie mich abfühlen. Dabei sagte ich auf englisch, dass ich keine Waffen hätte. Daraufhin sprach ein Amerikaner in ein Funkgerät, sie hätten einen Deutschen, einen „Interesting boy“.
Wir gingen in das Haus hinein, und ich hatte den Eindruck, dass sie froh waren, sich mit einem deutschen Soldaten unterhalten zu können. Dabei erfuhr ich, dass im Keller des Hauses schon weitere Deutsche seien. Es fing ein nettes Gespräch an, in dessen Verlauf ich erfuhr, dass sich einige von meinen Gesprächspartnern in der Waschkaue der Grube Wilhelmschacht in Alsdorf geduscht hätten. Ich war sehr erfreut und sagte ihnen, dass das genau die Arbeitsstelle meines Vaters sei. Dann wollte ein Amerikaner von mir wissen, was ich von den Juden hielt. Darauf antwortete ich: „Es gibt gute und schlechte Deutsche und gute und schlechte Juden.“ Sie hatten an dieser Antwort nichts auszusetzen und boten mir sogar eine Zigarette an. Da ich als Nichtraucher ablehnte, bekam ich ein Stück Schokolade. Später hat mir einer aus Schokolade Kakao gemacht. Als ich den Amerikanern im Gegenzug meine spärliche Verpflegung zeigte, winkten sie schnell ab.
Ich hatte es in dem Zimmer mit den Amerikanern sehr bequem. Ich fühlte mich gar nicht wie ein normaler Gefangener, sondern ganz gut aufgehoben. Ein Leutnant erzählte mir danach seine militärische Biographie und was er so alles erlebt hatte. Interessant war der Bericht über seinen Einsatz im Pazifischen Raum, wobei er eine Karte zur Erläuterung benutzte.
Irgendwie schien mir das alles wie ein Traum, der von mir aus ruhig so hätte weitergehen können. Aber gegen Mitternacht war Schluss, und ich wurde mit den anderen Gefangenen abgeführt.
Über Brackwede gelangte ich nach Bielefeld und dann in ein großes Gefangenenlager bei Rheinberg. In dem weiten Feld herrschten schlimme Zustände. Dort haben die Gefangenen in Löchern übernachtet, die sie sich - ich weiß nicht mehr wie - zu ihrem Schutz gegen Wind und Regen gebuddelt hatten.
Am 6. Mai 1945 ging es dann mit der Bahn in Richtung Frankreich. Ich hörte, dass wir möglicherweise über Aachen fahren würden. Für diesen Fall hatte ich einen Brief an meine Eltern geschrieben, damit sie ein Lebenszeichen von mir bekommen sollten. Ich wollte diesen Brief an geeigneter Stelle loswerden. Der Zug fuhr genau die Strecke, die ich erhofft hatte. Über Rheydt, Erkelenz und Geilenkirchen passierte er auch Palenberg. Dort habe ich den Brief aus dem Zug geworfen, da mehrere Leute an den Bahnschranken beim Hotel Ernst standen. Und das Erhoffte passierte auch. Nur einen Tag später, am 7. Mai 1945, wurde dieser Brief auf der Grube Anna I in Alsdorf abgegeben. Mein Vater war dort bekannt und bekam ihn am gleichen Tag ausgehändigt. Zumindest konnten meine Eltern jetzt beruhigt sein. Aber es mussten noch über drei Jahre vergehen, bis sie mich wiedersahen und für sie eine lange Zeit des Bangens zu Ende ging.

Eine Kriegsfamilie
Heinz Henningsen verlor fast neun Jahre seines Lebens durch Krieg und Gefangenschaft. Doch sorgte der Krieg auch dafür, dass er eine Familie erhielt. Es kam dazu, weil er im Jahre 1941 schwer verwundet in ein Lazarett nach Nassau eingeliefert wurde. Dort lag er mehrere Monate. Als es ihm wieder besser ging, wollte er sich in der Küche nützlich machen. Dort lernte er dann seine spätere Frau Lina kennen. Es blieb aber zuerst bei einem losen Kontakt ohne weitere Verabredungen.
Als die Weihnachtszeit nahte, wurden im Rahmen der sozialen Betreuung Frontsoldaten in Familien eingeladen. Man wollte alleinstehenden Soldaten dieses Fest in häuslicher Atmosphäre ermöglichen. Lina Schönberg schlug dem 21jährigen Heinz vor, in ihre Familie zu kommen und dort Weihnachten zu feiern. Da die Eltern den jungen Mann sympathisch fanden und auch Lina nicht abgeneigt war, wurde aus der Bekanntschaft Liebe.
Heinz Henningsen machte seiner Freundin kurze Zeit später einen Heiratsantrag, und am 28.2. 1942 fand die Hochzeit statt. (Hochzeitsfoto 05 auf der nächsten Doppelseite - Anm. d. Red.)
Wie bei so vielen anderen Soldaten auch, wurde die Grundlage für die Familie während eines Heimaturlaubes gelegt. Im Jahre 1943 kam die erste Tochter Ursula zur Welt. Aber - und das hat auch der Krieg so gewollt - Ursula Henningsen hat ihren Vater die ersten Jahre nicht gesehen. Das lag daran, dass er im Herbst 1944 in Ungarn in russische Gefangenschaft geriet und bis zum Jahre 1948 in Morschansk (südlich von Moskau) interniert war. Er arbeitete u.a. auf einer Kolchose (Landwirtschaft und Pferdezucht).
Als er im Jahre 1948 nach Hause kam, traf er vor der Wohnung seiner Frau ein kleines Mädchen, das er fragte: „Kannst du mir sagen, wo Frau Henningsen wohnt?“ Die Kleine erwiderte nur kurz: „Meine Mama wohnt da oben.“ Dabei zeigte sie mit ihren Fingerchen auf die obere Etage. Er war erstaunt und angerührt, dass er seine eigene Tochter auf diese Art kennenlernte.
Und so erlebten Heinz und Ursula Henningsen von einem zum anderen Augenblick, was es heißt plötzlich eine Tochter bzw. einen Vater zu haben.

Treckerfahrt durch Deutschland
Ihre letzte Aktion für die deutsche Wehrmacht sollte es in sich haben. Zwölf versierte Handwerker, gestandene Leute im Alter um die 40 Jahre, sollten mit einem Trecker und drei Anhängern Material ihrer Einheit von Mecklenburg in Richtung Süden transportieren. Die Kameraden waren schon vorgefahren, und sie hatten Order, mit dem Konvoi nachzukommen. Unter ihnen auch Josef Kempen, der als „Nesthäkchen“ der Gruppe den Trecker fahren sollte.
Doch bevor die Abenteuerfahrt losging, musste er feststellen, dass beim Trecker nur noch „ein Pott“ funktionierte. Also musste dieser Fehler so gut es ging behoben werden. Josef Kempen hatte nach seinem Abitur eine Art Hilfsausbildung als Kfz-Monteur absolviert (8 Monate). Dadurch war er in der Lage, die Reparatur durchzuführen. Mit Improvisation behob er den Fehler und konnte danach endlich losfahren. Eine Art Bauwagen diente als Unterkunft für die Mitfahrenden. Eine Stunde nach der Abfahrt kam der offizielle Marschbefehl: „Aufbau einer Alpenfestung in der Nähe der Schweizer Grenze“. Dass der Krieg verloren war, lag unausgesprochen in der Luft. Hier machte sich niemand etwas vor. Aber trotzdem waren alle von dem Marschbefehl sehr angetan und hatten nur ein Ziel: Wir wollen überleben!
Probleme und Gefahren gab es während dieser Reise mehr als genug. Das manuelle Bremsen beim Bergabfahren gehörte dabei zu den größten Herausforderungen. Die Bremswirkung sollte vor allem vom letzten Wagen des Zuges ausgehen. Die nicht immer flache Gegend bescherte häufig kritische Situationen. Die brenzligste entstand kurz vor der Elbe in Meißen. Während des Bremsens wurde das Fett in der Bremse so heiß, dass es Feuer fing. Als man den Zug endlich mit zickzackförmig verkeilten Wagen zum Stehen gebracht hatte, kam noch ein Kupplungsbruch hinzu. Doch alle Herausforderungen konnte die handwerklich begabte Truppe mit den vorhandenen Mitteln gut lösen.
Doch die größte Gefahr lag nicht im technischen Versagen von Trecker oder Anhängern, sie ging vielmehr von den amerikanischen Jagdbombern aus. Diese schossen auf alles, was sich bewegte. Bei helllichtem Tage konnte man sich darum nicht auf offener Straße bewegen. Am besten fuhr man im Schutz eines Waldes während der Morgen- oder Abenddämmerung. In der Nacht zu fahren war auf Grund der spärlichen Beleuchtung und der unbekannten Örtlichkeiten nicht möglich. Diese Gefahr übte natürlich einen enormen physischen Druck aus und sorgte ständig für Anspannung. Brennende Fahrzeuge am Wegesrand warnten ständig die Gruppe, vorsichtig zu sein.
Im Laufe der Fahrt bekam das Unternehmen eine eigene Dynamik. Das gemeinsame Ziel sorgte für eine gute Kameradschaft und „schweißte den Haufen zusammen“. Nicht nur das Funktionieren des Treckers und der Wagen war wichtig, sondern „banale Dinge“ wie etwa die Beschaffung von Essen. Hier bediente sich die Besatzung einiger ungewöhnlicher Hilfsmittel. Einige Fässer Diesel, die auf dem letzten Wagen deponiert waren, wurden auf Bauernhöfen gegen Nahrungsmittel eingetauscht. Zwar war das illegal und verbotenes Handeln mit Wehrmachtsgütern, aber in dem Chaos fragte jetzt niemand mehr danach.
Ungern gesehen war der Trecker-Zug einschließlich Insassen, wenn er an Häuserwänden vor feindlichen Fliegern Deckung suchte. Hier wurden die Männer oftmals beschimpft oder gar mit Mistgabeln bedroht. „Eure Anwesenheit hetzt uns die feindlichen Flieger auf den Hals“. So drückte sich die Angst der Zivilisten aus. Da jeder nur ans eigene Überleben dachte, gab es oftmals Spannungssituationen, die die Soldaten auch mit vorgehaltener Waffe zu ihren Gunsten entschieden.
Die Angst vor den amerikanischen Flugzeugen oder vor etwaigen sowjetischen Truppen trieb diesen seltsam anzusehenden Zug ständig weiter. Nach dem Kupplungsbruch bei Meißen wurde das Bremsen noch schwieriger. Es blieb manchmal nur die Möglichkeit, Baumstämme vor die Wagenräder zu werfen, um so die Fahrtgeschwindigkeit zu vermindern.
Auch mied der Konvoi wohlweislich militärische Orte. Zwar gab es einen Marschbefehl, doch wollte man nicht für irgendeine Sturmeinheit „kassiert“ werden. Auch etwaige Streifen oder Posten waren aus dem Grunde nicht gern gesehen.
Die Fahrt führte über Pilsen, Bayrisch-Eisenstein und Deggendorf. In letztgenanntem Ort ging es über die Donau. Insgesamt war der Konvoi 14 Tage unterwegs, und als er in Schongau auf dem Marktplatz fuhr, fiel allen ein Stein vom Herzen.
Die vorausgefahrenen Soldaten dieser Einheit hielten sich schon etliche Tage an ihrem Zielort auf und hatten die zwölf Transportleute schon aufgegeben. Entsprechende Freude mit demonstrativem Beifall bekamen die Konvoi-Leute von den Kameraden, die ihren Augen beim Anblick des Treckerzuges nicht trauen wollten. Wie man es mit diesem Trecker von Mecklenburg bis Bayern geschafft hatte, blieb ihnen ein Rätsel.
Angesichts des bereits zu hörenden Kanonendonners der Amerikaner und der damit verbundenen Aussichtlosigkeit der Lage, beschloss die Führung dieser Einheit, sich einfach „überrollen“ zu lassen. Die Besatzung des Trecker-Zuges fragte sich am Ende, ob sich diese Anstrengung mit all den Gefahren gelohnt hatte? Aber was „lohnte“ sich schon in diesen Tagen? Und zumindest war man ja einer möglichen russischen Gefangenschaft entkommen.
Nachdem der Trecker mit seiner 3-Anhänger-Fracht nach seiner Ankunft abgeschaltet worden war, sagte er keinen Mucks mehr. Bis zum letzten Meter hatte er durchgehalten und seine Mission erfüllt, aber danach ging nichts mehr. So sehr Josef Kempen auch versuchte, er sprang nicht mehr an.
Ob auf diese Art deutlich werden sollte, dass diese Mission unter einem guten Stern gestanden hatte? Beweisen konnte man es nicht, aber die Vermutung lag nahe.

Musik macht frei
Raimund Nowicki war am 1. Februar 1945 in russische Gefangenschaft geraten. Die erste Zeit wurde er bei einer Panzereinheit festgehalten. Man hatte noch keine Möglichkeit gefunden, ihn zum Abtransport in den Osten zu übergeben.
Dies änderte sich, als er während einer nächtlichen Rast einen Akkordeonspieler hörte. Er fragte einen russischen Unterleutnant, wer denn da spiele? Dieser sah kein Problem, die Neugier des Gefangenen zu befriedigen und brachte ihn zu diesem Musiker. Da der Spieler ein Wolgadeutscher war, konnte Nowicki sich sofort mit dem Gefangenen unterhalten. Er gab ihm auch das Instrument - eine Hohner mit 120 Bässen - , um zu sehen, wie gut der Deutsche darauf spielen konnte.
Zuerst überlegte der Palenberger, was zu spielen angebracht sei, und dann kam ihm eine gute Idee. Er besann sich eines Liedes, dass er ständig von den russischen Gefangenen auf Zeche Carolus Magnus gehört hatte und stimmte es an. Es dauerte nicht lange, bis er zahlreiche Russen um sich versammelt hatte, die sehr erfreut waren. Sie wollten immer mehr hören und ließen sich von den Klängen begeistern.
Als das Konzert vorbei war, kam ein Offizier zu Nowicki und ordnete ihn seinem Tross zu. Er sagte zu ihm, dass er auf einem Panjewagen in Richtung Berlin mitfahren würde und unterwegs zu musizieren habe. Gegen die Kälte erhielt er einen russischen Sergantenmantel.
Raimund Nowicki nutzte diese Gelegenheit und spielte, was das Zeug hielt. Mit dem Akkordeon war er ein freier Mann und wurde gut behandelt.
Beinahe wäre es dazu gekommen, dass der gefangene deutsche Soldat hinter der Roten Armee mit Polkaklängen in Berlin eingezogen wäre. Aber an einer Straßenkreuzung endete dieser skurrile Traum. Einem Politkommissar fiel dieser seltsame Musikant auf. Er fragte nur kurz ‚Nemetz?' (Deutscher?) und schon war das Spiel vorbei. Sofort wurde Nowicki zu einer anderen Hundertschaft von Gefangenen geführt, und der Panjewagen fuhr ohne ihn und dessen Musik weiter in Richtung Berlin.

Mit Glück in die Heimat zurück
Für Paul Jung und Oberleutnant Distel war die Sache klar. Bloß nicht in Gefangenschaft gehen. Sie verabredeten sich in der Nacht und wollten mit einem Auto das Weite suchen.
In Schloss Lindehof, in dem sie bisher gearbeitet hatten, herrschte eine Chaos-Stimmung. Parteibonzen, Funktionäre und andere Spezies machten ein Riesentheater. Auch wurde häufig geschossen, und man musste sich vorsehen, nicht noch durch solche „Jux-Patronen“ getroffen zu werden. Zwar war der Krieg praktisch zu Ende, doch schützte sich Paul Jung in einem Kleiderschrank vor diesen Schüssen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Konstrukteure der Firma Messerschmitt im Lindehof an der Verbesserung von Waffensystemen gearbeitet. Paul Jung - Reichssieger der Berufsschulen im Jahre 1939 - war einer von ihnen. Sie tüftelten am V 18-Projekt. Doch musste man auch erkennen, wann etwas keinen Sinn mehr machte. Die französischen Truppen standen vor der Haustür, und nun galt es, sich zu entscheiden.
Als Distel und Jung endlich loswollten, kam jemand von der SS und „roch den Braten“. Er verhinderte, dass die beiden mit dem vollbeladenen Auto fliehen konnten. Die Erwischten waren erst einmal bedient. Trotzdem ließen sie sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen.
Kurze Zeit später verließen sie zu Fuß das Schloss und machten sich auf den Weg in Richtung Garmisch-Partenkirchen. Zwischendurch nahm sie mal ein Auto mit, dann mussten sie wieder laufen. Sie trafen viele Leute unterwegs und jeder hatte sein spezielles Ziel.
Am nächsten Morgen erreichten sie den Olympiaort von 1936. Dort nutzte Oberleutnant Distel auf dem Bahnhof seine Möglichkeiten und fertigte für sich selber und Jung einen Marschbefehl nach Sonthofen aus. Grund: Bergung wichtiger Unterlagen vor dem Feind. Nur nicht lange aufhalten, lautete die Devise, und bald waren sie in Richtung Allgäu unterwegs.
Das erste Hindernis auf dem weiten Weg ließ nicht lange auf sich warten. Eine SS-Streife von sogenannten „Kettenhunden“ stellte sich ihnen in den Weg. In dem Gespräch beklagten sich die Kontrolleure, dass sie schon drei Tage nichts gegessen hätten. Paul Jung sah die Motorräder und spürte den dringenden Wunsch, eines zu haben. Als er einen Bauernhof sah, kam ihm eine Idee. Er sagte zu den SS-Leuten, dass es in dem betreffenden Hof eine gute Brotzeit gäbe. Diese Information nahmen die Hungrigen gerne an und zogen dorthin. Als sie in dem Haus verschwunden waren, schnappte sich Jung eine Maschine, schloss sie mit einem Stück Holz in der Frontlampe kurz und fuhr mit seinem Kumpel davon. Die Bestohlenen bermerkten es bald und versuchten die Motorraddiebe zu fassen. Aber dank des starken Betriebes auf den Straßen und auch wegen der „Umwege über Land“, konnten die Verfolger abgeschüttelt werden.
In Sonthofen trennten sich die Wege von Paul Jung und Oberleutnant Distel. Der Boschelner wollte seine dort wohnende Familie vor der französischen Besatzung in Sicherheit bringen und sie in einer Blockhütte bei der Starzlachklamm verstecken. Auch hier setzte er seinen Plan in die Tat um und brachte die Angehörigen in Sicherheit. Nicht weit von der Klamm versteckte er sein Motorrad auf einem Bauernhof.
Nachdem sich herausgestellt hatte, dass durch die Franzosen keine Gefahr drohte, verließen die „Evakuierten“ wieder ihr Versteck und kehrten nach Sonthofen zurück.
Aber trotzdem gab es wieder ein Problem. Der Bauer, bei dem das Motorrad versteckt war, wollte die Maschine nicht mehr herausrücken. Sie sei gestohlen worden, behauptete er. Jung spürte die Unwahrheit und drängte auf die Herausgabe des Zweirades. Doch der Landwirt stellte sich stur.
Der Geprellte verließ den Hof und dachte sich ‘Dich werde ich schon kriegen’. Bald fiel ihm eine List ein, und ein französisch sprechender Arbeitskollege sollte bei der Umsetzung behilflich sein. Jung gab seinen „Franzosen“ als Besatzungskommissar aus und drohte den Hof anstecken zu lassen, wenn die Maschine nicht zum Vorschein käme. Das schüchterte den Bauern so ein, dass er sofort den fahrbaren Untersatz herausgab.
Paul Jung benutzte dieses Vehikel, um einige Wochen später mit seinem Schwiegervater nach Boscheln zu fahren. Dort galt es, das zerstörte Haus seiner Schwiegereltern notdürftig herzurichten. Erst einige Monate später folgte der Rest der Familie nach Hause.
Dass er sein Motorrad bis zum Letzten nutzte, soll am Ende nicht unerwähnt bleiben. Er verkaufte die Maschine gegen Lebensmittel und hat sie demnach - um es salopp zu sagen - regelrecht verspeist.

Ein Pastor wird zum Engel
Felix Warthofer verstand die Welt nicht mehr. Er saß eingesperrt in einem Areal von sechs mal sechs Metern, umgeben von einem Doppelzaun. Der Kommandant des Kriegsgefangenenlagers in Oklahoma hatte diese Maßnahme angeordnet, und Warthofer war erst einmal „der Dumme“. Der Deutsche hatte sich zwar mit einem Österreicher leicht gestritten, aber warum bekam er dafür schweren Arrest? Zwar gab es Spannungen zwischen Deutschen und Österreichern in dem Camp, und es hatte auch tatsächlich jemand mit Parolen wie „Heim ins Reich“ um sich geworfen, aber das war nicht Warthofer gewesen. Dass sein Kontrahent dem Kommandanten weismachen konnte, dass Warthofer ihn „kalt machen“ wollte, gab schließlich den Ausschlag gegen den Deutschen. Der Kommandant wollte derartige Zwistigkeiten mit politischer Brisanz im Keim ersticken und griff sofort durch. Felix Warthofer fühlte sich als Sündenbock, weil er nichts von dem ihm Vorgeworfenen im Sinn bzw. getan hatte.
Und jetzt saß er in der Kälte in diesem Käfig und fing an zu hadern. Er betete zu Gott und warf ihm mangelnde Gerechtigkeit vor. Bis jetzt hatte er auf die Amerikaner nichts kommen lassen und nun das.
Felix Warthofer beruhigte sich etwas, und es vergingen einige Minuten. Plötzlich näherte sich ein schwarz gekleideter Mann dem Eingesperrten. Er erkannte einen Pastor. Warthofer nahm die Gelegenheit beim Schopf und berichtete dem Geistlichen von dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit. Verständnisvoll hörte der Mann Gottes zu und versprach zu helfen.
Es dauerte wirklich nur eine Stunde, da kam eine Wache und hob den Arrest auf. Dass es so schnell gehen könnte, hätte der Eingesperrte nicht geglaubt. Er war angenehm überrascht und dankte Gott für seine Hilfe. Doch als er auch dem Pastor seine Dankbarkeit zeigen wollte, kam er nicht zum Ziel. Warthofer konnte suchen und fragen wo er wollte, der Geistliche war wie vom Erdboden verschwunden und niemand kannte ihn.
Er blieb für ihn also der „Einmal-Pastor“, und die Frage, wer das wohl gewesen sein mochte, konnte bis in diese Tage nicht geklärt werden.

Weihnachten in Wolchowstroi
Die Gefangenen lagen auf ihren Pritschen und hatten an diesem Tag besondere Sehnsucht nach ihren Familien und nach der Heimat. Mitten in Russland und keine Chance dort wegzukommen. Es war Weihnachten 1947. Heinz sagte zu seinem Kumpel Peter: „Ich hätte den Wunsch, mich einmal richtig an trockenem Brot sattzuessen.“ Peter (Kuchen) schaute ihn an und sagte in seinem rheinischen Tonfall: „Tja, den Wunsch hätt´ ich auch.“
Brot? Welch ein Schatz. Peter hatte die Erfahrung gemacht ‚Es gibt kein hartes Brot, nur kein Brot, ist hart'. Was hätten die Gefangenen darum gegeben, einen großen Laib Brot alleine zu verzehren. Das wäre schon mehr als Weihnachten.
In dieser sinnlichen Stimmung machte jemand den Vorschlag, gemeinsam ein Weihnachtslied zu singen. Doch das Echo auf diesen Vorschlag war ernüchternd. „Wenn es einen Herrgott gäbe, der könnte nicht mit ansehen, wie hier 300 Leute verhungern.“ Die Verbitterung in den Worten war deutlich zu spüren. Nach einigen Augenblicken der Stille fasste sich dennoch einer ein Herz und fing an zu singen. „Stille Nacht, heilige Nacht......“ Der Zauber dieses Liedes schien zu wirken, und es stimmten immer mehr mit ein. Die zweite Strophe wurde wie die erste gesungen, weil es Textschwierigkeiten gab. Aber das tat dem erhebenden Gefühl keinen Abbruch.
Kurz nach der ersten Strophe ging die Barackentür auf und ein russischer Soldat kam herein. Er schaute etwas verwundert und blieb still stehen. Im Laufe des Liedes kamen noch mehr von seinen Kameraden. Am Ende waren sieben „Iwans“ in der Baracke, die mit Inbrunst den gesungenen Klängen lauschten.
Als das erste Lied verklungen war, stimmte jemand das Lied „Großer Gott, wir loben dich an“. Auch dieses Lied trug zur Einheit unter den Gefangenen bei. Für einen Moment war die beklagenswerte Situation vergessen, und eine besondere Schwingung durchdrang den Raum. Mit den Liedern schienen sie alles Belastende des Abends aus sich herauszusingen. Für Peter, der vorher mit Heinz über Brot gesprochen hatte, war nun richtig Weihnachten, auch wenn der ersehnte Laib Brot ausblieb.
Die Russen hatten mittlerweile ihre Mützen gezogen und standen immer noch andächtig da. Eine Zeit lang schien es keinen Unterschied zwischen Bewachern und Bewachten zu geben, und der gewünschte Frieden war sprichwörtlich zu spüren.
Am nächsten Tag waren die Russen netter als sonst. Das Echte des gestrigen Abends hatte seine Nachwirkungen. Sie äußerten den Wunsch, ob man die Lieder nochmals singen könnte. Die Gefangenen waren nicht abgeneigt und wollten es versuchen. Doch irgendwie schien es nicht zu funktionieren, sie konnten nicht auf Kommando so inbrünstig sein.
Es blieb also bei der Einmaligkeit dieses Abends, aus dessem Zauber viele für einige Zeit wieder neue Hoffnung schöpften.

Die Liebe rettet Leben
Kiviöli, ein kleiner Ort in Estland. Äußerlich erinnerte er mit seinen Fußstegen bzw. Häusern aus Holz etwas an ein Wild-West-Dorf. Für die deutschen Kriegsgefangenen, die hier im nahegelegenen Lager eine zweite (Zwangs)Heimat fanden, war es eher der „Wilde Osten“. In der Nähe des Dorfes befand sich eine Ölsteingrube, in denen vor allem Kriegsgefangene eingesetzt waren. Von 1947 bis 1949 - insgesamt 2 ½ Jahre - arbeitete Josef Windmüller dort. Damals 20 Jahre jung, gezeichnet von den Erlebnissen des verlorenen Krieges, setzte er alles daran, trotzdem weiterzuleben. Hatte er doch zwei Jahre vorher miterlebt, wie in einem anderen Lager bei Kiviöli 600 von 700 Kameraden gestorben waren. Distrophie, Thyphus oder Ruhr waren dabei die häufigsten Todesursachen. Mit 95 Pfund Körpergewicht sollte er nach harter Arbeit auf einer Flughafenbaustelle nun im Ölsteinstollen arbeiten. Aber auch er hatte schon Symptome der Hungerkrankheit.
Ein mongolischer Aufseher hatte ihn eine Gesichtsnarbe verpasst, die ihn sein Leben lang kennzeichnen sollte. Windmüller wollte nur einer Pfütze ausweichen und verließ die Reihe einer Kolonne. Sofort schmetterte ihn ein Gewehrkolbenschlag zu Boden.
Trotzdem wusste der junge Deutsche zu unterscheiden. Die meisten Russen waren sehr umgänglich und auch bestechlich. Sie hatten selber nichts, und wenn ihnen ein Gefangener etwas besorgen konnte, warum nicht? So hatte der Übacher bald den Dreh raus, wie er seine Situation verbessern konnte. Aber auch unter den Einheimischen fand er bald nette und hilfsbereite Kollegen. Allen voran Olga Lukianowa, eine Russin. Sie arbeitete auch in dem Stollen und verliebte sich in den Plennik (Gefangenen). Sie sorgte für ihn so gut sie konnte. Neben Russen arbeiteten auch Esten in dem Stollen. Sie waren den Deutschen gut gesonnen.
Windmüller fand bald einen Weg, wie er während der laufenden Schicht das Bergwerk verlassen konnte, um für die Kollegen und sich lebensnotwendige Dinge zu besorgen. Der Stollen lag nicht tief in der Erde, und so kletterte er an einem Kabel den ca. 25 Meter langen Wetterschacht hoch. Mit den Beinen nach oben gerichtet, „lief“ er langsam die Wände entlang und gelangte oben ins „Niemandsland“. Zwischendurch machte er immer wieder Pause, weil diese Tortur ziemlich anstrengend war. Im Freien angelangt, kletterte er in den offenen Waggon eines Zuges und fuhr bis zum Dorf Kiviöli. Dort konnte er gut abspringen, weil der Zug in diesem Ort immer sehr langsam fuhr.
Nach und nach fand er Leute, die ihm z.B. Brot oder Tabak überließen. Josef Windmüller war im Laufe der Zeit mehr mit „Organisieren“ beschäftigt, als mit seiner eigentlichen Arbeit. Da alle davon profitierten, wurde das toleriert. Sogar leere Milchkannen dienten als Transportbehälter für Lebensmittel und kamen unbemerkt ins Lager. Die bestochenen Posten des Zaunes oder in der Grube nahmen sich von der „Beute“ immer das Beste. Sie wollten ja auch leben. Aber der Rest war ebenfalls noch recht gut.
In einem Fall war er einmal drei Schichten hintereinander abwesend. Damit es nicht auffiel, zählten die Kollegen beim Rapport für ihn mit. Er übernachtete auch draußen bei Olga, die ihren Josef soweit wie möglich schützte. Gegen Schichtende kam er durch den Luftschacht wieder in die Grube zurück und „beendete“ mit den anderen die Arbeit. Sein Wahlspruch bei diesen Unternehmungen: Entweder wir gehen alle drauf oder wir bekommen alle etwas zu essen.
Er hatte aber auch Pech und wurde mehrfach von Unbestechlichen gestellt. Der „Lohn“ war meistens acht Tage Karzer im Freien. Da Olga den maßgeblichen Offizier kannte, gab sie ihm für den Eingesperrten Brot, der es auch weitergab. So rührend sorgte sich Olga um ihren Deutschen.
In einem anderen Fall wurde der Übacher von einem Landsmann verraten, weil der sich bei den Russen einschmeicheln wollte. Er war gerade bei Olga zu Besuch, als der russische Offizier kam. Es war aber jener, zu dem Windmüller einen guten Draht hatte und der mittlerweile seine Bleibe kannte. Es blieb bei einer Warnung und der Deutsche konnte rechtzeitig entkommen.
Josef Windmüller wäre zwei Jahre eher nach Hause gekommen, wenn ihm seine Zeit bei der Hitlerjugend nicht als SS-Zugehörigkeit gewertet worden wäre. Immer wenn Entlassungen anstanden, wurde er deswegen wieder zurückgeschickt. Schließlich ging es 1949 doch nach Hause. Für Olga brach eine Welt zusammen, und sie wollte unbedingt mit ihrem Freund nach Deutschland. Sie stieg sogar in den Zug ein, aus dem man sie gewaltsam zerren musste. Windmüllers Lebensretterin brach es fast das Herz.
Der Übacher behielt eine Menge aus Estland zurück. Es verschwanden niemals alle Folgeerscheinungen der Dystrophie, aber auch Narben an Körper und Seele blieben. Seinen Essnapf und die von Olga gestrickten Wollhandschuhe nahm er mit. Jedoch die unüberwindbare Grenze zwischen zwei verschiedenen Systemen trennte nach 1949 zwei Menschen für immer, die sich in der Not zugetan waren.

Die erhörte Bitte
Als Ernst Erbe endlich in Barchfeld in Thüringen ankam, hatte er eine umständliche Reise hinter sich. Er kam aus einem amerikanischen Gefangenenlager in Bayern, das er endlich verlassen durfte. Seine früheren Bewacher gestatteten ihm, mit einem Konvoi in Richtung Norden mit zu fahren. Er wollte nach Thüringen zu seiner evakuierten Frau. Für ihn war diese Gegend völlig frend, und erst ab Würzburg konnte er sich wieder orientieren. Darum entschloss er sich dort abzuspringen und die ihm bekannte Familie König zu besuchen. Er war willkommen und konnte einige Tage bleiben. Er fühlte sich wohl, aber die Ungewissheit um seine Frau quälte ihn doch.
Er machte sich Gedanken, wie er weiter nach Norden kommen konnte. Zwar fuhren immer wieder amerikanische LKWs an der Straße seines Quartiers vorbei, aber sie hielten nicht an.
In dieser Situation fasste Herr König den Entschluss, unorthodox und wirksam zu handeln. Er besorgte sich einen Leiterwagen und fuhr ihn in dem Moment quer auf die Straße, als er einen amerikanischen Konvoi kommen sah. Nun mussten sie erst einmal anhalten. Ernst Erbe schaffte es durch diese Maßnahme tatsächlich auf einen LKW zu klettern, und ein schwarzer Soldat ließ in gutmütiger Manier den „blinden Passagier“ gewähren.
Er hatte Glück, weil der Konvoi in Bad Salzungen endete. Bis Barchfeld war es nur noch ein Katzensprung, und endlich konnte er seine Frau wieder in seine Arme schließen.
Was die beiden Eheleute nicht ahnten, war der bevorstehende Wechsel der Besatzungsmacht in Thüringen. Das passierte über Nacht, und als sie eines Tages plötzlich russische Stimmen hörten, war der Schreck groß. Ein weiteres Zeichen dieses Wechsels zeigte sich auch darin, dass die Russen anfingen, die Häuser zu durchsuchen. Sie wollten versprengte Soldaten und sonstige Männer als Arbeitskräfte requirieren. Auch Ernst Erbe wurde festgenommen und für den Abtransport vorgesehen.
Seine Frau ergriff Panik. Lange Jahre war sie von ihrem Mann getrennt gewesen, und nun sollte er möglicherweise auf Nimmerwiedersehn verschwinden? Sie musste irgendetwas tun. In dieser Situation ging sie zu einer Russin und bat sie, doch ein gutes Wort für ihren Mann einzulegen. Sie flehte diese Frau an und war fast nicht mehr zu halten. „Kommen Sie und helfen Sie mir. Sprechen Sie mit ihren Landsleuten, damit sie meinen Ernst von dem LKW wieder runterlassen.“ So oder ähnlich hat sie auf diese Frau eingeredet, bis sie ihr diesen Gefallen endlich tat.
Man sollte es nicht glauben, aber es geschah: Ernst Erbe durfte den LKW verlassen, und die Freude seiner Frau Lieselotte kannte keine Grenzen. Sie fiel der Russin um den Hals und natürlich auch ihrem Mann. Letzterem wurde damit ein ungewisses Schicksal erspart.

Freundschaft für´s Leben
Josef Nießen aus Grotenrath redete auf seinen Freund ein: „Natürlich schaffen wir das, du kommst mit mir ins Rheinland, wäre doch gelacht.“ Der Jüngere schaute den Älteren etwas skeptisch an. Für den Brandenburger Willi Malzahn war Nießen schon so etwas wie ein Vater geworden. Er war noch keine 20 gewesen, als die Zeit der Gefangenschaft Ende 1944 in Schottland begann, und Josef Nießen hatte bereits Frau und sieben Kinder. Er stand also schon mitten im Leben. Endlich stand die Entlassung aus der Gefangenschaft an, jetzt im Frühjahr 1948. Willi Mahlzahn wollte nicht in die sowjetische Besatzungszone, wo er eigentlich beheimatet war. Aber länger in Schottland bleiben wollte er auch nicht. Also wohin? Josef Nießen sah das recht unkompliziert. Er sagte seinem Freund, dass er bei ihm wohnen könne, und deshalb sollte er auch seine Adresse in Grotenrath angeben. Zielstrebig gingen beide zur Kommandantur und erreichten die Entlassung nach Geilenkirchen.
Was in Schottland relativ einfach gegangen war, sollte nach der Ankunft in Nießens Heimatstadt noch recht problematisch werden. Im Rathaus zeigte man sich gar nicht damit einverstanden, dass Willi Malzahn in Grotenrath bleiben könne. Mit der Bemerkung, dass hier Sperrgebiet sei, lehnte der Beamte den Zuzug Malzahns ab. Er solle doch nach Süddeutschland gehen.
Der mit anwesende Josef Nießen wurde ungehalten. Er sagte klar, dass sein Freund hier bleibe und er für ihn einstehe. „Der Mann war mit mir in Gefangenschaft. Im Osten sitzt der Russe, und er hat keine Heimat. Ich werde für ihn sorgen,“ so die Worte von Nießen an den Beamten. Auf keinen Fall würde er die Abschiebung seines Freundes in den Süden Deutschlands dulden, fügte er im Laufe des Gespräches hinzu. Es dauerte einige Zeit, bis der Beamte umgestimmt war und er die Anmeldung der Ex-Gefangenen bestätigte.
So schwierig hatte sich Willi Malzahn den Start ins neue Leben im Rheinland nicht vorgestellt. In seinen lumpigen Kleidern, noch versehen mit dem PoW-Flicken (Prisoner of War) verließ er das Rathaus in Geilenkirchen. Nicht gerade freundlich empfand er diesen Empfang im äußersten Westen Deutschlands.
Josef Nießen hingegen versuchte seinen Freund sofort aufzurichten. Er machte ihm klar, dass nicht alle Rheinländer so viel Überredungskunst bräuchten, und so wurde dieser Vorfall bald abgehakt.
Nießen kümmerte sich wie versprochen um Willi Malzahn und gab ihm ein neues Zuhause. Als der Brandenburger in Scherpenseel eine Wohnung fand, konnte er endlich auf eigenen Beinen stehen. Später siedelte er nach Zweibrüggen über.
Dass Josef und Willi bzw. ihre Familien bis in die heutigen Tage Freunde geblieben sind, ist eigentlich klar. So verhalf der Rheinländer dem Brandenburger zur neuen Heimat. Und die Wurzeln, die er schlug, sind dort heute fest verankert.

Vom Erzfeind zum Freund
Für zwölf Deutsche war am 16. März 1945 mit erhobenen Händen der Krieg zu Ende. Die Amerikaner befanden sich in Elsass-Lothringen im Vormarsch. In Bitsche wurden diese zwölf morgens um 6.00 Uhr in ihrem Quartier von den Amerikanern überrascht und mussten sich ergeben. Für die Amerikaner waren die Deutschen nur ein kleines Hindernis, für die Gefangenen hingegen tat sich eine völlig neue Welt auf.
In Metz fanden die Gefangenen ihre erste Bleibe. Bis sie dort ankamen, erlebten sie erst einmal den Hass vieler Franzosen, die mit Steinen nach ihnen warfen. Für die Steinwerfer waren das die früheren Besatzer, die sie gedemütigt hatten, und nun waren sie verständlicherweise an der Reihe.
Die Amerikaner standen mitten in diesem Spannungsfeld. Für Horst Kaminski, der ebenfalls zu diesen Zwölfen zählte, war der amerikanische Schutz sehr wichtig. Er empfand es als großes Glück, bei den Amerikanern zu sein. Seine Landsleute bei den Franzosen hatten es da viel schwerer. Dort war die Verpflegung schlechter und die Bewachung viel strenger. Dagegen empfand Kaminski die schwarzen US-Bewacher als recht gutmütig und umgänglich. Nur dass sie wie die Verrückten mit dem LKW fuhren, war stets ein Horror - zumindest wenn er sich auf der Ladefläche befand.
Bis zum 31. Mai 1946 blieb der spätere Frelenberger in amerikanischer Obhut. Danach kam auch er zu den Franzosen, was mit einer vollkommenen Lebensumstellung einherging. Er fühlte sich von den Amerikanern regelrecht verkauft, weil sich alles zum Schlechteren änderte.
Ab sofort musste er im Bergbau in Lens pas de Calais (Nähe von Dünkirchen) arbeiten. Und in der Finsternis des Berges erlebte er auch sehr unterschiedliche Menschen.
Da gab es Franzosen, die ihn triezten, nur weil er ein Deutscher war. Aber es gab auch andere, die es gut mit den ehemaligen Feinden meinten. Besonders gerne erinnert er sich an den Hilfssteiger Marcell. Er war mit einer deutschen Frau verheiratet und hatte darum ein besseres Verhältnis zu den Deutschen.
Dieser sympathische Hilfssteiger (Bild, S. 126) hatte gleich vier Deutsche an der Ladestelle von Schacht 7 in Wingles unter sich. Seine Frau war stets bemüht, ihre Landsleute mit Brot zu versorgen. Unter normalen Umständen gab es nur eine Rübensuppe mit einem Kanten Brot. Da kam den Bergleuten eine zusätzliche Kalorienration der Steigersfrau immer sehr gelegen.
Horst Kaminski arbeitete bis Ende 1947 als Gefangener. Danach bekam er die Möglichkeit, als Zivilarbeiter auf einem anderen Schacht in Lens anzuheuern. Da er sich mittlerweile in Frankreich wohlfühlte, arbeitete er als „normaler“ Arbeiter weiter. Seine Clique auf Schacht 2 bestand neben ihm noch aus einem Franzosen, einem Polen und einem Italiener, und alle vier arbeiteten nur auf Nachtschicht. Sie hatten Panzer umzulegen und Eisenstempel zu rauben. Auch Kaminskis neuer Steiger war ein Pfundskerl. Dieser schrieb auch manchmal Stunden auf, auch wenn die vier mal keine Lust zum Arbeiten hatten. Das tat er aber nur, weil er sich auf das Quartett verlassen konnte bzw. das Geben und Nehmen stimmte.
Kaminski verdiente für damalige Verhältnisse „gutes Geld“ (2000 bis 3000 Francs). Darum hielt er sich insgesamt bis Juli 1953 in Frankreich als Zivilarbeiter auf, also insgesamt fünf Jahre.
Denkt er an die ersten Monate in diesem Land zurück, so hätte er es damals nicht für möglich gehalten, dass er freiwillig so lange dort bleiben würde. Die ersten negativen Erlebnisse zeigten in eine andere Richtung. Da es aber auch Menschen gab, die über den Horizont von Hass und Gegenhass erhaben waren, konnte im Laufe der Zeit das Eis tauen. Dass letztlich aus dem Frühling ein deutsch-französischer Sommer werden konnte, lag bestimmt an vielen kleineren Versöhnungstaten in der direkten Nachkriegszeit, die das „Erzfeinddenken“ mit den Franzosen endlich beendete.

„Souvenir“ aus RusslandD
er Arzt schüttelte den Kopf und sagte, dass man daran nichts mehr ändern könne. Eine operative Entfernung des daumengroßen Granatsplitters aus der Lunge sei nicht möglich. Er wäre so gut verkapselt (d.h. isoliert), dass keine akute Gefahr von ihm ausgehe. Außerdem sei er nur zwei Zentimeter vom Herzen entfernt, und das sei bedenklich nah.
Hubert Schmitz, der nun schon seit einigen Jahren mit dem Fremdkörper lebte, war sichtlich geschlagen. Was sollte er tun? Seine letzten Hoffnungen, dass er dieses Kriegs-Souvenir loswerden könnte, waren dahin.
In Gedanken kehrte der gebürtige Hünshovener nach Russland zurück. Er erinnerte sich daran, dass er mit einem Kameraden an einer Vorderhangstellung in der Nähe von Stalingrad gelegen hatte, nur 80 Meter von den feindlichen Russen entfernt. Er konnte die russischen Soldaten sogar sprechen hören. In dieser Situation bekam er den Befehl, eine Meldung zu überbringen. Die hatte er sich vorher unter den Stahlhelm gesteckt. Dann hieß es, einen glücklichen Weg zum Hauptgefechtsstand zu finden, entlang der HKL (Hauptkampflinie). Es lief alles wie geplant, aber kurz vor seinem Ziel, einer breiten und tiefen Balka (Mulde), lag er auf dem Boden und wollte zum Sprung ansetzen. Plötzlich bekam er einen Schlag vor die Brust, so als hätte man ihn mit einem dicken Hammer darauf gehauen. Ein Fremdkörper war in den linken Lungenflügel eingedrungen. Schmitz robbte noch bis zu einem Einmannloch, dann verließen ihn die Kräfte. Während ihm schon schummrig wurde, rief er nach einem Sanitäter. Als dieser kam, zeigte er ihm seine Wunde, aus der das Blut herausströmte. Die zur Hilfe Geeilten sahen sofort, was los war und schickten sich an, den Verwundeten wegzutragen. Nachdem sie die Meldung unter seinem Helm hervorgeholt hatten, verlor der verletzte das Bewusstsein.
Hubert Schmitz erinnert sich weiter, wie er in einem unterirdischen OP-Stand von zwei Ärzten untersucht wurde. Einem Arzt war sofort klar, dass er die Lunge nicht operieren konnte. Er sagte: „Wenn wir an den Splitter ranwollen, müssen wir die ganze Lunge zerschneiden. Das können wir nicht riskieren.“ Das hieß mit anderen Worten, dass der Verletzte nur aus eigener Kraft überleben konnte.
Nun fing eine langwierige Heilungszeit für den Verwundeten an. Erst nach drei Wochen konnte er wieder besser atmen. Das zeigte ihm, dass er das Schlimmste überstanden hatte. Danach wurde er mit einem „Fiseler Storch“ (Leichtflugzeug) nach Grischino geflogen und über Stalino und Dnjeprpetrowsk nach Deutschland transportiert. In Limburg/Lahn schloss sich ein weiterer Lazarettaufenthalt an. Die Überwindung seiner Verletzung bescherte ihm eine harte Zeit.
Nun waren einige Jahre seitdem vergangen. Zu den Soldaten musste er nicht mehr, weil ihn ein Blutsturz davor bewahrte. Insofern war sein Einsatz im Februar 1943 der letzte seines Lebens gewesen. Aber der Fremdkörper in seiner Lunge erinnerte ihn immer wieder an diese schlimmen Monate. Dass er jetzt alle Hoffnungen begraben musste, diesen Splitter loszuwerden, war sicherlich nicht einfach. So verließ Hubert Schmitz als junger Mann die Arztpraxis und ergab sich dem Unabänderlichen.
Nachbetrachtung: Was geschah weiter? Seit dieser Situation sind einige Jahrzehnte vergangen, und im Dezember 2003 fand ein Gespräch zwischen Hubert Schmitz und dem Autor dieses Buches statt. Der ehemalige Soldat war mittlerweile 89 Jahre alt und ließ die Augenblicke seiner Verletzung für die Nachwelt noch einmal wachwerden. Für seinen Gesprächspartner war es kaum zu glauben, wie ein Mensch mit einem derartigen Fremdkörper über 60 Jahre weiterleben konnte.

Brief vom Fahrer zum Chef
Verehrter Herr Oberst von Redanz!
Zwischendurch, wenn die Zeit es zuließ, dachte ich oft an Sie. Für mich waren Sie in unseren gemeinsamen Jahren so etwas wie ein Vater, ein Glücksfall in einer schweren Zeit. Wie schwer es für Sie war, haben sie vielleicht nicht immer gezeigt. Getrennt leben vom eigenen Gut in Sachsen, dort wo Sie es viel schöner hätten haben können. Sie waren sehr wohlhabend. Doch wurde Ihnen befohlen, zum Endsieg des Führers beizutragen, den es dann doch nicht gab.
Sie haben sämtliche Kriegsjahre mitgemacht, ob in Russland oder in Frankreich. Als Kommandeur fanden Sie den richtigen Ton und aus Ihrer Art war immer noch der Mensch spürbar. Oft haben Sie versucht, die kleinen Nischen zu nutzen, um sich in diesem Krieg als Mensch zu fühlen. Wie haben die Leute in den französischen Geschäften gezittert, wenn wir Champagner oder Zigarren requiriert haben? Das war damals halt so üblich und für uns auch ein kleiner Halt, um die Süße des Lebens in einer bitteren Zeit zu spüren. Und mich als Ihren Fahrer ließen Sie immer mitleben.
Ich schmunzele noch heute, wenn ich an das morgendliche Ritual denke, sofern es denn überhaupt möglich war. Ich musste Ihnen immer mit der Wurzelbürste den Rücken schrubben. „Fester“, riefen Sie, obwohl ich mich doch schon anstrengte. Rot musste er aussehen, der Rücken. Erst dann waren Sie zufrieden. Ich denke, dass ich auch Ihre Stiefel immer zur Zufriedenheit geputzt habe. Den Dreck der Front davon zu entfernen, war manchmal nicht so leicht.
Oder die eine Situation in dem Hotel. Die werde ich nie vergessen. Wie gewöhnlich ging ich morgens in Ihr Zimmer. Doch einmal fand ich keinen Herrn Oberst im Bett. An seiner Stelle lag statt dessen eine unbekleidete Frau. Das wurde für mich ein besonderer Morgen, und das, was folgte, war vielleicht nicht unbedingt im Sinne des Schöpfers. Aber der Krieg, wissen Sie, der schrieb seine eigenen Gesetze, und vielleicht glaubten Sie schon nicht mehr an eine Rückkehr? Es war sehr schön mit dieser Frau, und ich bin sicher, Sie hätten nichts dagegen gehabt. Und wenn doch, bitte ich nachträglich um Verzeihung.
Sie waren auch da großzügig, und all das, was in Frankreich zu einer angenehmen Lebenssituation beitragen konnte, fand Ihre Aufmerksamkeit. Das ging sogar manchmal soweit, dass Sie im aktiven Kampfgeschehen häufig unvorsichtig waren. Sie stellten sich einfach hin und sagten: „Mich trifft sowieso keine Kugel. Militärische Ziele treffen die nicht.“ Und manchmal habe ich mich gefragt, ob er Recht hat?
Ja, Herr Oberst, aus mir - dem kleinen Ernst - ist ein alter Mann geworden, der es heute nicht leicht hat. Aber ich gebe mich nicht auf. Und deshalb tut es mir so leid, dass Sie sich damals aufgegeben haben. Ich weiß nicht, wer Ihnen brieflich mitgeteilt hat, dass Ihr Gut zerstört und Ihre Frau tot sei? Das hat Ihnen den Rest gegeben. Das nahm Ihnen die Motivation zur Rückkehr und auch den Sinn einer Gefangenschaft. Warum sollten Sie sich da noch quälen lassen? Deshalb haben Sie sich aufgegeben und mit Ihrer Pistole Schluss gemacht. Was der Feind nicht vermochte, das haben Sie dann selber getan. Für mich war es ein schwerer Verlust. Vor allem vor dem Hintergrund, dass sich später herausstellte, dass der Brief nicht stimmte. Wer konnte nur diese unverantwortlichen Zeilen schreiben und Ihnen einfach Ihr Leben wegnehmen?
Als ich in der Endphase des Krieges einmal zum Gruß eines Leutnants ein „Männeken“ gemacht habe, da sagten Sie zu mir nur ‚Ernst, komm lass es sein. Das bringt nichts mehr.’ Wer weiß, was wir alles noch hätten sein lassen sollen. Aber wir dachten ja nicht immer an die Folgen.
Ich weiß, dass man Toten eigentlich keinen Brief schreiben kann. Und schon gar nicht über Geschehnisse nach so vielen Jahren. Aber vielleicht hören Verstorbene ja trotzdem zu? Lassen Sie mich deshalb mit einem „Männeken“ vor meinem Oberst diesen Brief beenden. Es ist freiwillig und soll an gemeinsame schöne Momente erinnern. Ich bin zuversichtlich, dass diese Gedanken Sie erreichen. Nehmen Sie sie als einen Ausdruck freundschaftlicher Gefühle. Sie zeigen auch, dass das Gute zwischen zwei Menschen immer überlebt und nach über 60 Jahren noch sehr lebendig sein kann.
In freundschaftlicher Hochachtung!
Ihr Ernst Zimmermann

Anmerkung: Dieser Brief wurde nie geschrieben. Er entstand als Phantasieprodukt des Autors auf Grund der Erzählungen von Ernst Zimmermann. Er ist insofern „real“, weil E.Z. ihn auch so geschrieben hätte, wie er bestätigte.
Mittlerweile ist Herr Zimmermann gestorben.

Die Geschichten des Kapitels 1
"Vor dem Einsatz"


Eine Generation wird gerufen
Angst paart sich mit Heldenmut,
Ungewissheit mit Stolz.
Was daraus wird, weiß nur die Zeit.
Der tiefe Einschnitt geht durch alle Schichten,
und so ist die Antwort auch so vielschichtig
wie die Gemüter unterschiedlich sind.
Doch eins ist allen gleich,
nichts bleibt wie es war.
Und aus erst gefühltem Heldenmut
wurde bald die Trauer des Erkennens!
Der Stolz gesellte sich hinzu,
ernüchtert und geschunden.
Christiane

Freiwillig zur U-Boot-Waffe
Gustav Lauer wurde 1943 gemustert und am 27.11.1943 als 17-jähriger zur Marine eingezogen. Neben verschiedenen Ausbildungsstufen stellte sich irgendwann die Frage, ob er sich freiwillig zur U-Boots-Waffe melden sollte. Damit war gemeint, zum fahrenden Personal. Als es hieß, dass Admiral Dönitz jeden Mann brauche, wurden auch die Marinesoldaten seine Kompanie gefragt. Gustav Lauer war der einzige, der „Ja“ sagte. Seine Kameraden, die später als Besatzungspersonal auf der Black Watch - dem Mutterschiff der 13. U-Boot-Flottille - eingeteilt wurden, konnten seine Entscheidung nicht verstehen. Doch Lauer war unbeirrt und sagte nur: „Wenn ich zu den U-Booten komme, dann kehre ich nach Hause zurück.“ Doch er erntete nur Kopfschütteln.
Was war passiert? Lauer hatte geträumt, dass er nur nach Hause käme, wenn er unter Wasser fahren würde. Seine Entscheidung aus dieser inneren Gewissheit heraus war für seine Kameraden unverständlich. Als er an Bord von U 310 (Typ VII c) ging, taten diese schon Dienst auf der Black Watch.
Zwar waren Feindfahrten mit dem U-Boot sehr gefährlich, aber Kommandant Wolfgang Ley war stets so besonnen, dass er nicht immer Kopf und Kragen riskierte. Seine Passivität erregte schließlich das Aufsehen der Vorgesetzten, die ihm mangelnde Angriffslust vorwarfen. Jedenfalls gingen die Mannen um Kapitän Ley in Trondheim (Norwegen) ohne Gegenwehr in englische Internierung, und Gustav Lauer kehrte unversehrt wieder heim.
Und was passierte mit der Black Watch? Am Ostermontag des Jahres 1945 wurde das an der Küste liegende Schiff von den Engländern angegriffen und vollständig zerstört. Fast alle Besatzungsmitglieder fanden dabei den Tod.
So hatte sich das Vertrauen auf seine innere Stimme für Gustav Lauer letztlich gelohnt und er hat, trotz vieler Gefahrenmomente, den Krieg unversehrt überlebt.
Die U 310 „lebte“ danach nur noch zirka zwei Jahre. Sie wurde am 29.5.1945 den Norwegern zugesprochen und im März 1947 verschrottet.

Ein Rendezvous mit Folgen
Wilhelm Schneider war vor seinem Einsatz in Russland beim Ersatztruppenteil in Höxter stationiert. Während der Alarmstufe I - die Truppe stand vor dem Ausrücken nach Russland - musste man für einen etwaigen Ausgang einen triftigen Grund haben. Doch hätte er für einen Abend mit einem Mädchen nie eine Erlaubnis bekommen. So entschloss sich Schneider, ohne Meldung abzuhauen, und ging zu seinem Rendezvous.
Alles verlief gut, doch als er über die Kasernenmauer zurückkam, erwischte ihn ein Posten. Dieser machte ihn „zur Schnecke“ und sagte ihm, dass seine Truppe seit zwei Stunden in Richtung Front unterwegs und schon in Hamm am Zug sei.
In dieser Situation fand Wilhelm Schneider einen Kameraden, der ihn mit einem Motorrad zum Bahnhof brachte. Er hatte Glück und erreichte den Zug der Einheit vor der Abfahrt. Er reihte sich sehr unauffällig und geschickt in die Truppe ein, dass er glaubte, niemand hätte etwas bemerkt.
Monate vergingen. Wilhelm Schneider kam nach einer Verwundung auf Genesungsurlaub. Bei seinem Ersatztruppenteil - wieder in Höxter - erfolgte die Auszeichnung mit dem Verwundetenabzeichen. Doch musste er sich auch bei seinem Chef wegen einer anderen Angelegenheit melden. Ohne Kommentar erhielt er einen Bescheid, auf dem folgende Worte zu lesen waren: „Im Namen des Führers und Reichskanzlers wird der Obergefreite Schneider zu zehn Tagen Arrest wegen unerlaubten Entfernens von der Truppe (Angabe von Ort und Uhrzeit) verurteilt.“ Der 20-Jährige war erstaunt. Hatte man seinen unerlaubten Ausgang kurz vor dem Ausrücken nach Russland doch bemerkt und geahndet.
Den anschließenden Arrest verbrachte er in einer umfunktionierten Toilette. Die Kameraden vergaßen ihren Kumpel aber nicht und schoben ihm das eine oder andere diskret unter der Toilettentür durch. So war es für ihn nur eine leichte Strafe, und Wilhelm Schneider dachte sich nur: Lieber zehn Tage Arrest in der Heimat, als zehn Tage an der Front in Russland.

Abschied von lieben Menschen
In den letzten Tagen war ihm alles zu viel gewesen. Dass sein Freund Richard von der zweiten Feindfahrt als U-Boot-Soldat nicht mehr heimgekehrt ist, war ein schwerer Schlag für ihn. Nach dem Erhalt dieser Nachricht hatte er sich eine Baracken seines Ausbildungsstandortes in Douai (Frankreich) regelrecht verkrochen. Durfte er als Soldat trauern oder gar weinen, wenn der beste Freund plötzlich nicht mehr war? Der 18-jährige Hans Karpowitz schien in diesen Tagen sehr verändert.
Dann kam die Nachricht, dass sein Großvater gestorben sei. Das machte alles nur noch schlimmer. Glück für ihn, dass der Vertreter des Kompaniechefs - ein älterer Hauptmann - ein Einsehen hatte und ihm eine Woche Urlaub gewährte. Damit hatte er nicht gerechnet.
Von Frankreich über Belgien und Holland fuhr er heim. Bei seinem Aufenthalt in Heerlen bat ihn vor dem Bahnhof ein etwa 8-jähriger Junge um Brot. Hans war glücklich, dem kleinen Holländer ein ganzes Komißbrot schenken zu können. Zugleich war er aber sehr erschüttert, dass die deutsche Besatzung die Niederländer zu Bettlern gemacht hatte.
Als Hans Karpowitz zu Hause ankam, erfuhr er, dass sein Opa bereits vor zwei Stunden beerdigt worden war. Dennoch freute sich der 18-Jährige auf seine Familie, obwohl er den eigentlichen Anlass des Besuches verpasst hatte.
Während dieses Kurzurlaubs fuhr er mit seiner Schwester nach Aachen. Als er seine Blicke streifen ließ, wurde ihm noch mehr das Ausmaß des Krieges deutlich. Nun war er gerade vier Monate Soldat, aber für ihn hatte der Krieg schon seine Ernte eingefahren. Er sah viele Trümmer an diesem Februartag des Jahres 1943 in der alten Kaiserstadt.
Vom Bahnhof Aachen-Nord führte ihr Weg über die Jülicher Straße in Richtung Stadtmitte. Unterwegs überholten sie zwei Kinder. Karpowitz interessierte sich für die beiden und drehte sich zu ihnen um. Er erschrak dabei, als er Judensterne auf ihrer Kleidung erblickte. Zwei Kinder im Alter von sieben bis neun Jahren, adrett gekleidet, die so dahintippelten. Sie hatten sich bei den Händen gefasst und machten einen arglosen Gesichtsausdruck. Dieses Bild der kindlich reinen Eintracht prägte sich bei ihm ein.
Er ging rasch weiter, aber dieser Eindruck ließ ihn bis in die Gegenwart nicht los. Was diese Kinder wohl noch erleben sollten? Diese Frage beschäftigte ihn und dabei dachte er an seinen Musiklehrer Hans Otto auf der Lehrerbildungsanstalt in Boppard. Seine Klasse war eine verschworene Gemeinschaft gewesen, und die Offenheit dort grenzte im Verhältnis zur damaligen Zeit schon an Fahrlässigkeit. So hatten einige jenem Musiklehrer die Frage gestellt, was er davon halte, was mit den Juden geschieht? Dass etwas mit ihnen geschah, war allen klar. Aber wusste man es genau und wie grausam war es wirklich? Sicher, das Wort KZ hatte schon eine schreckliche Aura, aber was steckte dahinter? Und was hatte dieser mutige Hans Otto geantwortet: „Hört mal her Jungs. Ich will euch eins erzählen. Ich lebte in den 30er Jahren in Frankfurt, und mir ging es wirklich dreckig. Eine jüdische Familie nahm mich von der Straße auf und stellte mich als Hauslehrer ein. Ich lebte mit diesen jüdischen Mitbürgern zusammen wie in einer Hausgemeinschaft. Ich kann nicht begreifen, dass solche Menschen jetzt irgendwo im Osten in einem Ghetto sind.“ Diese kühne Äußerung des Lehrers geschah in vollem Vertrauen in die Klasse. Hätte auch nur ein Schüler den Mund aufgetan, wäre dem Musikpädagogen Ärger mit der Gestapo nicht erspart geblieben.
Am Abend waren Bruder und Schwester wieder aus Aachen zurück. Die Geborgenheit daheim war das, was er nach dem Abschied von lieben Menschen dringend brauchte. Hier konnte er für einige Tage auftanken, weil er wusste, dass noch eine Menge vor ihm lag.

Kommandant mit 20
Dr. Reinhard Wöbker, seit 1954 Rechtsanwalt in Übach-Palenberg, absolvierte im Zweiten Weltkrieg eine seemännische Laufbahn. Als er im März 1943 Oberfähnrich zur See wurde, fuhr er auf dem Vorpostenboot VP 5308 als 1. Wachoffizier. Er schildert die Umstände, wie er vorübergehend zum Kommandant dieses Schiffes wurde:
Ich gehörte einige Monate als 1. Wachoffizier (l. WO) zur Besatzung des Vorpostenbootes VP 5308. Unser Kommandant war Freiherr von Blomberg, Oberleutnant zur See. Dieses Boot wurde hauptsächlich als Geleitschutz eingesetzt. Ich ging in Kristiansand an Bord. VP 5308 war eingesetzt zwischen Stawanger und Aalesund. Die Geleitzüge liefen von Süden nach Norden und umgekehrt. Gefahren wurde fast ausschließlich bei Nacht und im Wesentlichen durch die norwegischen Fjorde. Damit wollten wir englischen Flugzeugen und U-Booten so wenig Angriffsmöglichkeiten wie möglich bieten. Meine erste Fahrt auf diesem Boot führte mich in den Flottillenstützpunkt nach Bergen, in die sogenannte Westwärtsbucht. Der Name leitete sich von einem in der Bucht liegenden alten Dreimaster ab, auf dem der Flottillenchef mit seinem Stab einquartiert war.
Bei einem seiner Einsätze fuhr VP 5308 als Führungsboot mit einem Geleit von acht Schiffen auf Nordkurs von Bergen nach Aalesund. Nachdem wir Stadtlandet passiert hatten und wieder in den nach Aalesund führenden Fjord gelaufen waren, kam uns in Höhe des Syvdefjordes ein nach Süden gehendes Geleit entgegen. Hierbei kam es zu einer Kollision zwischen dem ersten Frachtschiff dieses Geleites - dem Dampfer Putzig aus Danzig - und unserem Boot. Dabei wurden wir hinten so schwer beschädigt, dass das Achterschiff bis zum Maschinenschott voll Wasser lief. Es sackte achtern weg, blieb aber noch schwimmfähig. Wir konnten danach noch aus eigener Kraft und mit sehr langsamer Fahrt in den Syvdefjord laufen. Dort gelang es uns, außerhalb der Schifffahrtslinie das Boot vorsichtig auf eine Geröllbank aufzusetzen.
Im Laufe einer Woche wurde das Boot mit Bordmitteln soweit hergerichtet, dass es mit langsamster Fahrt nach Bergen laufen konnte. Dort machte es in der Solheimswickenwerft fest und kam zur Reparatur ins Dock. Die Schäden am Boot waren so gravierend, dass sich die Reparatur über Wochen hinzog. Diese Pause nutzte der Kommandant für einen Urlaub. Bevor er wegging, übertrug er mir das Kommando über das Boot und seine Besatzung. Da ich während der Zeit auf VP 5308 vom Oberfähnrich zum Leutnant zur See befördert worden war, sah Freiherr von Blomberg anscheinend hierbei für mich eine gute Gelegenheit, Erfahrungen mit der Führung einer Mannschaft zu sammeln.
Und das war für mich als 20-Jährigen nicht nur eine hohe Verantwortung, sondern in gewisser Weise auch eine Ehre.

Die Ruhe vor dem Sturm
Stalingrad, wie viele Schrecken verbinden sich mit diesem Namen. Für die meisten Soldaten, die im Jahre 1943 bei Stalingrad eingekesselt wurden, folgte ein schreckliches Ende. Nur wenige konnten dem Kessel lebend entkommen. Einige hatten Glück, dort nicht hineinzugeraten, obwohl sie kurz davorstanden. Willi Dautzenberg wäre um Haaresbreite in dem Kessel festgesetzt worden, aber eine innere Stimme bzw. sein entschlossenes Auftreten bei seinem Chef bewahrten ihn davor. Glück für beide, die ahnungslos diesem Inferno entkamen. Wie es dazu kam, schildert diese Geschichte:
Es war im Winter 1943, einen Tag vor der Einschließung Stalingrads durch die Rote Armee. Willi Dautzenberg, Fahrer von Offizieren, sollte seinen Chef, einen weiteren Armeeangehörigen sowie einen rumänischen Offizier ins 100 km entfernte Stalingrad fahren. Sie wollten sich dort einmal umschauen.
Bald erreichten sie die Stadt und sammelten dort ihre Eindrücke. Sie fanden Stalingrad als eine desolate Stadt vor, und es lag eine unheimliche Ruhe in der Luft. Der Nachmittag kam, und die Offiziere hatten keine Lust mehr zurückzufahren. Also war Quartiersuche angesagt. Dem Fahrer (d.h. Dautzenberg) war gar nicht wohl. Ihn überkam eine Unruhe, die ihn nicht losließ. Er versuchte seinen Chef zu überreden, dass es doch besser wäre, in sicheren Quartieren außerhalb der Stadt zu übernachten. In Stalingrad wüsste man doch nicht was man an Herbergen bekäme. So ging es hin und her, und schließlich willigte Dautzenbergs Vorgesetzter ein. Sie verließen am gleichen Tag die Stadt.
Es dauerte nur bis zum nächsten Morgen, als die Richtigkeit der Entscheidung auf furchtbare Weise bestätigt wurde. Die Russen griffen an und umschlossen die Stadt mit eisernem Griff. Willi Dautzenberg und seine drei Mitfahrer waren entwischt, bevor die „Tür zum Schrecken“ zufiel. Sie hatten auf ihre Weise noch ein Stalingrad erlebt, das schon einen Tag später nicht mehr dasselbe sein sollte.

Gnade vor „Recht“
Felix Warthofer hatte die „Schnauze voll“. Er befand sich auf einem Truppenübungsplatz in Leimen bei Heidelberg. Jetzt war er bereits zwei Jahre beim Militär, und nun sollte er wieder eine Infanterie-Ausbildung machen. Er hatte das doch bereits schon Ende 1941 bei der Marine hinter sich gebracht. Aber nicht nur das. Der Ausbilder schien die Marinesoldaten nicht zu mögen. „Ihr von der Marine taugt doch nichts,“ schallte es immer wieder herüber. „Hinlegen, aufstehen, marsch, marsch.“ So ging das fortwährend.
Irgendwann wurde es dem jungen Mariner zu bunt. Er stand einfach nicht mehr auf. Als das der „Schleifer“ sah, wurde der natürlich noch lauter. Er ging zu ihm hin und schrie, was das denn solle. Langsam stand Warthofer auf und stürzte sich auf den Schreihals. Er schlug auf ihn ein und ließ seiner Wut freien Lauf. Bald wurde die Keilerei von dritten beendet und der Marinesoldat abgeführt. In einer Zelle konnte er sich wieder langsam beruhigen. Der Heißsporn konnte sich ausmalen, was ihn erwartete.
Vierzehn Tage später kam Felix Warthofer vor ein Kriegsgericht in Mannheim. Die Anklage war klar und der Fall auch: Meuterei vor versammelter Mannschaft und tätlicher Angriff auf seinen Vorgesetzten. Die Aussagen des Unteroffiziers ließen keinen Spielraum übrig. Warthofer konnte sich nicht so richtig verteidigen. Ein Richter schien etwas Verständnis zu haben: „So ein netter strammer Kerl. Wie konnten Sie sich denn dazu hinreißen lassen?“
Was sollte er sagen? Dass er die Schikanen nicht mehr ertragen hatte oder die Beschimpfungen der Marine? Als alles gesagt war, ließ man den Angeklagten einige Tage im Unklaren.
So bekam er mit, wie vor jeder Mittagsmusterung die Todesurteile verlesen wurden, die dieses Gericht gefällt hatte. Jedes Mal wenn er das hörte, fuhr ihm der Schreck in die Glieder. Er konnte auch damit rechnen, eine solche Strafe zu bekommen.
Endlich war es soweit. Die Urteilsverkündung stand an. Als verlesen wurde, dass er eineinhalb Jahre Gefängnis mit Frontbewährung bekam, fiel ihm ein Stein vom Herzen. Da hatte er nochmal Glück gehabt. Warum man ihn so milde behandelt hatte, erfuhr Felix Warthofer nicht. Wichtiger war, dass er mit seinem Ausbilder nicht mehr konfrontiert wurde und Deutschland bald zur besagten Frontbewährung in Richtung Italien verließ.

Ohne Papiere in Urlaub
„Komm mit, ich spendiere dir die Fahrkarte. Bevor ich am Montag nach Russland muss, will ich nochmals zu Hause gewesen sein.“ Herbert Kirchhof hörte sich die Worte seines Kumpels an und war sehr zögerlich. „Aber wir haben doch keinen Urlaubsschein," war die berechtigte Entgegnung. Kirchhofs Kamerad stammte aus wohlhabendem Hause und hatte Geld. Er würde ihm die Fahrkarte spendieren, wenn er nur mitkäme. Es ging um einen Ausflug von Freitag bis Sonntag. Am Ende hatten die Überredungskünste des Freundes Erfolg, und die beiden machten sich auf den Weg.
Bloß nicht erwischen lassen, hieß die Devise. An einem Nebenschalter im Bahnhof von Königsbrück kaufte Herberts Kumpel zwei Fahrkarten in Richtung Sachsen-Anhalt. Am Hauptschalter hätte man sicher den Urlaubsschein verlangt. Junge Männer und unterwegs - das konnten doch nur Soldaten sein.
Die erste Hürde war also genommen. Unterwegs hielten die beiden ständig Ausschau nach Wehrmachtskontrolleuren. Als sich einmal einer von ihnen näherte, fanden sie die letzte Zuflucht an einer Waggontüre und fuhren von außen mit. Glücklich erreichten die Ausreißer ihr Ziel. Kirchhof fuhr zu seiner Frau, der andere begab sich in Richtung seiner Heimatstadt.
Mittlerweile hatte man in der Kaserne das Fehlen bemerkt und fahndete nach ihnen. Als die „Kettenhunde“ bei Kirchhofs am Sonntag vorbeischauten, war der Junge bereits wieder auf dem Rückweg. Der andere hingegen hatte Pech, und der Kontrolleur traf ihn an. Er frühstückte gerade gemütlich, als die Wehrmacht anklopfte.
Der Erwischte versuchte dem Fahnder klarzumachen, dass es nur um einen Ausflug und nicht um eine Desertation ging. Er lud ihn ein mitzuessen und versicherte, dass er morgen wieder pünktlich in der Kaserne von Königsbrück wäre. Natürlich würde er seinem Marschbefehl nach Russland folgen. Während des Gesprächs bot er dem „Kettenhund“ Geld an und schlug vor zu sagen, dass er ihn nicht angetroffen habe. Der Mann überlegte und sah ein, dass er hier einen gewissen „Spielraum“ hatte. Er nahm das Geld und verließ die Wohnung wieder.
Während sich nun Herberts Kumpel auf den Weg machte, war er selber schon im Zug in Richtung Königsbrück. Als der Zug durch Leipzig kam, ging ein Bombenalarm los. Alle mussten den Zug verlassen und in einen Luftschutzbunker fliehen. Rein in den Bunker war kein Problem, aber rauszukommen doch ein ganz erhebliches. Ein weiteres Mal hatte Kirchhof Glück, denn im Bunker traf er seinen früheren Kommandeur. Er beichtete ihm den Ausflug und die Tatsache, ohne Urlaubsschein unterwegs zu sein. Der Kommandeur hatte Verständnis für den Jungen und sicherte ihm Schutz zu. So wurde Herbert Kirchhof bei der Ausgangskontrolle als Bursche des Kommandeurs ausgegeben und brauchte deshalb keine Papiere vorzuzeigen.
Beide Ausreißer erreichten am Sonntagabend endlich wieder die Kaserne. Die letzte Hürde bildete der Kasernenzaun, bevor sie wohlbehalten in ihre Stube gelangten. Kein Posten hatte etwas bemerkt.
Viel Aufregung und Anspannung lag hinter ihnen. Aber vor ihnen lag ein Appell beim „Alten“. Feldmarschmäßig traten sie an und mussten „beichten“. Der Chef wollte wissen, was sie sich dabei gedacht hatten. Da der Hauptmann schon im Ersten Weltkrieg gedient hatte und kein Heißsporn war, hatte er Verständnis. Am Ende des Gesprächs stellte er die Frage, ob sie erwischt worden seien. Wie aus einem Munde sagten beide: „Nein, Herr Hauptmann!“. Sichtlich erleichtert darüber kam die Antwort des Vorgesetzten: „Dann ist´s ja gut. Haut bloß ab und......das habt ihr gut gemacht!“

Leben im U-Boot
Wie war das Leben an Bord eines U-Bootes im Zweiten Weltkrieg? Gustav Lauer wurde als 18-Jähriger Maschinengefreiter auf dem U-Boot U 310, Typ VII c. An Bord befanden sich 54 Mann Besatzung unter Kommandant Wolfgang Ley. U 310 war 67,1 Meter lang und 6,2 Meter breit. Weitere Eckdaten: 4,8 Meter Tiefgang, 250 Meter maximale Tauchtiefe, Alarmtauchzeit in 30 Sekunden. Das Boot war mit zehn Torpedos bestückt, davon befanden sich fünf in den Rohren und fünf in Reserve.
Lauer war als Zentralheizer u. a. für die Entlüftung der Tauchzellen und für das Trimmen (das Boot waagerecht halten) verantwortlich. Dabei musste er bei Unterwasserfahrten Bewegungen innerhalb des Bootes ausgleichen. Ging ein Mann vom Bug zum Heck, mussten 50 Liter Wasser auf der anderen Seite für Ausgleich sorgen. Wenn kein Feind in der Nähe war, fuhr das Boot über Wasser. Dabei konnte es die Batterien aufladen oder schnellere Fahrt machen. Dann durften jeweils zwei Kameraden im offenen Turm rauchen.
Beim sogenannten Alarmtauchen war Eile angesagt. Dazu wurde bei 20 Metern Tauchtiefe das Wasser aus den Untertriebszellen herausgedrückt. In einem kritischen Fall - es musste besonders schnell gehen - konnte dies erst bei ca. 30 bis 40 Metern Tiefe vorgenommen werden. Dadurch „stürzte“ dass das Boot bis in zirka 300 Metern Tiefe. Als es endlich abgefangen werden konnte, waren alle heilfroh, dass das Boot dem Druck standgehalten hatte und so dem feindlichen Zerstörer entkommen konnte.
Eine andere gefährliche Lage ist Lauer unvergessen. Das Boot wurde vom Gegner geortet. Es konnte aber nur bis zu 110 Metern Tiefe tauchen und lag dann auf Grund. Sämtliche Maschinen und Geräte wurden abgestellt. Es musste absolute, wortlose Stille herrschen. Von Steuerbord aus fielen laufend Wasserbomben, aber die alles entscheidende Bombe verfehlte ihr Ziel. Das Boot befand sich glücklicherweise genau in einer Lücke, die von den Bomben verschont blieb. Als die Gefahr vorbei war, gab es ein großes Aufatmen.
U 310 operierte überwiegend im Nordmeer, quasi vor der Haustür Russlands. Weihnachten 1944 hatte man vor der russischen Küste einen Kolbenfresser. Nach der Reparatur lief das Boot Silvester 1944 auf die Klippen auf. So konnte man auf unorthodoxe Art den Russen ein gutes neues Jahr wünschen, um dann danach die Heimfahrt anzutreten.
Bei den Maßen des Bootes war nicht viel Platz an Bord. Rechts und links waren die Schlafkojen angebracht, jeweils zwei übereinander. Jede freie Stelle war zudem mit Verpflegung ausgefüllt. Geschlafen wurde im Wechsel: vier Stunden Dienst und vier Stunden Schlaf. Man fand immer ein „vorgemieftes“ Bett vor.
Die Toilette an Bord ließ sich nur bis zu einem Tiefgang von unter 18 Metern benutzen. Sonst hätten die Fäkalien wegen des größeren Wasserdrucks nicht mehr herausgepumpt werden können. So hieß es ab 19 Metern Tiefe „Arschbacken zusammenkneifen“.
Als jüngstes Besatzungsmitglied wurde Gustav nur Benjamin genannt. Er tat zusätzlich als Backschafter (Aufwarter) der Unteroffiziere Dienst und war dadurch in der Kombüse „an der Futterquelle“.
Das Boot und dessen Besatzung überstanden den Krieg heil. Es wurde am 8.5.1945 in Trondheim (Norwegen) den Engländern übergeben. Dass es so kam, verdankte man einer großen Portion Glück sowie der besonnenen Art des Kommandanten, der vor allem an das Wohl seiner Besatzung dachte.

Langer Arm aus der Heimat
Boscheln liegt de facto sehr weit von Russland entfernt. Aber manchmal kann ein Arm aus der Heimat sehr lang sein und einem Dinge präsentieren, über die man sich nur wundern kann. Hans Mohr bekam das zu spüren:
Ursprünglich zur Luftwaffe eingezogen, kam er auf Umwegen zur SS, d.h. er wurde mehr oder weniger dorthin „gegangen“. Er tat es also nicht freiwillig. Man bezeichnete Leute wie ihn auch lapidar als „Hermann-Göring-Spende“. Er ließ sich auch nicht seine Blutgruppe unterm Arm eintätowieren, was bei der SS üblich war und als Erkennungszeichen diente. Das ersparte ihm später viel Ärger. Aber warum ein Arm aus Boscheln bis Russland reichen kann, soll hier kurz erzählt werden:
Hans Mohr war trotz NS-Propaganda von christlicher Gesinnung. Dazu zählte auch der sonntägliche Kirchgang. Nachdem er von der Luftwaffe zur SS gekommen war, bekam er eine schwarze Uniform mit Armbinde und der Aufschrift Leibstandarte Adolf Hitler. Diese Uniform zog er auch bei seinem Kirchgang an und erntete dabei manche „Was-ist-denn-jetzt-los-Blicke“. Er selber dachte sich nicht so viel dabei.
Als er einige Wochen später in Russland im Einsatz war, musste er plötzlich zum Rapport. Nachdem er den Front-Lehm von den Schuhen entfernt und die gute Uniform angezogen hatte, meldete er sich in zackiger Art beim „Alten“. Der hielt nicht lange hinterm Berg und meinte: „Mohr, hören Sie mal, da ist ein Schreiben aus ihrer Heimat gekommen von einer Frau K. Sie sind im „Kleid des Führers“ in die Kirche gegangen. Du hast ja schöne Nachbarn, die dich über 3000 km verfolgen. Über die Standortkommandantur hat man dich angeschissen. Kerl, wie kannst du in SS-Uniform in die Kirche gehen?“ Der Junge war perplex und versuchte zu erklären, dass er kein politischer Soldat sei und dass der Kirchgang für ihn etwas Normales sei. Da die Angelegenheit dem Vorgesetzten eigentlich auch zu banal war, kam er schnell zum Ende: „Hans, Schluss mit dem Mist. Nimm Deine MP und hau ab. Von wegen Heilige Messe. Du gehst jetzt in die richtige Heilige Messe an der Front. Der Iwan gibt gerade ein (Stalin)Orgelkonzert, die Tokata von Bach.“ Während Mohr den Raum verließ, zerriss sein Vorgesetzter das Schreiben.
Hans Mohr überlegte, warum diese Frau ihn „angeschissen“ haben konnte. Er erinnerte sich daran, wie er sie in Uniform mit „Morjen, Frau K...“ begrüßt hatte. Daraufhin bekam er von ihr zu hören: „Hans, du bist der Bewacher des Führers, das heißt doch Heil Hitler.“ Etwas kleinlaut hatte er sich daraufhin entschuldigt. Ob diese Angelegenheit zu diesem „Anschiss“ beigetragen hatte? Er konnte es nur vermuten.
Als Hans Mohr im Sommer 1945 aus englischer Gefangenschaft heimkam, traf er jene Frau wieder. Ihr Brief wurde wieder lebendig, er ließ sich aber nichts anmerken. Auch Frau K. schien eine andere zu sein, war freundlich und begrüßte den Heimkehrer mit ‚Morgen Hans'. Bei allem was passiert war, konnte er sich die Antwort ‚Aber Frau K., das heißt doch Heil Hitler' nicht verkneifen. Frau K. wurde verlegen und sagte nichts mehr. Sie machte mit zahlreichen anderen die bittere Erfahrung, dass der Nationalsozialismus den Gutgläubigen einen hohen Preis abverlangt hatte. Und dieser Preis bedeutete für Frau K. nicht nur diese peinliche Situation, sondern u.a. auch ein im Krieg gefallener Sohn.

Ein Feuerwerker erzählt
Wilhelm Mingers arbeitete während des Krieges als Feuerwerker. Er fasst seine 6-jährige Tätigkeit mit dieser Schilderung zusammen:
Da ich bereits während der aktiven Reichswehrdienstzeit von 1935 bis 1937 auf der Feuerwerkerschule in Berlin theoretische Kenntnisse und bei der Abnahmestelle der Firma Rheinmetall-Borsig in Düsseldorf praktisch als Feuerwerker ausgebildet worden war, kam ich mit Kriegsbeginn (August 1939) zu den verschiedenen Abnahmestellen beim VI. AK (Armeekorps). Ich war beim Bochumer Verein, beim Dortmund-Hörder-Hütten-Verein und danach bei einer neugegründeten Abnahmestelle in Köln bis Ende März 1941 eingesetzt. Zur Erläuterung sei gesagt, dass alle Aufträge des Heeres-Waffenamtes an die Industrie durch Heeresabnahmestellen genehmigt werden mussten. Die Stellen wurden nach Bedarf im Bereich eines Armeekorps eingerichtet. Sie unterstanden einem Inspizient, meist einem General der Artillerie und wurden besetzt durch Offiziere (W = Wehrmacht) und Feuerwerker.
Nach diesen zwei Jahren erfolgte die Versetzung zum IV AK. Ich bekam in Chemnitz eine eigene Dienststelle und blieb dort bis Mitte 1942. Mittlerweile war der Westfeldzug beendet und Frankreich besetzt. Das blieb auch für mich nicht ohne Auswirkungen. Ich wurde nach Elsass-Lothringen abkommandiert und hatte beim V. AK eine sehr große Dienststelle unter mir. Sie umfasste den Bereich von Colmar bis nach Besancon/Frankreich. Hier hatten wir fast ausschließlich mit Uhrwerkszündern zu tun und kontrollierten Fabriken, die derartige Zünder herstellten. Kurios war, dass ich als Dienststellenleiter einen niedrigeren Dienstgrad hatte, als ein mir unterstellter Oberleutnant. Während des Dienstes konnte ich ihm Weisungen erteilen und nach dem Dienst er mir. Da ich aber ein gutes Verhältnis mit ihm hatte, stellten wir uns ab und zu gegenseitig Urlaubsscheine aus. Ich brauchte als Dienststellenleiter nicht meinen Dienstgrad zu nennen, sondern pflegte nur ‘Dienststellenleiter’ zu schreiben. Er unterzeichnete hingegen meinen Urlaubsschein mit seinem Dienstgrad. So kam niemand auf die Idee, die Richtigkeit der Urlaubsscheine anzuzweifeln.
Im Januar 1943 erfolgte meine Versetzung nach Peenemünde. Hier wurde die Rakete A 4 (im Volksmund V 2) hergestellt. Bis Mitte Juli erhielt ich die Ausbildung auf dem Prüfstand VII. Dieser war zuständig für die Überprüfung der Raketen-Triebwerke bzw. Steuerung. Wir ermittelten die Daten für die Flugbahn der Rakete. Diese wurde angetrieben durch 5 t Flüssig-Sauerstoff und 5 t 96%igen Alkohol. Sie erreichte eine Gipfelhöhe von zirka 105 km, hatte eine Reichweite von zirka 320 km, einen Durchmesser von zirka 1,60 m und war zirka 10 m hoch. Der Schub betrug 25 t, und die Beschleunigung lag zwischen 2 und 5 g (g = 9,81 m/sec). Die Antriebsstoffe Sauerstoff und Alkohol wurden durch ein Turbinen/Kreiselpumpen-Aggregat mit zirka 400 PS Leistung, mit 33 atü über Mischtöpfe in den Reaktor eingespritzt. Die Austrittsgeschwindigkeit der Verbrennungsgase betrug zirka 2600 m/sec. Auf dem Prüfstand wurden die Flammen in einer Wasserschure erstickt. Das ständig benötigte Wasser war auch ein Grund, warum solche Prüfstände direkt am Meer lagen. Die Auftreff-Geschwindigkeit der Rakete lag bei 1500 m/sec, also bei etwa 5facher Schallgeschwindigkeit.
Ich erinnere mich noch an eine Begebenheit bei einem Raketenversuch. Nach Überprüfung des Dachruders hatten wir vergessen, es zu aktivieren. Somit konnte die Rakete nach dem Start nicht in eine ballistische (gebogene) Bahn kommen, sondern stieg senkrecht hoch. Nur durch Winde wurde ihre Bahn etwas verändert, so dass sie nur geringfügig abtrieb. Als wir die Rakete in 500 m Entfernung ins Meer fallen sahen, waren wir beruhigt. Sekunden später „überfiel“ uns ein Schallgeräusch, dass uns wie die „Sandhasen“ umherspringen ließ. Wir wussten nicht, wie uns geschah. Die Erklärung hierfür: das Fluggerät flog schneller als der Schall, und der in unserem Bereich verbliebene Schall erreichte uns etwas später. Die Rakete hatte sich ja durch das nicht aktivierte Dachruder nur unwesentlich von unserem Startort wegbewegt. Dieses „Phänomen“ beobachtete man auch bei Einsätzen in England. Man hörte die Rakete nicht kommen, weil sie ja mit fünffacher Schallgeschwindigkeit aufschlug. Wer vorher ihre Luftgeräusche wahrnahm, konnte gewiss sein, dass ihm nichts mehr passierte; denn das Geschoss war dann wenige Sekunden vorher schon eingeschlagen.
Ab August 1943 kam ich als Prüffeldleiter zu der im Bau befindlichen Prüfanlage in Radevach bei Friedrichshafen. Es war eine Anlage mit zwei Prüfständen und dazugehörigem Messhaus. Nach einigen leichteren und auch größeren Pannen lief der Betrieb ganz ordentlich. Nur hatten die Planer die Nähe der Schweiz wohl nicht genügend beachtet. Da die Versuche einen Riesenkrach verursachten (unser Prüfstand lag in einer Bucht), wurden natürlich auch unerwünschte Beobachter auf Schweizer Seite angezogen. Also konnte sich der Feind über den Ablauf und die Intensität der Raketenversuche ein gewisses Bild machen. Das führte dazu, dass Anfang Januar 1944 die Versuche dort eingestellt wurden.
Nach einer kurzen Tätigkeit in einem Montage-Werk bei Nordhausen (hier wurden von KZ-Häftlingen in einem ehemaligen Salzstollen die Raketen zusammengebaut) und nach einigen Prüfaufträgen im Rahmen der Raketenerprobung, kam die Versetzung zum Heereswaffenamt nach Berlin als Sachbearbeiter für Fernraketen (hauptsächlich auch wieder A 4, d.h. V 2). Denn es gab auch Versuche mit Pulverraketen für größere Reichweiten.
Im April 1945 geriet ich in Gefangenschaft. Ich war aber nur vier Monate in Cherbourg/Frankreich und kehrte im August 1945 wieder heim.
(Anmerkung: t = Tonnen, g = Gramm, m/sec = Meter pro Sekunde)

Die Geschichten des Kapitels 4
Kriegsgefangenschaft


Gefangenschaft
Eingesperrt nicht nur in Mauern!
Unfreiheit hat viele Tränen.
All die Tage nicht bei den Seinen,
auf immer verloren, unersetzbar dahin.
Bewusst und schmerzhaft Erlebtes versäumen.
Kannst du schon laufen, mein Kind?
Mutter, ich war nicht an deinem Sterbebett.
Gefangenschaft, das „bewusst Versäumte“
hinterlässt die tiefere Narbe.
Christiane

In Russland vom Himmel gefallen
Wer in Oberschlesien geboren ist und sowohl deutsch wie polnisch als seine Muttersprache beherrschte, dem fiel die Orientierung in Ost-Europa viel leichter. Ignatz Broja zählte zu diesem Personenkreis. Er war im deutsch-slawischen Sprachraum bestens bewandert. Seit 1937 gehörte er zum fliegenden Personal der Luftwaffe.
Als Inhaber der A-, B- und C-Scheine sowie des Kunstflugscheins lernte er Europa aus der Vogelperspektive kennen. Von 1941 bis 1943 überführte er überwiegend Heinkel-Maschinen aus den Werken in Berlin-Oranienburg und Rostock zu ihren Einsatzorten. Er pendelte zwischen Afrika, Norwegen, Frankreich oder der Sowjetunion hin und her. Seine „prominenteste“ Maschine, die er an Ort und Stelle brachte, war eine HE 111 für Generelfeldmarschall Rommel nach Tobruk. Ein Flugzeug mit rotem Saffianleder ausgestattet, ohne Bombenschacht, aber dafür mit einem Kartentisch. Aber diese Maschine hatte nur eine kurze Lebensdauer. Broja war noch nicht aus Afrika zu Hause, da kam die Nachricht, dass die Engländer sie schon „kassiert“ hätten.
Im Jahre 1943 wurde Ignatz Broja zu einem Nachtschlachtgeschwader in den besetzten Teil der UdSSR abkommandiert. Sein Einsatzort hieß Gatschina (südlich von Leningrad). Bei Starts oder Landungen wurde die Beleuchtung des Flugplatzes nur für eine Minute angestellt. Dadurch sollte dem Feind keine Orientierungsmöglichkeit geboten werden. Der Oberschlesier hatte bis zu diesem Zeitpunkt stets Glück gehabt, und er war guter Dinge, als er am 8.12.1943 zu einem weiteren Nachtflug startete. Es kam aber anders, als er dachte. Er schildert hier in groben Zügen die Erlebnisse in jener Nacht bzw. die der darauffolgenden vier Wochen:
Ich befand mich gegen 23.00 Uhr MEZ (und 01.00 Uhr russischer Zeit) über Toropetz, 200 km südlich von Moskau in über 2000 Metern Höhe. Da geriet ich in ein Scheinwerferkreuz. Es war nicht sehr angenehm, so auf dem Präsentierteller zu sein. Nachdem ich bereits 20 Minuten angestrahlt wurde, versuchte ich mich aus dieser „Lichtumklammerung“ zu lösen. Ich begann eine Kunstflugrolle und schaffte es, das Licht „abzuschütteln“. Doch die Folge dieses Manövers war ein großer Höhenverlust. Ich wollte danach wieder auf eine Reiseflughöhe von 2000 Metern steigen, um nicht an der Front von der eigenen Flak abgeschossen zu werden. Beim Versuch, diese zu erreichen, setzte der Motor aus. Nun blieb mir nur noch eine Notlandung, die mir auch gelang. Da ich in der Maschine keine Heizung hatte, trug ich eine warme sowjetische Pilotenuniform. Nach der erfolgreichen Notlandung verließ ich die Maschine und wartete ab.
Einige Minuten später sah ich eine Autokolonne kommen. Nun stellte sich für mich die bange Frage, ob das Deutsche oder Russen waren. Hatte ich es über die Front geschafft oder nicht? Bald sollte ich Gewissheit haben. Ein sowjetischer Offizier kam auf mich zu und stellte sich vor mit ‚Hauptmann Krastschenko'. Noch hatte er nicht bemerkt, dass kein Russe vor ihm stand. Als dann ein anderer von seinen Leuten unter die Tragfläche meines Flugzeuges schaute, erschrak dieser. Er stieß einen vulgären Fluch aus und verband diesen mit dem Wort „Fritz“. Ein Deutscher war bei den Russen bekanntlich ein „Fritz“, so wie ein Russe bei den Deutschen ein „Iwan“.
Nun wusste ich, dass ich Gefangener war und was mir bevorstand. Ich hatte die Front also nicht mehr überqueren können. Die Gruppe brachte mich dann zum Haus des Starost (Bürgermeister). Von dort aus erfolgte die Nachricht an die zuständige Armeestelle, dass sie einen deutschen Piloten gefasst hätten. Danach wartete ich eine Stunde bis ein LKW mit 20 Leuten kam. Das Haus wurde umstellt, und es kam jemand mit einer Waffe ins Haus und rief nur „Ruchi Werch!" (Hände hoch). Für einen deutschen Piloten waren also 20 Mann nötig, dachte ich bei mir und fühlte mich geschmeichelt. Ich sprach sehr gut ukrainisch und konnte mich direkt unterhalten. Natürlich ging man davon aus, dass ich ein Spion sei. Außer meinem Flugzeugführerschein hatte ich keine weiteren Papiere mehr. Die Funkunterlagen hatte ich vor der Landung weggeworfen, damit der Gegner nicht über die deutschen Funkfeuer informiert würde. Und jetzt wollte ich meinen Gesprächspartnern klarmachen, dass ich kein Spion war. Man fand Rubelscheine bei mir und wollte wissen, woher die kämen. Ich erklärte, dass wir in Russland unseren Sold in Rubel erhielten. Aber sie werteten das als ein Zeichen meiner Spionagetätigkeit.
In den nächsten vier Wochen durchlief ich einige Stationen, die immer wieder mit Verhören verbunden waren. Vor allem interessierten sich ständig sowjetische Piloten für mich. Ich wurde viel gefragt, z.B. auch nach Literatur. Man behandelte mich gut, aber manchmal auch wie das „8. Weltwunder“. Von den dauernden Verhören ging schon fast meine Stimme weg, und mir schwirrte der Kopf. Es waren teilweise regelrechte Spielchen, die da gespielt wurden - zumindest als ich später darüber nachdachte.
In erinnere mich an einen Fall, als plötzlich ein verhörender Offizier mit einem MG vor mir herumfuchtelte. Was wollte er, dachte ich. Will er mich erschießen? Ich dachte, wenn das so ist, dann soll er das von vorne tun. Als ich mich nicht umdrehte, versuchte er mir klarzumachen, dass ich nur mal austreten sollte. Als ich danach wieder hereinkam, fing er an zu lachen und amüsierte sich darüber, dass ich ihn anscheinend von Grund auf falsch verstanden hatte. Er sprach ein mongolisches Russisch, das mir nicht so geläufig war. So schließt man bereits mit seinem Leben ab und sollte nur mal austreten.
Danach schickte er mich in einen Hühnerstall zum Übernachten. In dieser Nacht war ich fix und fertig, und es mutete für mich wie ein Wunder an, dass plötzlich an dem Fenster des Stalls eine alte Frau erschien und mir einen Topf Wasser reichte. Oben drauf schwammen Moosbeeren (Preißelbeeren), die mich sehr erfrischten. Das gab mir wieder Kraft und Zuversicht. Sie musste diese Moosbeeren unter dem Schnee gepflückt haben.
Dann kam ich in ein Todeslager für deutsche Kriegsgefangene bei Rshew. Wegen des harten Winters waren dort schon viele ehemalige Soldaten gestorben. Es herrschte eine furchtbare Atmosphäre. Großes Glück für mich war, dass ich dort eine russische Ärztin traf, deren Muttersprache eigentlich polnisch war. Sie hatte in Lemberg studiert und merkte bald, dass mein russisch einen polnischen Akzent hatte. Wir sprachen danach zusammen nur noch polnisch, und so ist es auch zu erklären, dass sie mir helfen wollte. Sie sorgte zuerst dafür, dass ich in diesem Lager nicht im Außenkommando arbeiten musste. Sie half in der Form nach, dass sie mich grün einrieb und meiner Haut somit eine kranke Farbe gab. Da meine fettarme Haut ohnehin geschält war - das kam davon, weil ich kein gutes Essen mehr bekam - passte das gut zusammen. So arbeitete ich insgesamt fünf Tage im Innenlager von Rshew . Meine Aufgabe bestand darin, tote deutsche Kriegsgefangene von ihren Kleidern zu befreien. Da wir ja mitten im russischen Winter waren, konnten diese Toten nicht beerdigt werden. Sie wurden ausgezogen und auf einen Haufen gestapelt. Man kann sich kaum vorstellen, was ich in diesen Tagen gefühlt habe.
Ferner sorgte die Ärztin dafür, dass ich in ein Sonderlager in Moskau kam. Es muss wohl der 2. oder 3. Januar 1944 gewesen sein, als sich ein Kommissar mit einer Bewachung von vier Personen mit mir auf den Weg nach Moskau machte. Wir fuhren in einem vornehmen D-Zug und erlebte eine angenehme Reise. Das Besondere an dieser Fahrt war außerdem, dass dieser Kommissar bereits sitzende Fahrgäste aus einem Abteil wies, damit unsere Gruppe einen bequemen Reiseplatz hatte. Nach einigen Stunden erreichten wir die russische Hauptstadt.
Als ich in dem Sonderlager eintraf, in dem nur hohe Offiziere, Generäle, Künstler und andere Persönlichkeiten inhaftiert waren, wusste ich, dass diese russische Ärztin aus Lemberg für mich so etwas wie ein Schutzengel gewesen sein musste und mir das Leben gerettet hatte.

Aug´ um Aug´ und Zahn um Zahn
Bis zu den Knien stand er in der Fäkaliengrube und rief verzweifelt, dass man ihn da rausholen sollte. Man könne ihn hier doch nicht krepieren lassen. Doch wie er sich auch um das Mitgefühl von den oben am Rand stehenden Männern bemühte, es half nichts. „Wo sind die Schuhe?“, schallte es fortwährend in die Grube hinab. „Weiß ich nicht“, kam es immer wieder zurück. „Du suchst die Schuhe, vorher kommst du da nicht raus. Schließlich hast du sie ja auch reingeworfen!“ Damit war wieder alles gesagt. Dieses Schauspiel hatte sich während der vergangenen Stunden mehrfach wiederholt, und der arme Wicht in der Grube wusste nicht mehr ein noch aus.
Es herrschte eine schlimme Atmosphäre in diesem Gefangenenlager bei Heilbronn im April 1945. Waren es 100 000 oder 200 000 Leute, die hier in diesem amerikanischen Camp aushalten mussten? Wer wusste das schon? Die Nächte waren immer furchtbar. Jeeps beleuchteten die dunkle Fläche, auf denen die Gefangenen auf dem Boden lagen und zur Ruhe kommen wollten. Aber wem gelang das schon? Keine Betten, keine Decken, nichts zum Wärmen. Das was man am Körper trug, war überlebensnotwendig. Jeder passte darauf auf, sonst war er verloren. Und dann noch die provisorischen sanitären Umstände. Man hatte Gruben ausgehoben und einfach Bretter darüber gebaut. Drei Meter tiefe Löcher, in denen die Lagerinsassen ihre Notdurft verrichten sollten. Es stank dort fürchterlich und der Boden der Grube war mit Fäkalien bedeckt.
In einer dieser Gruben stand nun dieser Mann, der bereits seit Stunden darin zwangsweise ausharren musste. Für die Leute außerhalb der Grube hatte er diese Strafe verdient. Warum musste er auch in der Nacht einem schlafenden Gefangenen die unterm Kopf liegenden Schuhe stehlen? Und warum musste er, bevor er von seinen Verfolgern gestellt wurde, im letzten Moment die Schuhe eben in jene Abortgrube werfen? Das Licht der amerikanischen Jeeps hatte das Stellen des Diebes dabei entscheidend begünstigt. Kurzentschlossen hatte man ihn sofort in die Grube hineingestoßen mit der Aufforderung, die Schuhe zu finden und zurückzugeben. Ohne Schuhe war man aufgeschmissen und musste um sein Leben fürchten. Dass der jetzt in der Grube um sein Leben Winselnde auf den Bestohlenen keine Rücksicht genommen hatte, nahmen ihm die Mitgefangenen sehr übel. Es war auch ein Ausdruck der Verzweifelung, die überall herrschte. Man bekam gerade so viel zu essen, um nicht zu sterben. Aber dennoch starben jeden Tag welche.
„Soll der doch da unten krepieren! Schließlich war ihm auch egal, was aus dem wird, dessen Schuhe er geklaut hatte,“ so oder so ähnlich lauteten die scheinbar hartherzigen Kommentare.
Josef Kempen, der in der unmittelbaren Nähe des bestohlenen Kameraden in dieser Nacht gelegen hatte, stand auch eine Zeit lang am Grubenrand. Er sah, wie sich der dort unten befindliche Mann immer wieder bückte und seine Hand durch den Fäkaliensumpf gleiten ließ. Er stand bis zu den Knien darin und wusste nicht mehr ein noch aus. Und wegen des glatten Randes konnte er sich auch nicht aus eigener Kraft aus seiner misslichen Lage befreien.
Es waren prägende Augenblicke eines Einzelschicksals, an dessen Ausgang sich Josef Kempen nicht mehr erinnern kann. Ob jener in der Grube überlebt hat oder nicht, weiß er nicht mehr. Geblieben ist bei ihm das Gefühl einer gnadenlosen Selbstjustiz, die unter extremen Umständen jedem das Äußerste abverlangte. Es ging eben nur nach dem Gesetz „Wie du mir, so ich dir“. Sonst hätte Anarchie den letzten Rest von Rücksichtnahme zerstört.

Tödliches Heimweh
Rudolf Lieblang erlebte zu Beginn seiner Gefangenenzeit folgendes schlimme Erlebnis:
Es war bei Gmunden in Österreich. Ein Transportzug mit deutschen und österreichischen Kriegsgefangenen fuhr in Richtung Osten. Plötzlich fielen Schüsse, und der langsam fahrende Zug fing an zu bremsen. Er kam auf offener Strecke zum Stehen. Russen sprangen vom Zug und liefen hinter einigen Gestalten her. Sie hatten es geschafft, aus dem Zug zu springen. Vorher war es ihnen gelungen, den Stacheldraht am Waggon zu entfernen. ‘Alles oder nichts’ war ihre Devise. Jetzt, wo sie noch so nah bei der Heimat waren, wollten sie die Flucht wagen. Bei drei der Flüchtigen ging diese Rechnung auf. Doch ein ehemaliger Soldat wurde nach einigen Metern gefasst.
Mit vorgehaltener Pistole wurde er gefragt, wohin er denn wolle? Der Gefasste überlegte nicht lange und antwortete wahrheitsgemäß: „Nach Hause!“ Etwas erheitert schauten sich die Russen an und sagten zu dem Flüchtigen auf russisch: „Damoi, damoi?“ (nach Hause). Sie überlegten kurz, was sie machen sollten. Nach einigen Augenblicken sagte einer von ihnen mit Nachdruck: „Los, los, soll gehen damoi, los, idi damoi!“ Der Gefangene wunderte sich. Aber das Winken mit der Pistole, dass er doch endlich gehen solle, war eindeutig. Langsam ging er in Richtung Bahndamm und entfernte sich von seinen Bewachern. Als er zirka 15 Meter gegangen war, setzten sich die Maschinenpistolen in Aktion. Augenblicke später lag der Flüchtling erschossen am Boden. Alle, die das mit ansehen mussten, waren entsetzt.
Nach einem kurzen Augenblick gingen die Russen zu dem Toten und schleppten ihn zurück in Richtung Waggon. Anschließend legten sie ihn zu den anderen Gefangenen und gaben Signal zur Weiterfahrt. Bevor die Fahrt weiterging, gaben die Bewacher allen zu verstehen, dass sie mit Flüchtigen „kurzen Prozess“ machen würden, und der Tote im Waggon solle sie eine Weile daran erinnern. Langsam fuhr dann der Zug an und setzte seine Reise fort. Bis Wien fuhr der Erschossene bei seinen ehemaligen Kameraden mit, bevor er irgendwo seine letzte Ruhestätte fand.
Wie Rudolf Lieblang später erfuhr, hatten die russischen Aufseher nur ein Problem, nämlich die Gesamtzahl der Gefangenen wieder auf den alten Stand zu bringen. Und damit sie keinen Ärger mit ihren Vorgesetzten bekamen, suchten sie nach einer Möglichkeit, diese Zahl wieder aufzustocken. Hier halfen die Umstände den Russen aus der Klemme, und zwar während des Aufenthaltes auf dem Bahnhof in Budapest. Aus einem Krankenzug aus Rumänien, der in die entgegengesetzte Richtung unterwegs war, wurden kurzerhand drei Passagiere umgeladen. Zwar verstanden die drei Kranken nicht, was los war, aber das war den Russen egal. So fuhren die Zwangsumsteiger wieder dorthin, wo sie hergekommen waren, nämlich nach Rumänien.
Rudolf Lieblang war natürlich geschockt über die Art und Weise der fremden Soldaten. Wer weiß was ihm alles noch bevorstand, wenn man solchen Willkürmaßnahmen ausgeliefert war?
In Jassy/Rumänien erfuhr er zudem, dass man bei dem Fluchtversuch nicht nur den später erschossenen Soldaten, sondern auch einen Feldwebel geschnappt hatte. Eigenartigerweise spielten die Russen nicht mit ihm das Spiel ‘Fliehen und Erschießen’, sondern nahmen ihn mit in ihren Waggon und degradierten ihn zum Diener. Das hieß für ihn z.B. Kaffee kochen oder Schuhe putzen. Diese „Art von Gerechtigkeit“ konnte dann keiner mehr verstehen.
Bei den drei Kranken, die unplanmäßig wieder dort auftauchten, woher sie gekommen waren, ging glücklicherweise alles gut. Sie konnten diesen Irrtum aufklären, weil die dort befindlichen deutschen Ärzte ihren erneuten Rücktransport veranlassen konnten. Sie schüttelten nur den Kopf und wunderten sich über diese Vorgehensweise.
Für Rudolf Lieblang gab es aber vorerst keine Heimfahrt. Als seine Reise hinter Rumänien auf den breiten Schienen der russischen Eisenbahn weiterging, sollten noch drei Jahre in Westsibirien folgen. An Flucht dachte er während dieser Zeit nie. Dafür hatte der Schock mit dem erschossenen Soldaten gesorgt. Und sein Heimweh mit dem Leben zu bezahlen, kam ihm nicht in den Sinn.

Von der Elbe in die Ukraine
An der Elbe erlebten viele das Kriegende, und dieser Fluss war eine Art Schicksalsgrenze. Wer sich am Ostufer befand, konnte damit rechnen. in russische Gefangenschaft zu geraten, und wer am Westufer war, in amerikanische. Der Hauptmann einer bei Havelberg am Ostufer der Elbe liegenden Panzerkompanie, zu der Helmut Hilger gehörte, nahm darum am 1. Mai 1945 Kontakt mit den Amerikanern auf. Er wollte nicht den Russen in die Hände fallen.
Nach Zerstörung der Waffen bauten die Landser aus leeren Benzinfässern Flöße und wollten danach die Elbe von Ost nach West überqueren. Plötzlich kamen Schüsse vom Westufer, und es blieb nur noch der rettende Sprung ins Wasser. Unter Todesangst schwammen sie wieder zurück zum Ostufer. Am Morgen des 2. Mai kamen die Russen, und das Nichtgewollte war unabwendbar. Natürlich konnten die meisten ihr Unglück noch nicht fassen, aber was sollte man machen?
Doch sollte der Weg bis Russland noch weit sein. Bevor es nach Osten ging, wurde Hilger abkommandiert, um bei der Demontage der Telefonzentrale in Wiesental zu helfen. Man baute die Armaturen ordnungsgemäß aus und verstaute sie gut in Kisten. Nach erfolgter Kontrolle wurden die Geräte von den Gefangenen zerstört, weil man sie den Russen nicht gönnte.
Nach dieser Demontageaktion nahm Helmut Hilger am Marsch durch Berlin teil. Er erlebte eine feindselige Bevölkerung und konnte nicht verstehen, wie schnell diese „umgeschaltet“ hatte. Er fragte sich, ob man nur russenfreundliche Menschen an den Straßenrand gelassen hatte?
Als diese Prozedur hinter ihm lag, ging es nach Wriezen. Hier hatte er mit anderen Gefangenen die Aufgabe, alte Panzer zum Oderbogen zu fahren. Eine günstige Gelegenheit nutzte er unterwegs zur Flucht. Leider dauerte diese Freiheit nur kurz, weil er drei Tage später wieder gefasst wurde. Er sollte den Russen nicht entkommen, was auch immer er anstellte.
Die nächste Station war Küstrin, wo er im Juli 1945 ankam. Er erblickte nur Trümmer und erfuhr, dass Küstrin eine der zerstörtesten Städte von Deutschland war. Auch hier blieb er nur kurz, und bald ging es zu Fuß weiter nach Posen. Jeder wusste, dass das Ziel Russland war, aber niemand hatte eine Ahnung wohin genau.
Mitte August kam wieder Bewegung in den Transport. Die Gefangenen wurden in einen Zug verladen, von dem es hieß, dass er nach Osten führe. Da der Zug nicht über Warschau fahren konnte - die Weichselbrücke war gesprengt - fuhr er durch den Süden Polens nach Brest-Litowsk. Hier wurde die Fahrt erneut unterbrochen, weil die breiteren Eisenbahnspuren einen ganz neuen Zug notwendig machten. Als es weiterging, wurden in jeden Waggon 100 Mann eingeladen. Auf wenig Platz fing für jeden nun eine lange Fahrt ins Ungewisse an.
Alles musste unterwegs improvisiert werden. In einer Ecke des Waggons wurde ein Loch für die Verrichtung der Notdurft gemacht. Schließlich wollte man nicht im eigenen Urin oder Kot ersticken. Nur alle drei Tage konnte man raus, um die Beine zu vertreten. Ferner hatte der Wagen eine Luke, und nur der Stärkste konnte sich durch die Luke zwängen, um hinauszuschauen. Die Stimmung unter den Gefangenen sank, je länger die Fahrt dauerte. Ein weiterer schmerzlicher Tribut bedeutete die traurige Tatsache, dass im Durchschnitt von den 100 Insassen der Waggons nur 90 die Fahrt überlebten.
Insgesamt war der Zug zirka drei Monate unterwegs, bis er in Dnjepopetrowsk am 17. Dezember 1945 ankam. Dass Helmut Hilger unterwegs am 1. November sein 20. Lebensjahr vollendete, verdeutlichte ihm in besonderer Weise sein Dilemma, in dem er gerade steckte. Was hatte er trotz seines jugendlichen Alters schon alles erlebt?
Drei Monate Irrfahrt nach und durch Russland lagen hinter ihm, und spätestens hier wurde dem Geschundenen klar, warum er am 1. Mai zum Westufer der Elbe wollte. Dass die Amerikaner seine Einheit mit Gewalt vertrieben hatte, konnte Hilger ihnen verständlicherweise nicht so schnell verzeihen. Daran hatte diese grauenvolle Reise quer durch Russland den größten Anteil gehabt.

Von Netuno nach Norfolk
Die Jungs waren fertig. Sie konnten zwar viel aushalten, aber alles wegzustecken war nicht möglich. Es war Juni 1944 in Mittelitalien. Die Amerikaner waren gelandet und hatten nach schwerem Kampf eine deutsche Gruppe gefangengenommen. Unter ihnen auch Theo Houben aus Frelenberg. Er war Sanitäter und kümmerte sich um die Verwundeten. Für ihn oft ein Gefühl auf einem Schlachthof zu sein.
Ein amerikanischer Jude verhörte ihn. Houben wollte wieder zurück zu seiner Truppe, um zu helfen. Sein Gegenüber wusste, dass Sanitäter einen besonderen Status hatten. Er ging darauf ein und der Deutsche durfte mit einem amerikanischen Sanka in Richtung Front mitfahren. Unterwegs wurden drei verwundete Amerikaner aufgelesen.
An der Front selber - es herrschte gerade eine sehr unruhige Situation - durfte er sich entscheiden. Entweder er würde 100 Meter zu der anderen Linie hinüberlaufen und dabei mit höchster Wahrscheinlichkeit fallen oder aber als Gefangener bleiben. Theo Houben erkannte die Sinnlosigkeit der ersteren Möglichkeit. Als Toter hätte er seinen Kameraden nicht mehr helfen können, und somit entschied er sich für die Gefangenschaft. Zumindest war der Krieg mit all seinen schlimmen Exzessen nun für ihn vorbei.
Nach dem Aufenthalt in einem großen Gefangenenlager wurden die Deutschen in LKWs zum Hafen gefahren. Ein Schiff der Hubertiklasse mit 3500 Brutto-Register-Tonnen wartete auf seine unfreiwilligen Passagiere. Jeder bekam eine Schwimmweste, eine Matte und ein Seil zum Befestigen derselben. Für die meisten stand nun die längste Seereise ihres Lebens bevor - nämlich nach Amerika.
Theo Houben hatte Glück. Dank seines Talents und Geschicks wurde er an Bord als Koch eingeteilt. Man hatte Köche und Metzger gesucht, und er wollte etwas tun. Er übte diese Tätigkeit während der gesamten vierwöchigen Überfahrt aus und lernte sehr viel dabei. Vor allem der Umgang mit den Amerikanern wurde im vertraut. Sie sahen alles lockerer und ließen die Gefangenen auch schon mal für sich arbeiten. Für einen Quadratmeter Rostklopfen wurden 20 Camel Zigaretten gezahlt.
Die Kost an Bord war reichlich. Die Leute sollten viel essen, um der Seekrankheit vorzubeugen. Aber wen es doch erwischte, der bekam Kekse und Sauerkraut vorgesetzt. Dies sollte dann weiterhelfen.
Auf dieser langen Seereise wurde auch der Unterschied zwischen Salz- und Süßwasser deutlich. Man konnte sich nur mit Salzwasser waschen und benötigte dafür eine bestimmte Seife. Als die Gefangenen das noch nicht wussten, bekamen sie auch Süßwasserseife gestellt und wunderten sich, dass sich der Schmutz nicht löste. Auf der Haut entstand nur eine Art Schorf (rheinisch: „Fribbelkes“). Erst unter Gelächter ihrer Bewacher erhielten die „Germans“ die richtige Seife. Also Scherze dieser Art kamen auch vor.
In Norfolk gingen die Gefangenen im August 1944 von Bord. Es sollte eine interessante Zeit in Amerika werden, die für fast alle unter der Überschrift „Von einem Extrem ins andere“ stehen sollte.

Brennnessel und warmer Sand
In Russland konnte man sich zumindest auf eines verlassen, nämlich dass die Winter kalt waren. Für die Kriegsgefangenen, die in ärmlichen Behausungen gerade vor dieser Jahreszeit Angst hatten, war die Kälte neben dem latenten Hunger das Schlimmste.
Rheuma war unter diesen Umständen noch eine relativ geringe Folge. Auch Peter Kouchen litt bald unter dieser Krankheit. Glück für ihn, dass seine betreuende russische Ärztin ihn sympathisch fand. Das konnte er spüren, und es gab ihm in diesen Momenten Kraft. Doch Sympathie blieb oft die einzige Medizin, oder aber man bediente sich alter Heilmittel. Mit Blick auf das steife Knie von Peter sagte sie in gebrochenem Deutsch: „Tablette und Salbe haben wir nicht. Wir machen so, wie wir immer gemacht haben bei Rheuma. Ein Säckchen mit Sand warm machen und auf Knie legen.“ Was sollte sie sonst tun? Mehr war leider nicht möglich.
Um die Wärme mussten sich die Gefangenen - wie sich Peter Kouchen an seine Situation in Russland erinnert - sehr bemühen. Wenn nicht an jedem Telegrafenmast in der Nähe seines Waldlagers eine Bewachung gestanden hätte, wären sie von den Plenniks zu Brennholz verarbeitet worden. Und wenn sie Holz aus dem Wald ins Lager mitbrachten, bediente sich zuerst die Wache. Sie litten den gleichen Mangel und waren auch auf Holz angewiesen. So saßen beide im gleichen Boot, wenn auch jeder auf einer anderen Seite.
Hunger und Kälte, beide forderten ihre Opfer. Der deutsche Kollege der russischen Lagerärztin klammerte sich in dieser Situation an jeden Strohhalm. Auf seine Initiative hin durften Gefangene vom Waldrand Brennessel oder Gras mitbringen. Wenn Pflanzen vorhanden waren, bekam jeder eine Portion davon in die Suppe. Besser diese Vitamine als keine.
Nur wer gesundheitlich ganz schlimm dran war, konnte sich Hoffnung auf eine Entlassung machen. Es gab einen Fall, dass sich jemand mit der Axt einen Finger abschlug, nur um nach Hause zu kommen.
Im November 1948 erfuhr Peter Kouchen endlich von seiner Entlassung. Zuerst sagte es ihm „seine“ Ärztin mit den Worten „skora damoi“ (morgen nach Hause). Bestätigt wurde das durch einen anderen Gefangenen, der ihm die Neuigkeit mitteilte, als er von der Arbeit kam. Er hatte seinen Namen und den von Peter auf dem schwarzen Brett gesehen. Große Freude über die Tatsache, dass es endlich in die Heimat zurückging.
Ausgestattet mit einer Wattejacke trat Kouchen seine Heimreise an. Insgesamt hatte er dreieinhalb Jahre in russischer Gefangenschaft verbracht und einen Reifeprozess wider Willen erlebt. Auch er musste - versehen mit vielen seelischen Narben - nun ein völlig neues Leben beginnen.

Die Gefangenen und ihr Essen
Hans Karpowitz hielt sich 1945 in einem Gefangenenlager bei Attichy/Frankreich auf. Dort erlebte er am 7. Juni seinen 21. Geburtstag. Sein Geschenk: Ein zweiter Teller Suppe.
Bei den Gefangenen drehte sich fast alles nur ums Essen, und eines der Hauptgesprächsthemen waren beispielsweise Rezepte.
Er fasste dieses Gefühl in ein Gedicht, das er in Attichy geschrieben hat. Seine Absicht dabei war, die Angelegenheit objektiv zu betrachten und damit zu überwinden:

Die Nacht ist vorbei der Tag bricht an,
noch ruhn sie, die gefangen.
Doch wenn geweckt wird jeder Mann,
um die Verpflegung sich sehr bangen.
Das letzte was gegessen,
wie wenig und wie dünn,
bis drei Uhr spätestens haben sie´s besessen.
Nachmittag und Nacht vorüber ging.

Der Magen ist leer, der Schlaf war fest,
und schon der erste erwacht,
doch öffnet der zweite die Augen jetzt,
dann wird er fragen ganz sacht:
Was wird es heute zu essen geben,
wird es ein Viertel oder Drittel sein?
Lässt man uns überhaupt am Leben
oder bricht der Tod ins Lager ein?
Und alle andern, sie sind gestöret,
die Nachtruh´ ist vorbei.
Mein Nebenmann, der das gehöret
beginnt mit heftigem Geschrei:
Kaum sind sie nun vom Schlaf erwacht,
da reden sie vom Fressen.
Doch dass der Gierigste er ist,
das hat er wohl vergessen.
Und kommt es nun, was lang ersehnt,
oh, sehet die Erregung.
Der Faulste jetzt den Körper dehnt
Auch er kommt in Bewegung.
Die Marken in gestreckter Hand,
so geht die auserwählte Menge.
Und wenn's auch wenige nur sind,
sie sorgen fürs Gedränge.
Und nur gradaus die Augen sehen,
ein jeder ist gespannt.
Ja viel zu lange wird jedem das Stehen,
zum Brot streckt alles die Hand.
Das dann nach Form und Größe
beurteilt und bemeckert.
Denn die Kumpanen machen Getöse
wenn er mit einem schlechten ankleckert.
Was nun kommt ist bedeutungsvoll,
man fängt jetzt an zu teilen.
Ein jeder prüft, der Hunger macht toll,
drum muss der Teiler sich beeilen.
Doch der macht´s ruhig mit sicherer Hand,
er lässt sich nicht leicht stören.
Genau muss er sein, er ist gebannt,
das letzte Stück wird ihm gehören.
Und wenn der Max nicht wählen kann,
nach Augenmaß das größte,
zur Hilfe nimmt er die Hände dann,
nach dem Gewicht, wählt er das beste.
Da stürzen sie sich wie besessen
ein jeder auf das größte Stück.
Bei den meisten wird sofort gegessen,
nur wenige halten was zurück.
Und ist verschlungen die letzte Spur,
ein jeder etwas weiter denkt.
Entweder wünscht er das Frühstück retour
oder überlegt, was wohl der Mittag schenkt.

Zweierlei Verhöre
Der 18-jährige Heinz Renk war noch kein Jahr Soldat gewesen und trotzdem saß er bereits als Gefangener in einem Zelt und wurde von einem englischen Offizier verhört.
Das Lager befand sich in der Nähe von Neapel in Italien. Am Tag seiner Gefangennahme hatte er sich in einem selbstgegrabenen Panzerloch befunden und ein höllisches Artilleriefeuer über sich ergehen lassen müssen. Als er das Loch wieder verlassen wollte, begrüßten ihn vier Alliierte mit vorgehaltener MP und den Worten „Come up boy!“
Nun wollte der englische Offizier mehr von ihm wissen. Welcher Einheit er zugehörte, wie viele Gewehre man besaß oder wer der Regimentskommandeur sei. Der Engländer war sehr höflich, und er hatte den jungen Berliner darauf hingewiesen, dass er nur das sagen müsse, was auch im Soldbuch stünde. Alles lief in einem sehr moderaten Ton ab. Da Heinz Renk eigentlich nichts zu sagen hatte, konnte er bald wieder gehen.
Überhaupt empfand er die Engländer als sehr korrekt. Jeden Morgen begrüßte der englische Lagerkommandant die deutschen Gefangenen mit „Good morning, Prisoner!“. Als Antwort kamen die drei Worte „Good Morning, Sir!“ zurück.
Aber auch die Amerikaner interessierten sich für die deutschen Gefangenen, und so kam es, dass Heinz Renk einige Tage später mit anderen Gefangenen von dem englischen in ein amerikanisches Lager gebracht wurde. Er wunderte sich zwar, doch worüber sollte man sich in diesen Tagen nicht wundern? Bald erlebte er sein zweites Verhör und einen erheblichen Unterschied zwischen Engländern und Amerikanern.
Als der junge Deutsche in das Zimmer des amerikanischen Offiziers kam, ging es viel zwangloser und nicht so formell zu. Auf die Frage ‘Wo kommen Sie her?’ anwortete der Gefragte mit ‘Berlin’. Hierauf schloss sich ein anregendes Gespräch an, weil der Amerikaner schon in Berlin gewesen war und vieles dieser Stadt kannte. Renk war froh, dass er über seine Heimatstadt sprechen konnte, und der Amerikaner zeigte sich ebenfalls angetan. Auch eine Zigarette bekam der Berliner angeboten. Er nahm sie dankend an.
Doch ging es nicht nur um ein Allerweltsgespräch, sondern auch um kriegswichtige Informationen. Darum kam der Amerikaner bald zur Sache und wollte ebenfalls einige Details über Renks Einheit wissen. Heinz Renk sagte alles, was er wusste, bzw. dass er über die meisten Dinge eigentlich nichts sagen könne.
Danach schaute ihn der Mann von der Neuen Welt mit einem ernsten Gesicht an und meinte nur: „Seien Sie mal eine Minute ganz ruhig und sagen Sie mir, was Sie hören!“ Etwas irritiert folgte Renk der Anweisung und vernahm bald ein Stöhnen und Jammern. Nach einigen Augenblicken sagte der Offizier, hier wären gerade polnische Soldaten dabei, deutsche Landser zu verprügeln, weil sie nicht die gewünschten Informationen preisgaben. Ob er denn auch verprügelt werden wolle oder endlich doch reden würde?
Nun bekam es Heinz Renk mit der Angst zu tun. Was wollte er machen, er wusste nun mal keine Details. Er fing an zu beteuern, dass er doch alles gesagt habe und dass er mit seinen 18 Jahren doch eine viel zu kurze Zeit Soldat gewesen sei, um genau Bescheid zu wissen. Schließlich sei er doch nur drei Monate in Jugoslawien und Italien unterwegs gewesen.
Es dauerte noch einige Minuten, aber dann schien der Amerikaner einzusehen, dass er nicht herausprügeln konnte, was nicht herauszuprügeln war. Mit einigen barschen Worten jagte er Renk aus dem Zimmer und ersparte ihm die angedrohte Abreibung durch die Polen.
Der junge Deutsche war nochmal mit dem Schrecken davon gekommen. Erst später wurde ihm richtig klar, dass er in zwei Verhören auch zwei Mentalitäten erlebt hatte. Und hier war er dem korrekten englischen Gentlemen eher dankbar bzw. war bemüht, dem unberechenbaren „Cowboy“ lieber aus dem Weg zu gehen.

Freiheitsschuss in der Normandie
Heimatschuss! Welche Bedeutung lag in diesem Wort. Für den 19jährigen Alfred Schliewe bekam es eine doppelte Bedeutung. Es hieß für ihn nicht nur eine Pause im Lazarett, sondern vielmehr das Ende des Krieges. Nach seiner medizinischen Erstversorgung wurde er bereits von den Amerikanern vernommen, die ihn nach seiner Verwundung am 11. August 1944 auf dem Rückmarsch in der Normandie „kassiert“ hatten. Die Lufthoheit der Amerikaner war erdrückend, und vor dieser konnte man im wahrsten Sinne des Wortes nur weglaufen.
Alfred Schliewes Kommandeur schickte einige Tage später eine Vermisstenmeldung an seine Schwester, und damit begann für diese eine Zeit großer Ungewissheit. Vermisst musste aber nicht tot bedeuten, und seine Schwester sollte Anfang 1946 endlich wieder aufatmen können.
Aber nun waren für den in Gefangenschaft geratenen jungen Soldaten erst einige Tage Ruhe in einem amerikanischen Lazarett angesagt. Hier lagen alle „durcheinander“, ob Freund oder Feind, und das gab ihm einiges zu denken.
Doch bald sollte es weitergehen, und zwar nach England. Mit einer Transportmaschine der Amerikaner wurde er erst einmal ins Ungewisse geflogen. Doch bevor Schliewe in die Maschine gelangte, musste er noch einige bange Momente erleben. Mit Knüppeln standen Franzosen auf dem Weg zum Flugplatz und bedrohten die gefangenen Deutschen, deren Soldatenschicksal erst einmal besiegelt war. Doch dank des Schutzes der Amerikaner gelangten sie sicher in das Flugzeug.
In England schloss sich für Alfred Schliewe ein Genesungsaufenthalt von vier Wochen in einem Militärkrankenhaus an. Da er noch ziemlich jung aussah, bekam er von dem freundlichen Pflegepersonal bald den Spitznamen You Baby. Und You-Baby wurde auch entsprechend umsorgt. So erlebte er hier zwei Lebenspremieren, die für seine Enkelkinder einmal selbstverständlich sein sollten: Kaugummi und Comics. Mit dem Kaugummi konnte er zuerst gar nichts anfangen und schluckte ihn einfach hinunter. Bei den ComicHeften beschränkte er sich auf die Betrachtung der Bilder, weil er doch kein Englisch konnte. Aber auch die Bilder wiesen ihm den Weg durch die jeweilige Geschichte. Er staunte und war beeindruckt, wie man sich bei den Angelsachsen die Zeit vertrieb.
Er genoss diese Wochen und natürlich auch die ihm geschenkten Süßigkeiten der amerikanischen Schwestern. Seine Genesung machte große Fortschritte und ließ in ihm wieder neuen Lebensmut aufkommen.
Zwischendurch durchlebte er bange Minuten, wenn die Alarmsirenen deutsche V-Waffen ankündigten. Für ihn als Deutschen war die Lage dann in doppelter Hinsicht schlimm. Zum einen, weil auch er in Gefahr war und zum anderen, weil die Menschen in England nicht gerade gut auf ihn als Deutschen zu sprechen waren.
Diese Feindseligkeit bekam er nach den vier Wochen des Krankenhausaufenthaltes wieder zu spüren. Auf dem Weg nach Liverpool erlebte er, wie er angespuckt wurde. Hatte man ihn in Frankreich mit Knüppeln bedroht, war es hier eher eine symbolische Attacke. Zumindest hatte es der Kontrast von der Umsorgung als You Baby und diesem Anspucken in sich.
Alfred Schliewe trat nun nach der vorläufigen Genesung die größte Reise seines Lebens an, und zwar mit dem Schiff von Liverpool nach Boston/USA. Dort sollte er ein gutes Jahr in zwei amerikanischen Camps verbringen.
Es war ein Jahr voller neuer Eindrücke mit gutem Essen und menschlicher Behandlung. Diese Zeit machte im Nachhinein alles im Krieg erlebte zu einem Alptraum. Sie gab ihm auch die Überzeugung, dass jener „Heimatschuss“ am 11. August 1944 für ihn ein Glücksfall gewesen war.

Gäste von Herrn Roosevelt
Über ein Fallreep (eine äußere Schiffstreppe) gingen die Kriegsgefangenen an Bord eines amerikanischen Schiffes der Liberty-Klasse. 250 Deutschen und 300 Italienern stand eine 28-tägige Reise von Italien über Afrika nach New York bevor. Für diese 550 Personen war der Krieg zu Ende, und es sollten ihnen zwei bis drei interessante Jahre bevorstehen.
Felix Warthofer war beeindruckt, als er kurz vor der Ankunft in den USA die Freiheitsstatue sah. Nach Impfung bzw. Desinfektion zog er in einer Kolonne durch New York. Das war eine vollkommen andere Welt, die alle in ihren Bann zog. Das Ziel der Kolonne war der Bahnhof, wo schon ein Pullmann-Zug wartete. Bevor die Fahrt losging, hielt ein Offizier eine Rede. Er wies darauf hin, dass man sich nicht als Gefangener, sondern als Gast von Präsident Roosevelt fühlen sollte. Das fanden die ehemaligen Soldaten so gut, dass sie Bravo riefen und applaudierten. Der Gastgeber war zwar persönlich nicht da, aber als jeder im Zug eine ganze Bank für sich allein vorfand, auf der er die nächsten drei Tage und Nächte verbringen sollte, war man freudig überrascht.
Bis Louisiana brachte sie der Zug, wo ein großes Camp auf die Europäer wartete. Keiner konnte sich über schlechte Behandlung beklagen, niemand musste arbeiten. Auf Initiative von Felix Warthofer entstand in dessen Camp eine Theatergruppe. Die Amerikaner unterstützten das und stellten Requisiten und Hilfsmittel zur Verfügung. Bald gab es eine Musikkapelle, und hier begriffen die Gefangenen, dass man mit Kreativität und Improvisationsgeist Tolles leisten konnte. Nach einigen Wochen standen Theater- und Musikabende auf dem Programm, die von den Gefangenen und den Amerikanern gerne besucht wurden. Warthofer spielte zwar nicht mit, doch hatte er als Organisator die Aufgabe, die Karten abzureißen. ‘Vorhang auf!’ hieß es ganz offiziell, und aus Ex-Konservendosen strahlten Lampen mit den schönsten Effekten.
Auch die New-York-Times wurde auf dieses kulturelle Leben der „Prisoners of War“ aufmerksam. Es entstand ein Spruch, der für heute ein typisches Erkennungsmerkmal für Deutsche ist. Er lautete: „Wenn man einem Deutschen eine Dose gibt, macht er daraus einen Panzer.“ Es war in dem Falle zwar kein Panzer, aber die handwerklichen Spezialisten unter den Gefangenen konnten schon sehr gut zaubern.
Felix Warthofer hielt sich nicht nur in Louisiana, sondern auch in Oklahoma und in Texas auf. Im März 1946 kam er mit der Erfahrung von drei USA-Jahren wieder nach Europa zurück. Nach einem zusätzlichen Jahr in England konnte er das Kapitel Gefangenschaft endlich für sich abschließen. Als „Gast von Herrn Roosevelt“ hatte er sich gut behandelt gefühlt. Das trug entscheidend dazu bei, die Amerikaner aus einem ganz anderen Blickwinkel zu sehen.

Apfelschmuggel in England
‚Die Kleinen müssen alles ausbaden', so dachte Rudi Jentek manches Mal während seiner Zeit als Kriegsgefangener in England. Am 7.9.1944 hatten ihn die Engländer in Belgien auf dem Rückmarsch geschnappt. Eine vierjährige Zeit in verschiedenen Lagern in England war die Folge.
Rudi Jentek musste während dieser Zeit immer danach schauen, sein Los so erträglich wie möglich zu gestalten. Da galt es, zur Verbesserung der eigenen Lebenssituation auf jede Kleinigkeit zu achten.
Er ging dabei durch eine harte Schule und lernte im Laufe der Zeit viele Arbeitsstellen und Leute kennen. So erinnert er sich an eine Arbeit bei dem Fuhrunternehmer Mr. Carter. Dieser behandelte seine deutschen Arbeiter immer sehr gut und gab ihnen jeden Freitag ein zusätzliches Essen bzw. Geld. Damit honorierte er die hohe Arbeitsleistung der Deutschen.
Aber nicht nur das Be- und Entladen von Autos gehörte zu den Arbeiten eines deutschen Gefangenen in England. Auch auf Obstplantagen wurden die Prisoners eingesetzt. Und hier war die Versuchung natürlich groß, Obst für den eigenen Bedarf bzw. für die Kameraden mitgehen zu lassen. Das war zwar verboten, aber man wollte es trotzdem riskieren.
In unserem Fall hier ging es um eine Apfelernte in Chelmsford. Als die Arbeit beendet war, kehrten die Gefangenen wieder in ihr Lager zurück und passierten den Eingang unter Beobachtung der Wache. In diesem Lager beobachtete aber auch der Lagerkommandant selbst die Männer beim Betreten des Lagers - in unserem Falle eine Frau. Dabei hielt sie einen Stock unterm Arm, so als ob es auch eines äußeren Zeichens ihrer Befehlsgewalt bedurfte. Es dauerte nicht lange, bis einige der Obstplantagenarbeiter mit ihren Äpfeln auffielen. Die Kommandantin beschlagnahmte das Obst und wies eindringlich darauf hin, keine Äpfel mehr mitbringen. Sie ließ nochmals Gnade vor Recht ergehen.
Vielleicht dachte Rudi Jentek nur ‚Ja, ja' oder nahm die Sache nicht so ernst. Jedenfalls konnte er dem Drang nicht widerstehen und brachte beim nächsten Mal wieder Äpfel mit. Er versuchte aber, die Äpfel noch besser zu verstecken und hielt sie unter einer Art Regenhaut verborgen. Als es darum ging, an der Frau vorbeizugehen, drückte er die Äpfel so nah an den Körper, dass sie optisch nicht auffielen. Aber wie es im Leben so geht, musste Jentek zu feste gedrückt haben. Der Beutel platzte, und langsam kullerten die Äpfel vor die Füße der Kommandantin.
Rudi Jentek war so erschrocken und machte daraufhin eine betroffene Miene. Es entstand dadurch eine Situationskomik, die mehrere Lacher zur Folge hatten. Auch die eigentlich gefürchtete Kommandantin musste Rudi Jenteks Gebärden so lustig gefunden haben, dass sie sich gegen ein Lachen nicht erwehren konnte. Die Strenge war also wie weggeblasen. Sie winkte trotzdem den ungehorsamen Gefangenen zu sich und gab ihm unmissverständlich zu verstehen, dass er doch endlich mit dem Apfelschmuggel aufhören solle. Andernfalls gäbe es 28 Tage Arrest.
Erst diese Worte schienen bei dem Deutschen Wirkung zu zeigen. Jedenfalls wollte er nicht in den „Bau“, und so nahm Rudi Jentek die zweite Verwarnung ernst und „entnahm“ in Zukunft keine Äpfel mehr für private Zwecke.

Brot für 28.000 Leute
Auf dem Weg nach Russland gab es für Rudolf Lieblang zahlreiche Stationen. U.a. hielt er sich eine Weile in einem großen Zwischenlager in der Tschechei auf. Er erzählt darüber:
An einem heißen Tag erreichte unser Transport einen früheren Truppenübungsplatz der SS bei dem Ort Lecani. Dieses Lager, das am Sarsau-Fluss lag, wurde eine vorübergehende Bleibe für 28 000 Kriegsgefangene. Alles musste von Anfang an aufgebaut werden. Ob Schlafen oder Essen, alles war zu organisieren. Die Nacht vor der Ankunft in Lecani hatten wir auf dem nackten Boden verbracht.
Ich war Bäcker, und so wurde ich in die Bäckereikompanie abgestellt. Es war kein Kinderspiel, für 28.000 Menschen Brot zu backen. Nicht nur wir, sondern auch die Russen konnten gut improvisieren. Im Nu waren zehn Backöfen nur aus Ziegeln und Lehm aufgebaut. An jeden „Pott“ kamen zwei Bäcker. Mit einer Waage wurde der Teig für ein Brot abgemessen und danach alle weiteren nach Augenmaß geformt. 80 bis 100 Brote waren für einen Ofen bestimmt. Einer hatte z.B. die Aufgabe, Wasser warm zu machen, und zwar in einem alten Teckelaufsatz (großes Blechgefäß).
Ein Russe verteilte für jeden Ofen die flüssige Hefe. Es ging alles sehr genau zu. Zuerst bekamen wir gutes Mehl, später Maismehl, dann Erbsenmehl und am Ende nur Maisschrot. Leider war unser Brot nur so gut wie das Mehl, welches wir bekamen.
Nach einiger Zeit wurde ich zum Schichtmeister bestimmt und teilte die Leute ein. In Tag- und Nachtschichten wurde zwei mal zwölf Stunden gearbeitet. Einer von den Russen entpuppte sich als „Bäckerschreck“. Er war selbst Bäcker von Beruf und passte auf, dass alles korrekt lief und keine Unregelmäßigkeiten passierten. Ihm konnte man also nichts vormachen.
Da wir alle schwer arbeiten mussten, wollten wir für uns ein besseres Brot backen. Das brauchten wir, sonst hätten wir diesen Moloch nicht durchgehalten. Wir schafften das auch und hatten bald unser eigenes Brot. Es ging vor allem darum, dass es keiner merkte. Wir konnten es im Brotlager neben den „normalen“ Broten verstecken.
Doch ist es immer so, dass sich irgendeiner aufspielen bzw. bei den Aufsehern lieb Kind machen muss. Jemand hatte also dem „Bäckerschreck“ gesteckt, dass illegal ein besonderes Brot gebacken wurde.
An einem Abend tauchte er ohne Vorankündigung zur Kontrolle auf. Das bessere Brot war fast fertig, als er sich für unsere Arbeit interessierte. Besonders der 10. Ofen erregte sein Interesse. Da wir das Brot nicht verbrennen lassen wollten, mussten wir es aus dem Ofen holen. Er merkte sofort, dass es besseres Brot war und stellte mich zur Rede. Er wollte wissen was hier ablief und erwartete eine Erklärung. Ich sagte ihm, dass wir von dem schlechten Brot Sodbrennen bekämen und so nicht arbeiten könnten.
Der „Bäckerschreck“ hörte geduldig zu und entpuppte sich in diesem Falle nicht als Schreck. Er sah meine Argumente ein und wollte, dass das in Zukunft legal geschehe. Fortan bekam ich gegen Quittung die Menge des erforderlichen guten Mehls, damit wir das Brot für die Bäckerkompanie backen konnten. Das Brot wurde gesondert in einem nahegelegenen Bauernhaus gelagert und gegen Quittung ausgegeben.
Neben unserer Kompanie gab es auch eine Metzgerkompanie, und zwischen den Bäckern und Metzgern wurde auch schon mal Brot gegen Fleisch getauscht. Jeder, der in einer solchen Kompanie war, konnte sich glücklich schätzen. Er war ja „an der Quelle“ und hatte immer mehr zu essen, als die normalen Gefangenen.
Einmal wurde einer aus der Metzgerkompanie verwiesen, weil er für sich und seine Kameraden „Berliner“ gebacken hatte. Noch ehe er wusste was los war, war er seinen Posten los.
Dieses Lager war - wie schon erwähnt - nur eine Zwischenstation. Im Herbst 1945 ging es weiter nach Osten. Ob je einer verstehen kann, wie es damals in uns ausgesehen hat! Immer eine ungewisse Zukunft vor Augen zu haben, empfand ich als sehr schlimm. Wohl dem, der das nicht erleben musste.

Verraten und verkauft
Ganz schön verkauft fühlte sich Willi Krämer, als er Ende 1945 glaubte, endlich ein freier Mann zu sein. Aus der angeblichen Entlassung nach seiner Rückkehr aus Amerika wurde nichts. Vielmehr folgten noch drei Jahre schwere Arbeit im französischen Bergbau in Pas de Calais. Schwere Arbeit und wenig zu essen. Als er im Oktober 1948 nach Hause kam, wog er nur noch 90 Pfund. Das Angebot, als Zivilarbeiter in Frankreich zu bleiben, lehnte er ab. Nur weg von hier, waren seine Gedanken.
Dem „dicken Ende“ in Frankreich waren verhältnismäßig gute Zeiten in Amerika vorangegangen. In Tunesien ging er am 10. Mai 1943 in Gefangenschaft. Über Algerien gelangte er nach Norfolk/USA und mit dem Zug nach Illinois in´s Camp Ellis, einem Lager von zirka 2500 Kriegsgefangenen. Er fand sich schnell zurecht und lernte während seiner Arbeitseinsätze - überwiegend bei der Ernte von Zuckerrohr, Mais oder Baumwolle - 16 US-Staaten kennen.
Entweder aus Langeweile oder Abenteuerlust unternahm Willi Krämer zwei Fluchten, die hier erwähnt werden sollen. Beim ersten Mal befand er sich unweit von der mexikanischen Grenze bei der Baumwollernte. Mexikaner überredeten ihn, in das neutrale Mexiko zu kommen, um dadurch nicht mehr Gefangener zu sein. Er stimmte zu und fuhr im Wohnwagen eines Mexikaners in Richtung Grenze mit. Als die Amerikaner sein Fehlen bemerkten, wurde er am nächsten Morgen gesucht. Aber nicht nur er. „Seine“ Mexikaner hatten unterwegs Hühner gestohlen und fielen dadurch auf. Bei der Durchsuchung des Wohnwagens wurde auch der „Prisoner of War“ entdeckt, obwohl er sich in einer Kiste verbarg. Es folgten 30 Tage Arrest in einer großen Baracke mit anderen Gefangenen. Praktisch war in der Arrest-Baracke immer was los.
Die zweite Flucht ging auf Initiative eines Farmersohnes zurück. Während der Maisernte überredete er den jungen Deutschen nach Chicago mitzukommen. Diese Flucht dauerte insgesamt acht Tage, bis ihn dort die Militärpolizei aufgriff. ‘Come on, back to Camp Ellis’, hieß es auch hier wieder, bevor man ihn zurücktransportierte.
Insgesamt hielt sich Willi Krämer 27 Monate in Amerika auf. Obwohl er nur 90 Cent pro Tag an Taschengeld erhielt, bekam er vor seiner Ausschiffung nach Europa 300 Dollar ausgehändigt. Im Glauben, dass das Schiff nach Bremen fuhr, legte es 30 Tage später in Le Havre/Frankreich an. Das „dicke Ende“ dieser Geschichte, das sich in Frankreich abspielte, wurde eingangs schon erwähnt. Drei weitere Jahre harter Arbeit, anstatt Heimfahrt. Das musste man als junger Mensch erst einmal verkraften.
Betrogen, verraten und verkauft - zumindest weiß Willi Krämer wovon er spricht, wenn er an diese Worte denkt.

Tag der Kapitulation
An diesem Tag herrschte besondere Betriebsamkeit in Reims. Den deutschen Kriegsgefangenen des E-Sheds war nicht entgangen, dass nun endgültig Schluss mit dem Krieg sein sollte. Der 21-jährige Hans Weisweiler trottete seit einigen Monaten mit seinen Kameraden jeden Tag den Weg von seiner Unterkunft zum amerikanischen Nachschublager Comptoire Francaise. Aber heute herrschte hier auffällige Betriebsamkeit. Über die Zeitung Stars and Stripes war er gut über den Krieg informiert. Er wusste, dass die Kapitulation bevorstand. Während Weisweiler so darüber nachdachte, kam er an der roten Schule vorbei. In den Fenstern lagen einige amerikanische Soldaten und Angestellte, die den Tag ruhig angehen ließen. Hier hatte General Eisenhower sein Hauptquartier in Europa, und in dieser ehemaligen Berufsschule würde sicher die Kapitulation unterschrieben werden.
Weisweiler arbeitete im Büro von Comptoire Francaise und stellte die Ein- und Auslieferungspapiere aus. Und gar manches Mal wurde in Zusammenarbeit mit seinen Kameraden vom amerikanischen Überfluss für eigene Zwecke etwas abgezweigt. Seinem gutmütigen Vorgesetzten Cliff Greck wären sicher die Augen übergegangen. Greck hatte eine besondere Beziehung zum Prisoner Weisweiler. Er hieß nämlich so wie der kleine Ort bei Aachen, in dem Greck mit der Army gekämpft hatte. Und auch an diesem Tag scherzte Weisweiler wieder mit Cliff, der wie so oft mit seinem Chefdolmetscher Ernst Stiebing einige Dinge besprach. „Tomorrow, Kapitulation, war is over, isn´it good?“ bemerkte Cliff und Hans Weisweiler nickte nur mit „Yes, yes!“.
All das ging dem Deutschen nicht aus dem Kopf. Und nach Feierabend marschierte er wieder seinen gewohnten Weg in Richtung Shed. Er dachte über den sinnlosen Krieg nach und wurde plötzlich aus seinen Gedanken gerissen. Eine vorbeifahrende Limousine erregte seine Aufmerksamkeit. „Hast du gesehen, da saßen deutsche Offiziere drin,“ sprach er seinen Nebenmann an. „Also machen die morgen wirklich Schluss mit dem Krieg“, schob er etwas nachdenklich hinterher. Er fragte sich, wer da wohl in dem Wagen gesessen hatte.
Bald erreichten sie wieder ihr E-Shed und hatten Feierabend. Dieses langgezogene Gebäude hatte es im Gegensatz zu den anderen in Reims verstreuten Sheds von A bis K in sich. Und die dort wohnenden 70 bis 80 deutschen Kriegsgefangenen waren auch nicht ohne. Ihr Bau trug den Spitznamen Hermann-Göring-Kaserne, und das drückte diesen Unterschied auch auf seine Weise aus. Unter anderem lagerten hier viele Beutestücke der Amerikaner, z.B. Uniformen von Wehrmacht, Polizei und Feuerwehr. Und diese Uniformen sollten einige Gefangene an diesem 6. Mai 1945 besonders inspirieren. Bald fassten sie den Plan, am nächsten Tag - dem 7. Mai 1945 - anstatt der normalen Prisoner-Bekleidung deutsche Soldatenuniformen anzuziehen. Sie hätten den Krieg zwar verloren, aber trotzdem wollten sie ihre Haltung wahren. Nochmals als Soldat „Flagge“ zeigen, das wär´ doch was! Und die Amerikaner würden sowieso nichts sagen. Hauptsache das „PoW“ (Prisoner of War) wäre zu sehen.
Und dieser Inspiration folgte auch die Tat. Am nächsten Tag marschierte die Gruppe vom E-Shed zwar wie gewohnt zur Arbeit, aber viele mit einer anderen Kleidung. Hans Weisweiler machte diesen Garderobenwechsel zwar nicht mit, aber er beobachtete die Gesichter seiner uniformierten Mitgefangenen. Sie waren still und sehr ernst, und ihr Haupt war ein Stück erhobener als sonst.
Um 14.41 Uhr, also wenige Stunden nach dieser unbemerkten Demonstration, hatten Alfred Jodl (Heer), Admiral Hans-Georg von Friedeburg (Marine) und General Wilhelm Oxenius (Luftwaffe) die Kapitulationsurkunde auf deutscher Seite unterzeichnet. Sie setzten damit den ersten Schlusspunkt unter diesen irrsinnigen Krieg, dem einen Tag später ein zweiter aus der Feder von Generalfeldmarschall Keitel in Berlin-Karlshorst folgte.
Das Prisoner-Leben von Hans Weisweiler in Reims ging danach wie gewohnt weiter. Er lebte mit seinen Kameraden zwar sehr gut, aber dennoch sehnte er sich nach einer neuen Zeit. Vielleicht würde mit der historischen Unterschrift von Alfred Jodl, die in nur einigen hundert Metern Entfernung geleistet worden war, ja wirklich etwas ganz Neues beginnen...

Marmelade und Ernussbutter
„Guck dir das an, sechserlei Marmeladen!“ Der Gefangene Franz-Josef Esser kam aus dem Staunen nicht heraus. Hinter ihm lag eine mehrwöchige Schiffsreise von Italien in die USA, und nun hatte der Transport der ehemaligen deutschen Soldaten das Camp erreicht. Die Verpflegung konnte sich sehen lassen, und fast alle nutzten die Gelegenheit, sich sofort den Bauch vollzustopfen. Die Erdnussbutter, die ebenfalls zum Speiseplan gehörte, war als erste vergriffen. Also Hunger brauchte er nicht zu leiden, und langsam lebte er sich dort ein.
Die aufreibende Soldatenzeit konnte Franz-Josef Esser gedanklich hinter sich lassen. Auch wenn in Europa der Krieg auf Hochtouren tobte, er lebte jetzt in einer anderen Welt. Es blieb ihm nur die Möglichkeit, die Geschehnisse über den großen Teich durch deutschsprachige amerikanische Zeitungen zu verfolgen. Zwar „gefärbt“, aber dennoch sehr informativ.
Franz-Josef Esser wurde im Laufe seines Camp-Aufenthaltes - es waren insgesamt zwei Jahre - u.a. als Waldarbeiter, als Küchenhilfe und in der Wäscherei eingesetzt. Jeder Job hatte etwas für sich. Beim Waldprojekt ging es darum, Wälder zu säubern und kleinere Bäume zu fällen. Als er in der Wäscherei arbeitete, verdiente er nebenbei auch Geld, ohne dass er dafür etwas tun musste. Grund war der Umstand, dass manche Offiziere in ihren Hosen Kleingeld ließen, und dieses kam beim Waschen oder Bügeln zum Vorschein. Dieses anonyme Trinkgeld wurde dankend angenommen.
Dann noch die Arbeit in der Küche. Hier hatte der Übacher auch mit den Offizieren zu tun. Er erinnert sich noch daran, wie einmal sein Vorgesetzter - ein Feldwebel spanischer Herkunft - sich offen für die Deutschen einsetzte. Bei der Essensausgabe hatte ein Gefangener einem Offizier ein Stück Fleisch gegeben, das dem Offizier als zu klein erschien. Daraufhin hatte dieser den Fluch „Fucking German“ ausgesprochen. Der Feldwebel hatte es gehört und ließ das nicht auf dem Deutschen sitzen. Er kam aus dem Kochraum, nahm dem Offizier den Teller weg und bedeutete ihm, dass er unter diesen Umständen nichts bekäme. Über das verdutzte Gesicht des Offiziers freute sich besonders jener, dem dieses Schimpfwort gegolten hatte. Müßig zu erwähnen, dass sich die Prisoners aus Deutschland bei diesem Feldwebel sehr gut aufgehoben fühlten und danach noch besser für ihn arbeiteten.
Franz-Josef Esser konnte sich über Behandlung und Umstände in Amerika nicht beklagen. Er stand nach seiner Rückkehr in Deutschland sogar noch für einige Zeit mit einem amerikanischen Offizier in Briefwechsel. Er hatte nämlich eine Auswanderung in die USA erwogen.
Alles in allem zeigte sich in relativ kurzer Zeit, dass nichts mehr von einem gegenseitigen Feinddenken zu spüren war. Die zwei Jahre in Amerika hatten aus dem Übacher einen anderen Menschen gemacht.

Ein „Plennik“ von vielen...
Russland! Ein Wort, das noch heute viele zum Zittern bringt. Man denkt an Krieg, an den Winter 41/42, wo bei 40 Grad Kälte kein Gewehr mehr funktionierte. Man erinnert sich an den Rückmarsch in Gummistiefeln oder auch daran, dass Schwerverwundete „elend krepierten“, weil man sie nicht mitschleppen konnte.
Für Hans Simmler endete diese schreckliche Zeit im Juni 1944 bei Wjasma/Ukraine. Er war mit seiner Einheit eingekesselt, und irgendwann sollte jeder auf eigene Faust weiter. Er befand sich in einem Wald und hatte irgendwann „die Schnauze voll“. Er setzte sich einfach an einen Weg und wartete ab. Als ein berittener russischer Offizier mit seinem Putzer vorbeikam, wurde er von diesem festgenommen.
Doch das Schicksal als Gefangener war auch nicht viel besser als das eines Soldaten. Die Zeit als „Plennik“ (Gefangener) dauerte für Hans Simmler insgesamt fünf Jahre.
Zuerst kam er in ein Sammellager - für viele die erste Station in ihrer Gefangenschaft. Nach einigen Tagen ging es in Viehwaggons nach Moskau. Die Reise dauerte einige Tage, und man sah weder Licht, noch gab es Essen und Trinken.
In der sowjetischen Hauptstadt wurden auf einer Radrennbahn 58.000 deutsche Gefangene interniert. Bevor es weiterging, fand am 17. Juli 1944 der legendäre Marsch durch Moskau statt. Vorher hatte man Suppe aus amerikanischen Konserven „Oskar Maier“ bekommen. Aber das machte den zahlreichen Ausgehungerten schwer zu schaffen. Viele mussten während des Marsches ihre Notdurft auf der Straße verrichten, und entsprechend sahen die Straßen nach diesem Marsch in Moskau aus.
Danach kam Hans Simmler in ein Lager bei Providansk im Donezk-Becken. Von den dort angekommenen 1800 Gefangenen waren nur 250 arbeitsfähig. Die Kranken hatten meistens nasse oder trockene Dystrophie. Viele starben vollkommen entkräftet an dieser Mangelkrankheit.
Die Arbeitsfähigen sollten helfen, eine Zeche wieder fördertauglich zu machen. Die Essensration für diesen Job: 600 Gramm Brot und zwei Gramm Fett. Morgens gab es noch Wasser mit Fettaugen, am Abend Kapustasuppe mit Graupen, von den Gefangenen auch „blauer Heinrich“ genannt. Wie sollte man damit zu Kräften kommen?
Neben den „Plenniks“ arbeiteten auch noch alte Männer und Frauen in der Zeche. Diese zeigten oftmals Herz und gaben ihren deutschen Kollegen von ihrem wenigen Essen noch etwas ab.
Es dauerte noch eine lange Zeit, bis die Lebensumstände für die deutschen Gefangenen in Russland besser wurden. Man erhielt auch etwas Geld, wovon sich die meisten Brot, Butter oder sonstige „Fressalien“ kauften.
Natürlich waren die Angehörigen von Hans Simmler in Deutschland lange ohne Lebenszeichen von ihrem vermissten Sohn. Als Ende 1945 ein Krankentransport von Providansk nach Deutschland ging, bat er einen aus Kornelimünster stammenden Heimfahrer, seinen Eltern in Brand ein Lebenszeichen von ihm zu geben. Dieser sagte ihm seine Hilfe zu.
Als dieser in Brand angekommen war, hatte er jedoch ein Problem. Er konnte sich nicht mehr an den Namen und die Adresse von Hans Simmler erinnern. Außerdem war er zu schwach, um eine Frageaktion bzw. andere Suchaktivitäten zu entfalten.
Die rettende Hilfe kam durch seine Schwester. Sie fuhr nach Brand, um die Familie mit dem vergessenen Namen ausfindig zu machen. Über einen Briefträger erfuhr sie, dass in der Erftstraße ein junger Mann vermisst würde. Bald sprach sie dort vor und erzählte, dass ihr Bruder in Providansk gewesen sei und einen Kumpel aus Brand gehabt habe.
Das war eine hoffnungsvolle Nachricht für die Familie Simmler, und bald machte sich Hans Simmlers Schwester auf den Weg, um den vermeintlichen Kumpel ihres Bruders in Kornelimünster zu sprechen. Als sie bei ihm zur Tür reinkam, waren nähere Erklärungen sofort überflüssig. Auf Grund der geschwisterlichen Ähnlichkeit war für den entlassenen Gefangenen der Fall klar, und er konnte das erhoffte Lebenszeichen des Bruders geben.
Damit war erst einmal eine große Ungewissheit in der Familie Simmler beseitigt. Doch musste sie noch insgesamt vier Jahre warten, bis der „verlorene Sohn“ endlich aus der Gefangenschaft heimkehrte.

Gefangen im Glutofen Afrikas
Fritz Beckers war insgesamt vier Jahre in französischer Gefangenschaft. Er erinnert sich vor allem an die Tortur, die er zu Beginn seiner Internierung durchmachen musste. Folgende Erinnerungen blieben zurück:
Am 24. August 1944 bin ich in Frankreich in amerikanische Gefangenschaft geraten. Ich war froh, dass ich endlich nicht mehr „Krieg spielen“ musste. Wir wurden dann nach St. Tropez gebracht und dort in ein Schiff verladen. Bald verließ das Schiff den Hafen in Richtung Afrika.
St. Tropez war schon heiß, aber Nordafrika war noch eine Stufe wärmer. Man sperrte uns in ein Lager, das mir wie ein Backofen vorkam. Dort wurden uns Registrierkarten ausgehändigt mit der Bemerkung, dass wir nach Amerika kämen. Aber das traf später nur für wenige zu. Die Mehrheit der Gefangenen kam zu den Franzosen. Ich würde aber sagen sie wurden „verkauft“, und ich war einer von ihnen.
Die Übergabe fand an der Grenze zwischen Algerien und Marokko statt. Vorher flog die Waggontür auf und die Amerikaner warfen Kochgeschirre, Dattelbrot und Salzsardinen zu uns hinein. Zu trinken bekamen wir vorerst nichts. Wir durften wohl zusehen, wie die Lok ihr Wasser bekam.
Hinter der Grenze nahmen uns die Franzosen in Empfang. Mit für uns unbekanntem Ziel hat man uns dann in einen Zug verladen. Es folgte eine mehrere Tage dauernde Reise, bei der der Zug am Tage stand und in der Nacht fuhr. Die Hitze im stehenden Zug war dabei besonders unerträglich.
Kurz vor Casablanca wurde der Zug umrangiert und zu einer kleineren Station gefahren. Dort kamen wir auf LKWs, die uns in ein 50 km entferntes provisorisches Lager fuhren. Da sollten wir aber nur einige Tage verbringen. Danach hieß es wieder: Abmarsch zum gleichen Bahnhof. Dieses Mal aber nicht mit dem LKW, sondern zu Fuß. Einen ganzen Tag trotteten wir dort hin. Man ließ uns aber nicht auf der normalen Straße gehen, sondern barfuss über Stock und Stein, durch Disteln und Dornen. Wer nicht schnell genug mitging, bekam ab und zu eine „sanfte Aufforderung“ mit einem Knüppel. Die älteren unter uns waren besonders aggressiv. Sie schimpften über die jüngeren mit den Worten: „Ihr Jungen seid schuld, dass wir hier sind, wir haben den Hitler nicht gewählt.“ Aber was sollten wir dazu sagen? Es gab, soviel ich weiß, auch genügend Ältere, die sich für den Adolf entschieden haben.
Als wir wieder am Bahnhof angekommen waren, lud man uns in Waggons, in denen sich vorher Phosphat und Zement befunden hatte. Wir waren ohnehin schon zerlumpte Gestalten, aber danach sahen wir regelrecht „wie Schweine“ aus.
Nun saßen wir in Eisenwaggons ohne Fenster, die nur oben Luftlöcher hatten. Eine Nacht stand der Zug noch im Bahnhof, bis es endlich weiterging. Und diese Nacht war bitterkalt. Als Wegzehrung bekamen wir Brot (süß) und Sardinen (salzig) und wieder kein Wasser. Manche tranken vor Durst ihren eigenen Urin.
Es dauerte noch zwei Tage, bis wir drei Kilometer vor dem endgültigen Lager waren. Die letzten Meter sind wir mehr gekrochen als gegangen. Viele, die es bis hier geschafft hatten, überlebten den Tag der Ankunft nicht mehr. Sie machten den Fehler und tranken nach dem Betreten des Lagers das Wasser aus der Toilettenspülung. Und das haben sie nicht verkraftet.
Erst im Lager selber wurde das Leben erträglicher. Immerhin sollten wir ja arbeiten und nützlich sein. Und tot nutzten wir ja niemandem. Von 1944 bis Mitte 1946 konnten wir das Lager nicht verlassen, und erst danach durften wir auch draußen arbeiten. Ich war z.B. in einem Fischereibetrieb tätig.
Im Oktober 1948 wurde ich entlassen. Mit dem Schiff bin ich von Casablanca nach Marseille transportiert worden. Über Bretzenheim/Mosel und Munsterlager kam ich dann nach Hause.
Ich muss sagen, dass ich nicht gut auf die Franzosen zu sprechen bin, da ich - im Nachhinein betrachtet - sehr schlecht behandelt worden bin.

Fünf Jahre Gefangenschaft
Stichworte die Eindrücke von Franz Jansen aus seiner Gefangenschaft.
Mai 1942 in Gefangenschaft geraten - mit dem Schiff von Nordafrika abtransportiert - Fahrt durch den Indischen Ozean um das „Kap der guten Hoffnung“ nach Liberia/Afrika - dann auftanken und über den großen Teich nach Boston - viele Tausend Kilometer auf See - hatten polnische Bewachung auf dem Schiff - bekamen nur so viel zu essen, dass man überlebte - Gefangene wollten das Schiff kapern - sie kundschafteten alles aus und hatten schon genaue Pläne - aus Angst vor zu vielen Toten davon Abstand genommen - in Boston/USA angekommen - weiter mit dem Zug nach Westkanada/Provinz Alberta - zuerst in einem Zeltlager in den Rocky Mountains - dort aus Marmeladeneimern Öfen gemacht - viel Holz verheizt, um zu überleben - in Kälte und Zelten regelrecht gehaust - 30 Grad Minus, trockene Kälte - Abluftrohre aus zusammengeschobenen Dosen gemacht - Kanadier waren fair zu uns - dort lebten auch Indianer - wenn ein Gefangener abhaute, bekamen sie 100 Dollar Fangprämie - manche sind extra abgehauen, damit die Indianer etwas verdienen konnten - Weihnachten 1942 Pakete aus Deutschland - es hieß, das sei ein „Geschenk von Hermann Göring“ - ich erhielt einen Ring mit Gravur - 1943 verlegt nach Lethbrigde - dort geblieben bis Kriegsende - Weihnachten 1945 wurde die Verpflegung um 50 % gekürzt - trotzdem noch genug zu essen gehabt - Alter der Gefangenen im Lager zwischen 20 und 35 Jahren - sehr viele Experten und Talente, z.B. Handwerker, Professoren oder Lehrer - man konnte im Lager Abitur machen, weil sich deutsche Lehrer zur Verfügung stellten - Blasorchester bei Hitlers Geburtstag aufgezogen - auch andere deutsche Feiertage gefeiert - in Lethbrigde kamen auf einem Quadratkilometer 12.000 Menschen - Feldpostkarten schreiben war möglich, Postweg dauerte aber ein halbes Jahr - ein Journalist las den Deutschen die englischsprachige Zeitung in deutsch vor - Gefangene durften nicht arbeiten, weil Kanadier Angst vor Sabotage hatten - viele spielten stundenlang nur Karten - manche saßen tagelang nur am Schachbrett - auf sechs Baracken verteilten sich 2000 Mann - Sportplätze für Freizeitsport - man lebte zwar im „Knast“, hatte aber alles - einziger Nachteil: keine Freiheit und nur unter Männern - Kultur im Lager wurde im Laufe der Zeit immer mehr - Trommlerkorps, Tanzorchester und Symphonieorchester sorgten für Musik - Konzerte für Gefangene und Soldaten - wir bekamen pro Monat fünf Dollar Lagergeld mit Coupons - jedes Camp hatte sein eigenes Geld - ich habe mit Bastelarbeiten Geschäfte gemacht - Kundschaft bei den Einheimischen in Lethbrigde - ich kaufte mir aus dem Erlös meiner Bastelarbeiten (Holzschiffe) Trauringe - mir fehlte nur noch eine Braut - Gefangene reparierten alles mögliche für die Zivilbevölkerung - die Einheimischen kannten keine Reparaturwerkstätten und beauftragten die Gefangenen gegen Geld - 1946 bin ich nach England transportiert worden - ich nahm als Souvenir eines meiner selbstgebauten Holzschiffe mit - ich konnte es bis nach Hause mitnehmen - bin 1947 von England nach Deutschland gefahren - insgesamt fünf Jahre in Gefangenschaft gewesen - habe viel gelernt für´s Leben, war aber trotzdem froh, als es vorbei war -
Herzensbildung im Kuhstall
„Un dat es unsere duitse Kregsgefangene.“ Mit diesen Worten stellte Monsieur Abel Morrez am 6. Oktober 1945 seiner Ehefrau Madeleine Morrez, geb. Dewulf, einen 21-jährigen Kriegsgefangenen aus Deutschland vor, der ab sofort bei ihnen in Roye als Arbeitskraft für landwirtschaftliche Arbeiten eingesetzt werden sollte. Die Frau war sehr freundlich und begrüßte ihn mit „Bonjour Monsieur“.
Der junge Mann, namens Hans Karpowitz war sehr angenehm überrascht, vor allem auch über die flämische Sprache. Man sprach dort Flämisch und Französisch. Mit seinem deutschen Grenzland-Platt sollte er also keine Verständigungsprobleme haben. Monsieur Morrez hatte den Deutschen aus einem Gefangenenlager abgeholt, und beide waren mit dem Zug nach Roye gefahren. Als Karpowitz dann auf dem Weg zu seiner neuen Arbeitsstätte durch die „Avenue Jean Jaurez“ ging, fühlte er sich innerlich berührt. Gerade Jean Jaurez hatte sich als französischer Sozialist vor dem Ersten Weltkrieg für die Aussöhnung zwischen Franzosen und Deutschen eingesetzt, und diese geachtete Persönlichkeit hatte vor allem in seiner Familie ein hohes Ansehen. Er nahm das als gutes Omen und hatte so schon vor der herzlichen Begrüßung durch seine neue Chefin das Gefühl ‚Hier bist du richtig.’
Mit diesem Tag begannen die drei prägendsten Jahre im Leben des gebürtigen Alsdorfers und späteren Wahl-Boschelners. Sicher war er unfreiwillig hier, aber das hielt ihn nicht davon ab, mit seinem eigenen Verständnis die Zeit in Frankreich anzugehen. Er unterwarf sich freiwillig bestimmten Regeln, so u.a. besser und mehr zu arbeiten, als von ihm erwartet wurde. Dem hochwertigen Dünger, der im Kuhstall produziert wurde, sollte auch die von ihm als „Bildung im Kuhstall“ bezeichnete Lebensschulung folgen. Er wurde bald der Nachbarschaft schnell vertraut, die ihn fortan nur noch (H)Ans nannte.
Das Erlernen der französischen Sprache betrieb er mit großem Eifer, vor allem in seiner arbeitsfreien Zeit. Fernand, dem Neffen des Bauern war er während der Sommerferien ein guter Deutschlehrer und dieser wiederum unterstützte ihn nach Kräften beim Französischlernen. Aber auch die Kinder des Dorfes waren für Karpowitz wichtige Gesprächspartner in Französisch. Das sorgte zusätzlich für ein Vertrauensverhältnis, das die Kinder zu ihm entwickelten.
Monsieur Morrez und sein Kriegsgefangener hatten menschlich bald ein sehr enges Verhältnis. Er brachte dem Hans z.B. auch das Autofahren bei, damit er mobil war. Man hätte den Deutschen auch als motorisierten Cowboy bezeichnen können, weil er häufig im Schritttempo hinter zehn Kühen herfuhr und sie dann zum Melken in den Kuhstall brachte.
Der Bauer konnte Karpowitz für alles gebrauchen, sein Arbeitseifer war ihm fast unheimlich. Er versuchte seine Dankbarkeit für diesen übergebührlichen Einsatz dann auf verschiedene Weise zu zeigen, z.B als eines Tages in Roye der deutsche Film „Zauber der Boheme“ gezeigt wurde. Hier musste auch Karpowitz ins Kino, obwohl es für ihn eigentlich verboten war. Gekleidet mit der Jacke des Bauern ging er dann ins Lichtspieltheater. Vor allem die jungen Leute waren erfreut, den Deutschen zu sehen und riefen immer wieder „Bonjour Ans“. Die Angst, dass er Ärger wegen eines verbotenen Kinobesuchs bekam, war letztlich unbegründet, auch wenn Roye nur ein kleines Städtchen war und Nachrichten schnell die Runde machten.
Karpowitz erfuhr auch die Solidarität von ehemaligen französischen Kriegsgefangenen. Sie ließen es sich oft nicht nehmen, ihn ins Bistro mitzunehmen, um sich mit ihm über seine Probleme zu unterhalten. Dabei betonten sie immer wieder, dass sie wüssten was es heißt, Kriegsgefangener zu sein. Dies empfand der Deutsche als eine wohltuende Solidarität über die nationalen Grenzen hinaus.
Am 4. Oktober 1948 verabschiedete sich Hans Karpowitz von seiner Gastfamilie. Das Adieu war sehr herzlich und zahlreiche Freundschaften ließen den Unterschied zwischen Siegern und Besiegten vergessen. Bereits ein Jahr später erhielt er Besuch aus Frankreich, und Karpowitz selber reiste drei Jahre später wieder nach Roye. Vorher bekam er nämlich kein Visum.
Als er bei seinem ersten Besuch einem ihm bekannten Polizeibeamten die Worte ‚Wenn ihr wüsstest was ich alles getrieben habe' beichtete, kam aus dem lächelnden Gesicht des Polizisten die Antwort: „Das wussten wir schon, aber du hast ja keinem geschadet!“

Im Lager von Dnjepopetrowsk
Viele, die nach großen Strapazen und Entbehrungen in den russischen Lagern ankamen, waren gesundheitlich am Ende. Man unterschied drei Kategorien, wie sich Helmut Hilger an den vierjährigen Aufenthalt in Dnjepopetrowsk erinnert. Er gehörte während seiner ganzen Zeit der Kategorie 1 an (die Gesündesten). In der Kategorie 3 wurden z.B. Gefangene mit Dystrophie geführt. Die Entlassung hing auch vom Gesundheitszustand ab. Aus dem Grunde kam Hilger erst Ende 1949 nach Hause. Seine Eltern erfuhren 1946 durch eine Postkarte, dass er noch lebte. Danach gab es nur einmal im Jahr ein Lebenszeichen.
Seine erste Arbeit, die er in Dnjepopetrowsk verrichten musste bestand darin, Schienen einen Berg hoch und dann wieder herunterzuschleppen. Ein jüdischer Aufseher wollte die Deutschen schikanieren. Als der Natschalnik (Chef) der Russen das mitbekam, wurde diese Schikane sofort abgestellt.
Da Helmut Hilger Elektriker war, arbeitete er auch als solcher in der Stadt. Er kümmerte sich um Freileitungen, Stadtbeleuchtung, Straßenbahn oder arbeitete in Autowerken. Er konnte sich in der ukrainischen Metropole weitgehend frei bewegen und empfahl sich durch gute Arbeit.
Nach zwei Jahren fasste er den Entschluss zu türmen. Mit einem Kumpel machte er sich auf den Weg. Er sprach gut Russisch und drehte z.B. die Machorka (spezieller Tabak) wie ein Einheimischer. Er war insgesamt zweieinhalb Monate unterwegs und kam zirka 600 km weit bis nach Brest-Litowsk. Die Grenze nach Polen zu überwinden, war jedoch nicht möglich und so wurden sie geschnappt. Seinen Kumpel erschoss man „auf der Flucht“, Hilger ließ sich kurz vor der Festnahme einfach in ein Loch fallen und ergab sich seinem Schicksal.
Er wurde solange festgehalten, bis ein russischer Offizier aus seinem Lager kam und ihn abholte. Der Kommentar des Boten: „Gelmut, du bloschoi dorne, patschimu djelat“ (Helmut, du Blödmann, warum machst du das?) Beide fuhren wieder zurück nach Dnjeprpetrowsk.
Erst als er wieder im Lager war, wurde er vom Leutnant „zur Sau“ gemacht. Er erfuhr, dass die anderen Lagerinsassen eine Zeit lang schikaniert worden waren und somit Grund hatten, auf „Gelmut“ sauer zu sein. Der deutsche Lagerkommandant schlug ihn zur Begrüßung voll ins Gesicht. Das war natürlich eine herbe Erfahrung.
Als Vergeltung für diese Flucht musste er drei Wochen in eine NKWD-Zelle (NKWD = russischer Geheimdienst). In der einen Quadratmeter großen „Behausung“ konnte er nicht liegen. Danach kam er 2 ½ Monate in ein Strafbattaillon, wo ihm nochmals unter Aufsicht von rumänischen Antifaschisten Hören und Sehen verging.
Überhaupt erlebte er während seiner Zeit in der Ukraine eine „wundersame Nationalitätenwandlung“. Die Saarländer waren plötzlich Franzosen, die Oberschlesier Polen und die Österreicher benahmen sich aus seiner Sicht am schlimmsten. Sie wollten mit den Deutschen nichts zu tun haben und ihnen das „Heim ins Reich“ nachträglich heimzahlen. Die Russen an sich waren sehr umgänglich, und Hilger fand zahlreiche Freunde. Einige Monate nach der Flucht im Jahre 1947 kehrte er zu seiner Brigade zurück und machte als Elektriker wieder die gleiche Arbeit.
Er erinnert sich, dass die Firmen 567 Rubel pro Gefangenen und Monat zahlen mussten. Er verdiente häufig mehr, zirka 1600 bis 1700 Rubel. Davon konnte er immer gut leben. Das meiste wurde, wie man heute salopp sagt „verfressen und versoffen“. Diese guten Zustände erlebte er aber erst 1948 und 1949. In der Anfangszeit bekam er neben der Grundnahrung eine Portion roten Zucker, Tulkies (Salzheringe) und Machorka. Die Raucher tauschten immer wieder kostbare Lebensmittel gegen Rauchwaren ein und schädigten sich somit selber.
Helmut Hilger wollte nur überleben, und betrieb während seiner Freizeit meistens Sport (Fußball und Ringen). In Dnjepopetrowsk bestanden acht Lager (4 für Kriegsgefangene und 4 für Internierte). Hier gab es zahlreiche fußballerische Begegnungen unter den Lagermannschaften mit vielen Zuschauern. An Nationalitäten waren hier Deutsche, Polen, Ungarn und Rumänen vertreten.
„Plennik“ Hilger trainierte auch mit zivilen Ringern in Dnjepopetrowsk, durfte aber als Gefangener an keinem öffentlichen Wettkampf teilnehmen.
Endlich wurde er im Dezember 1949 entlassen, und es erfolgte die lange Reise nach Hause. Immerhin war er zehn Tage von Dnjepopetrowsk bis nach Boscheln unterwegs. Gemeinsam mit einem Holzkoffer und Hans Mainz kam er in Palenberg an, das letzte Stück ging er zu Fuß.
Die meisten seiner Bekannten hatten gedacht, dass er nicht mehr lebe. Der Ehemann der Hebamme Reinhardt traf ihn kurz vor zu Hause und fuhr ihn in seinem Wagen bis vor die Tür. Groß war das Hallo als „Plennik Gelmut“ nach vier Jahren der Ungewissheit sein Elternhaus in der Boschelner Lindenstraße 100 betrat. Mit seinem starken Überlebenswillen hatte er eine lange Zeit in Russland überstanden. Aber er hatte in die richtige Richtung investiert und begann unmittelbar danach auch in Boscheln seine sportliche Karriere als Fußballer und Ringer. Training hatte er in Dnjepopetrowsk ja genug gehabt.

Neue Horizonte in Amerika
Auch ein „Streik“ von 14 Tagen nutzte nichts. Der Status „Protect Personal of War“ wurde nicht anerkannt. Die drei Sanitäter der aus Italien kommenden deutschen Gefangenen - unter ihnen auch Theo Houben - die in ein Mannschaftslager in Michigan (Fort Custer) überstellt wurden, mussten sich mit der Bezeichnung „Prisoner of War“ zufriedenstellen. Ihren DRK-Ausweis bekamen sie einfach abgenommen. Aber auch die Offiziere wurden nicht bevorzugt behandelt. So waren die früheren Hierachien außer Kraft gesetzt.
Doch das Essen war hervorragend. Speck, Ham and Eggs und Brot incl. Belag so viel man wollte. Die Augen liefen den ehemaligen Soldaten über. Man war in zweistöckigen Holzbaracken mit Dusche und WC untergebracht. Die „Plenniks“ in Russland hätten sich solche Umstände gerne gewünscht.
Theo Houben fand sich mit seiner „Degradierung“ bald ab und fing als Koch im Offizierskasino des Lagers an. In zwei Schichten konnte er arbeiten. Früh von 6.00 bis 13.00 Uhr und mittags von 13.00 bis 22.00 Uhr. Er lernte viel Neues, z.B. wie man vom Hinterviertel des Rindes Rumpsteaks machte. Das sollte er später in Deutschland gut gebrauchen können.
Aber auch als Bedienung für amerikanische Offiziere brachte er sich ein. Angetan mit weißer Schürze, Jacke und weißem Kittel war er für die Bedienten nicht als Gefangener erkennbar. Das äußerte sich dadurch, dass öfters auf einem kleinen Teller Trinkgeld lag. Anfangs konnte Houben nichts damit anfangen, und er fragte seinen amerikanischen Kollegen, was er damit machen solle. Darauf der pragmatische Rat des Einheimischen: Einstecken und den Mund halten. So einfach lagen die Dinge auf der Hand.
Im Lager gab es auch Zeitungen in Deutsch. Theo Houben wusste somit immer über die Lage in der Heimat Bescheid. Und in der Kantine konnte er sich von seinem Tageslohn von 80 Cent - Trinkgeld nicht eingerechnet - z.B. Bier (15 Cent), Zigaretten (20 Camel für 12 Cent) oder Eiscream (15 Cent) kaufen. Ihm fehlte also nichts.
In diesem Camp traf der Frelenberger auch Peter Gerards aus Übach. Dieser arbeitete in der Kleiderkammer. Es war schön, wieder Umgang mit Leuten aus der eigenen Heimat zu haben. Das Praktische dieses Kontaktes war, dass Gerards ihm einmal im Monat seinen (also Houbens) Seesack voll Wäsche wusch. Die Säcke der Offiziere „beschwerten“ sich nicht darüber, dass auch einer von einem Gefangenen darunter war.
Im Mai 1945, als der Krieg zu Ende war, wurden die Deutschen anders behandelt. Ihre Rechte als Soldaten wurden aufgehoben, es zählte jetzt nur der Status über das Internationale Rote Kreuz. Das machte sich am Essen bemerkbar - es wurde etwas schlechter - und sie mussten auch arbeiten. Trotzdem war es immer noch sehr erträglich.
Diese Zeit dauerte für Theo Houben bis 1946. Im Frühjahr dieses Jahres stand endlich die Entlassung an. Mit dem Zug ging es zuerst ins Entlassungscamp Ellis und später nach New York. Unterwegs sah er u.a. die Niagara-Fälle und auch die Wolkenkratzer von Manhattan. Kurz vor der Abreise erhielt er einen Scheck über 1.100 US-Dollar - einlösbar in Deutschland (Kurs 1 zu 4,44 RM). In Hamburg betrat er kurz vor Pfingsten 1946 wieder deutschen Boden. Knapp zwei Amerika-Jahre lagen hinter ihm.
Da viele der in Amerika gewesenen deutschen Kriegsgefangenen überwiegend Positives aus den USA berichteten, wurden diese zu den ersten Botschaftern einer entstehenden deutsch-amerikanischen Freundschaft. Theo Houben war einer von ihnen, und er denkt noch gerne an diese Zeit zurück.

Der Fliegenjäger
Marseille, Offizierscamp 404, 1945. In dem amerikanischen Gefangenenlager wurden deutsche Offiziere festgehalten. Die Amerikaner teilten sie aus gutem Grund in zwei Gruppen ein. Solche, die auf normalem Weg durch Gefangennahme dorthin gelangten und solche, die vorher desertiert waren.
Unter beiden Gruppen herrschten Spannungen. Da das den Amerikanern klar war, trennten sie die Gruppen. Und weil die Deserteure den Amerikanern lieber waren, belohnten sie diese durch eine Bevorzugung im Lager. Besseres Essen, bessere Unterkunft, und auch in der Küche tat diese Gruppe ihren Dienst. Damit ihnen nichts passierte - z.B. beim Essenausgeben - , achtete eine amerikanische Bewachung auf diesen Personenkreis.
Auf einer langen „Theke“ in der Küche, an der zahlreiche Benzinkocher montiert waren, wurde gekocht. Überwiegend garten Suppen unter dem Rühren einer Hilfe dem Verzehr entgegen. Milchsuppe, Erbsensuppe oder ein Wassersüppchen standen auf dem nicht gerade beliebten Speiseplan.
Heinz Gemünd, der einige Monate in Marseille verbrachte, wurde eines Tages von einer Küchenhilfe der „Deserteurgruppe“ angesprochen. Er sagte zu ihm: „Du, Leutnant, du kommst nachher mal mit mir, wenn du deine Suppe aufhast. Ich sage dem Posten Bescheid, dass du da rauskannst.“
Gemünd, der nicht zu den Deserteuren gehörte, war nicht abgeneigt etwas mehr Essen oder eine bessere Unterbringung zu haben. Er ging auf diese Bemerkung ein und wechselte in den Küchendienst. In Erwartung jetzt Suppe zu rühren, freute er sich schon auf mehr Kalorien. ‚Wer schreibt, der bleibt' traf für ihn genau so zu wie: ‚Wer kocht, der isst'.
Nach dem Umzug änderte sich auch die Übernachtungslage, so dass sich die Situation des „Überläufers“ allgemein verbessert hatte. Er wollte er schon beginnen, die Suppe zu rühren. Doch bevor es losging, wurde ihm gesagt, dass er das gar nicht tun solle. Vielmehr ging es um die lästigen Fliegen, die dem Personal in der Küche zu schaffen machten. Er bekam folgende Worte zu hören: „Hier hast du eine Fliegenpatsche. Damit schlägst die Fliegen kaputt. Aber wehe, wenn du eine Fliege auslässt, dann fliegst du wieder raus.“ Das war eine klare Anweisung, die keinen Spielraum zuließ.
Heinz Gemünd ging ans Werk, und nahm seinen Job sehr ernst; denn er wollte seinen Vorzugsplatz nicht verlieren. Es ist müßig zu erwähnen, dass in der Küche nun schwere Zeiten für die lästigen Insekten anbrachen. Immerhin warf ein Leutnant ein Auge auf sie, und mit dem war - aus Sicht der Fliegen - nicht zu spaßen.

Der „Troublemaker“
Allgemein ist bekannt, dass es deutsche Soldaten in amerikanischer Kriegsgefangenschaft besser hatten als in russischer. Das wurde schon anderweitig häufig betont. Auch Peter Schefer erlebte eine Zeit in amerikanischer Gefangenschaft. Sie begann im August 1944 und dauerte knapp dreieinhalb Jahre.
Er war jung und manchmal so aufmüpfig, dass in seinen Papieren der Vermerk stand: „Troublemaker - watch for him“ (Er macht Schwierigkeiten, aufpassen!). Dadurch hielt er sich auch in vielen Camps auf, weil man ihn häufig verlegte.
So war er z.B. in Camp Gordon, Camp Rucker, Camp Forrest/Tennessee, Fort Benning Georgia, Fort Oglethorpe/Georgia oder Camp Opelika/Alabama. Das auf dieser Seite abgebildete Gefangenengeld stammt ausschließlich von ihm. Er arbeitete bei der Ernuß-, Mais- oder Zuckerrohrernte. Auch das Holzschlagen im Wald gehörte seinen Tätigkeiten. Freimütig bekennt er heute, dass er zu denen gehörte, die mit dem Amerikaner „den Molli“ gemacht haben. Hier eine Auswahl der Possen und Streiche, die er seinen „Gastgebern“ offerierte:
In West-Virginia arbeitete er während der Pfirsich-Ernte in einer Konservenfabrik. Aus Jux schnitzte er ein Hakenkreuz in die Pfirsiche, bevor der Deckel auf die Dose kam. Bei dem Gedanken, wie die Verbraucher geschaut haben mögen, erheiterte sich sofort das Gesicht des Gefangenen; denn: „Hakenkreuz-Pfirsiche“ gab es nicht alle Tage.
Ein anderer Fall: Gruppen von Gefangenen gingen z.B. nachts Runden um den Innenzaun des Lagers. Dann kam er auf die Idee, Trockeneis in kleine Würfel zu schlagen und in die Feldflasche zu tun. Nach dem Schließen wurde die Flasche unter einen Wachturm geworfen, und nach einiger Zeit machte es „Peng“! Große Aufregung beim Wachpersonal war die Folge, die „Flascheneisgranate“ hatte ihre Wirkung erzielt. Dass er zur Strafe dafür mehrere Tage in eine leere Baracke ohne Bett verbringen musste, konnte den „Troublemaker“ Schefer nicht von seinen Scherzen abhalten.
Häufig machten sich die Gefangenen die Faulheit der Bewacher zu Nutze. Da die Camps sehr groß waren, konnte man dort die Entfernungen nur per Auto zurücklegen. In einem Fall ließ man die Deutschen allein mit dem Auto Müll fahren, obwohl das eigentlich die Aufgabe der Amerikaner war. Auf der Windschutzscheibe des LKWs klebte nur ein „PoW“ (Prisoner of War). Derartige Alleinfahrten nutzten die Deutschen, um alles Mögliche zu stehlen. Oftmals wurde auf „Bestellung“ für Einheimische „organisiert“, z.B. Jeeps, die zu Hunderten auf großen Parkplätzen standen, verschwanden gegen Zigaretten.
Auch erinnert sich Peter Schefer daran, dass viele ihre Socken nicht wuschen, sondern sich ständig neue besorgten. Die getragenen Strümpfe wurden einfach weggeworfen. Die Gefangenen waren untereinander sehr hilfsbereit, und die Marineangehörigen hielten besonders zusammen. Nur mit den ehemaligen „Landsleuten“ aus Österreich war oft nicht „gut Kirschenessen“. Hier waren die meisten Alpenländler darauf bedacht, sich von den Deutschen klar abzugrenzen.
Eigentlich hatte Schefer gar nicht soviel Grund gehabt, ein „Troublemaker“ zu sein. Die Verpflegung war gut, und mit dem Lagergeld konnte er sich in der Kantine viel kaufen. Nennenswerte Schickanen gab es auch nicht.
Natürlich standen auf der einen Seite die Bewacher und auf der anderen die Gefangenen. Auch während der Kriegszeit bis Mai 1945 merkte man öfter durch äußere Zeichen, wie der Krieg in Europa lief. Als die Ardennenoffensive in Deutschland die Alliierten in Aufruhr versetzte, erlebte Schefer, dass die Lagerinsassen einige Tage keine Salztabletten bzw. keine Zigaretten bekamen. Erst als die Amerikaner wieder auf dem Vormarsch waren, hörte die Salz- und Nikotinsperre auf.
So waren die Amerika-Jahre für Peter Schefer eine spannende Zeit. Doch erinnert er sich noch gut an das Gefühl, dass ihm dort alles egal war und er keine Angst vor irgendwelchen Konsequenzen hatte. Dass er unter diesen Umständen gut (über)lebte, muss man eher als Pluspunkt für die Amerikaner werten. Sie taten nämlich das, was in Schefers Papieren stand und zwar: „Watch for him“ (auf ihn achten).

Gedichte eines Gefangenen
Hans Frensch erlebte seine Zeit als Kriegsgefangener in Frankreich. Unter dem Eindruck der zeitlichen Umstände, schrieb er zahlreiche Gedichte. Zwei von ihnen, die er 1946 im Lager von Castillon verfasste, seien hier veröffentlicht:

Weihnachten
Nacht ist´s und am Himmel glitzern die Sterne,
und überall in der weiten Welt.
Hier und in der Heimat ferne
läuten die Glocken zur heiligen Nacht,
brennen die Kerzen in lieblicher Pracht
und Friede ist auf Erden.
Doch wir, die wir hinter Stacheldraht
denken mit großem heißen Sehnen
an die Heimat, an all unsere Lieben.
Wo sind sie heut´, wo sind sie geblieben?
Was machst du heut´, mein lieb´ Mütterlein?
Wo ist Vater, bist Du allein?
Und Bruder und Schwester, sind sie bei Dir?
Sag Mutter, was machst Du, sprichst Du von mir?
Brennt heut´ bei euch ein Lichterbaum,
ist es wie einst oder ist es nur ein Traum?
Wie haben wir oft in vergangener Zeit
gebetet, es nehme ein Ende dies Leid
und wirklicher Friede auf Erden sei
und alle Menschen auf Erden frei.
Wann werden die Menschen einander verstehen
und nicht mehr Hass, sondern Liebe säen.
Was wollen wir alle? Frieden und Brot
und ein baldiges Ende der großen Not.
Völker der Erde, wann kommt der Tag,
wo unsere Herzen ein einziger Schlag.
Dass unsere Hände nie wieder zerstören
und Frieden und Freundschaftzusammen verkehren,
zum Wohle der Menschen, die vielen Millionen
und nicht mehr bauen Tanks und Kanonen.
Die Schätze der Erde zum Segen gestalten
und glücklich für alle Menschen verwalten.
Drum läutet ihr Glocken in heiliger Nacht,
strahlet ihr Sterne in all eurer Pracht.
Funkelt ihr Kerzen so lieblich und warm,
bringt Freude und Freunde bei reich und arm.
Öffnet die Herzen in aller Welt,
die uns in Liebe bestellt, doch in Hass zerfällt.
Lass das Vergangene vergangen sein:
Völker der Erde, lasst uns heim.

Jahreswende
Wir stehen an des Jahreswende
und denken heute an Daheim.
Der Heimat reichen wir die Hände
schön wäre es, zu Haus´ zu sein.
Nun ist das alte Jahr vorbei
da denken wir zurück.
Wir sind gefangen und nicht frei,
es gibt für uns kein Glück.
Wir haben trotzdem frohen Mut,
sind allzeit froh und munter.
Einmal wird es wieder gut,
uns geht die Sonne nicht unter.
Das alte Jahr geht jetzt vorbei,
das neue Jahr es macht uns frei.
Die Hoffnung kann uns keiner rauben,
weil wir an die Heimat glauben.

Rubel statt Schläge
Man hört immer wieder, dass sich russische Kriegsgefangene in Deutschland mit kunstvollen Holzarbeiten Lebensmittel erkauften. Sie setzten ihre Fähigkeiten ein, um zu überleben. Dass es auch bei den Deutschen in Russland ähnlich ging, soll diese Geschichte zeigen:
Günther Ummelmann war insgesamt sieben Jahre in russischer Gefangenschaft. Von 1942 bis 1949 wurde er dort festgehalten. Die letzten fünf Jahre lebte er in einem Lager bei Swerdlowsk (heute wieder Jekaterinenburg). Und auch er hatte das Problem, neben der zu kargen Normalration, an mehr Lebensmittel zu kommen. Er besann sich seines handwerklichen Talents für deutsche Bastelkunst. Wie oft hatte er nicht als Kind mit der Laubsäge Holzfiguren hergestellt? Warum nicht auch in Russland?
Er fing an, sich die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Dazu wurde ein Draht flachgeklopft und eingekerbt. Fertig war das Sägeblatt. Geeignetes Rohholz konnte er sich auch besorgen, und so stand seiner Arbeit nichts mehr im Wege. Als Motive dienten z.B. Blumen.
Laubsägearbeiten waren in Russland unbekannt, aber schnell sehr begehrt. Von dem Erlös besserte er seine Essensration auf.
Es gab aber auch eine Begebenheit, bei der ein Russe die Fähigkeiten der deutschen Kriegsgefangenen überschätzte. Bei einem Appell kam ein Offizier und stellte die Frage, ob Uhrenspezialisten anwesend seien. Und in der Tat waren einige Uhrenfachleute unter den Gefangenen. Dann äußerte er seinen Wunsch und zeigte dazu eine große Uhr. Er wollte, dass die Handwerkern fünf kleine daraus herstellen. Die Angesprochenen hielten das für einen Scherz und fingen an zu lachen. Sie fanden das unsinnig und komisch und fragten, wie das gehen sollte? Der Offizier hingegen fand das überhaupt nicht lustig und wurde böse. Er ließ die Lachenden für ihr Verhalten sofort verprügeln.
Für Günther Ummelmann wurde dadurch klar, wie schnell unterschiedliche „Logik“ zu einem Konflikt führen kann. Ihm taten die Uhrmacher leid, aber er konnte ihnen nicht helfen. Er arbeitete weiter mit Erfolg an seinen Laubsägemotiven und bekam dafür glücklicherweise Rubel statt Schläge.

Wie man in den Wald hineinruft...
Wilhelm Fenger, vier Jahre lang hat er auf Befehl gegen die Russen gekämpft und weitere vier Jahre war er ihr Gefangener. Insgesamt war er also acht Jahre seines Lebens auf diese Weise in der UdSSR. Er machte die Erfahrung, dass gute oder schlechte Behandlung nicht immer Glück oder Pech waren, sondern auch beeinflusst werden konnte.
Als man in seinem ersten Lager Kraftfahrer suchte, drängte ihn sein Kumpel, sich zu melden. „Ich kann doch nicht fahren," entgegnete der Boschelner und wollte nicht so recht. Doch mit den Worten ‘Melde dich auf jeden Fall, was du nicht kannst, bringe ich dir bei’, war er überredet.
Und es ging gut. Zuerst fuhr er neun Monate einen Major spazieren und machte mit ihm Standorte von deutschen Beute-LKWs ausfindig. „Plennik Wilgelm“ (die Russen sprechen das H wie ein G) fuhr den Major wohin er wollte. Auch die Frau Major nutzte den Komfort des Chauffeurs, und Herr und Frau Major behandelten ihren Untergebenen immer sehr gut. Da Fenger sehr umgänglich war, fand er auch unter den russischen Fahrern schnell Freunde. Die luden ihn auch ab und zu ein, mit ihm einen „zu schlucken“. Dabei füllten sie ihn „bis unterm Kragen“ ab. (Originalton Fenger) In einem Fall weiß er bis heute nicht, wie er zurück ins Lager gekommen ist. Er ging davon aus, dass seine russischen Kumpels die Wachen bestochen haben und ihn so problemlos in seine Baracke zurückbringen konnten.
Bestechlich waren vor allem diejenigen, die selber nichts hatten. Mit denen kam man schnell ins Geschäft. Das waren die kleinen „Nischen“, die man zum Überleben brauchte. Wilhelm Fenger kam als Kraftfahrer z.B. an Dinge heran, die die Russen draußen brauchen konnten. Wenn die Gelegenheit günstig war, hat er Brauchbares „weggefunden“ (d.h. geklaut) und draußen zum halben Marktpreis gegen Rubel verkauft. Benzin oder Reifen waren u.a. sehr gefragt. Dieses Taschengeld wurde stets in Essen oder Trinken umgesetzt.
Fenger hatte drei harte russische Winter als Soldat miterlebt. Wer die durchgestanden hatte, konnte sich selber eine „Überlebensfähigkeitsmedaille“ anheften. Im ersten Gefangenenwinter sah er vor allem die sterben, die aus Not teilweise Abfälle aßen. Ruhr war dabei eine häufige Todesursache. Er wusste also, was er zu unterlassen hatte, sonst wäre er schnell „weg vom Fenster“ gewesen. Der einzige Nachteil: Er musste auf Grund seiner guten Verfassung bis Ende 1949 bleiben. Kranke hatten die Chance, früher nach Hause zu kommen. Als er aber an jenem denkwürdigen Tag im Dezember 1949 hörte, wie der Lagerkommandant sagte „Fenger Wilgelm, sawtra damoi“ (morgen nach Hause), war er erst einmal sprachlos.
Bevor es losging, bekam er die restlichen Rubel ausbezahlt. Diese setzte er sofort in Essen, Zigaretten oder Trinken um. Andere in Russland erworbene Dinge durfte er nicht mitnehmen, und vor der Abreise wurde jeder gründlich „gefilzt“.
In einem Güterzug mit Betten und Ofen fuhr er von Charkow über Brest-Litowsk nach Frankfurt/Oder. Dort erhielt er 50,-- Ostmark Entlassungsgeld. Auch die wurden sofort in Zigaretten oder Bier umgesetzt. Schließlich hatte er einen Grund zum Feiern, und „versoffenes Geld“ konnte man ihm nicht mehr abnehmen.
So blieb er unterwegs immer „in Stimmung“. Als er in Göttingen ankam, kam er in ein Krankenhaus. Man meinte, er könne ein Weilchen Genesung gebrauchen. „Dabei war ich bloß blau wie eine Hippe, weil ich ein Kochgeschirr voll Bier intus hatte,“ stellte Fenger rückblickend fest.
Insgesamt verbrachte er zwei Monate im Krankenbett, um danach in Krefeld in die zivile Berufswelt zurückzukehren - und zwar als Kraftfahrer. Er hatte zwar keinen Führerschein, konnte aber dennoch sofort anfangen. Dieses Papier erwarb er nachträglich. Dank der großen Fahrpraxis in Russland auf zahlreichen Panzern, LKWs und PKWs, ging das sehr schnell.
Die Zeit in Osteuropa verfolgte ihn noch lange. Oftmals wurde er nachts wach, hatte Alpträume oder das Geschehen verfolgte ihn gedanklich. Dass er auch noch nach 60 Jahren starke Erinnerungen daran hat, zeigt, dass vieles nicht richtig verarbeitet wurde. Es war - wie für die anderen auch - einfach zu viel Leid, das damals durchzustehen war.

Brigadestreik in Sokol
In der Holzfabrik in der Nähe des russischen Gefangenenlagers Sokol herrschte Unruhe. Die deutschen Arbeiter befanden sich im Streik. Der neue Brigadier hatte sie dazu aufgerufen. Hintergrund war, dass die russischen Schreiberinnen die vom Brigadier angegebenen Prozente für die deutschen Kriegsgefangenen nicht akzeptieren wollten. In ihren Augen war es nicht möglich gewesen, dass sich die Leistung der Arbeiter plötzlich von 100 auf 200 % erhöht haben sollte. Es war für sie zu auffällig, und das konnte der neue Brigadier Nowicki aus Deutschland unmöglich bewirkt haben. Die Frauen diskutierten mit dem herausgeputzten „Nemetz“ (Deutscher) und widersprachen ihm heftig.
Raimund Nowicki, der bereits seit dreieinhalb Jahren in Russland war, dachte nicht daran, seine Zahlen zu korrigieren. Er wusste, dass die Leistung mit der Essensration der Kameraden gekoppelt war und wollte sie unbedingt erhöhen. Natürlich waren seine Angaben „frisiert“, aber wie wollte er sonst mehr Essen für seine Leute herausholen? Er setzte auf den Spruch ‚Frechheit siegt' und ging aufs Ganze. Dem setzte er mit dem von ihm angezettelten Streik die Krone auf. Dadurch stand der Betrieb still. Die Gefangenen lieferten kein geschältes Holz mehr und die Arbeiterinnen konnten nicht weiterarbeiten.
Der Konflikt hatte sich also zugespitzt. Der deutsche Brigadier, der mit langen Haaren, einem weißen Hemd, geschneiderten Reithosen, Stoffstiefeln und dem obligatorischen Bleistift hinter dem Ohr vor den Frauen stand, wollte den Betriebsleiter sprechen. ‚Kanjeschna' (natürlich) hieß es, und bald wurde das Problem in dessen Beisein erörtert.
Nowicki benahm sich, wie er es in Russland gelernt hatte, und das hieß ‚wer schreit, hat Recht!’ So begann er „seine Vorstellung“ und fing an, vor dem Chef rumzuspringen wie „Rumpelstilzchen“. Ein Dolmetscher war zugegen, der dem Betriebsleiter alles übersetzte. Besonders das Wort „Panzerkapitän“ (Lagerchef) betonte Nowicki bei seiner Redeschlacht - warum auch immer. Als er mit Wort und Gestik zu Ende war, herrschte einen Moment Stille. Danach meinte der Chef nur ‚Pischisch!' (schreibe) und zeigte auf die Schreiberinnen. Sie schauten entsetzt zurück, mussten aber tun, wie ihnen gesagt wurde.
Es war ein Erfolg auf der ganzen Linie für Raimund Nowicki, der somit unterm Strich die doppelte Essensration für die Arbeiter herausgeholt hatte. Er versuchte auf seine Art in einer Zwangssituation den vorhandenen Spielraum auszunutzen. Und es war ihm egal, für seine Ziele Tricks oder auch List einzusetzen.

Mit 80 Mann im Wald
In dem Gefangenenlager bei Turinsk (500 km nordöstlich von Swerdlowsk) herrschte der gewohnte Alltag. Raboti, raboti (arbeiten) und das für 600 Gramm Brot am Tag mit Kapusta-, Fisch- und/oder Sojasuppe. Dann gab´s noch Sojaschrot und 17 g Zucker pro Tag. Die deutschen Kriegsgefangenen hatten sich daran gewöhnt.
Das mit dem Zucker hatte eine besondere Bewandtnis. Denn wenn man einige Tage keinen erhielt, bekam man später die Menge für die ausgefallenen Tage nach. Das führte dazu, dass manche ein Zuckerfestessen machten, und das gab wieder gute Laune.
An einem Tag im späten Frühjahr des Jahres 1946 kam Hans Spätgens zu seinem Freund Rudolf Lieblang. Er sagte ihm, dass er irgendwohin abkommandiert worden sei. Wohin wusste er nicht. Lieblang wurde hellhörig und wollte ebenfalls mit. Doch musste das erst einmal geregelt werden.
Er meldete sich bei der Lagerkommandantur und bat darum, auch mitzudürfen. Der Mann, der sich die Bitte anhörte, sah kein Hindernis, warum das nicht gehen sollte. Ein kurzes ‚Saglaßin' (Einverstanden) und die Freunde blieben zusammen.
Beide waren sie Lager mit vielen Menschen gewohnt, und nun sollten sie in einer Gruppe von 80 Mann irgendwo eine neue Aufgabe übernehmen. Was das wohl werden würde!
Nach einer mehrstündigen Fahrt durch unwegsames Gelände erreichten sie eine alte Mühle in einem Wald. Es handelte sich um ein großes mehrstöckiges Gebäude. Groß genug, um auf der ersten Etage 80 Schlaf-Pritschen aufzubauen. Das Dach hatte Riesenlöcher, und es gab viel zu reparieren und herzurichten.
Morgens ging es schon sehr früh los. Aufstehen und sich draußen im eiskalten Wasser waschen. Aus den Öffnungen einer langen Zinkrinne lief das Wasser heraus. Nach dem Waschen ging es in den Essensraum. Dort standen in den Ecken Leute mit brennendem Kienspan. Das Feuer sorgte also für die notwendige Helligkeit, Strom gab´s nicht.
Tagsüber war der Wald das Zuhause der 80 Männer. Holz wurde gefällt und dann zum Bauplatz für die Hütten gebracht. Später sollte dort eine Hundeschule hineinkommen, wie man von den Aufsehern erfuhr.
Rudolf Lieblang hatte während seiner Russlandzeit eigentlich nie besondere gesundheitliche Probleme gehabt. Doch in dem Waldlager wurde er nach einiger Zeit schwer krank. Er hatte rote Flecken an den Oberschenkeln, und das deutete auf Thyphus hin. Die russische Ärztin machte zudem den Muskeltest am Hinterteil. Sie wusste, dass ein schlaffer Gesäßmuskel das untrügliche Zeichen für eine Krankheit ist. Ein „schlapper Hintern“ war also diagnoseverdächtig. So kniff sie Rudolf Lieblang und wusste sofort, dass er krank ist. Er kam vier Wochen in Quarantäne, da sie Scharlach festgestellt hatte. Er genoss die arbeitsfreie Zeit und hatte endlich einmal seine Ruhe.
Vor allem dem Lagerkoch - einem alten gehbehinderten Berliner - ist es zu verdanken, dass Lieblang wieder gesund wurde. Er kochte gut für ihn und sorgte auf seine Art für die richtige Medizin. Überhaupt war der Koch die „Mutter der Kompanie“. Von der spärlichen Fettration für die 80 Leute sparte er über Monate soviel Fett ein, dass er zu Weihnachten gemeinsam mit Rudolf Lieblang einen wohlschmeckenden Streuselkuchen backen konnte. Da hatten alle wirklich Weihnachten.
Auch wenn jeden Morgen die Knüppel der Pritschen auf den Rücken der Gefangenen abgemalt waren und so immer wieder an ihr Los erinnerten, sie gewöhnten sich an ihr Dasein im Wald und errichteten die geplanten Hütten.
Ab und zu kam es vor, dass Bewohner aus dem nahegelegenen Dorf Arbeiter zum Ausbessern ihrer Häuser anforderten. Darauf freute sich jeder, weil die Dorfbewohner meist mit gutem Essen oder auch Machorka (Tabak) „bezahlten“. Für alle also eine willkommene Abwechslung.
Im Frühjahr 1947 wurden die Arbeiten im Waldlager beendet, und die 80 Arbeiter kehrten ins Hauptlager nach Swerdlowsk zurück. Nach wie vor quälte auch Rudolf Lieblang die Ungewissheit, wann es endlich nach Hause ging. Neben Kochrezepten war also die Entlassung ein häufiges Gesprächsthema unter den Gefangenen. Doch sollte es noch ein Jahr dauern, bis er am 13. Mai 1948 endlich heimreisen konnte.

Aus Frankreich getürmt
Bernhard Adamczak aus Palenberg, knapp drei Jahre Soldat und vier Jahre Gefangener sowie ein hervorragender lokaler Fußballer der Nachkriegszeit, erzählt die Geschichte seiner erfolgreichen Flucht aus Frankreich:
Im Mai 1946 bin ich von Amerika nach Frankreich gekommen. Ich war dort u.a. auf einem Bauernhof beschäftigt, von dem ich aber geflohen bin. In Paris bin ich geschnappt worden, bekam eine Glatze geschoren und wurde zur Strafe in ein Bergwerk in Lille gesteckt. Ich ließ mich aber nicht unterkriegen und habe zu meinen Kameraden gesagt: „Ostern (1948) bin ich zu Hause.“ Aber die glaubten mir nicht.
Ich hatte den Plan, mich von einem Zivilarbeiter nach Belgien bringen zu lassen. Obwohl auch ich Zivilarbeiter hätte werden können, habe ich abgelehnt. Schließlich wollte ich nach Hause. Kurz vor Ostern hatte ich mich mit einem Bekannten in einem Lager für Zivilarbeiter verabredet. Ich ging vor Schichtbeginn dort hin, aber er war nicht da. Nun war guter Rat teuer. In dieser Situation kam mir der Zufall zu Hilfe. Ein anderer Zivilarbeiter, hatte ebenfalls Urlaubspapiere und wollte sie mir verkaufen. Allerdings wollte er einen stolzen Preis und meine Uhr dafür haben. Ich willigte ein, bekam seinen Ausweis und die Papiere. Ich machte mich auf den Weg und fuhr von Lille nach Paris. Dort fand die erste Kontrolle statt. Ich stand in einem Haufen von deutschen Arbeitern und zog vorschnell die Papiere raus. Der Kontrolleur guckte zweimal auf den Ausweis und gab mir diesen zögernd. Ich glaubte schon, dass er etwas bemerkt hätte, aber er sagte nichts. Da ich bei meiner ersten Flucht schon einmal in Paris geschnappt worden war, „ging mir etwas die Muffe“.
Unterwegs zog ich bei Kontrollen immer vorschnell die Papiere heraus, damit man sofort wusste, dass ich welche hatte. Dann schaute man sie entweder gar nicht an oder sie wurden nur flüchtig beachtet. Ich hatte mir in Lille schöne Fußballschuhe gekauft, ferner eine Aktentasche voller Zigaretten besorgt. Auf diese wertvolle Fracht galt es zusätzlich aufzupassen.
Es ging alles gut, und ich erreichte in Kaiserslautern die französische Zone. Zwar waren die Papiere auf einen Ort in Ostdeutschland ausgestellt, aber das war jetzt nicht mehr wichtig. Nun fuhr ich über Köln nach Aachen. Da ich keine offizielle Fahrkarte hatte, wollte mich der Schaffner aus dem Zug setzen. Das ließ ich aber nicht mit mir machen. Der Beamte blieb hartnäckig und ging mit mir in Aachen zur Bahnhofskommission. Dort ist mir aber der Kragen geplatzt, und ich habe den Leuten „ein paar Takte erzählt“, ob man in Deutschland so mit ehemaligen Kriegsgefangenen umginge. Da ich geflohen war, konnte ich doch keinen gültigen Fahrschein haben. Das Ende vom Lied: Der Schaffner bekam einen Rüffel und ich eine ordnungsgemäße Fahrkarte von Aachen nach Übach-Palenberg. Karfreitag war ich in Lille abgehauen und Ostersonntag kam ich in Palenberg an. Ich hatte meine Vorhersage also eingehalten.
Einige Tage später schrieb ich nach Frankreich und bat um Überweisung meines restlichen Konto-Guthabens. Ich hätte nicht damit gerechnet, aber das Geld wurde mir tatsächlich nach Deutschland überwiesen, obgleich ich doch abgehauen war.
Dem ursprünglichen Eigentümer der Papiere schickte ich diese verabredungsgemäß nach Frankreich zurück. Da ich noch vor der Währungsreform wieder Zuhause war, stellten die mitgebrachten Zigaretten ein schönes Startkapital dar. Aber auch die Fußballschuhe sollten für meine Spiele in der ersten VfR-Mannschaft gute Dienste leisten.

Die späte Gerechtigkeit
Offiziere oder gewöhnliche Soldaten: Manchmal wurden in der Gefangenschaft Unterschiede gemacht und mal wieder nicht. Bei dieser Begebenheit war das erstere der Fall. Ort der Handlung: Ein PoW-Camp in Louisiana/USA. Gegenstand der Geschichte: der Bau eines Fußballplatzes.
Die „normalen“ Gefangenen durften sich einen solchen bauen und waren mit Eifer dabei. Mit Schaufel und Hacke erstellten sie für ihren Lieblingssport einen ansehnlichen Platz.
Nur einem Zaun getrennt von ihnen befand sich ein Offizierslager. Die höhergestellten Ex-Vorgesetzten schienen auch Gefallen an einem solchen Platz zu finden. Sie sprachen mit den Amerikanern, und die „niedrigeren“ Gefangenen schienen zu ahnen, was auf sie zukam. Immerhin bekamen die Offiziere aus den Reihen ihrer früheren Untergebenen sogar Putzer gestellt, und das sorgte ohnehin schon für Unfrieden. Und nun kamen die amerikanischen Bewacher und meinten, dass sie auch im Offizierscamp einen Platz herrichten sollten. Natürlich war die Meuterei darüber groß. Waren die Herren Offiziere zu fein, um einen Handschlag für sich zu tun? Liefen stolzierend durch die Gegend und ließen die anderen machen, so die Äußerungen der betroffenen Nicht-Offiziere.
Es nutzte nichts, der Befehl blieb und die Murrenden fingen an, den zweiten Platz zu bauen. Doch taten sie das widerwillig und zögernd. Als sich die Arbeiter wider Willen nach einiger Zeit nicht mehr weiterarbeiten wollten, wurden sie durch andere Gefangene ersetzt. Unter diesen Ersatzarbeitern war auch Felix Warthofer. Er konnte seine meuternden Kameraden gut verstehen, denn auch er hasste solche Ungereimtheiten. Und nun musste er sogar selber diesen für ihn ungerechten Job ausführen.
Er arbeitete nicht lange mit setzte sich bald an den Rand des zu bauenden Platzes und rauchte eine Zigarette. ‘Wolln mal sehen’, dachte er und ließ die Dinge laufen. Das sah einer der Offiziere und kam auf ihn zu. Dieser wollte ihm klarmachen, dass Warthofer weiterarbeiten sollte. Als sich der Angesprochene nicht rührte, schlug ihm der Offizier die Zigarette aus dem Mund. Das war zuviel des Guten und der Provozierte sprang auf und begann auf den „Höhergestellten“ einzuprügeln. Dabei ließ er seine ganze Wut heraus, um dem Ex-Offizier eine Lektion zu erteilen.
Natürlich wurde diese Prügelei von den Amerikanern bestraft. Warthofer erhielt 14 Tage Arrest bei Wasser und Brot und saß musste seine Strafe auch sofort absitzen. In dieser Zeit entstand der Offiziers-Fußballplatz, allerdings ohne die Hilfe des Arrestierten. Dieser Vorfall wurde der Ordnung halber dokumentiert, und wer darüber alles Kenntnis bekam, darüber sollte sich Felix Warthofer noch wundern.
Diese Verwunderung erreichte ihn, als er lange nicht mehr damit gerechnet hätte und zwar im Jahre 1950. Er war bereits drei Jahren zu Hause und wohnte in Palenberg. Im Rahmen einer nachbarschaftlichen Auseinandersetzung erhielt er eine Vorladung vor Gericht. Auf die Frage, ob er vorbestraft sei, antwortete er reinen Gewissens mit „Nein“. Dies ließ der Richter nicht gelten und hielt im die „Frontbewährung wegen Tätlichkeit gegen einen Vorgesetzten“ bzw. die 14 Tage Arrest im Gefangenenlager von Louisiana vor. Warthofer war verwundert, woher der Richter das wusste. Der Beschuldigte ließ es nicht auf sich sitzen und schilderte daraufhin beide Begebenheiten. Er protestierte gleichzeitig gegen seine Kriminalisierung im Zivilleben. Er habe sich zweimal in einer äußerlichen Zwangssituation befunden und sich nur zu Recht gewehrt.
Der Mann der Justiz hatte ein Einsehen und entfernte beide „Vorstrafen“ aus der Akte. Er erteilte Felix Warthofer somit auch formaljuristisch nachträglich Absolution.

Eine dreiste Flucht
Für Hans Weisweiler und Ernst Stiebing waren die Entlassungsscheine perfekt. „Hans, die sind gut geworden, damit bekommen wir zu Hause echte Papiere,“ meinte der etwas jüngere Ernst, der mit viel Energie und Sorgfalt ihren Fluchtplan ausgearbeitet hatte. Der Entlassungschein war nur ein Teil davon. Der im Büro des Comptoire Francaise in Reims als PoW (Prisoner of War) beschäftigte Weisweiler hatte versucht, Entlassungsscheine nachzumachen. Aus Deutschland hatte der findige Stiebing eine Vorlage geschickt bekommen. Und dann wurde regelrecht gebastelt und phantasiert. Ein Stabsarzt hatte unterschrieben, und zwar ein echter, nämlich Dr. A. Hohenberg. Dass dieser selber deutscher Kriegsgefangener war, brauchte ja keiner zu wissen. Dann wurde ein Lt. Col. vom CIC erfunden mit Namen Allen E. Nelton. Einen offiziellen Stempel mit irgendeinem amerikanischen Siegel hatte man aus einem anderen Camp. Weisweiler hatte viel dafür gezahlt. Die Matrizen für mehrere Abzüge hatte er in seinem Büro geschrieben. Sein Vorgesetzter Cliff Greck war viel zu gutmütig, um jeden Handgriff des deutschen Prisoners zu kontrollieren.
Als die sechs Fluchtwilligen dann zusammensaßen und alles weitere durchsprachen, fanden die selbstgemachten Entlassungsscheine großes Lob. Sie wussten, dass das Unternehmen kein Kinderspiel war. Wenn man sie schnappte, hätten sie wegen Diebstahl von amerikanischem Heeresgut und Flucht in amerikanischen Uniformen hohe Strafen zu befürchten, und das schreckte einige andere Fluchtwillige ab.
Heinz Coenen, der den LKW fahren sollte, kam aus dem gleichen Dorf wie Hans Weisweiler, nämlich aus Brachelen. Es war der gleiche LKW, den Coenen ohnehin jeden Tag für die Amerikaner fuhr, also „seiner“. Insofern machte hier der richtige Mann am richtigen Platz mit, so wie Hans Weisweiler oder Ernst Stiebing auch.
Die jahrelange Ungewissheit über das Schicksal der Familien ließ bei den Fluchtwilligen alle Bedenken beiseitefallen. Die Heimat zog stärker, und dieser Sog ließ die Angst vor den Konsequenzen in den Hintergrund treten. Wenn die Flucht gelingen würde, dürfte man gemäß Genfer Konvention auch nicht mehr ausgeliefert werden. Also gab es sogar „Spielregeln“ für dieses große Wagnis.
Ernst Stiebing klärte seine Kameraden über alle geplanten Einzelheiten auf. Die Fluchtroute mit dem amerikanischen Kastenwagen (6-Acher mit Verdeck) sollte über Diedenhofen nach Merzig führen. Alle hatten die amerikanischen Uniformen zu tragen, so dass es von außen wie eine „Ami-Fahrt“ aussehen sollte. Auch die Uniformen hatten sie einfach „mitgehen“ lassen. Diese gab´s zu Hauf´ im Lager, und das war das geringste Problem. Auch das übrige „Zubehör“ dieser Flucht kam allmählich zusammen.
Als Ziel sollte bei etwaigen Kontrollen die Stadt Wiesbaden angegeben werden. Stiebing schärfte seinen Kameraden ein, dass nur er reden würde. Schließlich konnte er das am besten, und zwar locker, zuvorkommend und fast akzentfrei. Keine Hemmung, kein Ausweichen und immer die „Flucht nach vorne“, war die Devise. „Also, morgen früh geht es los,“ sagte er mit ernstem Gesicht in die Runde und beendete damit die letzte Lagebesprechung.
Am frühen Morgen des 26. März 1946 rollte unauffällig ein amerikanischer 6-Achser vom Hof des Nachschublagers Comptoire Francaise auf die Straße. Am Steuer der „Amerikaner“ Heinz Coenen und als Beifahrer „US-Soldat“ Ernst Stiebing. Hinten saß der Rest der Gruppe, nach außen hin zwar locker, doch innerlich sehr angespannt war. Hans Weisweiler hatte zwei Wochen vorher schon einen erfolglosen Fluchtversuch unternommen und das Gespött seiner Kameraden geerntet. Dieses Mal musste es gut gehen, hoffte er. In diesen Momenten dachte er auch an seinen amerikanischen Vorgesetzten Cliff Greck. Wohl war ihm nicht, als ihm der freundliche Offizier durch den Kopf ging. Ja es kamen sogar Schuldgefühle auf, weil er dessen Vertrauen missbraucht hatte. Hoffentlich verstand der Amerikaner, dass die Sehnsucht zur Heimat nichts Persönliches mit ihm zu tun hatte. Das musste er doch verstehen.
Die Fahrt verlief in den ersten Stunden problemlos. Am späten Nachmittag kamen sie durch Diedenhofen. Mitten auf einer großen Kreuzung, hielt eine amerikanische Streife den LKW an. Ein farbiger Soldat wollte die Papiere sehen. Ernst Stiebings kam schnell und winkte mit einigen Dokumenten. Sie seien unterwegs nach Wiesbaden, sagte er. Da viel Verkehr herrschte, nickte der GI und winkte auf Weiterfahren. Den Mitfahrern fiel ein erster Stein vom Herzen.
Gegen Abend näherte man sich der deutsch-französischen Grenze. Es war schon dämmerig und der Wagen musste wieder anhalten. Aber auch hier behielt Stiebing die Nerven. In lupenreinem Amerikanisch ging er mit den Papieren vor den Scheinwerfer des Fahrzeuges und wollte sie den französischen Zöllnern erläutern. Einem Posten schien das nicht so geheuer und er sprach mit seinem Kollegen. Dieser erwiderte nur ‘Ce sont des Americaines’ (Es sind Amerikaner) und zerstreute die Zweifel. Sie konnten passieren. Erst als der 6-Achser außer Reichweite war, jubelten die Flüchtlinge über ihr „Husarenstück“.
Nun galt es Ansprechpartner zu finden, um in deutscher Kleidung und ohne den LKW weiterzukommen. Gegen 21.00 Uhr fuhr der Wagen durch Trier und etwas später bog er in der Nähe von Bitburg in einen Wald ein. Hier beschlossen die Ausreißer das Gefährt stehenzulassen und in Zivilkleidern eine Bleibe für die Nacht zu suchen. Sie hatten ja alles bei sich und waren schnell umgezogen.
Bald kamen sie an einen Bauernhof und klopften an. Der im Schlaf gestörte Besitzer öffnete die Tür und hörte sich die Geschichte an. Er war selber Offizier im Krieg gewesen und war bereit, den Ex-Gefangenen zu helfen. Als er erfuhr, dass er sich dafür den Wagen holen könnte, wurde er noch freundlicher. Sofort konnten die Abenteurer erst einmal bei ihm übernachten.
Am nächsten Tag informierte der hilfsbereite Bauer die Geflohenen über eine Mitfahrgelegenheit auf einem Panjewagen nach Euskirchen. Sie konnten also beruhigt auf die letzte Etappe gehen und gewiss sein, ihr Ziel zu erreichen. Der clevere Landwirt rieb sich die Hände bei dem Gedanken, was ihm die Reifen des amerikanischen Transporters einbringen würden. Für ihn hatte sich die Sache auch gelohnt.
Natürlich hatten die Flüchtlinge darauf geachtet, dass sie genügend „Währung“ für Geschäfte in Form von Uhren und Zigaretten bei sich hatten. Diese waren auch in Euskirchen nützlich, als die Gruppe dort das letzte Mal gemeinsam übernachtete. Ab Euskirchen trennten sich die Wege der sechs, und jeder erreichte wohlbehalten sein Zuhause.
An dieses Erlebnis sollte jeder der Geflüchteten noch oft zurückdenken. Aus der Distanz der Jahre mochte diese Begebenheit vielleicht an ein filmreifes Abenteuer erinnern. Doch war und blieb es ein Stück seelischer Not, die in unfreien Tagen zu dieser verwegenen Flucht geführt hatte.

Weitere lyrische Texte aus diesem Buch:
Tiere im Krieg
Demütig wie kein Mensch, selbstlos ohne Ende!
Die Tiere, von Menschen in den Krieg getrieben,
haben unsagbares Leid erlitten.
Kein Hadern war zu hören und kein Klagen, a
ls sie sich hingaben
in dieser schmerzvollen Zeit
ohne Nächstenliebe zum Tier.
Wer setzt ihnen ein Denkmal,
wer hat ihr leises Wimmern gehört
und die Angst in ihren Augen gesehen?
Christiane

Krieg in der Heimat
Gedanken eines Soldaten an der Front:
...und wandert mein innerer Blick nach Hause,
so seh´ ich die Verwüstung wohl.
Kaum Hoffnung liegt in dieser Schau´
und Bangen um die Meinen
beschleicht das Herz!
Was wird aus ihnen,
was ist schon geschehn´?
Was wird aus Hab und Gut?
Oh werde ich bei denen sein,
die die Heimat wiedersehn´?
Und liegt in Asche auch meine Stadt,
so ist´s doch mein Verlangen nur:
Ich will nach Haus!
Christiane


Erläuterungen zum Buch
Wenn man die letzten Seiten vieler Bücher betrachtet, haben sie oftmals etwas Anonymes. Dort stehen meist nur Zahlen oder Quellenhinweise, und man kann davon ausgehen, dass diese Seiten meist ungelesen bleiben werden.
Ich möchte nun die letzten Seiten dieses Buches dazu nutzen, um seine Entstehungsgeschichte zu beschreiben. Ferner möchte ich noch Bilder zeigen, die im vorderen Teil irgendwie nicht hineinpassten oder für die kein Platz vorhanden war.

Wie es zu diesem Projekt kam
Als ich im Jahre 1998 viele Gespräche für mein „Boscheln-Buch“ führte, sprachen vor allem die älteren Männer häufig unaufgefordert über Krieg oder Gefangenschaft. Es wurde mir nach und nach deutlich, dass hier noch sehr viel Unverarbeitetes bei den ehemaligen Weltkriegssoldaten vorhanden war. Das gab mir erst einmal zu denken.
Im Frühjahr des Jahres 2002 kam dann Mr. Joseph D. Karr, ein ehemaliger amerikanischer Pressefotograf an seine damalige Wirkungsstätte nach Boscheln. Er hatte nach der Besetzung von Übach-Palenberg durch die Alliierten von November 1944 bis Januar 1944 in der Lindenstraße (heute Nordring) sein Quartier. Drei Monate lang war er im Bereich der Westfront (im heutigen Kreis Heinsberg) als Armeefotograf tätig. U.a. fotografierte er auch am 10. 11. 1944 den damaligen Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower, als der in Boscheln war, um mit Brigadegeneral Keating in dessen Hauptquartier (die heutige Hauptschule Friedensstraße) zu sprechen. Dieses Datum war in Übach-Palenberg bisher nicht bekannt und ist somit eine Neuigkeit. Ich selbst traf diesen US-Veteran nicht, sondern Sascha Söffken, wohnhaft in der Roermonder Straße.
Er bekam einige Bilder von ihm, die er mir kurze Zeit später zeigte, weil er mein Interesse vermutete. Er lag richtig mit seiner Vermutung, und durch seine Vermittlung entstand mein Kontakt zu Mr. Karr. Er lief per E-Mail und war sehr freundschaftlich. Er schickte mir aus Michigan zirka 30 Fotos, die ich alle sehr ansprechend fand. Dass Mr. Karr trotz seines Alters von über 80 Jahren nochmal hierher gekommen war und die Reisestrapazen auf sich genommen hatte, ist für mich auch ein Friedensgruß. Seine Bilder (Seiten 200 bis 207) sind in dem Zusammenhang eine schöne Botschaft von einem Einzelnen für Einzelne. Anfänglich wollte ich nur diese Bilder veröffentlichen, aber ich merkte schnell, dass nicht genügend Material für ein ganzes Buch zusammenkommen würde.
Irgendwann erinnerte ich mich dann wieder an die Gespräche mit den Boschelnern im Jahre 1998 und dabei dachte ich an das Jahr 2005 (60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges). Ich musste feststellen, dass im Hinblick auf das Alter der ehemaligen Weltkriegssoldaten bald kaum mehr die Gelegenheit bestünde, ihre Erinnerungen zu recherchieren. Somit durfte ich keine Zeit verlieren und fasste den Entschluss, für das Jahr 2005 ein Buch mit den Erlebnissen von in Übach-Palenberg wohnenden ehemaligen Weltkriegsteilnehmern zu machen. Darin sollten u.a. auch die tollen Bilder von Joseph D. Karr enthalten sein.

Die ersten Gespräche
Im Januar 2003 erfolgte ein erstes Probegespräch mit Helmut Hilger aus Boscheln. Bereitwillig erzählte er mir über seine Zeit als Soldat. Ich saß mit einem Computer dabei und versuchte so schnell wie möglich mitzuschreiben. Nach drei Stunden war ich fix und fertig, und in der Nacht danach konnte ich kaum schlafen.
Zuerst musste ich diese „Packung“ verdauen. Wenn alle Gespräche so werden würden, dann stünde mir eine große Anstrengung bevor, so meine Gedanken. Darum ging ich erst drei Wochen später daran, weitere ehemalige Soldaten anzusprechen und um ein Gespräch zu bitten. Das war aber nicht immer sehr einfach. Ich suchte mir anhand des Amtsblattes der Stadt Übach-Palenberg (Gratulationen für die über 80-jährigen) Namen und Adressen heraus. Auch aus anderen ausschließlich privaten Quellen kam ich an weitere Namen von Personen dieser Generation.
Immerhin konnte ich 350 Personen von 500 ermitteln, die hier für ein Gespräch in Frage kamen. Da ich durch die beiden vorherigen Bücher schon einige Zeitzeugen kannte, war das etwas leichter. Sie öffneten mir manche Tür. Insofern bin ich auch Paul Gontrum besonders dankbar, weil ich ohne ihn niemals an dem Carolus-Buch mitgearbeitet hätte. Und gerade dieses Buch hat mir vor allem in Palenberg sehr geholfen.
Viele der Angerufenen waren zuerst sehr mißtrauisch (heutzutage verständlich), als ich aber auf meine Bücher hinwies, war das Eis gebrochen. „Ihr Buch steht bei mir im Regal, Sie können gern kommen.“ Das war eine schöne Erfahrung und ein wertvolles Vorschusskapital. Andererseits kann man daran sehen, dass ein Neuling - so gut auch seine Absichten gewesen wären - kaum eine Chance gehabt hätte.

Auch viele verschlossene Türen
Es gab aber auch viele entmutigende Beispiele. Immerhin gaben mir über 200 Personen einen Korb. Viele waren entweder spontan dabei oder sofort ablehnend. Es war auch schwierig, jeden „auf dem richtigen Fuß zu erwischen“. Neben den Wunsch nicht mehr in der Vergangenheit herumzurühren, traten auch einfachere Gründe, wie „ich habe keine Zeit für sowas“ oder „das bringt doch alles nix“ zum Vorschein. Dann habe ich argumentiert, dass die ältere Generation häufig von der jüngeren geringschätzt wird, und dass meine Bemühungen das Gegenteil bewirken sollen. Aber auch das Argument konnte ein einmal gegebenes Nein nicht umstimmen. Am problematischsten war es, wenn bei meinem Anruf die Ehefrau des gewünschten Gesprächspartners am Apparat war. Diese Frauen haben oftmals nicht lange gefackelt und kategorisch erklärt, dass ihr Mann nicht mit mir reden wolle. Ohne ihn zu fragen wussten sie sofort: „Mein Mann macht so etwas nicht.“ Anhand des Gesprächsverlaufes konnte ich aber häufig feststellen, dass man mich zunächst gar nicht verstanden hatte und mich nur loswerden wollte. Wenn sich dann beim nächsten Gespräch wieder eine Ehefrau meldete, reagierte ich schon unsicher. In Erwartung, was mir wieder blühen konnte, fing ich nicht selten an zu stottern. Es war also sehr schwierig, am Telefon das Anliegen dieses Buches zu vermitteln. Häufig kam ich mir wie ein Vertreter vor und fragte mich: „Klosa, bist du eigentlich blöd? Was machst du denn da?“ Und wenn ich dann einmal nach der fünften Absage zum sechsten Gesprächspartner gesagt habe „Ich denke, dass Sie mir jetzt auch einen Korb geben werden, ich habe heute schon fünf bekommen“, dann kam als Antwort „Nein, ich finde Ihre Idee sehr lobenswert, sie können gern zu mir kommen. Endlich macht mal einer so etwas, das war schon lange fällig.“
Bei den Treffen mit den 120 Gesprächspartnern kam es für mich zu sehr interessanten Begegnungen. Ich konnte hierbei feststellen, dass die Sprache bzw. die Ausdrücke über den Zweiten Weltkrieg eine Welt für sich waren. Während der Interviews lernte ich viele Fachausdrücke kennen, und wenn ich in der Anfangsphase meiner Befragungsaktion noch bei vielen Worten um eine Erklärung bat, wusste ich später sofort, was gemeint war. Ob der „Ersatzhaufen“, die „Schiffs-Ari“, der „E-Mess-Mann“ oder die „Vierlingsflak“ - alles wurde mir sehr vertraut, auch wenn ich niemals Bekanntschaft damit gemacht hatte.
So konnte ich im Jahre 2003 alle für das Buch notwendigen Gespräche erledigen. Sie waren alle wertvoll, so unterschiedlich sie auch waren. Ich wollte von jedem den Werdegang vom Einziehen als Soldat bis zur evtl. Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft wissen. Zwischendurch kamen dann die Situationen zum Vorschein, aus denen sich die hier niedergeschriebenen Geschichten herauskristallisierten.

Vom Rohprotokoll zur Geschichte
An dieser Stelle möchte ich als Beispiel einen Ausschnitt aus einem Rohprotokoll bringen (unkorrigiert und in Ursprungsform), das ich während des Gespräches mit Johann Kouchen aus Frelenberg mitgeschrieben habe. Es ergab sich hieraus zwar keine Geschichte, es zeigt aber, wie so ein Gespräch ablief und dass viele Einzelheiten während der Interviewmonate auf mich einstürzten. Der Gesprächsausschnitt berichtet u.a. von der alliierten Landung in der Normandie:
„...dann verladen worden nach Frankreich zur Normandie, da ging am 6.6.1944 die Landung der Aliierten los, Feuerzauber während der Invasion, Lastensegler, Gelände war flach, mit Holzstämmen, standen in der Erde, sollten Lastensegler kaputtmachen, überall an allen Ecken knallt es, Fallschirmjäger, nicht zu schildern, so ein Feuerspiel, bin am 14.6.1944 verwundet worden, Unterarmdurchschuss, Knochen angekratzt, bin zum Hauptverbandsplatz gelaufen, vorher bei der Kompanie verbinden lassen, habe ich in einem Kloster gelegen, dann verschiedene Stationen, dann ein Transport nach Paris, in der Militärakademie, dort war ein Lazarett, im Bett konnte er den Eifelturm sehen, ca. 14 Tage dort, dann ein Lazarettzug nach Deutschland, nach Lörrach im Lazarett, Hotel umgerüstet als Lazarett, da war er bis Anfang August 1944, dann bekam er Genesungsurlaub, man hörte hier schon die Kanonen donnern.
Nach dem Urlaub nach Berlin zum Ersatzhaufen, nach B-Staatsdorf, dort bei einem Ausbildungstrupp zugeteilt. Oberleutnant kommt: "Ist hier keiner von der Panzer-Ala (Aufklärungslehrabteilung) "Hier" "Wie kommst du denn hier hin?" "Komm, ich nimm dich wieder mit."
Zur Truppe zurück. Lagen in Altenbergen bei Höxter. Wurden wieder aufgefrischt. Mit 7 Mann zur Truppe. Da kommen wir in dem Dorf an, abends. Quartiersfrau sagte, dass hier Leute von Frelenberg evakuiert waren. Ehrlich eine Überraschung. Spätere Ehefrau war auch in Altenbergen evakuiert. Frau: "Passense mal auf, hier kommt jeden Morgen eine Frau, um Milch zu holen." Das war auch meine Frau. Hat ihn aber nicht erkannt. Erst später am Abend im Dorf traf man sich und hat man sich erkannt. Wir kannten uns ja schon. Beim Bauer in Frelenberg sein Pflichtjahr und davon kannte er sie....“
Anhand dieses Protolls ist ersichtlich, dass es nur auf Information ankam und nicht auf Stilistik. Diese zu beachten, war auch während des Gesprächs gar nicht möglich. Nur nichts falsch verstehen und Fakten, Zahlen richtig schreiben, waren meine Gedanken. Und das Erzähltempo nahm oftmals keine Rücksicht auf das Mitschreiben. Dadurch kam auch ein komisches Deutsch zu Stande, wie in meinem Beispiel zu sehen. Immer wieder musste ich die „Notbremse“ ziehen und meinen Gespächspartner fragen: „Habe ich richtig verstanden, dass..?“ Natürlich hatte ich, nur konnte ich nicht immer so schnell mitschreiben und wollte nur Zeit schinden.
Am Ende des Gespräches machte ich noch das obligatorische Bild für die Gegenüberstellung der alten und neuen Fotos. Der Blick auf beide Fotos sollte zeigen, dass in 60 Jahren ein vollkommen anderer Mensch entstanden war. Aus dem Grunde war es auch notwendig, dass es ein Soldatenbild gab, damit eine Gegenüberstellung „alt - neu“ möglich wurde.

Ein wahrer Bildersegen
Ganz wichtig war für mich authentisches Bildmaterial. Ich wollte nur Bilder aus und von Übach-Palenberg benutzen und kein Füllmaterial aus irgendwelchen Archiven. Das Vertrauen bei meinen Gesprächspartnern für das leihweise Überlassen der Bilder zu gewinnen, war eine weitere große Hürde. Ich versprach jedem, die ausgeliehenen Bilder innerhalb einer Woche zurück. In dieser Zeit würde ich sie einscannen und für dieses Buch aufbereiten. Ich muss soviel Entschlossenheit und Ehrlichkeit ausgestrahlt haben, dass mir niemand seine Bilder verweigerte. Es bedeutete auch für mich äußerste Disziplin und Sorgfalt, weil ich sonst diese Zusage nicht hätte halten können. In einem Fall bekam der Gesprächspartner sein Bild sogar innerhalb zwei Stunden zurück. Und wenn doch mal Zweifel kamen, half der Satz: „Ich gebe Ihnen 50 Telefonnummern von Leuten, die alle ihre Bilder prompt und unversehrt zurückerhalten haben.“ Das reichte dann aus, und alle konnten sich auch darauf verlassen.
Nach einem Jahr hatte sich ein „Riesenhaufen“ an Informationen und Bildern angesammelt. Allein 5 Giga-Bite Bilder im Computer (für Nichtcomputerleute sei gesagt, das ist mordsmäßig viel) und eine „dicke Schwarte“ an Gesprächsprotokollen. Zwischendurch sah ich die Protokolle durch und umriss die erzählenswerten Geschichten. Von August bis Dezember 2003 entstanden dann die meisten Erzählungen, die nicht immer leicht in ihre schriftliche Form zu bringen waren. Zur Überprüfung gab ich sie den Gesprächspartnern zurück und bat um eventuelle Korrekturen. In den meisten Fällen war alles ok, aber manchmal hatte ich doch etwas falsch verstanden und die Abhandlung wurde nochmals präzisiert. Hier merkte ich, dass der Computer und das schnelle Mitschreiben sehr nützlich gewesen waren. Hätte ich alles mit der Hand und in Stichworten mitschreiben müssen, dann wäre sicher manches hinten heruntergefallen, und die Stoffumgrenzung wäre ungleich mühsamer gewesen. Niemand kann sich eine Vorstellung davon machen, wie schwierig es ist, alles so vollständig und korrekt mitzubekommen, um danach eine Geschichte daraus zu machen. Und leider konnte ich nicht einfach zu den Leuten sagen: „Schreiben Sie mir Ihre Erlebnisse auf. Ich hole sie dann und dann ab.“ Das wäre reines Wunschdenken gewesen und wer hätte wissen können, welche Schwerpunkte angebracht waren. Ich hatte nur in seltenen Fällen das Glück, vorbereitete Aufzeichnungen in hoher Güte zu bekommen, wie z.B. von Pater Hans Weßling, dem verstorbenen Josef Schmölders, Heinrich Klinkertz oder Helmut Hoffmann. Ich konnte nun mal nicht erwarten bzw. war es kaum möglich, dass man die Arbeit für mich machen würde. Vielmehr war ich dankbar, überhaupt Gesprächspartner zu finden, um dieses Kriegsbuch-Projekt zu verwirklichen. Und dass es am Ende 120 geworden sind, ist eigentlich ein Wunder.
Es gab auch kritische Momente, als ich mit Zeitzeugen über ihre Geschichte reflektierte. Einige hatten Schwierigkeiten, weil die Erinnerung sie wieder so stark eingeholt hatte und dementsprechend belastete. Auch das führte teilweise zu schlaflosen Nächten bei den Betroffenen und in drei Fällen sogar dazu, dass ich die geschriebenen Geschichten wieder aus dem Buch herausnahm. Jeder der Zeitzeugen sollte das letzte Wort haben. Es ging nicht um „meine Story“, sondern um den Respekt vor den Zeitzeugen. Für mich ist deshalb die aufgebrachte Zeit für die unveröffentlichten Geschichten nicht umsonst gewesen. Sie gehörte auch zu der Achtung, die ich meinen Gesprächspartnern entgegenbringen wollte.

„Christiane“ und ihre Texte
Ins Schwärmen gerate ich immer, wenn ich über das Zustandekommen der Texte meiner Ehefrau Karin rede, die sie zu meinen bisherigen Büchern - und auch zu diesem - unter dem Namen „Christiane“ (ihrem zweiten Vornamen) beigesteuert hat. Im Unterschied zu den anderen Büchern kamen einige Texte zu diesem Buch auch unaufgefordert auf mich zu. Das zeigte mir, dass dieses Buch wirklich entstehen sollte.
Normalerweise ist es so, dass ich meiner Frau ein Thema vorgebe und sie um einen Text bitte. Aber wie war es ihr möglich, sehr einfühlsame Texte zu Dingen zu schreiben, von denen sie überhaupt keine Ahnung hatte? Für unseren normalen Verstand wird das wohl ein Rätsel bleiben, aber - und davon bin ich mittlerweile überzeugt - scheint es eine „Quelle“ zu geben, die durch meine Frau diese Texte schreibt.
Besonders ihr Vorwort rührte mich sehr an. Sie hat es ohne Aufforderung geschrieben und mir zu Weihnachten 2003 geschenkt. Ich muss gestehen, dass ich mich selten so sehr über ein Weihnachtsgeschenk gefreut habe. Ich war einfach nur sprachlos über die Tiefe der Worte. Sie zeigen ganz deutlich, welchen tragischen Bruch dieser Krieg in unserem Volk bis heute hinterlassen hat.
Das Faszinierende an diesen Texten ist aus meiner Sicht, dass sie niemals verletzen oder anklagen. Sie haben eine Klarheit, denen man einfach nicht widersprechen kann. Deshalb begegne ich diesen Texten immer mit Ehrfurcht.
Für einen Text gab es im Inneren des Buches leider keinen Platz. Er handelt von „Deutschen und Russen“. Ich denke aber, dass er an jeder Stelle hätte stehen kann.
Deutsche und Russen
Die Augen verblendet, im Herzen der Hass.
So kann der Bruder den Bruder nicht sehn.
Die Blindheit als Geisel
und der Schmerz der Verbündete
im Kampf von Mensch zu Mensch.
Langsam hebt sich der Schleier von den Augen
und erkannt wird
der schicksalhafte irrsinnige Irrtum!
Die Menschheit ist die Bruderschaft
und Krieg niemals die Lösung.
Nationen kommen zur Besinnung
und der Frieden darf sein.
Christiane

Das Buch gestalten, d.h. „setzen“
Im Jahre 2004 begann die Phase, in der das Buch sein Gesicht bekam. Insgesamt dauerte es sechs Monate, bis es im Computer entstanden war. Die Auswahl der Kapitel, das Zuordnen der Fotos waren im Vorfeld der graphischen Gestaltung die spannendste Aufgabe. Hier bedurfte es eines guten logistischen Konzeptes. Man „blättert“ nicht mal eben durch 700 Fotos, die nicht mehr vorliegen. Und dabei in einem vertretbaren zeitlichen Aufwand die richtigen Fotos für die richtige Stelle zu finden, war nicht einfach. Da ich aus dem Vollen schöpfen konnte, hatte ich zudem die Qual der Wahl.

In der Endphase bescherten mir glückliche Umstände noch sehr schöne Zeichnungen von Erich Pradel aus Merkstein (langjähriger Fotograf und Fotofachhändler). Ich lernte Herrn Pradel nicht persönlich kennen, weil er im Januar 2004 verstarb. Die Verbindung kam deshalb zu Stande, weil ich als freier Trauerredner auf seiner Beerdigung sprach. Bei dem Vorgespräch mit der Ehefrau erfuhr ich von Erich Pradels künstlerischem Talent (Malen und Zeichnen) und davon, wie er während der Gefangenschaft in den USA seine Erlebnisse zeichnerisch verarbeitet hatte. Einige seiner Zeichnungen bereichern das Kapitel über die Kriegsgefangenschaft ganz besonders, und hier kann man erkennen, wie sich im Leben immer alles fügt.

Natürlich darf ich auch die Korrekturleser dieses Buches nicht vergessen. Das waren ganz wichtige Leute, die mich auf einige Fehler hingewiesen haben. Man selber ist ja meist fehlerblind und dann nicht in der Lage sie zu sehen. Folgenden Personen gebührt deshalb großer Dank:
Sabine Mälzer aus Boscheln,
Gudrun Zipperer aus Eschweiler,
Hans Ghislain aus Holthausen,
Sabine Cremer aus Eschweiler
und Karin-Christiane Klosa Burmeister
Wenn trotzdem noch Fehler vorhanden sind - der Fehlerteufel geht eigentlich nie leer aus - dann bitte ich um Nachsicht. Zum Beispiel wurden fremde Ortsnamen nur nach Gehör geschrieben. Ich hätte ermitteln müssen, wie die richtige Schreibweise ist. Hier habe ich nach Abwägung von Bedeutung und Zeitaufwand darauf verzichtet. Aber grundsätzlich gilt: Wer arbeitet macht Fehler und wer keine Fehler macht, bringt auch kein Buch heraus.

Die Botschaft verstehen
Es gäbe sicherlich noch mehr zu erzählen, so z.B. dass der ursprüngliche Erscheinungstermin von März 2005 auf November 2004 vorverlegt werden konnte. Aber die letzten technischen Details kann ich mir ersparen. Rückblickend muss ich feststellen, dass mich dieses Buch richtig gepackt und gefesselt hat. Und häufig ertappte ich mich, dass ich von gar nichts anderem reden wollte. Die „älteren Herrschaften“, die ich gesprochen hatte, sah ich plötzlich mit ganz anderen Augen. Das waren also die, die auf Befehl durch die Welt gejagt wurden und in der Gefangenschaft oftmals als „geprügelte Hunde“ endeten.
Wenn man heute im Fernsehn Berichte sieht, in denen ehemalige Weltkriegsteilnehmer aus Russland oder Amerika als Veteranen bezeichnet werden und ihnen ehrenvoll begegnet wird, dann tun mir meine Gesprächspartner ziemlich Leid. Sie hatten offensichtlich das Pech gehabt, ihre Befehle von der „falschen Seite“ zu bekommen und gehörten am Ende zu den Verlierern.
Es gibt bei uns noch keine Gedenkfeiern, in denen sie z.B. einen Ehrenplatz erhalten, weil sie durch diese Tortur gegangen sind. Zumindest kenne ich keine solchen. Sicherlich gibt es viele Vorbehalte dagegen, und bestimmt sind die Wunden, die Hitlers Armeen geschlagen haben, noch bei vielen präsent. Aber wann - so frage ich mich - kann es hier endlich Vergebung geben? Ich glaube, wenn zu den Feierlichkeiten der alliierten Landung in der Normandie (Juni 2004) auch ehemalige deutsche Landser eingeladen gewesen wären, dann hätte man sehr großmütig und großherzig gehandelt. Diese Landser wären ohnehin nur diejenigen gewesen, die man umgebracht hätte, wären sie nicht dem Marschbefehl nach Frankreich gefolgt. Und diese Landser, deren Herzen in ihrer Jugend von einer menschenverachtenden Ideologie erobert worden war, hätten eine solche Großherzigkeit bestimmt - auf welche Art auch immer - erwidert. Ich glaube, das wäre ein Heilungsprozeß geworden, den keine 100 noch so ernstgemeinten Gedenkreden erreicht hätte.
Dieses Buch will dazu beitragen, dass hier die lange Zeit verständlichen Freund-Feind-Kategorien verlassen werden. Dies wünsche und gönne ich den ehemaligen deutschen Kriegsteilnehmern noch zu Lebzeiten.
Dass unter den Zeitzeugen auch ein ehemaliger britischer Soldat ist (Mansel Roberts, er lebte viele Jahre in Übach-Palenberg und schildert, wie er 1942 vor den Deutschen auf Kreta floh), soll zeigen, dass jede Geschichte ein ganz eigenes Lebensstück ist. Um das zu verdeutlichen, hätte ich auch gerne Soldaten anderer Nationalitäten gesprochen, um ihnen die Ehre zu geben. Das war aber nicht möglich. Ich hoffe, dass es auch so gelungen ist, mein Anliegen verständlich zu machen. Und das war ja schließlich auch die Hauptsache.

Anmerkung für den Web-User ganz am Ende:
Was kann man tun?
Man könnte die Geschichten kopieren und herunterladen. Man könnte sie ausdrucken und dann hätte man sie. Aber das kostet viel Zeit und Druckertinte bzw. Papier.
Dann hat man aber noch lange kein "Ensemble" aus Bildern und Geschichten. Und wer alle Geschichten am Bildschirm lesen will, wird natürlich sehr angestrengt.
Sich das Buch zu kaufen - sofern man einen Draht zu den Geschichten hat, alle Zeitzeugen per altes und neues Bild kennenlernen will, auf sich alles in gut gestalteter Form wirken lassen will - entschlösse sich damit zu einer ganz sauberen Lösung. Allein wenn man die eigene "Arbeitszeit" rechnet, um es aus dem Internet zu transferieren...?
Und: Wenn man für ältere Leute (ich habe mir sagen lassen, das ging auch bei Jüngeren) ein interessantes Geschenk sucht, dann hätte man hier eine gute Anregung. Diesen Leuten zu sagen "Setz Dich an den Bildschirm und lies" wird wahrscheinlich nicht so den gewünschten Erfolg haben.
Das war auch der Grund, warum eine Internet-Präsentation für ein derartiges Vorhaben aus meiner Sicht nicht ausreichend ist. Man grenzt gewisse Leute damit aus (z.B. die ältere Generation). Diese Zielgruppe kann man nur durch ein Buch erreichen.
Aber da fängt es schon an: Das Buch machen, Risiko, Vermarktung und realistischer Preis. Das alles zusammenzubringen ist nicht einfach und äußerst arbeitsintentiv.
Mittlerweile sind aber 70 % der Auflage vergriffen. Die Resonanz der Leser ist von gut bis überschwenglich. Insofern ist das Vorhaben "Eine Generation verabschiedet sich" ein Erfolg gewesen. Das mögliche Fiasko ist ausgeblieben. Aber es stehen noch Kartons mit Büchern rum, die noch ein Ziel haben. Wer noch ein (oder mehrere?) Bücher von dem Restbestand möchte, ist herzlich eingeladen. Vielen Dank für Ihr "Verstehen".
Der Autor

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Stadt Übach-Palenberg

Das Carolus Magnus Centrum in Übach-Palenberg

Lyrik von Else Pannek

Geschichtliche Litaratur über das "Dritte Reich"

Angelurlaub Anglerhaus